SchlüchternerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
32 72. Samstag, den 9. September 1899. 50. Jahrgang.
nfflMBBHBMBHHMHHHKHBBHmMm^Bo, / "&' 1SK1 ^L Ä W^WMWSWWW»
Kopenhagen, 4. September. Der Ausgleich ist soeben von dem Arbeiter- und Arbeitgebervereine rati- fizirt. Die Riesensperre ist somit offiziell beendigt.
Paris, 1. September. Der „Matin" veröffentlicht nach Dokumenten aus dem Colonialministerium Einzelheiten über die Grausamkeiten, die sich die Mission Boulet-Chanoine in Afrika hat zu Schulden kommen lassen. Am 8. Januar wurde ein Eingeborener, der erklärte, den Weg nach Osten nicht zu kennen, auf Befehl Voulet's enthauptet. An demselben Tage ließ Voulet 20 eingeborene Frauen mit ihren Kindern, darunter Säuglinge, durch Lanzenstiche niedermachen; er wollte „ein Exempel statuiren". Ferner schoß Voulet einem Schützen, weil er mit seiner Munition verschwenderisch umgegangen war, eine Kugel in den Kopf. Um dieselbe Zeit brannte die Mission, eine Stadt von 10000 Einwohnern nieder, die einen Handelsmittelpunkt bildete. Ferner wurden zwei Träger, die weil sie nur mit Lanzen bewaffnet waren, nicht gewagt hatten, Eingeborene, die mit Pfeilen bewaffnet waren, zu verfolgen, auf Befehl Chanoine's ohne Urtheil erschossen. Andere Blätter berichten, Voulet und Chanoine hätten sich die Hände der niedergemachten Eingeborenen bringen lassen, um die Zahl derselben festzustellen.
Amerika. Wie die Vereinigten Staaten von Nord- Amerika auf die Stärkung ihrer Werkraft zur See bedacht sind, zeigt die Thatsache, daß die Voranschläge für die Marine für das nächste Jahr eine beträchtliche Zunahme aufweisen. Insbesondere werden 18 Millionen Dollars für die Vermehrung der Flotte, neue Schiffe und Trockendocks beantragt. — Aus den Philippinen haben sich die Amerikaner wiederum eine empfindliche Schlappe geholt. Der amerikanische General Landton wurde nämlich von 6000 Insurgenten unvermuthet angegriffen und aus der ganzen Provinz Cavite hinaus- geworfen. Die Amerikaner wichen nicht etwa im geordneten Rückzüge, sondern stürmten in panikartiger Flucht nach dem befestigten Cavite zurück, an dessen Thoren sich die zersprengten Truppen erst wieder zu sammeln vermochten. — 152 Millionen Mark geschenkt hat die Wittwe eines kalifornischen Goldkönigs, Frau Jane Stanford, der Universität in der von ihrem Mann gegründeten Stadt Bland-Stonford. Das ist wohl das größte Vermögen, welches noch je einer Hochschule zugewendet wurde. Eine Bedingung hat die großherzige i Schenkerin gestellt: Frauen müssen als Studirende zu ' gelassen werden, wenn sie die nöthige Vorbildung nach weisen. — Dem Lande seiner Väter eutgiltig den Rücken gekehrt hat der in England unlängst naturalistrte Millionär Asior aus New-Aork. Sein Agent bestätigt das Gerücht, daß ein englisches Syndikat gegenwärtig mit Astor in Unterhandlung steht, um sein gesammies unbewegliches Eigenthum in Amerika um den Preis von 600 Mill. Mk. anzukaufen. Astor habe den Wunsch ausgedrückt, jede Verbindung mit den Vereinigten Staaten abzubrechen.
Südafrika. Die Entscheidung in der Transvaalkrise lieht allem Anschein nach unmittelbar bevor, sie wird durch einen Krieg erfolgen. Drei englische Jufanterie- brigaden sind bereits nach dem Cap beordert worden, die Admiraliiüt hält sieben Transportschiffe für die Soldaten bereit. In Transvaal hat man gleichfalls alle Hoffnungen auf Erhaltung des Friedens abgegeben. Die Wüstungen dort sind so gut wie beendet. Transvaal wird 30 000, der Oranje-Freistaat 20 000 Mann ins Feld stellen können. Wahrscheinlich werden diese Mannschaften noch durch mehrere Stämme von Eingeborenen unterstützt werden. Britische Truppen werden etwa 40,000 in Südafrika zur Verfügung stehen, einschließlich der aus Indien gekommenen Mannschaften, der Polizeitruppen und der Freiwilligen. Die Deutschen Transvaals halten treu zu den Boeren. Die von ihnen gebildeten Korps umfassen über 4000 Mann.
Johannesburg, 3. Seplbr. 300 Frauen aus der Provinz Zouthausberg haben die Ausweisung von 20 Boeren gefordert, weil dieselben eine Petition unterzeichnet haben, worin sie die Regierung ersuchten, die Ansprüche Englands bezüglich der fünfjährigen Residenz zu gewähren. In ganz Transvaal organisieren sich augenblicklich weibliche Schützengesellschaften.
Lokales und Provinzielles.
* Sch üchtern, 8. Sept.
• — Wegen des weiteren Umsichgreifens der Maul- und Klauenseuche in hiesiger Gegend ist die aus den
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist am Mittwoch Nachmittag von Straßburg aus in Stuttgart eingetroffen und mit großen Ehren empfangen worden. Am Dienstag fand die Kaiserparade bei Cannstadt, nicht weit von Stuttgart, statt.
W — König Albert von Sachsen und Prinz Ludwig von Bayern trafen ebenfalls in Stuttgart ein.
— Es verlautet von angeblich zuverlässiger Seite, daß der Kaiser die Absicht hege, gelegentlich der hundertjährige Gedenkfeier der TechnischenHochschule inCharlotten- burg den technischen Hochschulen das Recht zu geben, in Zukunft den Doktortitel zu verleihen.
— Eine Ehrenzulage von jährlich 3b Mark erhalten die bedürftigen Ritter des eisernen Kreuzes erster Klasse. Es sind deren jetzt vielleicht noch 120 am Leben.
— Rund 1000 Nähmaschinen verschenkt der Kaiser jährlich an bedürftige Bittstellerinnen. Die Thatsache kam zur öffentlichen Kenntniß, als der Kaiser vor Kurzem einer alten Näherin zu Elbing eine neue Maschine aus einer Berliner Nähmaschinenfabrik als Geschenk zugehen ließ.
— Die Meldungen junger Mädchen, welche nach Deutsch-Südwestafrika übersiedeln wollen, sind so zahlreich bei der Kolonialgesellschaft in Berlin eingelaufen, daß der vorläufige Bedarf gedeckt ist. Weitere Bewerbungen find daher zur Zeit zwecklos.
Kiel, 1. September. An der Westmündung des Canals hat man seit der Anlage zur Sommerzeit die Beobachtung gemacht, daß die von der Elbmündung aufsteigenden Gewitter auf ihrem Zuge durck . das Land durchweg die Richtung der neuen Wasserstraße folgen, und zwar auf der ganzen Strecke von Brunsbüttel über Grünenthal hinaus nach der Eidermündung hin. Die von dem Canal weiter entfernt liegenden Gegenden werden jetzt, wie ein Beobachter der „K. Z " mittheilt, thatsächlich weniger als früher von Gewittern und den begleitenden Hagelschlägen heimgesucht.
Elberfeld, 1. September. Der Maurerstreik ist nach siebenwöchiger Dauer gestern in einer Versammlung der Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer durch eine Vereinbarung beendet worden, wonach den Maurern — minderwerthige Arbeitskräfte ausgenommen — vom 10. d. M. an bis zum 1. April 1900 ein Stundenlohn von 44. Pf. gezahlt werden soll. Vom 1. April 1900 an soll die Arbeitszeit von 10‘/2 Stunden auf lO Stunden verkürzt und dann ein Stundenlohn von 46 Pf. gezahlt werden.
Göttingen, 4. Sept. Im hiesigen geophysikulischen Institut wurde heute früh ein großes Erdbeben registriert. Der Erdboden schwankte um mehr als 1 mm, die Lot linie um 3 Bogensekunden. Das Zentrum ist vermuthlich in der Entfernung Japans oder Westindiens.
Bruthen. Verhaftung per Motorwagen dürfte nun daS Neueste aus dem Zeitalter der Elektricität fern. Der Ingenieur X. von der elektrischen Straßenbahn in Zabrze wurde auf einer Radtour hinter Gwosdeck von vier Strolchen angefallen und geprügelt. Als es ihm gelungen, wieder auf's Rad zu kommen, fuhr er schleunigst in das nahe Depot der Straßenbahn, bewaffnete vier Mann mit Kabelenden, ein Motorwagen wurde bestiegen und nun gings auf die Jagd, welche dann auch am Beuthener Wasser daS „Wild" stellte. Die vier Strolche erhielten zuerst die Prügel zurück, dann wurden sie auf den Wagen gebracht und der Extrazug ging direkt nach dem Gleiwitzer Polizeiamt im Geichwindtempo ab. Hier nahm man die Insassen des Sonderzuges einstweilen in Quartier. Die ganze Jagd fin de siöcle hatte kaum 20 Minuten gedauert.
Darmstadt, 4. Sept. Das Regierungsblatt veröffentlicht das Gesetz über die Einführung einer staatlichen Klassenlotterie. Sie führt den Namen „Großh. Hessische Landeslotterie"; jährlich werden 2 Lotterien Veranstalter. Wer in außerhessischen Geldlotterien spielt, die nicht mit staatlicher Genehmigung im Großherzogthum Lugelassen sind, wird mit Geldstrafe bis zu 60o Mark b-urafi. Das Gesetz trat mit dem heutigen Tag in Kraft.
Ausland.
London, 5. September. Drei Jnfanteriebrigaden sind nach dem Kap beordert. Die Admiralität hält sieben Transportschiffe bereit.
1 3. September anberaumt gewesene Zuchtviehausstellung aufgehoben worden.
* — Für Markensammler dürfte es sich empfehlen, auf die Postmarken, welche am 9. September zur Ab- stcwpelung kommen,^Acht zu haben, da dieselben sicherlich später mehr Werth haben werden wegen des Stempels: 9. 9. 99. Solche seltsamen Datumstempel werden in Philatelistenkreisen geschätzt. Noch wcrlhvoller wird der Stempel sein, wenn er auch noch eine 9 in der Stunde (Vormittags oder Nachmittags) aufweist.
* — Einen strengen Winter verkündet das Haidekraut, welches in diesem Jahre einen eigenthümlichen Blüthen- stand aufweist. In der Mitte des Stengels sind die Blüthen zahlreicher und kräftiger entwickelt, als an der Spitze desselben. Nach einer alten Bauernregel soll das auf einen strengen Winter hindeuten.
* — Um die Aufgeber von Telegrammen in den Stand zu setzen, in einfacher Weise zu verhüten, daß wegen weniger wichtiger Nachrichten die Empfänger, wie es bisher geschah, des Nachts durch den Telegraphenboten geweckt und ohne genügenden Anlaß in begreifliche Aufregung versetzt werden, hat die Reichs-Post und Tele- graphen-Verwaltung seit einiger Zeit folgende Bestimmung getroffen: Telegramme, von denen der Absender wünscht, daß sie während der Nachtstunden nicht ausgetragen werden, sind vor der Aufschrift mit dem Vermerke („Tages") zu versehen. Derart bezeichnete Telegramme kommen in den Stunden von 10 Uhr Abends bis 6 Uhr Morgens nicht zur Bestellung. Diese Bestimmung hat nicht nur für das Reichspostgebiet, sondern auch für den Verehr mit Bayern und Württemberg Geltung.
* — Handwerkskammer. Eine Beilage zum Amtsblatt enthält die Statuten der Handwerkskammern zu Cassel, Ersurt, und Hannover.
* — Steigerung der Heringspreise. Der Hering, das beliebte und nothwendige Volksnahrungsmittel, ist in diesem Jahre knapp und deshalb theuer. Der Fang ist bisher um ca. 500,000 Tonnen geringer als gewöhnlich und kann der Herbstfang den Verlust nicht einholen. Seit 1878 ist ein solcher Ausfall nicht vorgekommen. Die Preise sind demnach bedeutend in die Höhe gegangen.
Wächtersbach, 6. Sept. Von dem Herrn Land- wirthschaftsminister sind der Landwirthschaftskammer für das laufende Jahr 2000 Mk. zur Hebung der Geflügelzucht überwiesen worden. Die Kammer hat von diesem Betrage 500 Mk. geschenkweise für die im öffentlichen Interesse in Wächtersbach begründete Musterzuchtanstalt für Geflügel als Beihülfe bewilligt. In der Wächtersbacher Anstalt werden reinrassige Italiener gezüchtet, welche dann, der Zeitpunkt ist jetzt gekommen, als Zuchthühner — es sind Legehühner ersten Ranges — zum Selbstkostenpreise an die Landwirthe und sonstige Interessenten abgegeben werden, um die vorhandenen Zuchten zu veredeln und zu verbessern.
Freien steinau. Am 28. v. M. nachmittags gegen 3 Uhr zog über einen Theil der hiesigen Gemarkung ein außerorventlich schnell verlaufendes, mit orkanrrtigem Sturm und Hagel begleitetes Gewitter, so zwar, daß der untere Theil des Dorfes und die Naxburg die Grenzen des .davon betroffenen Gebiets bildeten. Beiläufig sei zunächst bemerkt, daß der Sturm einen be= ladenen Fruchtwagen auf flachem Felde umwarf, daß Garben und lose Frucht in der Luft wirbelten und später auf Stellen gefunden wurden, an welchen man unklar war wo sie eigentlich herstammten; fernerhin, daß der Hagel blaue Flecken und Beulen verursachte. Das eigentlich Interessante dürfte aber folgendes sein. Soweit Leute in dem betroffenen Streifen im Feld sich aufhielten, ist ihnen das Gefühl gemeinsam gewesen, sie seien verloren. Eine beängstigende Beklemmung bemächtigte sich ihrer, sie glaubten zu ersticken, und alle wollen einen eigenthümlichen, schwefelartigen Geruch wahrgenommen haben. Eine junge Frau, die vom Sturm über ein kahles Feld abwärts gewirbelt wurde, fand in einem Hohlweg Schutz, wußte aber kaum, wie sie dorthin gekommen. Sie klagte, daß sie plötzlich so schlecht höre. Der Sohn des Postagenten Euler, der eine Fuhre Hafer begleitete, griff plötzlich an den Kopf und schrie überlaut: „Mein Kopf, mein Kopf!" Seine Eltern, die in dem betreffenden Hohlweg ebenfalls Schutz gesucht hatten, trösteten ihn, sie seien auch von Hagelkörner zerschlagen, er solle nicht so ein Wesen machen. Als jedoch die Klagen nicht nachließen, der junge Mensch