WühternerMms
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Samstag, den 4. November 1899.
50. Jahrgang.
üoftolhtttrtotl01^ die .Schlüchterner Zeitung" Ml.^^ttU.»tb^"werden noch fortwährend von allen — Pvstanstalten und Landbriefträgern sowie von. der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Besuch des russischen Kaiserpaares in PotsdamIoll nun an nächsten Sonnabend erfolgen, von kürzester Dauer sein und etwa nur eine Stunde währen und ohne jedes officille Gepränge stattfindcn. Nach diesem kurzem Aufenthalt erfolgt die Weiterreise nach Skiernevice.
— Der Ankunft des Prinzen Heinrich in Kiel wird nach den neuesten Dispositionen bestimmt Mitte April nächsten Jahres entgegengesehen.
— Eine Vortührung von Motorwagen zn Militär- zwecken vor dem Kaiser hat stattgefunden. Es handelt sich um vier versuchsweise für die Beförderung des Mannschaftsgepäcks und die Eilbeförderung von Mannschaften gebaute Bezin-Motorwagen. Die Vorführung ist durch Major Madlung vom Kriegsministerium bewirkt worden. Der Vorführung vor dem Kaiser ist eine umfangreiche Uebung im Gelände vorausgegangen. Dieselbe begann bei Quedlinburg und erstreckte sich auf das Harz- gebiet bei Gernrode, Suderode, Thale und Blankenburg. Die Lastwagen, von denen der größte mit 45 Centnern beschwert wurde, hatten nicht nur die guten, aber steilen Gebirgsstraßen nach Harzgerode, Hexentanzplatz und Friedrichsbrunn zu befahren, sondern mußten auch auf steinigen und sandigen Feldwegen, sowie im losen Ackerboden große Strecken zurücklegen. Zwei Last- und Personenwagen unternahmen mit höchster Belastung das Wagestück einer Brockenfahrt von Quedlinburg über Hexentanzplatz, Treseburg und Schierke, wobei sie erfolg- resch mit der Brockenbahn concurrirten. Vom Brockengipfel legten die vier Wagen den Weg über Jlscnburg, Halberstadt nach Magdeburg in sechs Stunden zurück. Am zweiten Tage Mittags wurde Berlin erreicht. Eine größere Anzahl Offiziere begleitete die Probefahrt von Anfang bis zu Ende. Als treibende Kraft ist, wie oben schon erwähnt, der Benzinmotor in Thätigkeit. Der Gepäckwagen hat das Aussehen eines Transportwagens vom Train; der Mannschaftswagen ist ähnlich der in Berlin im Verkehr befindlichen Thierischen Motordroschke. Der Kaiser ließ die Wagen vor dem Neuen Palais Umfahrten unternehmen und sich über die Einrichtungen von Major Madlung berichten. Es sei hervorgchoben, daß der für den Eildicnst bestimmte Mannschaftswagen in der Stunde 40 Kilomete zurücklegt. Der Besichtigung wohnten der Kriegsminister von Goßler und General von Hahnke bei. Der Kaiser kargte nicht mit seiner Anerkennung der außergewöhnlichen Leistung.
— Unsere heimischen Börsen sind durch die Veröffentlichung deS Reichsmarineamts über den Flotten- plan förmlich elektrisirt. Kohlen- und Eisenkurse haben eine hausstrende Bewegung angenommen und die Tendenz der Börsen wird als festest gemeldet. Das heißt denn doch mit dem Feuer spielen. Wer weiß denn heute schon, ob der Plan wirklich, eventuell wann er Gesetz wird. Zunächst hat er doch noch gar nicht einmal die Zustimmung des Bnndesraths geschweige die des Reichs tags erfahren und man kann ihm daher eine thatsächliche Bedeutung noch nicht zuschreiben. Kurssteigerungen aber, die sich auf Phantome gründen, nehmen oft ein überraschendes Ende. Es ist erst wenige Wochen her, da stiegen Cementaktien an unseren Börsen ins Blaue hinein auf Grund der großen Canalvorlage. Die Canal- vorlage wurde aber abgelehnt und die Cementwerthe erfuhren einen Kurssturz, wie sie ihn noch nicht kennen gelernt hatten. Ebenso wird es jetzt mit Kohlen und Eisenwerthen gehen. Wer also in diesen Papieren spekuliert, der möge sich vorsehen, über Nacht kann die Situation ein vollständig verändertes Aussehen erhalten und auf stürmische Hausse kann der fürchterlichste Krach folgen. Bei Börsenspekulationen ist eben eine möglichst sichere Grundlage die Hauptsache, und eine solche ist im bloßen Bekanntwerden der Marinepläne nicht gegeben.
Lüneburg. Ungeheures Aufsehen erregt der vv .ns bereits gemeldete Zusammenbruch des Bankhauses Mansfeldt (Inhaber Behrens) in Lüneburg. Nachdem man anfangs geglaubt hatte, daß die Unterbilanz 5UO 000 Mark betrage, stellt es sich nun heraus, daß die Höhe der in Verlust gerathenen Gelder sich auf ^ 1 Million Mark stellt. Nach dem Bekanntwerden
der Zahlungseinstellung spielten sich in dem Geschäftslokale des Bankhauses die Herzzerreißendsten Scenen ab. Mehrere Leute wollten sich erschießen, andere ins Wasser springen. Ein Dienstmädchen, das von seinen Eltern die Erbschaft übernommen hatte, verliert sein ganzes Vermögen mit 15 000 Mk., ein Sanitätsrath 25 000 M., ein Handschuhmacher 80 000 Mk., ein Schlächter, der sein Geschäft und sein Haus verkauft hatte und nun sich zur Ruhe setzen wollte, ist plötzlich ein armer Mann geworden, er verlor 80000 Mk. Derartige Fälle sind noch mehr bekannt; zumeist sind kleinere Leute betroffen, die sich zum Theil ihre Ersparnisse sauer verdient haben.
Koblenz. Die Glücksgöttin „Fortuna" hat auch bei der diesjährigen Haupt- und Schlußziehung der Königl. Preuß. Klassenlotterie ihr Füllhorn über weniger bemittelte und hilfsbedürftige Familien ausgeschüttet. Das große Loos, welches auf die Nr. 140'325 in eine Kollekte nach Koblenz fiel, wurde zum Theil von kleineren Leuten gewonnen. So betheiligten sich au dem 500 000 Mark-Gewinne u. A. auch ein Briefträger, ein Huimacher, ein Handlungsgehilfe und die Witwe eiues Möbeltransportcurs, die je 28,000 Mk. erhalten, zwei junge Kaufleute, die je 14 000 Mark bekommen, eine ältere alleinstehende Däme, auf die ein Viertel des Gesammtbetrages entfällt und verschiedene kleine Leute, die ihren Antheil recht gut gebrauchen können.
Ausland.
Spanien Es wird bestätigt, daß die Amerikaner, die zehntausend gefangene Spanier an die Philippiner ausgeliefert hatten, sich entschieden weigern, diese loszukaufen.
London, 31. Oktbr. Die Abendblätter geben ihrem Schmerze über das unerhörte Unglück in Südafrika Ausdruck, wollen jedoch bis zum Eintreffen genauerer Mitteilungen mit ihrem Urteil über dasselbe zurückhalten. Obwohl sie die Größe des Unglücks einsehen, suchen sie jede ungebührliche Aufregung über die Wirkung desselben abznwcnden und meinen, daß der Verlust von 2000 Mann das Endergebnis nicht beeinflussen könne. Die Engländer seien entschlossen, koste es, was es wolle, ihre Suprematie (Oberherrschaft) thatsächlich aukzurichten.
Südafrika. Bei Ladysmith ist das schon längst erwartete größere Treffen am Montag Nachmittag geliefert worden. General Whitc sah sich genöthigt, sich in der eisernen Umklammerung, mit der ihn das 17,000 Mann starke Heer der Transvaal- und Oranje-Buren' umfaßt hat, Luft zu schaffen. Mit Aufbietung aller Kräfte mußte ein gewaltiger Stoß gegen die Cernirungs- linie der Buren geführt werden. Der verzweifelte Schritt hat mit einer schweren Niederlage der Engländer seinen Abschluß gefunden. General White hat offenbar mit sämmtlichen verfügbaren Truppen den Ausfall unternommen, der damit endigte, daß seine ganze linke Seitendeckung, die irischen Füsiliere und das Gloucester- regiment und eine Bergbatterie, im ganzen 42 Offiziere und 2000 Mann, von den Buren abgeschnitten und gefangen wurden. — Die Zeit bedeutet alles für die Buren. Wenn sie dieser schweren Niederlage, die zweifellos demoralisirend auf die Engländer wirkt und auch im Kaplande für die Buren weiter Stimmung machen wird, schnell einen entscheidenden Schlag folgen lassen, können sie mit einer gewissen, nicht zu überschätzenden Zuversicht dem Ausgang des Krieges entgegensehen, der vielleicht durch Interventionen ein vorzeitiges Ende nimmt. Aber jeder einzelne Tag zählt. Die Stellung der Engländer bei Ladysmith muß erstürmt werden ehe weitere brittische Verstärkungen ein treffen und die Buren zwischen zwei Feuer nehmen können. Aber der Leiter des Feldzugs, General Bullers, landet morgen in Kap stadl. Vom 6. November an treffen fast täglich 3 bis 4000 Mann von England ein. Ursprünglich für die Westgrenze bestimmt, werden diese ersten Truppen natürlich sofort nach Durban geschickt werden, das man in fünf Tagen erreichen kann, und nicht länger würde ihr Vorrücken nach Ladysmith dauern. Gelingt es bis dahin den Buren, den Platz zu nehmen, so würde der ganze britische Feldzugsplan zerstört sein und ihre Arbeit an der Küste beginnen. Gelingt es nicht, dann bleibt den Buren nur übrig, den Rückzug so theuer und ruhmvoll wie möglich zu gestalten. — Der englische Oberkommandirende, General Buller, wird nach Ankunft aller Nachschübe — etwa Mitte Dezember — über
folgende Streitkräfte verfügen : Die Garnison in Ladysmith 9100 Mann; erster bereits angelangter Nachschub, der an den verschiedenen Stellen des Kampfplatzes vertheilt ist, 15 350 Mann, erster Nachschub zur See 1550 Mann, bereit zur Abfahrt 20 500 Mann und später abzusenden 28 500 Mann — zusammen 75 000 Mann. Diesen vermögen die vereinigten Buren etwa die gleiche Anzahl ihrer Leute entgegenzustellen, ohne das „letzte Aufgebot', zu dessen Aufruf beide Staatspräsidenten im Nothfall entschlossen sind, in der Gewißheit, daß jeder alte Mann, der noch eine Flinte tragen kann, bereit ist, für Haus und Hof bis zum Ende zu fechten. — Die erste Folge des Sieges von Ladysmith wird der Aufstand der unter englischer Herrschaft lebenden Holländer fein; das „Reutersche Büreau" meldet bereits unter dem 25. v. M., daß eine Anzahl von Afrikandern in Betschuanaland sich jetzt offen den Buren angeschlossen hat. Ferner sind in dem zur Kapkolonie gehörenden Gebiet Transkei Unruhen ausgebrochen. Dieses Gebiet bildet einen Theil von Kaffraria, das aus den vier Distrikten Transkei, Tembuland, Ost-Griqualand und Pondoland besteht. Kaffraria liegt zwischen der Kapkolonie und Natal, hat ein Areal von 22,000 engl. Quadratmeilen und eine Bevölkerung von 10,000 Weißen und 560,000 Eingeborenen. Transkei für sich allein zählt 83,000 Bewohner. Der Keifluß bildet die Grenze gegen die Kapkolonie, daher der Name Transkei. Vom Basutolande ist Kaffraria durch das Drakungege- birge getrennt, das sich hier bis zu 10,000 Fuß erhebt. Zahlreiche Straßenzüge und einige Telegraphenlinien durchziehen Kaffraria, das noch keine Eisenbahnen besitzt. — Weitere Erhebungen werden folgen, und bald wird der ganze Norden der Kapkolonie in Flammen stehen.
Nokohama, 18, September. In den letzten Wochen sind große Stürme über das Land gezogen und un- g^ähr dreitausend Menschen haben dabei ihr Leben eingebüßt, während der Schaden an Häusern und an der Ernte sich auf einige Millionen belauft. __
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 3. November.
* — Unsere Leser in hiesiger Stadt werden darauf aufmerksam gemacht, daß die Staats Einkommensteuer mr das 3te Quartal des Steuerjahres 1899/1900 am 1. November fällig gewesen ist, sowie daß wegen der am 4. Oktober d. Js- fällig gewesenen und noch nicht eingezahlten zweiten Hälfte der Stadtumlage in den nächsten Tagen zwangsweise Beitreibung zu erwarten ist.
* — Die Bürgcrmcisterstelle in hiesiger Stadt wird infolge anderweitiger Wahl des jetzigen Inhabers voraussichtlich zum 1. Januar 1900 frei. Das Einkommen der Stelle beträgt vorbehaltlich der Genehmigung durch den Bezirksausschuß : Pensionsfähiges Gehalt 2400 M-, steigend von 4 zu 4 Jahren um je 300 Mark bis zum Höchstgehalt von 3600 Mk. Nichtpensionsfähige Neben- cinnahmen ca. 400 Mk. Anrechnung früherer Dienstzeit nicht ausgeschlossen. Geeignete Bewerber wollen ihre Gesuche unter Beifügung eines Lebenslaufes nebst Zeugnissen bis spätestens 30. November er. an den Magistrat einreichen.
* — Neuerungen im Postwesen. Eine Reihe von J Neuerungen im Postwesen ist als Ergebniß der dies- J jährigen Postkonferenzen zu erwarten, von denen die wichtigsten die folgenden sind: Briefabholungsfächer oder letter boxes sollen überall da eingerichtet werden wo ein Bedürfniß vorliegt, nicht nur in den Städten sondern auch auf dem flachen Lande. Nicht blos frankirte Sendungen gewöhnlicher Art sollen in die Fächer gelegt werden, sondern auch unfrankirte Sendungen, Packet- adresscu, Ablieiernngsscheme zu Einschreib- und Werth- sendungen, sowie Postanweisungen. Eilbriefe an Empfänger im Orts- und Landbestellbezirk des Aufgabepostortes sollen allgemein zugelassen werden. Die Hälfte der in Deutsch- land bestehenden Privatposten befaßt sich schon jetzt damit. An Gebühren sollen im Ort 25 Pf., nach dem Lande die wirklichen Auslagen erhoben werden. Bahn- ' postbriefe sollen unmittelbar nach Ankunft der Züge auf dem Bahnsteig durch das bei der Uebergabe thätige Personal der Ortspostanstalt ausgegeben werden können. Die Zeitungsbezugsgelder sollen von den Beziehern am Ort vor Beginn der Bezugsfristen durch die Briefträger eingezogen werden. Die Zeitungen sollen so lange geliefert werden, bis eine Abbestellung vorliegt.
* — An dem Krieg der Buren in Transvaal nehmen, wie verschiedene hessische Localblätter mittheilen, quch