Nüchterner Mung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
_—™ -- MltMÄTii^W. Oktober 1899. 50. Jahrgang.
ÜUfMhtttflOtt "'^ die „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ^ '— Postanstalten und Landbriejträgern
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Amtliches.
J.-Nr. 2805. K. A. Den Herren Lehrern des Kreises lasse ich in den nächsten Tagen verschiedene Exemplare des vom Kreis beschafften Flugblattes: „Warum untere Kindern Wein und Bier nicht haben sollen?" mit dem Ersuchen zugehen, dieselben an die Eltern der Schulkinder vertheilen zu wollen.
Schlüchtern, den 19. Oktober 1899.
Der Königliche Landrath: Roth.
Der für den 26. d. Mks. Hierselbst vorgesehene Biehmarkt ist mit Rücksicht auf die im hiesigen Kreise und den benachbarten Gebieten in erheblichem Umfange herrschende Maul- und Klauenseuche aufgehoben worden.
Fulda, den 19. Oktober 1899.
Der Königliche Landrath: i. V.: Zieberbier.
Bekanntmachung.
Unter Bezugnahme auf das diesamtliche Ansschreiben vom 5. ds. Mts. Lohrer Anzeiger Nr. 226 wird bekannt gegeben, daß die Sinnbrücke oberhalb Obersinn bis 1. November ds. Js. für den Verkehr geschlossen bleibt.
Lohr, den 18. Oktober 1899.
Königliches B zirksamt gez.: Pfeufer.
Eine neue Kaiserrede.
Kaiser Wilhelm hat am Mittwoch Abend in Hamburg nach dem Stapellauf des neuen Panzerschiffes „Kaiser Karl der Große" bei dem ihm von der freien Stadt Hamburg im Rathhaus gegebenen Diner folgenden Trenk- spruch ausgebracht:
„Es gereicht Mir zur besonderen Freude, an dem heutigen historischen Gedenktage wieder in Ihrer Mitte weilen zu können. Ich fühle Mich gleichsam erfrischt und neu gestärkt, so oft Ich von den Wogen des frisch sprudelnden Lebens einer Hansastadt umspült werde Es ist ein feierlicher Akt, dem wir soeben beigewohnt. als wir ein neues Stück schwimmender Wehrkraft des Vaterlandes seinem Element übergeben konnten. Ein jeder, der ihn mitgemacht, wird wohl von dem Gedanken durchdrungen gewesen sein, daß das stolze Schiff bald seinem Berufe übergeben werden könne; wir bedürfen seiner dringend und bitter Noth ist uns eine starke Deutsche Flotte. Sein Name erinnert uns an die erste glanzvolle Zeit des alten Reiches und seines mächtigen Schirmherrn. Und auch in jene Zeit fällt der allererste Anfang Hamburgs, wenn auch nur als Ausgangspunkt für die Missionsthätigkeit im Dienste des gewaltigen Kaisers.
Jetzt ist unser Vaterland durch Kaiser Wilhelm den Großen neu geeint und im Begriff, sich nach außen hin herrlich zu entfalten. Und gerade hier inmitten dieses mächtigen Handelsemporiums empfindet man die Fülle und Spannkraft, welche das deutsche Volk durch seine Geschlossenheit seinen Unternehmungen zu verleihen im Stande ist. Aber auch hier weiß man es am höchsten zu schätzen, wie nothwendig ein kräftiger Schutz und die unentbehrliche Stärkung unserer Seestreitkräfte für unsere auswärtigen Interessen sind. Doch langsam nur greift das Gefühl hierfür im Deutschen Vaterlande Platz, das leider noch zu sehr seine Kräfte in fruchtlosen Parteiungen verzehrt. Mit tiefer Beiorgniß habe ich beobachten müssen, wie langsame Fortschritte das Interesse und politische Verständniß für große, weltbewegende Fragen unter den Deutschen gemacht hat. ,
Blicken wir um uns her, wie hat seit einigen Zähren die Welt ihr Antlitz verändert. Alte Weltreiche vergehen und neue sind im Entstehen begriffen, Nationen sind plötzlich im Gesichtskreis der Völker erschienen und treten in ihren Wettbewerb mit ein, von denen kurz zuvor der Laie noch wenig bemerkt hatte. Ereignisse, welche umwälzend wirken auf dem Gebiete internationaler Beziehungen sowohl wie auf dem Gebiete des nationalökonomischen Lebens der Völker, und die in alten Zeiten Jahrhunderte zum Reifen brauchten, vollziehen sich in wenigen Monden. Dadurch sind die Aufgaben für unser Deutsches Reich und Volk in mächtigem Um ange gewachsen und erheischen für Mich und Meine Regierung ungewöhnliche und schwere Anstrengungen, die nur dann pon Erfolg gekrönt sein können, wenn einheitlich und
Deutsches Reich«
Berlin, 22. Oktober. Heute vormittag wohnten der Kaiser und die Kaiserin mit den fünf ältesten Prinzen dem Gottesdienste in den Communs in Potsdam bei. Mittags 12 Uhr nahm die Kaiserin anläßlich Ihres Geburtstags die Glückwünsche des engeren Hofstaates entgegen. Hierauf fand Familienfrühstückstaiel statt, zu der an die in Berlin und Potsdam wohnenden Fürstlichkeiten Einladungen ergangen waren. Heute Abend wird in der Jaspis-Galerie des Neuen Palais Abendtafel gehalten.
— Zur Kaiscrreise nach England wird aus Kiel geschrieben: An Bord der „Hohenzollern" werden die Vorbereitungen für die Kaiserfahrt nach England ununterbrochen fortgesetzt. Wie wir hören geht die vorläufige Bestimmung dahin, daß die Kaiseryacht Mitte November durch den Kanal nach Wilhelmshaven dampft, wo sich der Kaiser einzuschiffen gedenkt.
— Der Kronprinz wird im nächsten Jahre, in dem er großjährig wird und seinen eigenen Haushalt erhält, das Stadtschloß in Potsdam beziehen. Er wird zunächst für ein halbes Jahr beim 1. ©arberregiment z. F. in Potsdam eintreten und dann nach Bonn gehen.
— Von Wichtigkeit für alle technischen Hochschulen ist ein kaiserlicher Erlaß, der aus Anlaß der Jubelfeier der Charlottenburger Hochschule ergangen ist. Sie haben nämlich das Recht erhalten, wie die Universitäten Promotionen vorzunehmen und auf Grund derselben einen
fest, den Parteiungen entsagend, die Deutschen hinter uns stehen. Es muß dazu aber unser Volk sich entschließen, Opfer zu bringen. Vor allem muß es ablegen seine Sucht, das höchste in immer schärfer sich ansprägen- den Parteirichtungen zu suchen. Es muß aufhören, die Partei über das Wohl des Ganzen zu stellen. Es muß seine alten Erbfehler eindümmen, alles zum Gegenstand ungezügelter Kritik zu machen, und es muß vor den Grenzen Halt machen, die ihm seine eigensten vitalsten Interessen ziehen. Denn gerade diese alten politischen Sünden rächen sich jetzt schwer an unseren Seeinteressen und unserer Flotte.
Wäre ihre Verstärkung Mir in den ersten acht Jahren Meiner Regierung trotz inständigen Bittens und Warnens nicht beharrlich verweigert worden, wobei sogar Hohn und Spott Mir nicht erspart geblieben sind, wie anders würden wir dann unseren blühenden Handel und unsere überseeischen Interessen fördern können! Doch Meine Hoffnungen, baß. der Deutsche sich ermannen werde, sind noch nicht geschwunden. Denn groß und mächtig schlägt die Liebe in ihm zu seinem Vaterlande. Davon zeugen die Oktoberfeuer, die er heute noch auf Bergeshöhen an zündet und mit denen er auch das Andenken an die herrliche Gestalt des heute geborenen Kaisers in der Erinnerung mitfeiert. Und in der That einen wundervollen Bau hat Kaiser Friedrich mit Seinem großen Vater und dessen großen Paladinen errichten helfen und uns als Deutsches Reich hinterlassen. In herrlicher Pracht steht es da, ersehnt von unsern Vätern und besungen von unseren Dichtern.
Nun wohlan, stakt wie bisher in ödem Zank sich darüber zu streiten, wie die einzelnen Kammern, Säle, Abtheilungen dieses Gebäudes ausersehen oder eingerichtet werden sollen, möge unser Volk in idealer Begeisterung, wie die Oktoberfeuer auflodernd, seinem idealen zweiten Kaiser nachstreben und vor allem an dem schönen Bau sich freuen und ihn schützen helfen. Stolz auf seine Größe, bewußt seines inneren Werthes, einen jeden fremden Staat in seiner Entwickelung achtend, die Opfer, die seine Weltmachtstellung verlangt, mit Freuden bringend, dem Parteigeist entsagend, einheitlich und geschlossen hinter seinen Fürsten und seinem Kaiser stehend, so wird un'er deutsches Volk auch den Hansastädten ihr großes Werk zum Wohle unseres Vaterlandes fördern helfen. Das ist mein Wunsch zum heutigen Tage, mit dem Ich Mein Glas erhebe auf das Wohl Hamburgs."
Auch bei der Besichtigung des aus Samoa nach Hamburg heimgekehrten Kreuzers „Falke" hielt der Kaiser eine Ansprache. In derselben sprach er seine Anerkennung der außerordentlich schnellen Heimfahrt des Schiffes und seine Freude über das gute Aussehen desselben aus und zollte den Offizieren Lob dafür, daß sie in der schwierigen Lage des „Falke" bei den Kämpttn vor Apia sich selbst und die Mannschaft beherrscht hätten. Zuletzt »ertheilte der Monarch persönlich eine Anzahl Ordensauszeichnungen.
Doktortitcl zu verleihen, der zum Unterschiede von den Universitätsfakultäten „Doktor-Jngensiur" lautet.
— Der Kaiser hat bestimmt, daß die Landwehr- Jmanterieregimenter mit Helmen ausgerüstet werden, soweit solche von den Linien Jnfanterieregimentern aus den Ueberschüssen hergegeben werden können. Die übrige Landwehr-Infanterie behält den Tschako bei. Als Abzeichen ist am Helmzierrath das Landwehrkreuz anzu- bringen.
— Die Ausgabe neuer Briefmarken in den Nenn- werthen von 40, 80 Pfennig, 1, 2, 3 und 5 Mark soll wie es heißt, ziemlich nahe bevorstehen. Die Form der 40- und 80 Pfennigmarken dürfte der auf den bereits vorhandenen in den Nennwerten von 3, 5, 10, 20, 25, 30 (Rohrpostbriefe) und 50 Pfennig entsprechen; dagegen ist für die theueren Werte von 1, 2, 3 und 5 Mark eine breite Form und künstlerische Ausstattung ähnlich der amerikanischen Columbusbriefmarke in Aussicht genommen.
— Import chinesischer Dienstboten. Nachdem eS von den früher hier und da aufgetauchten Plänen,- Deutschland mit chinesischen Kulis zu beglücken, lange Zeit stille gewesen ist, hat der gegenwärtig herrschende Arbeiter« und Dienstbotenmangel doch wieder dazu geführt, die Frage aufzurollen. Die „Köln. Z." brächte einen Artikel, in dem die Einführung chinesischer Dienstboten empfohlen wurde; durch Eheverbote glaubte der betreffende Artikelschreiber die ganze, mit der Einfuhr chinesischer Kulis verbundene Gefahr aus der Welt schaffen zu können. Leider hat die Empfehlung bereits Erfolg gehabt, wie ein Berliner Zeitungsinserat dar thut. Die Anzeige lautet: „Chinesische Dienstboten. Ein Großindustrieller, welcher geneigt ist, den in der „Köln. Z." -oem 1. Oktr., Nr. 771, besprochenen Versuch zu machen und selbst 5 bis 6 junge Chinesen gebrauchen könnte, sucht Staudesgenossen, welche sich an diesem ! Versuch betheiligen wollen, so daß eine größere Anzahl junger Chinesen importirt werden kann." Da hätten wir also richtig am Ende des Jahrhunderts den Versuch, Chinesen nach Deutschland zu importiren.
Stade. Für eine halbe Million Mark Aepfel. Zur Zeit ist man im Altenlande mit dem Pflücken der Aepfel beschäftigt. Es liegen auf der Lühe 20 Zillen (ober- ländische Kähne), welche Aepfel für Berlin laden. Jeder Kahn erhält eine Ladung im Werth von ca. 25,000 M.; daß macht allein für diese 25 Kähne einen Betrag von 500,000 Mk. für Acp'el.
In Westfalen werden jetzt massenhaft fremde Bergarbeiter angestellt. Ein Telegramm aus Graz meldet nämlich: Aus Trifail sind 200 und aus Köflach über 100 Kohlenarbeiter sammt ihren Fam lien nach Westfalen ausgewandert. In Köflach weilt ein westfälischer Bergbeamter, der neuerlich über 200 Arbeiter anwarb, die mit einem Separatzug nach Westfalen abgehen.
Düsseldorf. Die Einwohnerzahl der Stadt ist von 201,193 am 31. März vorigen Jahres auf 262 000 gestiegen.
Pforzheim. Den Blättern zufolge kam bereits der dOUfte Fall von Typhus hier zur amtlichen Anzeige. Der Verlauf der Krankheitsfälle ist meistens ein hartnäckiger, hauptsächlich jüngere Leute und Kinder fallen der Epidemie zum Opfer.
Ausland.
London, 22. Okt. Eine amtliche Depesche aus Ladysmith vom 21. d. Mts. 8 Uhr 45 Min. abends besagt: Eine Truppe, bestehend aus Kavallerie, Artillerie und Infanterie unter dem General French, brach heute Morgen 4 Uhr nach Modderbridge auf. General White folgte später. Um 5 Uhr Abends waren die drei Geschütze des Feindes bei Elandslaagte zum Schweigen gebracht und um 7 Uhr 41 Min. Abends hatten die britischen Truppen die Stellung des Feindes, dessen Feldlager, Ausrüstung. Pferde und Wagen genommen. Die Kavallerie verfolgt den Feind. Der Burengeneral Kock ist seinen Wunden erlegen. Die Abtheilung Buren, welche bei Elandslaagte focht, um aßt auch die deutschen, die holländischen und die ädrigen fremden Freischaaren.
Kapstadt, 20. Oktober. Das Lager von Glencoe ist heute von einer starken Streitmacht der Buren angegriffen worden. Dieselben fuhren Geschütze auf einer die Stadt beherrschenden Anhöhe und eröffneten das Feuer auf das Lager, Die Engländer nahmen bei dem Kampfe die Positionen der Buren und eroberten fünf