Wuchterner Rettung
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59 Mittwoch, den 25 Juli 1900. 51. JaHrgang.
auf die ..Schlüchterner Zeitung« ZPLllvUUllyt-ll toerbcn nod) fortwährend von allen ............. ~ Postanstalten undLandbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Die Nordlandsreise des Kaisers geht bereits rückwärts. Am Donnerstag traf die „Hohenzollern" von Drontheim in Molde ein.
— Vorläufig beabsichtigt die deutsche Reichsregierung noch nicht, weitere Truppenmassen, als bisher in Aus ficht genommen sind, nach China zu entsenden. Wenigstens schreibst die „Post", es sei an unterrichteter Stelle nichts davon bekannt, daß wie gerüchtweise verlautete, das Expeditionskorps auf die Stärke von 30—40 000 Mann gebracht werden solle. Wir wünschen von Herzen, daß es bei den bisherigen Aufwendungen bleiben möge.
— Die Chinesen sind ein zähes Volk, das sich so leicht nicht abschütteln läßt. Bekanntlich darf die chinesische Gesandtschaft in Berlin keine chiffrirtcn Telegramme in verabredeter Sprache und überhaupt keine Telegramme mehr absenden, ohne daß das Auswärtige Amt davon Kenntniß erhält. Jeder andere Gesandte würde unter solchen Umständen sofort seine Pässe verlangt haben und abgereist sein; aber die chinesische Gesandtschaft in Berlin hat die gegen sie gerichteten Verfügungen mit Stillschweigen hingenommen und ist geblieben! Endlich soll nun auch den deutschen Firmen, die Waffen liefern, ein Wink von der Regierung gegeben werden, daß sie fortan weder Waffen noch Munition an China liefern sollen; und die Admirale der Mächte werden in den ostasiatischen Gewässern einen Ueberwachungsdienst einrichten, um die Möglichkeit zu verhindern. Auch darüber sind die diplo. matischen Vertreter der Mächte ehedem fortgesetzt getäuscht worden: seit Jahren, so ist jetzt bekannt worden, haben die Chinesen, d. h der chinesische Staat, Waffen heimlich eingesührt, ohne daß andere eine Ahnung davon
hatten; und die europäischen, darunter leider natürlich auch deutsche Handelsfirmen und Rheder bat--» durch ihre Lieferungen dazu beigetroaen, El^"" ^u lange |U
Rüstnno-n Malich zu machen?
dir Anzeichen dafür, daß es sich um einen förmlichen
Krieg in großem Style handeln wird, nicht nur um militärisches Einschreiten auf der Linie Taka-Tientsin- Peking, sondern höchst wahrscheinlich auf sehr weit ausgedehnten chinesischen Gebieten. Wenn alle die Verstärkungen in China eingetroffen sein werden, die jetzt abgesandt sind, oder noch vorbereitet werden, könnten etwa 115000 Mann Truppen der verbündeten Mächte tu China zusammenkommen.
— In Sachen des Pferdeankau's für die nach China bestimmte deutsche Kavallerie geht der „Nordd. Allgem. Ztg." eine längere Zuschrift zu, die ganz im Sinne der neulichen Meldung der „Köln. Ztg." über diese Frage es rechtfeitigt, daß die Pferde in Australien angefaurt werden. Die Forderung, deutsche Pftrde nach China zu entsenden, beruht demnach auf einer völligen Unkenntniß der Seetransport-Verhältnisse, die bei einem Versandt ton Deutschland nach China Platz greifen würden. Wer je Gelegenheit gehabt habe, den Suezkanal und das Rothe Meer in den Sommermonaten zu passiren, der werde sich eine Vorstellung davon machen, daß ein immerhin empfindliches Thier, wie das Pferd, schwerlich die Rhede von Aden erreichen wird. „Voraussichtlich würden auf dieser Strecke 40 bis 50 pCt. verenden. Alsdann käme die Tour von Aden nach Colombo. In jetziger Jahreszeit herrschen im nördlichen Theil des Indischen Ozeans häufig sehr schwere Stürme. Die von der Durchfahrt durch das Rothe Meer geschwächten Thiere würden bei schlechtem Wetter wohl kaum die Reise bis Colombo aushalten, und von Colombo bis nach Tuka usw. beträgt die Entfernung auch noch 14 Tage bis 3 Wochen. Es würde also aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht ein Pferd lebend China erreichen. Sollten besonders günstige Umstände obwalten, und ein paar Thiere wirklich das Festland betreten, so würden diese unter allen Umständen sehr bald in dem heißen Klima zu Grunde gehen. Wesentlich anders sei es mit den australischen Pferden bestellt. Bekanntlich herrscht zur Zeit tn Austra- lieu Winter. Die Transporte von dort würden nur allmählich in wärmere Regionen kommen, den Acquator kreuzen und nach einer Fahrt von etwa drei Wochen die chinesischen Hä en erreichen. Die Wintertemperatur hält sich meistens über 0 Grad; vereinzelt kommen natürlich
für kurze Zeit tiefere Temperaturen vor. Im Sommer hingegen sind die Pferde gewohnt, auf der Weide die ärgsten Temperaturen durchzumachen. Werden doch 35 -37 Grad Reaumur im Schatten zuweilen monatelang gemessen Außerdem ist das australische Pferd, wie die meisten Weiden- und Steppenpferde, sehr anspruchslos in Bezug auf Futter.
Bremen. Auf den Schiffen, die zum Transport der für China bestimmten Truppen dienen sollen, sind vielfach chinesische Arbeiter, Heizer u. s. w. beschäftigt. Diese werden zu der Reise noch Ostasien nicht verwendet werden. Die Chinesen werden vorher abgelohnt und in England an Land gesetzt. — Das Ziel zahlreicher Abenteurer bilden gegenwärtig Bremen und Brcmerhaven. Zu Hunderten sind dort Leute jeglichen Alters und Standes aus allen Theilen des Reiches eingetroffen in der Meinung, daß es ihnen leicht sein werde, als Schlepper, Kohlenzieher, Steward rc. auf den nach Ostasien bestimmten Lloyddampfern Unterkunft zu finden. Diese Annahme ist Illusion. Eine schiffsamtliche Verfügung warnt jetzt vor diesem Zuge nach den genannten Seestädten, da der Bedarf an Arbeitskrä ten vollauf gedeckt ist und im Uebrigen nur durch das Hauptarbeitsamt des Norddeutschen Lloyd respektive der Packetfahrtgesellschaft ergänzt wird.
Aus Staßfurt wird geschrieben: Im benachbarten Dorfe Glöthe hatte der dortige junge Lehrer Grosche eine ernste und lieft Zuneigung zu der schönen Tochter des Oekonomen Niemann gefaßt. Die beiden jungen Leute fanden jedoch energischen Widerstand bei den Eltern der Braut. Sie hofften aber, diesen Widerstand mit der Zeit zu überwinden. Als sich in der Gesinnung des Vaters durchaus keine Aenderung zeigte, schmiedeten die Verliebten heimlich Pläne. Der junge Mann wurde dabei fast schwermüthig und kam schließlich zu dem unseligen Entschluß, sich und seine Braut zu tödten. Ob Letztere mit diesem Vorhaben einverstanden, konnte noch nicht festgcstellt werden, ist aber nicht anzunehmen, da Grosche seine Absicht Donnerstag Nacht meuchelmörderisch 'ySyihrte. Er lauerte dem Mädchen spät Nachts auf,
vrtg'esetzt mehren "siöMrat'Wn plötzlich ent^n -’tn£ schoß ihm eine Kugel
durch den Hals, eine zweite in die lrnkHÄle: ^Dü^s-
stürzte er sich auf seine Braut. Als er aber bemerkte, daß sie noch lebte, versuchte er in seinem Paroxysmus sie zu erwürgen, wurde daran jedoch durch Bekannte verhindert. Er floh in seine Wohnung um sich aufzu- hängen. Seine Verfolger nahten sich jedoch früh genug diese Absicht zu vereiteln und seine Festnahme zu veranlassen. Das Mädchen ist schwer, aber anscheinend nicht lebensgefährlich verwundet. Die eine Kugel konnte aller dings noch nicht entfernt werden.
Ausland
Brüffel, 21. Juli. Das hiesige Missionskloster er hielt heute die Nachricht von den gräßlichen Einzelheiten über den Märtyrertodte von 82 belgischen Missionaren; 17 wurden ans Kreuz geschlagen, die übrigen verbrannt, geviertheilt oder in Stücke geschnitten. Ein Dekret Tuans ordnete den Massenmord sämmtlicher christlicher Chinesen au.
London, Sun vom canadischen
20. Juli. Eine Depesche der Newyorker heutigen Tngc aus Fort William in der Provinz Ontario besagt, daß ein Trupp
Indianer in diesem Frühjahr die Ueberreite eines Ballons und zwei Männerleichen ausfand. Ein dritter Mann war noch am Leben, aber entsetzlich erschöpft, er bat die Indianer, seinem Leiden ein Ziel zu setzen, was sie denn auch thaten. Beamte der Hudson-Compagnie glauben, daß es Andree's Ballon gewesen sei.
England. Englands Verlegenheit, Truppen nach China zu entsenden, wird immer ärger. Der stellvertretende Kommandant der Truppen in Indien erklärte, er sei unmöglich, weitere Truppen nach China zu schicken, bevor nicht ausreichende Truppen aus Südafrika zuiückge- kehrt seinen. Man geht in London daher bereits mit dem Plane um, ei probte Mannschaften des KaplandeS dem Lord Roberts zur Verfügung zu stellen, um nur d e nothwendigsten Truppen für die China-Expedition zu erhalten. — Ueber Grausamkeiten der englischen Soldateska im Kriege mit den Buren berichtet ein Brief eines in den Reihen der Buren kämpfenden holländilchen Juristen, der seinen Düsscldoifer Verwandten u. a. Folgendes schreibt: „Es handelt sich um den Buren Fritz Kärel Kannemeyer aus KlerkSdorp, Distrikt Potschefstroom, und
um den Deutschen Baumann, Kaufmann aus Johannesburg. Dieselben standen bei Kimberley auf Borposten und wurden von englischen Lanciers abgefangen. Diese Leute übten nun an dem Deutschen das sogenannte „Pigsti- cking", indem sie ihn an einen Baum banden, 50 Schritte zurückritten und nun mit gefällten Lanzen auf den armen
Kerl einstachen Derselbe Leib, Arme und Gesäß, um Gnade, erhielt jedoch mit Beziehung auf hohe sönlichkciten eine Antwort,
erhielt vier Lanzenstiche in Der Aermste bat die Bestien von einem englischen Offizier festländische militärische Per- die hier nicht einmal ange
deutet werden kann. Endlich hatte dieser Offizier aber doch ein Einsehen und jagte dem Deutschen mit denWorten: „J will put him out of his misery“ eine Revolverkugel durch den Kopf. Nachdem Baumann abgethan,
kam Kannemeyer an die laubniß, sich mit seiner theidigen. Der gewandte schickt, daß er thatsächlich
Reihe. Dieser erhielt die Er« ledernen Satteltasche zu verjünge Bure that dies so ge- erft nach längerer Zeit vier
Lanzenstiche in die Arme und das Gesäß erhielt. Dies ärgerte die Engländer und nun nahmen sie dem Buren die Satteltasche ab und begannen mit ihm ein anderes ..Spiel", das „lemoncutting“, indem sie ihre Säbel zogen und im Antritt horizontal mit der Klinge über den Kopf des Gefangenen schlugen. Gleich der erste Lancier rasirte thatsächlich die Kopfhaut des armen Buren von der Schädeldecke. Kannemeyer bat, ihm doch auch, wie dem Deutschen, eine Kugel durch den Kopf zu schießen, doch darauf ließen sich die Engländer nicht ein, denn sie wollten dem General French durchaus einen Gefangenen mitbringen. Doch bereits nach 50 Metern stürzte der junge Bure bewußtlos zusammen und eine englische Ambulanz nahm ihn auf."
London, 20. Juli. Der Shanghaier Vertreter des „Daily Expreß" meldet: Ein chinesischer Kaufmann habe ihm die Einzelheiten der Scenen in Peking mitgetheilt, deren Augenzeugen er während der jüngsten Metzeleien gewesen sei. Danach wurden die europäischen Frauen von den Boxern auf die Straße geschleppt, entkleidet und in Stücke zerhackt. Die einzelnen Glieder wurden unter die Menge geworden. Einige der Frauen waren sie von ihren Beschützern erschossen worden waren. SlpffeffltÖiH-^^^ Leiche»
weißer Kinder auf Speerspitzen einher, andere §aldaten
: schössen darauf, bis der weiße Leib durch Blut roth gefärbt war. Der Kaufmann berichtete auch, daß rund um Peking 300 000 chinesische Truppen und Boxer, alle mit den besten und modernsten Waffen versehen, ständen. Ucberall erklärten sie den Krieg bis zum Tod gegen alle Fremden im Innern wie in allen Vertragshäfen. Für jeden weißen Kopf sei eine Belohnung ausgesetzt und reiche Beute sei allen versprochen. Besonderer Nachdruck wurde von Tuans Generalen darauf gelegt, daß die Truppen Gelegenheit haben würden, sich der weißen Frauen zu bemächtigen. Daß es die Chinesen auf die Schändung der Frauen ganz besonders abgesehen haben, ist schon aus vielen Einzelheiten hervorgegangen. Die Scheußlichkeiten, die sie verüben, trauen sie auch den Fremden zu. Sie sollen daher vor der Flucht aus Tientsin ihre dort zurückgelassenen Frauen getödtet haben, um sie nicht in die Hände der Europäer fallen zu lassen.
Aus Shanghai wird gemeldet: Man versichert, daß die Kaiserin-Mutter voriges Jahr, als sie Japan ein Offensiv- und Defensiv-Bündniß angeboten, einen Vertreter nach Tokio entsandt hat, um ein gemeinsames Abkommen zwecks Ermordung sämmtlicher Fremden in China und Japan vorzuschlagcn Dieser Vorschlag wurde abgelehnt.
Dem „Daily Expreß wird aus Ticutsin vom 18. Juli gemeldet: Die Verbündeten erbeuteten die Kasse des Generals Nieh und des VizekönigS, welche 1'/« Millionen Täcks enthielten. Amtlichen chinesischen Meldungen zufolge wurden große Massen Mandschutruppen nach Mulden gesandt, um den von Wladiwostok gegen Peking vorrückenden Russen entgegenzutreten und ihnen eine Schlacht zu liefern.
Tschifu, 17. Juli. 15000 Javaner sind gelandet und gehen sofort mit vollem Trainpark, Ambulanzen und sehr starker Artillerie nach Tientsin ab, von wo sie auf der alten Heerstraße gegen Peking vorzudringen suchen sollen, sobald sie mit den übrigen verbündeten Truppen die Chinesen zur Freigabe der Straße gezwungen haben. Die Chinesen erhalten fortgesetzt Verstärkungen. Neun Kriegsschiffe gingen zum Schutze ShanghaiS und der übrigen Südhäfen ab,