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ZchlWerner Zeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Psg.

»M 96. Samstag, den 2. Dezember 1899. 50. Jahrgang.

Kulturfortschritt und Socialdemokratie.

Das Naturgesetz, das den Kuliurfortschritt der Mensch­heit langsam und unter stetem Ankämpfen gegen wider­strebende Hindernisse sich vollziehen läßt, mag dem vor- wärtsstrebenden Idealismus als Fessel erscheinen der abgeklärte Geist erkennt in ihm die einzige Gewähr für die Wirksamkeit und die Dauer des Fortschrittes, da eine ruhige, die bestehenden Verhältnisse organisch weiterbildende Reform allein Bestand verheißt, während sprunghafte, revolutionäre Entwickelungsphasen in ihrer Wirkung immer durch sich selbst beeinträchtigt werden und zugleich die bereits bestehenden Kulturwerthe stets vermindern Die Sozialdemokratie bringt unser Staatswesen fortge­setzt in die Gefahr, die bestehenden, durch eine jahr- hundertlange Entwickelung geschaffenen Kulturwerthc zu gefährden und ihre Fortentwickelung durch sprunghaftes, revolutionäres Vordrängen zu hemmen.

Der unheilvolle Einfluß, den diese Partei auf die Gesetzgebung des Deutschen Reiches auszuüben bemüht ist, tritt deutlich auch bei der zur Zeit im Reichstage zur Berathung stehenden Gewerbenovclle zu Tage. In jeder Sitzung kommt die sozialdemokratische Fraktion mit einer großen Zahl von Anträgen, deren Undurch- führbarkeit, außer von den Sozialdemokraten, von allen, auch von den auf sozialpolitischem Gebiet vorge­schrittensten Parlamentariern erkannt wird.

Die sozialdemokratische Partei, die sich jeder positiven Mitarbeit an der sozialen Gesetzgebung des jungen Deutschen Reiches stets enthalten hat, gegen deren Oppo­sition vielmehr den Arbeitern die Segnungen dieser, von keinem änderest Kulturstaate bisher erreichten Gesetzgebung erkämpft werden mußten, hemmt auch heute noch durch ihr radikales Vorgehen den Weiterausbau der Sozia'- gesetzgebung, als deren alleinige Vorkämpferin sie sich der Arbeiterschaft anpreist.

Den parlamentarischen Vertretern der Sozialdemokratie scheint es gar nicht zum Bewußtsein zu kommen, daß es zwar kinderleicht, zugleich aber für die Entwickelung des Staates in höchstem Maße veihängnißvoll ist, jeden von einem Theil der Bevölkerung als Mißstand empfun­dene Zustand jedesmal sofort zum Ausgangspunkt gesetz­geberischer Versuche zu machen und ohne Rücksicht auf praktische Durchführbarkeit tm Handumdrehen Gesetze auszuarbeiten. Es mag der irrigen, materialistischen Geschichts- und Lebensauffassung der Sozialdemokratie entsprechen, derartige unorganische gesetzgeberische Gebilde willkürlich zu konstruiren und zu glauben, daß jedem Gesetz an sich die Fähigkeit innewohne, bestehende Miß stände aufzuheben und die Geister unter seinen Buch sieben zu beugen.

Es gab eine Zeit, in der das unausgesetzte Rufen nach neuen Gesetzen vielfach durch das jugendliche Unge­stüm des Sozialismus zu erklären versucht wurde. Diese Zeit ist lange vorüber. Von Jahr zu Jahr wird es deutlicher, daß die Sozialdemokratie mit ihrem praktisch immer erfolgloseren Vorgehen lediglich agitatorische Zwecke verbindet, und daß dieses Vorgehen auch den bescheidenen Werth, auf die sonstigen an der Gesetzgebung betheiligten Kreise anregend zu wirken, immer mehr verliert. Die sozialdemokratische Partei sucht nach Kräften der Regierung den Wind aus dem Segel zu nehmen. Tritt diese nach den reiflichen Erwägungen, die ihr ihre verantwortungs­volle Stellung zur Pflicht macht, mit Reformvorschlägen auf sozialem Gebiet vor die Volksvertretung, so ist die sozialdemokratische Partei sofort mit Anträgen auf dem Plan, die praktisch undurchführbar, nur den Zweck ver­folgen, die Begehrlichkeit der Waffen au-zustacheln und in ihnen die Anschauung zu befestigen, daß die Fürsorge der Regierung unzureichend oder völlig werthlos sei.

Das parlamentarische Verhalten der Sozialdemokratie ist ein gefährliches Hemmniß für die gesunde Weiterem wickclnng unserer sozialen Gesetzgebung. Eines freilich erreichen die Sozialdemokraten durch solche Machenschaften: sie erhalten Unfrieden und Unzufriedenheit unter den Arbeitern, die sie so jeder Lebensfreude und der Liebe zu Staat und Vaterland zu berauben leider oftmals mit Erfolg bestrebt sind. Und doch haben die Arbeiter keinen Grund, sich die Lebensfreude rauben zu lassen, denn gerade der Arbeiterstand hat in dem letzten Jahr­zehnt in Deutschland in wirthschaftlicher und sozialer Beziehung einen Aufschwung erlebt, wie es bisher ohne Beispiel ist. m ,

Die Sozialdemokratie, die schon den Vorwurf aus sich geladen hat, an der sozialen Gesetzgebung positiv

nicht mitgewirkt zu haben, entäußert sich durch ein der­artiges Verhalten jeher sittlichen Berechtigung, sich eine Arbeiterpartei zu nennen: Sie förbert die Arbeiterinte- ressen nicht nur nicht, sondern nimmt der Arbeiterschaft auch noch die Freude an dem Errungenen.

Deutsches Reich.

Berlin. Donnerstag Morgen um 8 Uhr sind der Kaiser und die Kaiserin mit den Prinzen August Wilhelm und Oskar im Neuen Palais eingetroffen. Um 10 Uhr empfing der Kaiser den Chef des Militärkabinets von Hahnke zum Vortrag.

DenBerl. Neust. Nachr." zufolge beabsichtigt Prinz Heinrich nach den jetzt feststehenden Dispositionen im Dezember auf dem PanzerschiffDeutschland" von Hongkong nach einem siamesischen Hafen dampfen und von boat aus wahrscheinlich den siamesischen Hof zu be­suchen. Von Siam geht der Prinz ant derDeutschland" nach Singapore, wo er sich Mitte Januar zur Heim­reise einschifft. Der Prinz schifft sich dann in einem italienischen Hafen aus, um den Seeweg um Gibraltar zu ersparen. Das Eintreffen des Prinzen Heinrich in der Heimath ist für Mitte Februar zu erwarten.

DieBerl. Neuest. Nachr." hören, die Anmel­dungen zum Eintritt als Seekadett in die kaiserliche Marine sind bis jetzt 60 Prozent zahlreicher erfolgt als im gleichen Zeitraume des Vorjahres.

* Der Etat der Reichspost- und Telegraphen­verwaltung für 1900 weist wieder eine der Steigerung des Verkehrs entsprechende Zunahme an Beamten- und UnterbeamtenfteHen auf. Für Beamte Jollen 1719, für .Unterbeamte 3214 Stellen neu geschaffen werden. Während die neuen etatsmäßigen Stellen für die höheren Stellen verhältnißmäßig gering sind, kommen für die Postaffistentcn 1300 neue Stellen und 200 Postsekretär- stcllen, welche umgewandelt werden, in Betracht.

- Das vom Reichstage nunmehr angenommene neue Postgesetz bestimmt u. A Portoverbilligungen durch Erhöhung des Gewichts für den Zehnpfennig-Brief von 15 auf 20 Gramm und durch die ermäßigte Taxe für den Orts- und Nachbarsverkehr, welch letzterer sich zu­nächst auf 2248 Ortschaften erstrecken wird. Die er­mäßigten Sätze im Orts- und Nachbarsverkehr betragen: 5 Pfennig für den frankirten, 10 Pfennig für den nicht frankirten Brief, für Postkarten 2 Pfennig, für Druck­sachen bei 50 Gramm 2 Pfennig, für Waarenproben bis 250 Gramm 5 Pfennig; für die höheren Gewichts- stufcn sind entsprechende Ermäßigungen vorgesehen. Durch eine Resolution gefordert und von der Regierung auch in Aussicht gestellt ist ferner die Beförderung von so­genannten Geschäftspapieren gegen die Drucksach entaxe; auch die Krankenkassenbücher und Mitgliederbücher von Wohlfahrtsvereinen sollen als Geschäftspapiere behandelt werden.

Die künftigen deutschen Kolonialmarken werden den Markensammlern ein reiches Feld für ihre Thätig­keit bieten. Bekannt ist, daß für die deutschen Schutzgebiete eine einheitliche Marke mit dem Bilde eines Schiffes und der InschriftVolldampf" vorausgesehen ist. Nicht bekannt ist aber, daß für jedes Schutzgebiet eine besondere Marke hergestellt wird, in dem der Name des Schutzgebietes aufgedruckt wird. Da wir 12 Schutzgebiete haben und 14 verschiedene Markenwerthe erhalten sollen, so würde dies allein 168 verschiedene Briefmarken ergeben. Dazu kom­men noch die Werrhstempel auf 8 verschiedene Drucksachen, als Po stkarten und Postanweisungen, die wiederum 8 mal 12 gleich 96 verschiedeneGanzsachen" in der Sprache der Philatelie ergeben würden. Wir erhielten somit eine neue Emission von nicht weniger als 264 verschiedenen Postwerthzeichen. Ganz so viele werden es aber nicht werden, da kaum sämmtliche Werthe für die Kolonien erforderlich sein werden.

Die deutsche Chinesencompagnie, die in Lizum (Kiautschou) ausgebildet wird, macht bedeutende Fortschritte. Die Leute zeigen, wie dieNachr. aus Kiautsch." mit­theilen, eine erstaunliche Körpergewandtheit. Jeder Companiechcf würde weich gestimmt werden, wenn er die Gewandtheit im Marschieren und Turnen und die riesige Gelenkigkeit der Leute sehen würde. Sie haben kleid­same Uniformen, anliegende Röcke mit Husarenschnüren, dazu blaue Plumphosen und als Kopfbedeckung einen spitzen chinesischen Helm mit Roßhaarschweif in schwarz­weiß-roth. Es wild besonders auf schön gebundene Zöpfe gehalten. Die Reinlichkeit, gns die sehr streng

gesehen wird, ist den Chinesen vorläufig noch ein böhm- sches Dorf. Alle Kommandos werden in Deutsch ge­geben, nur die Instruktionen in Chinesisch.

Dresden. 30 Kinder hat, wie der Direktor des königl. Statistischen Bureaus zu Dresden mittels der Standesamt-Zählkarten festgestellt hat, eine Frau in Sachsen geboren. Das genügt!

Münster t. W. In Osterfeld ist die erste städtische reine Waffergasanlage nach dem System Dellwick-Fleischer eröffnet worden. Die Beleuchtung ist eine brillante.

Aus der Pfalz. Am 24. d. Mts. sollte in Ebnath in der Oberpfalz das neunjährige Töchterchen des Mu­sikers Schenkel beerdigt werden und war auch schon in das Grab gesenkt. Als der Todtengräber das Grab auffüllen wollte, lag das Kind im offenen Sarge in auffälliger Stellung. Man stellte sofort erfolgreiche Be­lebungsversuche an.

Ausland.

London, 29. Nov. Nach einem amtlichen Telegramm stieß Lord Methuen mit der gesammten Burenstreitmacht am Modderriver zusammen und schlug sie gänzlich. Nach verzweifeltem Kampfe, welcher zehn Stunden dauerte, trieben die Engländer, welche ohne Wasser und Nahrung blieben, und in glühender Sonne standen, den Feind aus feiner Position. Es war eine der schwersten und auftreibenbften Schlachten, die in den Annalen der briti­schen Armee zu verzeichnen sind. Bei der Abreise übermittelte der Deutsche Kaiser dem Obersten der Royal Dragoon 300 Pfund Sterling (6300 Mk.) für die Frauen und Kinder der Unteroffiziere und Mannschaften des Regiments.

Transvaal. Für den Rückzug des Generals Joubert in Natal giebt eine Londoner Privatdepesche derMagdeb. ^aung" aus Pretoria fölgeude Erklärung: Auf dringenden Räth von befreundeter Seite wiesen Krüger und Stechn i in Uebereinstimmung mit den Exekutiven beider Repu­bliken die Generale Joubert und Cronje an, ihre Kräfte nicht in endlosen Einzelbelagerungen zu verzetteln, sondern hauptsächlich energische Schläge zu führen. Joubert konzentrirte daraufhin seine Kommandos in drei Corps, in ein erstes zur sofortigen Forcirung von Ladysmith, ein zweites zur Vertheidigung der Tugelalinie, bis Ladysmith gefallen, und ein drittes östlich von Pietermaritzburg und Estcourt, um den Engländern die Rückzugslinie abzuschneiden. Cronje operirt nach gleichem Plane zwischen Kimberley und dem Modderfluß sowie im Rücken Methuens.

Amerika. Ist Chicago hat die Weihe der den deutschen Veteranen aus den drei letzten Feldzügen ver­liehenen Fahne stattgefunden. Der deutsche Botschafter v. Holleben hielt die Wciherede, in welcher er sagte, Kaiser Wilhelm sende den alten Kriegern seinen Gruß und verleihe ihnen als Zeichen seiner Huld eine Fahne, das Symbol deutscher Treue und Soldatenehre. Der Kaiser wisse, daß die meisten Deutschen, welche ameri­kanische Bürger geworden sind, trotzdem ihr altes Vater­land lieben, er wünsche, daß die Beziehungen zwischen den stammverwandten Ländern Deutschland und Amerika gefördert würden. Die Krieger sangen die amerikanische und die deutsche Nationalhymne und sandten an den Kaiser eine Dankdepesche nach Sandringham. Auf Kuba hat ein bewaffneter Aufstand gegen die Amerikaner sich erhoben. Ein Newyorker Blatt meldet, daß 1000 bewaffnete Kubaner in der Provinz Pinar bei Rio sich versammelt und die Flagge der Empörung für die kubanische Unabhängigkeit gehißt haben. Die amerikanischen Truppen in Kuba stehen in Bereitschaft. Also ein Doppelkamps auf den Philippinen und auf Kuba. Da haben die Amerikaner nichts zu lachen.

Lokales und Provinzielles.

* Schlüchler«, 1. Dezember.

* Sicherem Vernehmen nach wird in hiesiger Stadt und in den Orten unseres Kreises in den nächsten Tagen noch eine außerordentliche Ouittungskarten-Rem- sion stattfinden. Für Arbeitgeber, welche mit der Ver­wendung fälliger Beitragsmarken noch im Rückstand sind, empfiehlt es sich daher, zwecks Vermeidung von Strafen das Versäumte alsbold nachzuholen.

* Morgen, Sonntag, ist die Verkaufszeit in den Läden bis 8 Uhr Abends verlängert.

* In Betreff der Geschäftszeit für die Sonntage des 24. und 31. December ist nun entgiltig bestimmt worden, daß für die beiden Sonntage eine zehnstündig?