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Erscheint Mittwoch und Samstag Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

54. Samstag, den 7. Juli 1900. 51. Jahrgang.

Wftdhtttnrm auf bie .Schlüchterner Zeitung" U werden noch fortwährend von allen - Postanstalten undLandbriesträgern,

sowie von der Expedition entgegen genommen.

Amtliches.

Behufs Körung der Zuchttiere ist in Sterbfritz Termin auf den 14. Juli, Vormittags 11 Uhr angesetzt, welcher hierdurch mit dem Bemerken wiederholt zur öffentlichen Kenntniß gebracht wird, daß zu dem Termin Stiere aus allen Gemeinden vorgemhrt werden können.

Die Herren Bürgermeister wollen Vorstehendes orts. üblich bekannt machen und für rechtzeitige Vorführung der Stiere ihrer Gemeinden Sorge tragen.

Schlüchtern, den 6. Juli 1900.

Der Königliche Landrath: Roth.

Deutsches Reich.

Berlin, 4. Juli. Der Kaiser wollte derPost" zufolge Mittwoch Nachmittag von Wilhelmshaven nach Kiel abreisen. Ob die Nordlandsreise ganz aufgegeben oder bloß verschoben ist, darüber war Mittwoch Mittag noch nichts Bestimmtes bekannt.

Die amtliche Bestätigung der Nachricht von der Ermordung unseres Gesandten in Peking, des Freiherrn v. Ketteler, hat bis zu einem gewissen Grade den Schleier gelüftet, der bisher die chinesische Hauptstadt verhüllte. Ein unerhörtes, ja das weitaus schwerste Verbrechen gegen das Völkerrecht, für das die Geschichte nur ver­schwindend wenige Beispiele kennt, ist begangen, und zwar unter den Augen der chinesischen Regierung, die für den Schutz der Gesandten verantwortlich ist. Mit inniger Theilnahme wird man in der ganzen gesitteten Welt die Kunde von dem fluchwürdigen Verbrechen ver­nommen haben, dem unser Gesandter in treuester Er­füllung seiner Pflicht, wie ein Held auf dem Schlacht­felde, zum Opfer gefallen ist. Mit dem Geiühl der Trauer aber paart sich die Entrüstung über die dem deutschen Namen zugefügte Beleidigung Einem zünden­den Funken gleich hat ganz besonders die vom Kaiser in Wilhelmshaven an die Mannschaften der beiden See bataillone gerichtete Ansprache die deutschen Herzen ent­flammt :Ein Verbrechen, unerhört in seiner Frechheit, schaudererregend durch seine Grausamkeit, hat Meinen bewährten Vertreter betroffen und dahingcrafft...... Die deutsche Fahne ist beleidigt und dem deutschen Reiche Hohn gesprochen worden. Das verlangt exemplarische Bestrafung und Rache!" Das ist der Ruf des Kaisers an sein Volk, der, soweit die deutsche Zunge klingt, be geisterten W verhall finden wird; denn er beweist, daß das Steuer des deutschen Schiffes heute ebenso tre flich geführt, daß die nationale Ehre ebenso gut gewahrt wird, wie an jenem Julilage, wo Wilhelm der Große in Ems die Herausforderung Benedetlis zurückwies. Erst wenn die Drachenflagge gefallen ist, wird unser Kaiser einhalten. Entschlossen verkündet er:Ich werde nicht eher ruhen, als bis die deutschen Fahnen, vereint mit denen der anderen Mächte, siegreich über den chinesischen _ wehen, und, am den Mauern Pekings aufgepflanzt, den Chinesen den Frieden diktiren." Allerdings ist sich der Kaiser der Schwierigkeit dieser Aufgabe wohl bewußt, das zeigt schon die Mobilmachung eines Theils unserer Schlacht­flotte, der erstklassigen LinienschiffeKurfürst Friedrich Wilhelm ,Brandenburg" undWörth". Auch in seiner Wilhelmshafener Rede hat der Kaiser den Ernst der Lage gewürdigt:Ihr werdet", so wandte er sich an die herausziehenden Soldateneinem Feinde gegenüber stehen, der nicht minder todesmuthig ist, wie Ihr. Von europäischen O fizieren ausgebildet, haben die Chinesen die europäischen Waffen brauchen gelernt." Trotzdem sieht der oberste Kriegsherr hoffnungsvoll in die Zukunft und mit Genugthuung erwähnt er die Kameraden von der Marine-Infanterie und Meiner Marine, die, wo sie mit ihnen zusammengekommen sind, den alten deutschen Waffenruf bckiäftigt und bewährt und mit Ruhm und Sieg sich vertheidigt und ihre Auf­gaben gelöst haben." In allen Berichten über H Kämpfe, an denen sich unsere Truppen in China bethciligt haben, steht in der That die Bravour im Vordergründe, welche sie den Andern voran bewiesen haben. Den deutschen Soldaten hat das Seymoursche Korps seine Rettung zu verdanken. Der Bericht des englischen Admirals an das Londoner Marineamt zeigt, daß der Chef des deutschen Geschwaders gewiß nicht zuviel gesagt hat, wenn er in

seinem kurzen Berichte die Leistungen unserer Truppen als vorzüglich rühmte. Sie standen bei dem Kampfe um das Arsenal von Tientsin in vorderster Reihe, brachten zwei Geschütze der Chinesen zum Schweigen, gingen über den Fluß, erbeuteten diese Geschütze und ermöglichten es, daß das Arsenal von den fremden Truppen erobert werden konnte.

Der Ernst der Lage in Ostasien erweitert den Kreis der ursprünglich geplanten Maßnahmen. Nach dem der Kaiser die Mobilmachung der ersten Division des ersten Geschwaders angeordnet hatte und das deutsche Reich sich dadurch zum ersten Male vor die Nothwendig­keit gestellt sieht, zur Wahrung seiner Ehre einen Theil seiner Linienschiffe, dieses wichtigsten Bestandtheils der jungen Flotte, in fremde Meere zu entsenden, ist von dem Kaiser jetzt auch beschlossen worden, daß sofort ein aus Freiwilligen der Armee bestehendes Expeditions­korps in der Stärke einer gemischten Brigade aufgestellt werde. Außer den 1760 Mann der ersten Division des ersten Geschwaders würden also noch gegen 7 8000 Mann Infanterie nach China abgehen. Auch diese werden mit möglichster Beschleunigung zur Abreise vorbereitet werden. Da auch die übrigen Mächte fortgesetzt rüsten, so darf das Schicksal Chinas heute schon für besiegelt angesehen werden. Besonders leisten Rußland und Japan Hervorragendes in der fortgesetzten Entsendung von Verstärkungstruppen, aber auch die übrigen euro­päischen Mächte bleiben nicht zurück, und selbst in den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat man im Hinblick auf die ernste Wendung, die die China'rage durch die Ermordung des deutschen Gesandten genommen hat, aufgehört, den Gleichgültigen zu spielen. Jeden falls werden den Chinesen in kürzester Frist weit mehr als 100 000 Mann internationale Truppen gegenüber- stehen. Auch die Umgebung unserer deutschen Kolonie Kiautschau, welche vom Schauplatz der letzten Ereignisse in der Provinz Tschili weit ab liegt, ist von den Un­ruhen in China nunmehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Wie aus Shanghai gemeldet wird, wurden die deutschen Kohlenbergwerke in Jtschaufu in Brand gesteckt. Die Deutschen erwarten eine Kavalleriecscoite des Gou­verneurs, die sie in Sicherheit bringen soll. Chinchau ist von den Boxern angegriffen, die Missionsanstalten sind niedergebrannt worden. Die Missionare retteten nur mit genauer Noth ihr Leben.

In den Korpsbekleidungsämtern wird eine be­deutende Betriebserweiterung vorbereitet. Bisher werden in diesen, vollkommen fabrikmäßig betriebenen Anstalten nur die Schuhwaaren angefertigt, zu welchem Zwecke Schuhmacher als Oekonomiehandwerker eingestellt sind; andere Lederwaaren und die Bekleidungsstücke werden in diesen Etablissements nur zugeschnitten und zur Ver­arbeitung anderweit vergeben. Künftighin sollen aber in allen Bekleidungsämtern sämmtliche Uniformen her- gestellt werden, und aus diesem Grunde erfahren die Anstalten allenthalben bauliche Erweiterungen. Diese Umänderung wird allmählich ausgeführt, um den bei den Truppentheilen befindlichen Regimentsschneidern, deren Stellen dann ebenso wie vor Jahren schon die der Re- gimentsschuhmacher aufgehoben werden, eine Uebergangs zeit zu gewähren. Mit den Regimentsschneidern hören natürlich auch die von ihnen betriebenen Werkstätten, zu denen jetzt noch 24 Militärschneider bet jedem Regiment gehören, auf zu existiren.

Swinemünde. Bei einer Schlägerei zwischen Artille­risten und Gesellen sind vier Artilleristen ernochen worden. In der Nähe des VergnügungslokalsWaldschlößchen" wurde die von Messerstichen arg zugerichtete Leiche eines Artilleristen aufgefunden. Die Leiche eines anderen Artilleristen fand man auf dem Vorhofe der Kirche, die Unmenschen haben den Mann, nachdem er tödtlich ' verwundet worden, über das eiserne Gitter geworfen, hierbei ist dem Schwerverletzten eine Spitze des Gitters in das Knie gedrungen und dabei abgebrochen. Der i Mann hatte in seiner Todesangst beide Hände in die 1 Erde gewühlt. In der Schuluraße wurde die Leiche I des Unteroffiziers Schultz in einer Hausthür in sitzender f Stellung aufgefunden. E n vierter Mann des zweiten i Artillerieregiments wird vermißt, man vermuthet, daß j die Rauibolde ihn in das Wasser geworfen haben. In c Swinemünde herrschte begreiflicherweise große Aufregung i über den entsetzlichen Vorgang. f

Duisburg. Wegen Sittlichkeitsverbrechens wurde der s 30jährige Lehrer Wilhelm Wagner, welcher bisher an c

i der Mädchenschule in Wangenheim angestellt war, vom e Schwurgericht in Duisburg zu zehn Jahren Zuchthaus R und den üblichen Nebenstraien verurtheilt.

r Erfurt. 10 000 Mark für eine Rose, aber es > muß eine blaue sein, so schreibt derErfurter Führer", t eine wöchentlich erscheinende Zeitschrift für den Garten­freund. Es versteht sich von selbst, daß diese blaue Rose n nicht blau gefärbt oder künstlich präparirt ist, sondern ; auf einem Mutterstamm gewachsen ist, dessen Reiser sich n zur blauen Fortpflanzung treu erweisen. Zwischen Blau e und Blau ist allerdings ein Unterschied. Es ist nicht ' das Blauroth gemeint, wie es dieKönigin Marie 1 Henriette" zu unserem Aerger so schnell bei großer r Wärme zeigt, sondern das Blau, wie es im Auge des 1 blondlockigen Mädchens erscheint, das Blau, wie es der R italienische Himmel ausstrahlt und wie es das Meer wiedergiebt, das Blau, das uns in der Kornblume ent- t gegenlacht. Es ist merkwürdig um das menschliche 5 Wünschen, Wollen und Hoffen. Gäbe es blaue Rosen } allein, vielleicht böte Jemand die gleiche Summe für 1 für eine rothe oder weise Rose. Es ist aber Ernst um t die Sache. DerErfurter Führer im Gartenbau" ver- , bürgt sich dafür, daß diese Summe bezahlt wird (von t wem?), wenn es gelingen sollte, die blaue Rose zu ziehen, > und wenn ihm der alleinige Mutterstamm als Eigen- 1 lhum zugeführt wird.

i Ausland.

i Paris, 3. Juli. Dem Reuterschen Bureau wird : aus Tanger gemeldet, daß in Fez in Folge des Vor- i gehens Frankreichs in Tuat große Erregung herrsche.

Der englische Konsul habe die Hilfe der Behörden zum Schutze seines Hauses erbeten. In Tanger ist es be- - reits zu einem unangenehmen Zwischenfall gekommen. : Der Chef der Fezer Filiale eines französischen Hand. : lungsyauses Marcos Essagin, ein amerikanischer StaatS- . angehöriger, stieß bei dem Ritt durch eine enge Straße ! mit einem Jmam zusammen und streifte dessen Maul- : thier. Es entspann sich ein Wortwechsel, wobei eine Schaar von Fanatikern gegen Marcos Partei nahm. Da dieser sein Leben bedroht sah, feuerte er einen Revolverschuß ab, durch welchen ein Eingeborener ge- tödtet wurde. Sofort stürzte sich die Menge auf ihn, hieb ihn in Stücke und verbrannte diese. Der französische Gesandte machte sogleich, nachdem ihm die Sache ge­meldet war, dem amerikanischen Generalkonsul Mittheilung davon und beide thaten Schritte beim Ministerium der Auswärtigen Angelegenheiten, um gegen solche Vor­kommnisse Verwahrung einzulegen.

London, 5. Juli. Das Reutersche Bureau meldet aus Tschifu vom 3. d. Mts., der englische und russische Admiral kamen deshalb zu dem Beschlusse, daß der Ver- such zu dem Entsatze Pekings gegenwärtig nicht gemacht werden soll, weil die gesummte Streitmacht der Ver­bündeten, welche zur Zeit zusammengezogen werden kann, nur auf etwa 20,000 Mann sich belauft. 140,000 Mann kaiserlich chinesische Truppen sind jetzt zwischen Tientsin und Peking zusammengezogen. General Rieh soll mit 90,000 Mann zum Angriff auf Tientsin vorrücken. Tientsin ist schwer bedroht, die Chinesen erstürmten nach furchtbarem Blutbade, das unter ihren eigenen Truppen durch die Artillerie der Mächte augerichtet wurde, und nach heroischem Widerstände der vereinigten Truppen den Bahnkörper und die Station. Sie besetzten alle Brücken, so daß die Stadt erneut eingeschlossen ist. Nur die Flußroute ist theilweise noch offen, aber gleichfalls be­droht. Die Chinesen griffen vom Flußufer die Frauen und Kinder an, die sich auf einem nach Taku fahrenden Dampfer befanden, dessen Schicksal unbekannt ist. Ver- stärkungen werden dringend erfordert. Die unglaubliche Todesverachtung der Chinesen erhöht die Gefahr der Garnison.

Shanghai, 3. Juli. Seit 8 Tagen sind keine Mel­dungen aus Peking hier eingetroffen. Prinz Tuan soll die Niedermetzelung aller Ausländer in Peking beschlossen haben. Ein Gerücht besagt, Prinz Tuan lasse alle ge­fangen genommenen Mitglieder der Gefandtschastswachett öffentlich enthaupten. Die Bewohner der Gesandtscha ten sollen in der traurigsten Nothlage gewesen sein, als der chinesische Bote vor einer Woche abging. Frauen, die nicht schon direkt umgebracht waren, kamen vor Hunger um. Ein furchtbares Feuer wurde auf die englische Ge­sandtschaft unterhalten, deren Bewohner, eine bloße Hand­voll weißer Männer, Tausende von Chinesen in Schach