SchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt« vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M E Samstag, den 7.HöberHlh 50. Jahrgang.
Npl^künnapn "^ bie "Schlüchterner Zeitung« N-^I»sASN werden noch fortwährend von allen
— ~ Postanstalten und Landbriesträgern sowie von der Expedition entgegen genommen.
genannten Bahnhof ein. Da den Bahnbeamten und auch den Offizieren bekannt war, daß der Persouenzug von Blankenese bald darauf eintreffen würde, war den Rekruten das Ausstcigen verboten worden, doch bekümmerte sich ein großer Theil nicht darum. Während sie mit dem Herausholen des Gepäcks beschäftigt waren, theilweise aber auch neben dem Zuge auf Geleise I Aufstellung genommen hatten, lief der Blankeneser Zug in den Bahnhof mitten in die Menschenmasse hinein! 7 Rekruten wurden schwer, 23 leicht verletzt, Todte sind glücklicherweise nicht zu beklagen. Alle Verletzten fanden Aufnahme im Allgemeinen Krankenhause. — Die Aufregung über den Unglücksfall ist in Hamburg ungemein groß, denn solch ein Unglück ist, so heißt es in einer Meldung des „B. L.-A.«, seit Jahren wiederholt vorausgesagt worden. Daß es sich nicht schon früher ereignete, ist bei den Bahnhofsverhältnissen nur zu verwundern. Thatsache ist, daß kein Todter unmittelbar nach der Katastrophe zu verzeichnen war, doch sollen Schwerverletzte mittlerweile gestorben sein.
Köln, 30. September. Gestern Abend sind die beiden letzten Leichen auf der Unglücksstelle zu Tage gefördert worden Damit hat das Bauunglück 12 Menschenleben gekostet. In einer gestern Abend statt- gchabten zahlreich besuchten Versammlung der Bauhandwerker wurde die städtische Baupolizei im Allgemeinen als unzulänglich erklärt. Nach dem jüngsten Baueinsturz in der Apostelstraße hatten die Bauhandwerker bereits bei der Behörde die Fordcrnng gestellt, statt Militäranwärter gelernte Bauhandwerker bei der Baukontrolle zu verwenden. Wenn dem damaligen Ersuchen entsprochen worden wäre, hätte man vielleicht das jetzige Unglück verhüten können, denn jeder Fachmann wisse, daß die an die alte Mauer angelernte 23 Meter hohe, ‘/s Meter dicke neue Mauer, die ohne Verzäunung aufgeführt wurde, nicht im Stande gewesen sei, die schweren Träger und Balkenlager zu tragen. Außerdem seien die Grundp eiler zu schwach und der Grund zu lose gewesen.
Dresden, 2. Oktober. Aus einem Personenzuge, der am Sonnabend Abend den Bahnhof Bischofswerder in der Richtung nach Dresden verließ, warf ein Reisender, als der Zug eben aus der Station fuhr, eine leere Weinflasche zum Kupcefenster hinaus. Von der Flasche wurde die Ehefrau des Bahnmeisters Lindner so unglücklich getroffen, daß letztere eine schwere Verletzung im Gesicht erlitt. Der Uebelthäter wurde bei Ankunft des Zuges in Dresden ermittelt und in polizeilichen Gewahrsam gebracht.
Otd^sleben. Zur Mordaffaire in Oldisleben Der Mörder Hoffmann hat nach den vorliegenden Zeitungsberichten am Sonnabend in wirklicher Lebensge ahr geschwebt, als er an den Ort seiner verruchten That ge führt wurde. Die Menge stürzte sich auf den Mörder und mißhandelte ihn, namentlich war es der des Mordes verdächtig g wesene Schmied Börner, der den Mordbuben mit einem schweren Hammer mehrmals auf den Kopf schlug, worauf H. bewußtlos zusammenbrach. Der Unselige wurde vor der ra enden Menge in ein Privathaus gerettet, wo ihm die schweren Wunden vernäht wurden. Bezeichnend «irr den Charakter Hoffmanns ist es, daß er an den Gräbern der von ihm Erschlagenen bei deren Bestattung bitterlich weinte, und ahnend klangen d shalb die Worte des Pfarrers in der Grabrede: „Es ist möglich, daß das Scheusal unter uns weilt und Thränen vergißt « Ferner hat Hoffmann in den Tagen, wo sich die schwer verletzte Frau Müller in der Pflege einer Krankenschwester befand, zum Gesternt mit dieser zusammen verweilt, und als von der Wärterin die Meinung geäußert wurde, es sei doch eigentlich in dem Hause jetzt sehr ge ährlich, da der Mörder leicht zurückkehren könnte, um sein verletztes Opfer zu tödten, gab er seiner Uebereinstimmung mit dem Gesagten Ausdruck. Bei Gelegenheit der rhoto- graphischen Aufnahme des Müller'schen Hauses und des Thatortes hat, was kaum begreiflich in, der Mörder die Photographischen Utensilien getragen und sich mit dem Photographen über die Angelegenheit unterhalten. Es ist erstaunlich, daß ein Mensch am Ort seines lurcht- baren Verbrechens ein solch gleichmüthiges. ruhiges Wesen zur Schau tragen kann. Das Gerücht von lern Selbstmord H 's ist von einem verkommenen Subjekt in Oldis leben erfunden worden; dagegen ist es wahr, daß die in Etzleben wohnende Mutter des Mörders aus Schmerz über ihren bestialischen Sohn einen Selbstmordversuch
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser wird der „Berl. Börienztg.« zufolge in der Zeit vom 15. bis 20. November zum Besuch bei der Königin von England in Windsor erwartet. Er gedenkt auch zwei Tage beim Prinzen von Wales in Sandringham zu verbringen.
— Der greise Großherzog Adolph von Luxemburg geht seiner Auflösung entgegen. Sein Leiden. ist hochgradige Altersschwäche; er ist der letzte lebende derjenigen Fürsten, die 1866 den Thron verloren, und der einzige von ihnen, der einen neuen Thron erhielt. Der Groß- Herzog ist geboren am 24.Juli 1817, und bestieg den Luxemburger Thron, nachdem vorher eine Aussöhnung mit Preußen stattgefunden hatte, am 23. November 1890 nach dem Tode König Wilhelms III. der Niederlande, des letzten männlichen OranierS. Thronfolger in Luxemburg ist der Erbprinz Wilhelm, geboren den 22. April 1852, der mit der Prinzessin Maria Anna von Braganza Der wählt ist. '
— Für den Ankauf der Karolinen überreichte nach der „Staatsbürger-Zeitung« die Madrider Bank Wilh. Bagel u. Cie. am Samstag tm Aufträge der Teutschen Bank in Berlin dem spanischen Schatzamte 25 Millionen Pesetas, die das Deutsche Reich für die Abtretung der Südsee-Jnseln schuldete. Am Samstag besuchte Silvela den deutschen Botschafter von Radowitz in St. Sebastian, um ihm den Empfang der Summe zu bestätigen. Damit ist der Ankauf der Karolinen seitens des Deutschen Reichs endgiltig abgeschlossen.
— Der Ornithologe Dr. Karl Ruß ist am Herz- schlag gestorben. Karl Ruß, geboren 14. Januar 1833 zu Baldenburg in Preußen, war zuerst Parmazeut. Erst später wandte er sich dem Studium der Ornithologie zu, in der er schriftstellerisch Hervorragendes leistete. Er schrieb eine statiliche Reihe von bcmerkcnswerthcn orni- thologischen Monographien. Seit dem Jahre 1872 gab er auch die Zeitschrift „Die gestederte Welt" heraus.
* — Der Bankdiskont ist auf 6, der Lombardzinsfnß auf 7 Proz. seitens der Reichsbank erhöht worden. Am gleichen Tage (3. Oktober) haben die Reichsbank und die Bank von England Diskonterhöhungen vorgenommen. Beide Maßnahmen waren ei wartet worden, doch hatte man bei der Reichsbank überwiegend an eine Hinaufsetzung um '/z Proz gedacht, so daß die Erhöhung um ein volles Prozent mancherseits überrascht. Die Berliner Börse war in Folge dessen am Dienstag schwach, doch sind die Kursverluste unbedeutend.
Aus der Provinz Polen sind in diesem Sommer über 60 000 Menschen nach dem Westen abgewandert. Für das verflossene Jahr liegen jetzt amtliche Ziffern vor, wonach als Sachsengänger 41 727 Perwncn ab- wanderten, als Auswanderer zogen 608 Per onen fort. Insgesammt verlor also die Provinz 42 334 Arbeitskräfte. Da in einzelnen Gegenden besseren Arbeitskräften Löhne in der geforderten Höhe gezahlt wurden, die Löhne überhaupt durchweg stiegen, kann man mir sagen, daß es zum größten Theil Schuld der gewinnsüchtigen Agenten ist, wenn die Arbeilswechsel so häufig eintreten. Die Agenten erhalten pro Kopf bis zu 30 Mk., pro Familie bis 75 Mk. Provision, und sie haben ein Interesse daran, daß der Leutewechsel ein möglichst reger ist. Allein in der Stadt Posen sind gegen l 00 Agenten und Gesiudevermittler thätig. Im Jahre 1898 wurden in der Provinz 11361 ausländische Arbeiter gezählt. Diese Ausländer bilden keinen vollwerthigen Ersatz für die abwandernden Arbeiter, sie sind aber vielen Wirthschaften ein unentbehrlicher Nothbchelf, und da die Beschaffung lediger Knechte und Mägde den Bauern immer schwerer fällt, müssen auch diese schon Ausländer viel ach beschäftigen. Geklagt wird in den Berichten über die wachsende Unbotmäßigkeit und Vertragsbrüchigkeit, die sich namentlich die Wanderarbeiter zu Schulden kommen lassen. Im Jahre 1899 haben sich diese Zustände noch verschärft.
Hamburg. Ein Eisenbahn-Unglück hat sich am Montag Abend auf dem Klosterthorbahnhof in Hamburg ereignet. Gegen '/,10 Uhr lief ein von Flensburg kommender Militärzug mit Rekruten, welche zum 19. sDrayonerreginient in Metz ausgehoben waren, tu den
' gemacht hat, sie wurde aber noch rechtzeitig von dem ' unseligen Schritt zurückgehalten. Die schwerverwundet gewesene Frau Müller, die statt der zertrümmert ge« wcscnen Schädeldecke eine Silberplatte trägt und die den Mörder wieder erkannte, mußte auf Veranlassung des Wachtmeisters Reich den Hoffmann nach Bretleben zur Kirnne einlaben (in Vrelleben wohnt Frau Müller jetzt). Sie empfing den unheimlichen Gesellen freundlich und gab ihm auch 2 Mark, mit denen Hoffmann in die Bretlebener Schänke ging und dort, ein Zwanzig- markstück vorzeigend, ausrief: „Seht her, das hat mir Frau Müller gegeben!« Der Wachtmeister Reich, der wohl wußte, daß Hoffmann nur 2 Mark bekommen hatte, trat nun vor und donnerte den tief erblassenden H. an: „Sie sind der Mörder!« Wachtmeister Reich war an dem Tag, au dem Hoffmann sein Geständniß abgelegt hat, Gegenstand mehrfacher Ovationen. Eine Musikkapelle rückte vor sein Haus und spielte lustige Weisen; außer sich vor Freude war vor Allem der schwerverdächtigte Schmied Börner, der nun glänzend gerechtfertigt ist.
Amorbach, 26 Sept. Der „Walldürner Stadt- und Landbote" theilt in seinem Bericht über die Eröffnung bet Bahn Walldürn-Amorbach u. A. mit, daß die Bau- nntcrnchmung Asprion u. Cie. in Bruchsal, welche den Bau des badischen Theils genannter Bahn ausführte, rund k 00 000 Mark zugesetzt habe. Ebenso soll die Firma Helfmann und Cie. in Frankfurt a. M., welche die bayerische Strecke baute, 25—30 000 Mark darauf gelegt haben. Beide Firmen waren bei der Eröffnungsfeier nicht vertreten.
Ausland.
Türkei. Ueber das Erdbeben im Smyrna und Umgegend liegen jetzt ausführlichere Meldungen vor. Der erste Stoß dauerte ungefähr 15 »etunben und ging von Südost nach Nordwest. Die große Uhr der griechischen Kathedrale in Smyrna blieb sofort stehen. Die Stadt Smyrna selbst hat unter diesem Erdstoß nicht gelitten; desto entsetzlicher sind jedoch die Schäden und der Verlust an Menschenleben im Vilajet. Ein zweiter schwächerer Stoß erfolgte nach 10 Uhr; am Ende folgten den ersten Stößen sechs weitere, begleitet von dumpfem unterirdischen Donner. An mehreren Orten in der Umgebung von Smyrna wurde das Erdreich 20 bis 1,80 Meter heraus- gehoben und scharfe Auswühlungen zeigen fast überall die Richtung der Erdstöße. Am verheerendsten war ihre Wirkung in der Stadt Aldi». Mehr als dreihundert Häuser sind dort dem Erdboden gleichgemacht und gegen 400 Häuser halb zerstört worden. Das Entsetzen der Bevölkerung war geradezu furchtbar. Alles flüchtete in wahnsinniger Furcht ins Freie und die Leute kampiren noch heute dort. Zwei Minarets der großen türkischen Moscheen und die Riescnschornstciuc der Maschinenfabrik Atkinson stürzten unter furchtbarem Getöse ein. Die griechische Kirche St. Harolambo und zwei Synagogen sind Trümmerhaufen. Die Brücken über den Maeander haben starke Beschädigungen erlitten oder sind wie Brücken zwischen Aidin und Tschena und bei Kemer gänzlich zerstört. In Kemmer ereignete sich eine interessante Erscheinung. Die Stadt wurde vollständig entzweigespalten und ist von der einen bis zu anderen Seite nicht passir- bar. In Alachehir litten am meisten die von den ersten Kreuzfahrern errichteten Bcfestiguugsmauern, welche fast vollständig eingefallen sind. In Nazly wurde die Altstadt gänzlich zerstört und in der Neustadt liegt die Hälfte der Häuser in Trümmern.
Charkow 3. Oktober. Am 29. September erkrankten über lOOPersondn unter Vergiftungsmcheinungen. Wie nunmehr festgestellt ist, hat ein Konditor absichtlich Arsenik un er den Kuchen gcmi d)t
Madrid. Die Pest greift in Portugal, wie Draht- mcldungcn von dort berichten, in schrecklicher Weise um sich. Fast alle Ortscha teil in der Nähe der Hafenstadt Oporto sind nach diesen Angaben verseucht; sogar unter den Sanitätstruppen sollen schon Pestfälle vorgckommcu sein. Berichte, die über Madrid eintreffen, fügen hinzu, daß man den. amtlichen Angaben über bie Ausbreitung der Pest und der Zahl der Todesfälle durchaus nicht trauen kann — eine wenig angenehme, aber nicht ganz unwahrscheinliche Versicherung. Auch im Londoner Hafengebiete sind bereits vereinzelte Pesflälle vorgekommen; jedoch ist es dort den Behörden gelungen, die Kenntniß dieser Fälle der Öffentlichkeit vorzuenthalten.