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SchlüchternerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Samstag, den 28. Oktober 1899.

50. Jahrgang.

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Rp^p!!nnn<»n ^ bie -Schlüchterner Zeitung" SPl-llVUlHiyim roerben nod) fortwährend von allen -= ~ Postanstalten und Landbriesträgern owie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Okt. Wie dieGermania" aus bester Quelle erfährt, tft die Kaiserreise nach England aufgegeben. Die Indienststellung derHohenzollern" gilt einem anderen Reiseziel.

Das deutsche Freikorps, dessen Führer Oberst Schiel in dem Gefecht von Elandslagte in englische Ge­fangenschaft gerathen ist, sendet aus Johannesburg vom 2. Oktober den Text einer Kabeldepesche, welche das Freikorps an diesem Tage an Kaiser Wilhelm abgesandt hat. Die Depesche, welche bisher noch nicht bekannt ge­worden ist, bat folgenden Wortlaut:

Des Kaisers Majestät Berlin.

Die deutschen Freiwilligen, zur Grenze rückend, geloben Treue deutschem Bruderstamme fechtend und fallend zu bewahren. Wir beklagen tief, daß die Politik hoher Regierung einen Einfluß für unsere Interessen nicht ausüben kann, protestiren jedoch gegen Englands räuberisches Vorgehen. Möge deutsches Blut für Freiheit und Recht nicht umsonst fließen und Euer Majestät Segen mit uns sein! Deutsche Soldatentreue wird Freundschaft halten, die Majestät einst selbst gezeigt haben.

Kolonel Schiel, Dr. Mangold, Namens des deutschen Korps.

Eine deutsche Rothe Kreuzexpedition nach Trans­vaal. Das Centralkomitee der deutschen Vereine vom Rothen Kreuz ist, mit der Zusammenstellung einer Ab­ordnung von Aerzten und Krankenpflegepersonol be schästigt, welche sich voraussichtlich auf den im November aus Neapel abgehenden Dampfer der ostafrikanischen Linie nach der Delagoa-Bai einschiffen wird. Auf eine diesbezügliche Anfrage nach Transvaal bei dem dortigen deutschen Konsul ist eine Antwort noch nicht eingetroffen. Doch dürfte das vorhandene Bedürfniß keinem Zweifel unterliegen. Die englische Geselljcha t vom Rothen Kreuz hat auf eine an sie gerichtete Anfrage unter Ausdruck ihres verbindlichsten Dankes eine Hilfeleistung gegen­wärtig abgelehnt.

Die Verleihung des Ordens der Ehrenlegion an den Kommandanten derHohenzollern , Kapitän zur See Grafen Baudissin, hat einiges Aufsehen erregt da bisher nur vier deutsche Seeoffiziere der französischen Ehrenlegion angehörten. Es sind dies der Komrcad miral z. D. Rittmeyer, der Kapitän zur See Kirchhofs, Mitglied der Direktion der Marineakademie, derKapitün zur See Rudolf Siegel, Marineattachs bei der deutschen Botschaft in Paris, und der Kapitänleutnant Schütz.

Der am Sonnabend in Dienst gestellte Panzer­koloßKaiser Friedrich III/, das größte und leistungs­fähigste Schiff des heimischen Manövergeschwadcrs, wird an der bevorstehenden Winterreise nach den nöthigen Gewässern thcilnehmen. Nach der Vornahme von Einzel­übungen in der Nord- und Ostsee vereinigen sich die Schiffe der ersten DivisionKurfürst Friedrich Wilhelm", Brandenburg",Weißenburg",Wörth", in Kiel mit den Panzern der zweiten DivisionKaiser Friedrich III.", Baiern",Sachsen",Württemberg", um Torpedo- schießübungen abzuhalten. Das imposante Geschwader dampft am 28. November nach den nordi chen Gewässern und läuft einen norwegischen Hasen an. Mitte Dezember kehren die Schiffe nach Kiel beziehungsweise Wilhelms- Haven zurück.

Ein Ministerium für die Industrie ist auf der jüngst abgehaltenen Hauptversammlung des Bundes der Industriellen gefordert worden und zwar wurde die Forderung mit der Behauptung begründet, daß 57°/o der Bevölkerung der Industrie angehörten. Die Landwirth­schaft habe ihr Ministerium und dominire. Die Industrie wolle aber nur gleichberechtigt sein. Gegen diese Forderung wendet sich dieKrcuz.-Z'g," indem sie zunächst betont, daß der landwirthschastliche Jnteressen- kreis in der Gesammtbevölkerung viel größer ist, als er in der oberflächlichen Verwerthung der Berufsstatistik quantitativ berechnet wird. Ucberdies werden, wie in allen größeren Staaten, so auch in Preußen die Interessen der Industrie vom Ministerium für Handel und Gewerbe wahrgenommen und außerdem entwickelt für das Reich

das Reichsamt des Innern eine außerordentlich um­fassende Thätigkeit für die Industrie, so daß ein besonderes Industrie-Ministerium entbehrlich sei.

Eine Miethssteigerung kleiner Wohnungen wollen der preußische Finanzminister und der Minister des Innern verhüten. Die Steigerung wird häufig ver­ursacht durch den jetzigen Veranlagungsmaßstab des Jahresnutzungswerthes der Gebäude, denn die Grund­besitzer pflegen die Gebäudesteuern auf die Miether ab- zuwälzen. Diese unerwünschte Wirkung wird durch eine Besteuerung vom Kapitalwerth der Gebäude, die in einer Anzahl von Städten bereits zu einer merklichen Ent­lastung der Häuser mit kleinen Wohnungen geführt hat, vermieden. Umgekehrt muß eine solche Veränderung des Veranlagungsmaßstabes zu einer schärferen Erfassung der werthvollen, aber nur einen mäßigen Zins abwerfen­den Gebäude führen, unter denen erfahrungsmäßig die von Wohlhabenden bewohnten Häuier in erster Linie in Betracht kommen. Von diesen Erwägungen aus ist seitens der Minister das Muster zu einer Gemeinde- grundsteucrordnung aufgestellt und den Regierungs­präsidenten zugestellt worden, um die Einführung in den in Frage kommenden Gemeinden zu veranlassen.

Denkmalschänder haben in Berlin in der Sieges allee gerazu vandalisch gehaust. Einer großen Anzahl von Figuren sind durch Abschlägen von Körpertheilen und Verzierungen geradezu entstellende Beschädigungen bei­gebracht. Bei einigen sind die Nasen, bei anderen Finger und Embleme abgebrochen oder zerschlagen. Man findet es unbegreiflich, wie die Thäter diesen Akt außerordentlicher Rohheit haben unbemerkt ausführen können, da die Siegesallee bekanntlich Tag und Nacht von starken Schutzmannsposten bewacht wurde. Die Kiminalpolizei hat sofort die Untersuchung ausgenommen.

DieHarmlosen" freigesprochen! Das Urtheil im Prozeß gegen die Mitglieder desClub der Harm­losen" ist am Samstag am Spätnachmittage ge­sprochen worden. Es lautete, wie nach den Ergebnissen der Beweisaufnahme im Publikum allgemein erwartet, auf Freisprechung. Herr von Kröcher, Herr von Kaiser und Herr von Schachtmyer, die während der letzten Wochen vielgenannten jungen Elegants wurden endgültig außer Verfolgung gesetzt.

Ueber die bedeutsamen Aenderungen, welche in den letzten Jahren auf dem Gebiete des höheren Unter­richtswesens erfolgt sind giebt das soeben erschienene Statistische Jahrbuch der höheren Schulen für 1899/1900 eine interessante Uebersicht. Im Laufe des letzten Jahres vermehrte sich die Zahl der Gymnasien in Deutschland um 4, die der Oberrealschulen um 8, die der Realschulen dagegen um 33, während die Zahl der Progymnasien sich um 1, die der Realgymnasien um 3 und der Realprogymnasien um 18 verminderte. Am stärksten war die Bewegung in Preußen. Nicht nur die Zahl der Anstalten änderte sich hier erheblich zu Gunsten der realen Lehranstalten, sondern auch in den gymnasialen Lehranstalten vollzogen sich wesentliche Aenderungen. Nicht weniger als neun Gymnasien gestalteten ihre Organration im Sinne der Reform­schule um. Ferner wird zur Zeit in 23 preußischen Gymnasien bei den Prüfungen lür den einjährig-frei- willigen Dienst das Griechische nicht mehr verlangt, falls die betreffenden Schüler an dem für diesen Gegenstand eingeführten Ersatzunterricht regelmäßig theilgenommen und die Abschlußprüfung bestanden haben. Dasselbe ist bei den 18 preußischen Progymnasien, bei 9 württem- bergischen und 8 elsaß-lothringischen Gymnasien der Fall. Die Zusammenstellungen lassen klar erkennen, daß die Be­strebungen zu Gunsten der Erweiterung der realen Fächer in unseren höheren Bildungsanstalten immer mehr zur Herrschaft gelangen und daß das Gymnasium selbst sich dieser Bewegung gegenüber immer weniger widerstands­fähig erweist. Diese Entwickelung wird sich zweifellos, je länger je mehr als ein Segen für die Nation er­weisen.

Hamburg, 24. Oktober. DerHamburger Korre­spondent" begleitet eine burenfreundliche Kundgebung, die hier gestern von einer 3000 Personen zählenden Volksversammlung gefaßt war, die ein Telegramm an Kaiser Wilhelm richtete, mit der Bitte, er möge die Reise nach England aufgeben, mit folgenden Bemerkungen: Es habe keinen Sinn, den bei dieser Gelegenheit mit elementarer Gewalt zu Tage getretenen Engländerhaß zu ignorirem Thatsächlich würde die Kaiserreise nach

England im gegenwärtigen Zeitpunkt dem nationalen Empfinden weiter Volkskreise eine schmerzliche Enttäuschung bereiten. Trotzdem sei die Kundgebung zu bedauern. Deutschland mit seiner lächerlich kleinen Flotte habe nicht die entfernteste Möglichkeit, in überseeischen Fragen gegen England ausgetreten. Die Demonstranten seien brave Männer, aber schlechte Musikanten, die auf den Saiten der deutschen Volksseele spielen.

Dresden, 24. Okt. Kommerzienrath Hopffe, welcher, wie seiner Zeit gemeldet wurde, als Schatzmeister des König Albcrt-Vereins 207,000 Mark unterschlagen hatte, wurde, wie dieDresdener Neuesten Nachrichten" melden, heute zu 4 Jahren 9 Monaten Gefängniß verurtheilt.

Görlitz, 22. Oktober. Der Begründer der Firma Schlesische Holzindustriegcsellschaft vorm. Ruscheweyh u. Schmidt" in Langenöls, Robert Ruscheweyh, ist gestern Abend im Alter von 78 Jahren hier im Kreise seiner Familie gestorben. Mit den bescheidensten Mitteln hat der Verstorbene das Unternehmen begonnen; nach­dem er seine Lehrzeit in Langenöls, wo er geboren, beendet, ging er nach alter Handwerkssitte auf die Wanderschaft und ließ sich später in seinem Heimathsort als einfacher Tischlermeister nieder. Seine Fabrikate, besonders der von ihm erfundene und patentirte Aus­ziehtisch, wurden bald nicht nur in Deutschlandern auch im Auslande bekannt, und so hat der Heimgegangene das Geschäft durch rastlose Thätigkeit und Intelligenz zu einem der bedeutendsten in der Branche gestaltet.

Myslowitz, 25. Oktober. Bei einem aus Galizien auf dem hiesigen Bahnhöfe eingetroffenen, für Berlin bestimmten Transport von 1500 Stück Gänsen wurde die G e f l ü g e l ch o l e r a amtlich festgestellt. Die Seuche fordert zahlreiche Opfer, gestern sind 210, heute 230 von den erkrankten Thieren der tückischen Seuche erlegen. Die Polizei hat umfassende Absperrungsmaß­regeln getroffen.

Straßburg i. E., 17. Oktober. Von einem Ge­währsmann erhält dieLothr. Ztg." eine Nachricht über einen englischen Werber, die kaum glaublich ist, aber nichtsdestoweniger auf Wahrheit beruhen soll:Ein Werber habe auf einem Lothringer Pachthofc für Rechnung der englischen Regierung einen jungen Mann geradezu gekauft, damit er in dem bevorstehenden Kriege Englands in Südafrika gegen die Buren kämpfe. Dem jungen Mann, der im deutschen Heere gedient, soll gleichzeitig ein Untcroffiziers-Patent ausgestellt worden sein. Der Fall stehe jedenfalls nicht vereinzelt da und lasse auf die Anwesenheit von Vermittlern inElsaß-Lothringcnschließen."

Ausland.

London. Nach den zuletzt eingetroffenen Draht­meldungen haben sowohl Transvaal als auch der Oranje- Freistaat bisher britische Gebiete als ihr Eigenthum er­klärt, nämlich Transvaal den Bezirk von Natal nördlich des Vaalflusses und Betschuanaland, der Oranje-Frei- staat das Griqualand zwischen den Flüssen Vaal und Oranje. Das sieht doch auch gar nicht nach Nieder­lagen der Buren aus! Präsident Steyjns Annexion ist kein schlechter Witz. Erzwingt damit die dort wohnenden britischen Buren, den Treueid an die Republik zu leisten, und deckt sie damit vor einer englischen Verfolgung wegen Landesverraths. Steyjn hofft auch offenbar, damit die Buren des Nordens der Kapkolonie zu er« muthigen, mehr für ihre republikanischen Landsleute zu wagen.

Kapstadt, 26. Oktober. Das Gefecht bei Rietfontein, bei der die Engländer 12 Todte und 59 Verwundete hatten, war überaus erbittert, da die Buren sehr stark und in fester Stellung waren. Eine ganze Schwadron der 18. Husaren mit 7 Offizieren und dem komman- direnden Obersten Möller wurden ge-angen genommen. Nach einem Telegramm aus Ladysmith, welches vom Sonntag datirt ist, werden aus Glencoe noch bedeutend heißere Kämpfe gemeldet. Das sei nur ein weiterer Beweis, daß General Aule eine schwere Niederlage er­litten hat. Ueber bie Kämpfe um Kimberley wird ge» meldet, daß, trotzdem die Engländer Ende voriger Woche wiederum gesiegt haben, die Stadt von allen Seiten ein­geschlossen und von jeder Bahnverbindung abgeschnitten ist. Verschiedene Blätter behaupten, daß die Zahl der Burentruppen in Natal 30 000 Mann betrage. Das ist offenbar übertrieben, um die englischen Schlappen als unvermeidlich hinzustellen.