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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
79. Mittwoch, den 4. Oktober 1899. 50. Jahrgang.
beschäftigungen von Königlichen Beamten als Musiker, Hausverwalter u. s. w. seien in letzter Zeit von den Vorgesetzten Behörden daraufhin geprüft worden, ob dadurch nicht ihr Stand als Königliche Beamte in Mißkredit gesetzt werde. Manchen Beamten sei eine Verwarnung ertheilt worden.
— Die fortgesetzte Steigerung der Prei'e für Kohlen macht sich für viele Betriebe, deren Fabrikate nicht mit einer gleichen Preissteigerung folgen können, sehr nach- theilig fühlbar. Besonders landwirthschaftliche Betriebe, wie Brennereien, Ziegeleien, Brauereien, deren Produkte nicht beliebig im Preise gesteigert werden können, sondern von der jeweiligen Marktlage abhängig sind, werden empfindlich in Mitleidenschaft gezogen. So hat eine Ziegelei mittleren Umfanges, die wöchentlich etwa zwei Waggons Kohlen konsumirt, eine Mehrbelastung an Brennmaterial von 1200 Mark pro Jahr. Für eine Zuckerfabrik, die 200 000 Ctr. Kohlen verbraucht, steigt die Mehrbelastung während der Kampagne auf rund 10,000 M.
Köln, 27. Sept. Durch den Einsturz eines Neubaues in der Wolfstraße wurden mehrere Arbeiter verschüttet, von denen drei bereits todt aus den Trümmern hcrvorgczogcn wurden. Alan vermuthet, daß sich noch 7 bis 8 Arbeiter unter den Trümmern befinden, die wahrscheinlich todt sind. Der Neubau war, vier Stock hoch, bereits unter Dach. Die Arbeiter waren mit dem Mittagessen fertig und begannen die Arbeit des Ver- Putzens des Jnnenraumcs wieder, als der Zusammenbruch aus bisher unbekannter Ursache eintrat. Ein Arbeiter konnte sich retten, die anderen, die im dritten Stockwerk beschäftigt waren, stürzten mit dem Bauwerk in die Tie e. Von dem ganzen Bau steht nur noch ein Theil mit zwei Umfassungsmauern, der innere Bau ist in sich zusammengestürzt. — Nach Ansicht der Sachverständigen war bei Ausführung des Baues eine neue Wand lose an die alte angelehnt worden, ohne mit dieser verbunden zu sein. Dadurch sind Mauerwerk und eiserne Träger ausgewichen, worauf der fünfstöckige Bau vollständig einstürzte. Die Polizei ordnete die Räumung mehrerer Nebenbauten an, da weitere Einsturzgefahr droht. — Die Verhaftung des leitenden Bauherrn soll bcvorstchen. — Die Verschütteten wurden als schrecklich verstümmelte Leichen herausge vrdert. -
Leipzig. Der Leipziger Polizei ist ein äußerst glücklicher Fang gelungen. Am Montag erschien in einem Konfektionsgeschäft am Königsplatz ein Mann, der ver- chiedcne Waaren einkau te und dieselben an der Geschätts- ässe mit neun neuen Einmarkstücken bezahlen wollte Die Kassirerin bezeichnete jedoch diese Geldstücke als unecht und verweigerte deren Annahme. Der Fremde nahm hierauf das Geld zurück und zählte andere Münze auf. Als er das Geschäht verlassen hatte, folgte ihm unbemerkt ein Angestellter des Geschäfts und machte in der Nikolaistraße einen Schutzmann auf den verdächtigen Besitzer der falschen Markstücke aufmerksam. Der Schutzmann nahm hierauf den Verdächtigen fest und brächte ihn zum Polizeiamt, wo man in seinem Besitze 42 Ein Markstücke fand, die noch ganz neu aber auch sämmtlich falsch waren. Die Kriminalpolizei ermittelte, daß der Verhaftete der in Jeßnitz in Anhalt wohnhafte 51 Jahre alle Uhrmacher, Stadtverordneter Wilhelm Klotzsch war Es reisten in Folge dessen sogleich zwei Beamte nach Jeßnitz, um dort in Gemeinscha't mit der Jeßnitzer Polizeibehörde in der Wohnung des Verhafteten eine Haussuchung vorzunehmen. Bei der Durchsuchung des Klotz'schen Hauses, die noch in der Nacht am Dienstag vorgenommen wurde, fanden die Beamten eine Menge Material zur Herstellung falscher Münzen, ferner eine große Anzahl noch nicht ganz fertiger Markstücke, eine Presse zur Herstellung der Münzen, Matrizen, Schmelz- liegcl, Gießlöffel, kurzweg alle Gegenstände, die zum rationellen Betriebe einer wohlcingerichteten Falschmünzerei erforderlich sind. In dieses Falschmünzendyll griffen nun die Männer des Gesetzes mit rauher Hand hinein. Aus allen Winkeln und Ecken wurde das auf- gestapelte Metall zur Herstellung der Münzen hervorgeholt und die ganze Einrichtung beschlagnahmt. — Klotzsch, der bereits an die Kgl. Staatsanwaltschaft abgeliefert ist, hat die Falschmünzerei schon seit vielen Jahren betrieben. In seinem Wohnorte Jeßnitz hat man ihn schon seit 20 Jahren in Verdacht, Falschmünzerei zu betreiben, man hat es ihm aber nie nachweisen können.
K«>isl>!!nAa«>A "Us die .Schlüchterner Zeitung" yt|ll-Uullyt II ivcrbcn nod) fortwährend von allen -— --—- ■ ' Postanstalten und Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
Amtliches.
Errichtung eines Stutbuches für den Regierungsbezirk Cassel.
Behufs Anlegung des Stutbuches wird die von der Landwirthschafts-Kammer hierzu gewählte Kommission Stutenschauen abhalten und zwar:
In Schlüchtern, Donnerstag den 26. Oktober Vormittags 10 Uhr.
Die zur Eintragung in das Stutbuch bestimmt werdenden Stuten erhalten als Brandzeichen den hessischen Löwen, und zwar die Kaltblüter auf den rechten, die Halbblüter auf den linken Oberschenkel, und eine fortlaufende Nummer auf die linke Halsseite.
Die Besitzer der eingetragen werdenden Stuten erhalten eine Prämie von 5 Mark.
Wir fordern nun alle Besitzer von Zuchtstuten auf, dieselben der Kommission vorzuführen, da wir nur da-, durch allein einen Ueberblick über den Stand unserer Pferdezucht erhalten können, der uns dann eine Grundlage abgeben kann, auf der wir weiter bauen können.
Der Vorsitzende der Pferdezuchtkommission: von der Malsburg.
Die Herren Bürgermeister veranlasse ich, vorstehende Bekanntmachung allen Pferdebesitzern zur Kenntniß zu bringen. Die Musterung findet in der Untergasse bar der Kinzigbrücke dahier statt.
Schlüchtern, den 2. Oktober 1899.
Der Königliche Landrath: Roth.
J.-Nr. 2706 K.-A. Diejenigen Herren Bürgermeister des Kreises, welche noch mit Einsendung des Berichtes über die Ablieferung des Loosholzgeldes im Rückstände sind, werden hieran mit dreitägiger Frist erinnert.
Schlüchtern, den 27. September 1899.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses: Roth.
Deutsches Reich.
Berlin. Seine Maijesiät der Kaiser, welcher am Freitag in Begleitung der Kaiserin pürschte und zwei kämpfende Hirsche schoß, hörte am Sonnabend Verträge Wegen des Regenwetters konnte Se. Majestät nicht jagen. — Das Befinden der Kaiserin ist gegenwärtig ein ganz vorzügliches. Die qohe Frau unternimmt täglich Spaziergänge in dem Park von Rominten und bewegt sich daselbst mit schnellem, elastischem Gang, ein Beweis, daß das in Berchtesgaden entstandene Fußleiden vollständig gehoben ist.
— Die gesammle Jagdbeute des Kaisers während seines fünftägigen Aufenthalis in Schweden beträgt 62 Rehböcke, 1 Fuchs und 7 Bussarde. Die Mehrzahl der erbeuteten Gehörne ist außerordentlich stark und prächtig geperlt.
— Eine Neuerung in der Uniformirung unserer Feldartillerie-Regimenter wird mit dem 1. Oktober d. J. insofern ins Leben treten, als die Mannschaften auf den Achselklappen, und zwar oberhalb der Regimentsnummer das Abbild einer Granate eingenäht erhalten. Einzelne Leute tragen dieselbe schon jetzt.
— Die Verjüngung des Heeres macht immer weitere Fortschritte. In den letzten 6 Wochen wurden in der deutschen Armee pensionirt: 1 General der Kavallerie, 1 General der Artillerie, 2 Generalmajore, 5 Oberste, 2 Oberstleutnants, 18 Majore, 17 Hauptleutc, 10 Oberleutnants, 7 Leutnants. In Summa 63 Offiziere. Kosten per Jahr ca. 241 000 Mark. Ohne Pension wurden verabschiedet: 7 preußische, 1 bayerischer und
1 württembergischer Leutnant. Endlich sind ausgeschieden:
2 Oberleutnants und 14 Leutnants, sämmtlich in Preußen. Der Gesammtabgang beträgt somit 88 Offi ziere. Von den Pensionirten treffen nur Preußen ein General der Kavallerie, 1 General der Artillerie, ein Generalmajor, 4 Oberste, 1 Oberstleutnant, 15 Majore, 13 Hauptleute, 7 Oberleutnants und 5 Leutnants; auf Bayern 1 Generalmajor, 1 Oberst, 1 Oberstleutnant, 2 Majore, 3 Hauptleute, 2 Oberleutnants, 2 Leutnants; auf Sachsen 1 Oberleutnant; auf Württemberg 1 Major pnb 1 Hauptmann.
— Das „Kleine Journal" will wissen, die Neben
Der Verhaftete bewohnt in Jeßnitz ein Grundstück allein, so daß seine Beobachtung sehr erschwert war. Seinem Geständniß zu Folge rühren die feit dem Jahre 1888 in hiesiger Gegend in vielen Tarnenden aufgetauchteu falschen Markstücke sämmtlich aus seinem „Atelier" her. Wenn Klotzsch eine größere Anzahl Falsifikate fertig hatte, dann fuhr er nach den umliegenden größeren Städten und brächte dort die Erzeugnisse seines „Gewerbfleißes" an den Mann.
Magdeburg, 29. September. Unter der Anklage der Majcstütsbcleidigung stand heute der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Schriftsteller Albert Schmidt- Magdeburg vor der hiesigen Landgerichtsstrafkammer. Es handelt sich um dieselbe sensationelle Majestätsbe- leidigungsaffäre, die seinerzeit dem verantwortlichen Redakteur der hiesigen „Volksstimme" Müller eine vierjährige Gefängnißstrafe eingetragen hat, und von welcher Müller jetzt schon den zweiten Monat in der Strafanstalt Gommer verbüßt. Die „Volksstimme" hatte seinerzeit eine anscheinend einem ausländischen Sozialistenblatt entnommene, später selbst vom „Vorwärts" als roh und geschmacklos verurtheilte Notiz „Märchen aus Bagdad" veröffentlicht, worin eine Majestätsbeleidigung gefunden wurde. Müller wurde, trotzdem er versicherte und Schmidt und Andere es als Zeugen bestätigten, daß die fragliche Notiz während Müllers Erholungsurlaubes und ohne sein (Müllers) Wissen ins Blatt gebracht sei, zu vier Jahren Gefängniß verurtheilt, ein Erkenntniß, dessen Aufhebung oder Milderung bisher weder im Reoisions-, noch im Wiederaufnahmeverfahren zu ermöglichen gewesen ist. Die seinerzeit viel erörterte Thatsache, daß Schmidt sich selbst freiwillig als einziger Thäter dem Staatsanwalt stellte und auch durch einen Reichstagsbcschluß die Aufhebung seiner Immunität erlangte, ' hat nur den Erfolg gehabt, daß er selbst als Mitthäter unter Anklage gestellt wurde, scheint aber dem verurtheilten Müller keinen Nutzen bringen zu sollen. Das Urtheil lautete gegen Schmidt auf drei Jahre Gefängniß, sowie auf Verlust der aus öffentlichen Wahlen hervorgegangenen Rechte. Somit erlischt das Reichstagsmandat des Verurtheilten.
Seit 8 Jahren existiert in dem Orte Seddin (Kreis Westpriegnitz) kein Schulhaus, trotzdem hier 130 Kinder unterrichtet werden müssen. Der Unterricht wird während des Sommers in der Kirche und im Winter in einer Tischlerwerkstatt abgehalten. Die Kinder, welche zu Ostern konfirmiert werden, haben, dem „Cour. f. d. Pricgn." zufolge, während ihrer ganzen Schulzeit keinen Unterricht in einem Schulhause erhalten. Dem Lehrer ist eine Altentheilerwohnung als Dienstwohnung angewiesen.
Emden, 26. Sept. Das hiesige Telegraphenamt ist wegen seiner äußersten westlichen Lage zum Ausgangspunkt hervorragender überseeischer Kabel geworden. Die erste Kabellegung und zwar von London nach Emden erfolgte 1858, heute umfaßt das Netz über 50>Kabel und 70 Apparate aller Systeme, welche von über hundert besonders geschulten Beamten bedient werden. Die Hauptthätigkeit des Telegraphenamtes dient dem Durchgangsverkehr, welchem die von Westen kommenden, in Emden einlaufenden überseeischen Kabel und das amerikanische Kabel via Emden-Valentia (Irland) sowie die unter- und überirdischen Verbindungen Emdens mit den größten Verkehrsplätzen des deutschen Reiches und Hollands dienen. Auf der Kabelstrecke Emden — Valentia wird mit einer Geschwindigkeit von fünf Buchstaben in zwei Sekunden gearbeitet; die Beförderung bis zu hundert Depeschen in einer Siunde gehört nicht zu den Seltenheiten. Im ganzen werden auf dem Telegraphenamte Emden, das vor drei Jahren um die Hälfte vergrößert worden ist, jährlich bis 2 Millionen Depeschen verarbeitet. Das 1879 eingeweihte Telegraphengebäude wurde mit einem Kostenaufwand von nahezu 1 Million Mark errichtet.
Ausland.
Frankreich. Der „Matin" widmet der Betheiligung uschlands an der Pariser Weltausstellung einen Artikel, in dem es heißt: „Die Welt wird bei dieser Gelegenheit eine hohe Meinung von den Fortschritten Deutschlands in den letzten 30 Jahren auf den Gebieten der Kunst, des Handels und der Industrie gewinnen. Die Franzosen werden ihre Nachbarn dann besser kennen lernen, die den Krieg nur mit so großer Sorgfalt vor-