Einzelbild herunterladen
 

chlüchterner Zeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mit «Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

JM 37. Mittwoch, den 9. Mai 1900. 51. Jahrgan?.

IMtaHltttrtOtl ^ die ..Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen -- - ~ Postanstalten utd Landbriesträgern,

owie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. Von dem prächtigsten Wetter begünstigt, traf am 4. Mai Kaiser Franz Josef von Oesterreich als Gast unseres Kaisers ein und verlief unter dem größten Volksjubel der Einzug progammgemäß.

Kaiser Wilhelm österreichischer Generalfeldmar schall. Kaiser Franz Joseph hat nach dem Einzug in Berlin dem Kaiser Wilhelm die Würde eines österreichischen Generalfeldmarschalls übertragen. Kaiser Franz Josef hat, demKleinen Journal" zufolge, dem Kronprinzen und den P inzen Eitel Friedrich, Adalbert und August Wilhelm sein Bild, welches ihn in der Uniform eines preußischen Feldmarschalls darstellt, mit eigenhändiger Widmung zum Geschenk gemacht und den drei letztge­nannten Prinzen das Großkreuz des Stefanordens ver­liehen. Ferner hat der Kaiser von Oesterreich den Kronprinzen zum Inhaber eines Husarenregiments, den Prinzen Eitel Friedrich zum Inhaber eines Infanterie­regiments ernannt.

Die Eidesleistung des Kronprinzen bestand in der Ablegung des Fahneneides. Die Fahne des 1. Ba­taillons des 1. Garde-Regiments z. F. war zur Stelle. Die Formel sprach der Kommandeur des kaiserlichen Hauptquartiers, General v. Plessen vor.

Berlin, 7. Mai. Die Feierlichkeiten bei der Groß- jährigkeitserklärung des Kronprinzen nahmen einen pro­grammmäßigen Verlauf. Gestern Morgen um 10 Uhr begann die Auffahrt der Fürstlichkeiten, der Minister, Botschafter und hohen Militärs zu der auf 1> Uhr festgesetzten Feier und der sich anschließenden Gratulations­Cour im königl. Schlosse. In der Schloßkapelle, in welcher der feierliche Gottesdienst abgehalten wurde, war um 11 Uhr eine illustre Gesellschaft versammelt. Das Kaiserpaar, Kaiser Franz Joseph, der König von Sachsen, der Kronprinz, sämmtliche Prinzen des königlichen Hauses, die Vertreter der fremden Souveräne und die Generalität waren anwesend. Der Kaiser trug die Uni­form des 1. Garde-Regiments zu Fuß. Die Kaiserin war in tiefe Trauer gekleidet. Der Kaiser und die Kaiserin trugen die Ordensbänder des Schwarzen Adler- ordens. Nach dem Gottesdienste erfolgte die Vereidi­gung des Kronprinzen auf die Fahne des 1. Garde- Regiments zu Fuß durch den General von Plessen. Nach dem Eidschwur trat der Kaiser an den Kronprinzen heran, umarmte denselben herzlich und küßte ihn dreimal auf die Wangen. Der Kaiser erschien sehr bewegt, ebenso auch bie Kaiserin, welche ihr Taschentuch an die Wangen brächte. Nach der Feier fand im Weißen Saale die Gratulationscour statt, wobei der Kronprinz neben dem Kaiser vor dem Throne stand und die Glück­wünsche entgegennahm. Um l1/« Uhr verließ Kaiser Franz Joseph das Schloß. Bei der Galatafel am Freitag Abend brächte Kaiser Wilhelm einen Trinkspruch auS, dessen politisch wichtigster Theil lautete: Zugleich aber haben Eure Majestät durch Ihren Besuch der Welt offenbart, wie fest und sicher der Bund besteht, den Eure Maijestät dereinst mit meinem seligen Herrn Großvater und dem Herrscher des schönen südlichen Landes Italien abgeschlossen haben. Wahrlich, dieser Bund ist nicht nur eine Uebereinkunft der Gedanken der Fürsten, sondern je mehr und mehr er bestanden hat, hat er sich tief eingelebt in die Ueberzeugung der Völker und wenn erst die Herzen der Völker zusammenschlagen, dann kann sie nichts mehr auseinanderreißen. Gemein­same Interessen, gemeinsam getragene Freude wie Leid verbinden unsere drei Völker heute über zwanzig Jahre Und obwohl oft verkannt und mit Hohn und Kritik übergossen, ist es den drei Völkern gelungen, bisher den Frieden zu bewahren und als ein Hort des Friedens in aller Welt angesehen zu werden. So beugt sich denn auch heute Mein Volk dem Weisen und Weitesten dieses Bundes . . ." Kaiser Franz Joseph erwiderte u. A.: Die unverbrüchliche Freundschaft, die uns vereinigt, bildet auch ein kostbares Gut Unserer Reiche und Völker. Erweitert durch die treue Mithilfe Unseres verehrten Freundes und Verbündeten, Seine Majestät des Königs von Italien, bedeutet für sie Europa ein Bollwerk des Friedens. Um die Pflege dieses segensreichen Werkes, pelchesJch mit Ihrem ruhmreichen Großvater zu begründen

so glücklich war, haben Sich Eure Majestät als mannha'ter Hüter eines für alle Theile gleich kostbaren Erbtheils unvergängliche Verdienste erworben. In der frohen Zuversicht auf die Fortdauer Unserer Freundschaft er­hebe ich mein Glas " Der Zapfenstreich am Freitag Abend nahm bei theilweiser Illumination und begünstigt vom herrlichsten Wetter einen großartigen Verlauf Heute Morgen um 10 Uhr erfolgte die Rückreise des Kaisers Franz Joseph nach Wien vom Potsdamer Bahn­höfe aus. Kaiser Wilhelm gab seinem hohen Gast das Geleit und auch die kaiserlichen Prinzen waren auf dem Bahnhöfe zum Abschied anwesend. Vor seinem Salon­wagen wandte sich Kaiser Franz Joseph um und beide Kaiser nahmen auf das Herzlichste Abschied. Kaiser Franz Joseph stand am Fenster und winkte noch, als der Zug die Halle verließ.

Unpäßlichkeit der Kaiserin Friedrich. Die Kaiserin Friedrich hat die Absicht, zur Feier der Großjährigkeils- Erklärung des Kronprinzen nach Berlin zu reisen, wieder aufgeben müssen, da ihre Gesundheit noch sehr der Schonung bedarf.

Der General der Infanterie v. Kummer, der Führer der ruhmreichen Division v. Kummer im Feld­zuge 1870,71, ist im Alter von 84 Jahren in Hannover gestorben. Er lebte seit über 20 Jahren im Ruhestand.

Eine Konkurrenz für Krupp. Die Angabe, daß der Firma Krupp in Essen durch die bevorstehende Gründung eines Panzerplattenwerkes am Audorfer See, der vom Kaiser-Wilhelm-Kanal durchschnitten wird, eine em­pfindliche Konkurrenz bereitet werden soll, ist bisher unwidersprochen geblieben, so daß es wohl seine Richtig­keit damit haben wird, daß ein Consortium demnächst ein Konkurrenz-Unternehmen eröffnen wird.

Die Veranlagung zur Einkommensteuer für das Jahr 1899 hat ein Mehr von nahezu 13 Mlll. Mark gegen das Vorjahr ergeben. Die Veranlagung für 1900 dürfte ein mindestens ebenso hohes Plus gegen das Jahr 1899 ergeben haben, so daß das Veranlagungs­Soll dieser Steuer in zwei Jahren nicht weniger als um 26 Mill. Mark gestiegen sein wird. Ein Anwachsen des Steuer-Solls von solcher Höhe entspricht ungefähr einer Vermehrung des steuerbaren Vermögens um nahezu eine Milliarde. Da das Einkommen aus Handel und Gewerbe, Kapitalvermögen und gewinnbringender Be­schäftigung zu einem großen Theile nach dem Durchschnitt der letzten drei Jahre berechnet wird, rührt diese ganze Vermehrung des steuerpflichtigen Einkommens von den Jahren 1898/99 her. Diese beiden Jahre und das Jahr 1900 werden der Veranlagung für 1901 zu Grunde liegen. Wenn daher die Einkommensverhältnisse sich im laufenden Jahre auch nur annähernd auf der Höhe der Vorjahre halten, so darf auch für 1901 mit einer weiteren beträchtlichen Steigerung des Ertrages der Einkommen­steuer gerechnet werden.

Köln, 6. Mai. Die Rhein-Trrpedoboots-Division geht am 8. Mai von Köln nach Bonn, am 9. Mai nach Königswinter, Honnef, Remagen, Neuwied, am 10. und 11. Mai nach Coblenz, am 13. Mai nach Rüdesheim.

Hannover, 2. Mai. Der Tischlermeister Evers von hier wurde vom Schwurgericht schuldig befunden, seine Mutter ermordet zu haben, um sich in den Besitz des Vermögens zu setzen. Er wurde zum Tode verurlheilt. Die Vertheidigung bemühte sich vergebens, den Ange­klagten als nicht zurechnungsfähig erklären zu lassen. Evers hat seine Schuld nicht eingestanden, aber das Belastungsmaterial war erdrückend

Kiel, 3. Mai. Die hier herrschende Wohnungsnoth trat zum Maitermin wieder in harter Weise zu Tage. Da die städtischen Baracken mit Obdachlosen gefüllt sind, wurde gestern die städtische Turnhalle geräumt, und sechs Familien mit 22 Kindern richteten sich dort ein gemein sames Heim ein. Mehrfach ließen verzweifelte obdach­lose Familien gestern Abend ihren Hausstand auf der Straße stehen, und Eltern und Kinder suchten eine Unterkunft für die Nacht. Heute Morgen bezogen zwei Familien mit 8 Kindern einen alten, im Bootshafen unbenutzt liegenden gedeck'en Kahn und schafften Küchen- geräthe, Möbel und Betten an Bord. Für kleine Leute mit einer großen Kinderschaar sind die Wohnungs­verhältnisse geradezu jammervoll.

Der Konitzer Mord ist Gegenstand allereifrigster und allerumfassendster Untersuchungen. Aber bis Heure haben alle diese Untersuchungen noch nicht den allerge­

ringsten Anhaltspunkt ergeben für die Entdeckung der Thäter, obwohl bekanntlich von der Regierung Beloh­nungen bis zu 26000 Mk. ausgesetzt worden sind für solche Leute, die brauchbare Fingerzeige liefern zur Auf­findung des Thäters oder der Thäler. Eigenthümlich ist das plötzliche Verschwinden des Schächters der jüoischen Gemeinde in Konitz, des Moritz Luchs. Dieser wohnte bei dem verhafteten Jsraelski und verzog unmittelbar nach der Entdeckung des Mordes ins Ausland unter der Angabe, daß er der Ausweisung entgehen wolle. Er verzog unmittelbar vor einer bereits angeordneten Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter. Die StaatS- anwaltscha't wird dafür getadelt, daß sie die Flucht des Luchs nicht verhinderte; denn hier handelte es sich doch offenbar um nichts anderes, als um eine Flucht. Die Deutsche Tageszeitung" schreibt:Wir haben zu unserer Ueberraschung in den letzten Tagen positiv erfahren, daß hochgebildete und hochstehende Beamte, die mit den Verhältnissen vertraut sind, nicht nur an die Möglichkeit, sondern an die hohe Wahrschein­lichkeit eines Ritualmordes im Konitzer Falle glauben." Warten wir die weitere Untersuchung ab!

Darmstadt, 4. Mai. Die hiesige Katzen-Ausstellung hat mit einem Massenmord geschlossen. Am letzten Tage wurden 30 Katzen, darunter sehr werthvolle und durch Prämien ausgezeichnete Thiere, durch eine boshafte Hand mit Strychnin vergiftet. Von den Thätern fehlt noch jede Spur.

Arolsen, 3. Mai. Die Vermählung der Prinzessin Elisabeth zu Waldeck - Pyrmont mit dem Erbgrafen Alexander zu Erbach-Schönberg fand heute Mittag zwölf Uhr in Gegenwart der Königin Wilhelmine und der Königin-Mutter Emma der Niederlande und des KönigS- paares von Württemberg im hiesigen Restdenzschloffe statt.

Ausland

Wien, 3. Mai. DerNeuen Freien Presse" wird aus Belgrad berichtet: In Macedonieu sind jüngster Tage zwei österreichisch-ungarische Konsuln und zwar der Konsul Para in Ueskueb und der Konsul Rappaport in Prisrend auf offener Straße von bewaffneten Arnauten angegriffen und mit Erschießen bedroht worden. Para wurde durch die ihn begleitenden Kawassen gerettet, welche die Arnaunten verjagten. Rappaport mußte Prisrend verlassen.

Wien, 5. Mai. Aus Fiume wird gemeldet, dort sei das Gerücht verbreitet, daß ein englisches Schiff, welches Anfangs März nach Südafrika mit 745 Pferden und 45 Mann ausgelaufen ist, an der afrikanischen Küste untergegangen sein soll.

Bulgarien. Nach einer Meldung aus Sofia führten die Bauern-Unruhen gegen die Regierungs-Behörden im Dorfe Trestemib bei Rustschuck zu ernsten Zusammen­stößen mit dem Militär. Einige tausend mit Gewehren bewaffnete Bauern, welche Tags zuvor die Polizei und Gendarmerie entwaffnet, mißhandelt und davongejagt hatten, leisteten auch den von Rustschuck heranrückenden zwei Kompagnien Militär Widerstand. Das Militär versuchte die Bauern zu beruhigen, welche indessen Schüsse gegen 'dasselbe abgaben. Zwei Offiziere und zwei Mann wurden verwundet. Die Truppen erwiderten das Feuer; 45 Bauern wurden getödtet und zehn ver­wundet; hierauf trat Ruhe ein.

London, 4. Mai. Einem Telegramm aus Kapstadt zufolge soll Präsident Krüger den Befehl gegeben haben, sämmtliche Engländer aus Transvaal auszuweisen. Die amerikanische Regierung hat beschlossen, bei der Transvaal Regierung energisch zu prolestiren, falls sich das Gerücht bestätigt, wonach dieselbe die amerikanischen Einwohner zwingen will, die Waffen gegen die Eng­länder zu ergreifen, oder das Land zu verlassen.

London, 4 Mai. Aus Brandsort wird gemeldet, daß der Angriff am Dienstag Abend, den die Engländer auf die Buren machten, vom Osten nach Westen mit solcher Kraft geschah, daß es schien, als ob die Buren vollständig umzingelt werden würden. Es fand ein scharfes Artilleriegefecht auf kurze Distanz statt. Jedoch die Buren zogen sich bei Zeiten vor der Uebermacht zurück und befinden sich jetzt in vollem Rückzug auf Winburg.

New-Aork, 4. Mm. Nach den letzten Meldungen glaubte man, daß bei dem Grubenunglück in Shiffield zoO Menschen um's Leben gekommen seien. Nach den neuesten Nachrichten werden aber noch wettere 150 Per»