SchlüchternerZeitung
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J£ 73. Mittwoch, den 12. September 1900. 51. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser hat den ersten Legationssekretär bei b der kaiserlichen Gesandschaft in Peking, Herrn v. Below- r" Saleske, zum Legationsrath befördert. Einem Briefe d des Herrn v. Below an seinen Vater entnehmen wir | Folgendes : „Mit noch fünf anderen Herren hatten wir k uns ein kleines Zimmer, welches kaum sechs Meter im I Geviert war, als letzten Zufluchtsort ausgesucht und s dasselbe mit allen möglichen auszutreibenden Revolvern und anderen Schießwaffen ausgerüstet. In der Mitte stand ein Pulverfaß, mit welchem wir uns beim Ein- k dringen der gelben Mörderbande, um denselben nicht | lebend in die Hände zu fallen, in die Lust sprengen ; wollten. Doch Gott sei Dank blieb uns diese ultima ratio erwart und das Nähere über unsere Befreiung : habt Ihr schon aus den telegraphischen Berichten gehört "
* — Rohstofftarif für Kohlenzutuhren. In der ; letzten Sitzung des Staatsministeriums wurde, wie der : „Reichs- und Staatsanzeiger" mittherlt, beschlossen, in Anbetracht der Schwierigkeiten bei der Kohlenversorgung die Zufuhr ausländischer Kohle dadurch zu erleichtern, daß der Rohstofftarif für die Zeit des Weiterbestehens । der zeitigen Verhältnisse, mindestens aber für 2 Jahre, > allgemein eingeführt wird. Die preußischen Staats- . ; bahnen sind mit sofortiger Durchführung dieser Maßregel in ihrem eigenen Bereich und, soweit erforderlich I zur Verhandlung mit den betheiligten Bahnen beauftragt Der Regierung gebührt für diese Maßregel, mit deren Durchführung sie für die Dauer von 2 Jahren auf einen erheblichen Theil ihrer Eisenbahneinnahmen verzichtet, alle Anerkennung. Allerdings sind auch die Preise für ausländische Kohlen neuerdings im Anziehen begriffen, aber für den Augenblick wenigstens wird eine 3 merkliche Erleichterung zu spüren sein, da selbst ein be- r scheidener Wettbewerb unsere Grubenbesitzer an einer
1 weiteren Preistreiberei hindern wird und durch die
Frachtermäßigung auch die Beförderung ihrer Kohlen , | sich billiger stellt.
. I — Nicht weniger als 8000 Hektoliter Bier in { Fässern hat die Militärverwaltung den ostasiatischen , t Truppen, einschließlich der in diesen Tagen abreisenden j > Expedition mit auf die Fahrt gegeben. Dies Bier in j Gebinden, das für die Tropenländer nicht eigens zubereitet worden, ist lediglich dazu bestimmt, den Bedarf l der Mannschaften bis zum Aequator zu decken. Da- 1 rüber hinaus wäre es nicht von Bestand, und für die fernere Seereise kommt dann Flaschenbier zur Verwcnd r ung, das durch ein besonderes Verfahren für den Ge- brauch in der heißen Zone zubereitet worden ist.
Konitz, 8. Sept. Der Erste Staatsanwalt beantragte Gegen den Händler Jsraelski wegen Begünstigung 5 Jahre Gefängniß. Jsraelski wurde freigesprochen. Ferner hatten sich am Freitag vor dem Schöffengericht zwei Frauen mosaischer Confession wegen Beleidigung des Fleischermeisters Hoffmann, den sie der Mordthat bezichtigt hatten, zu verantworten. Die eine wurde zu einer Geldstrafe von 1000 Mark verurtheilt, die zweite zu einer solchen von 200 Mark.
Oranienburg. Ein unliebsamer Vorgang hat sich I'm Lehrerseminar zu Oranienburg zugetragen. Die Ende voriger Woche begonnene Abgangsprüfung der Seminaristen ist auf Beschluß der Prüfungskommission plötzlich abgebrochen worden; es hatte sich »ämlich herausgestellt, daß die Examinanden grobe Ord- tiungswidrigkeiten und Verstöße gegen die Prüfungsvor- lchriften begangen haben. Für die Schuldigen wird das ichwere Folgen haben; ihre Lehrerlaufbahn ist auf alle - Fälle zerstört; insbesondere sind die Eltern der jungen L z “ente zu bedauern, die erwartet hatten, ihre Söhne jetzt io | als Lehramtskandidaten heimkehren zu sehen. Die Unter- 1(1 I wchung ist im Gange.
' i Bochum. Vom rheinisch - westfälischen Eisenmarkt 0 schreibt man der „Voss. Ztg": Die Kauflust auf dem 0 : Eisenmarkt hat an Regsamkeit derart eingebüßt, daß die Werke — wenngleich sie es vielfach noch nicht eingestehen n sollen — nicht ohne Besorgniß in die nächste Zukunft D schauen. Um diese Besorgniß verstehen zu können, muß 0 ; Man sich vergegenwärtigen, daß die meisten Betriebe in ' : ,cn letzten Jahren mit einem mehr oder minder erheb- , "chen Kostenaufwand erweitert worden sind und die er- i wartete angemessene Verzinsung der erhöhten Gesellschafts- > «apitalicn im Falle einer längeren ungenügenden Be- : schäftigung der Werke sich nicht wird ermöglichen lassen.
Daß Arbeiterentlassungen noch nicht stattgefunden haben,
hat seinen Grund in dem Umstände, daß kein Werk das erste sein möchte, das sich zu dieser Maßregel entschließt. Selbst in Stab- und Bandeisen ist das Geschäft ungewöhnlich still geworden. Nur in Eisenbahnschienen liegen noch genügende Aufträge für längere Zeit vor. Auf dem Roheisenmarkt macht sich die Geschäflsstille einstweilen noch wenig fühlbar, wenngleich deutliche Anzeichen dakür vorhanden sind, daß der Bedarf an Roheisen nicht , mehr so groß ist wie früher. Die verminderte Unter- ; nehmungslust auf allen Gebieten macht sich auch bei der । Beschäftigung der Maschinenfabriken, Eisengießereien, Kesselfabriken und Konstruktionswerkstätten fühlbar.
Aus Schlesien 6. September. Die Verhandlungen bezüglich des Grunderwerbs für den im südlichen Theile des Kreises Sprottau zu errichteten Truppenübungsplatz für das 6. Armeekorps sind jetzt im Großen und Ganzen abgeschlossen. Zum weitaus größten Tbeile liegt das benöthigte Gelände in den ausgedehnten Waldungen des Kammerherrn und Burggrafen zu Dohna Mallmitz; ver- hältnißmäßig kleine Flächen sind von der Stadtgemeinde Sprottau und von der Dorfgemeinde Liebichau angekauft worden. Der ganze Platz wird eine Größe von 60 Quadratkilometer (über eine Quadratmeile) haben und somit an Umfang alle bisher bestehenden Truppenübungsplätze, den zweitgrößten bei Loburg im Bereiche des 4. Armeekorps noch um 10 Quadratkilometer übertreffen. Gegenwärtig sind große Arbeiterkolonnen aus aller Herren Ländern angeworben worden, die bei einem täglichen Verdienst von 3 bis 5 Mark mit der theilweisen Ab- Holzung des Geländes beschäftigt sind. Der Uebungsplatz wird insgesammt sieben Schußlinien erhalten, von denen zwei bis zum 1. April nächsten Jahres fertiggestellt sein müssen, da bereits vom 1. Mai ab zwei Artillerieregimenter zur Abhaltung von Schießübungen daselbst eintreffen werden. Die inmitten des Platzes gelegene Dorfgemeinde Koberbrunn hat der Militärfiskus ebenfalls antaufen müssen, und schon am 1. November d. I. müssen die Bewohner, die für ihre Besitzungen angemessene Entschädigungen erhalten, den Ort geräumt haben; zahlreiche Gebäude desselben sollen als Schieß- objekte dienen. Von anderen menschlichen Ansiedelungen verschwinden auch noch das gräfliche Jagdschloß „Waldhaus", in dem so mancher Fürst und so mancher Vertreter des Hochadels als Jagdgast gewohnt hat, und das ebenfalls dem Burggrafen zu Dohna gehörige Seevorwerk.
Mainz, 29. Aug. Welche Folgen es haben kann, wenn bei Beschwerden von Militärpersonen, auch von solchen des Beurlaubtenstandes, der Instanzenweg nicht eingehalten wird, erfuhr zu seinem Schaden wieder ein hiesiger Geschäftsmann. Er gehört der Landwehr des ersten Aufgebots an und war wegen Fehlens bei der Kontrolversammlung mit einem Tage Arrest bestraft worden. Nach Verbüßung der Strafe richtete er einen Brief an das Korpskommaudo und beschuldigte den Bezirksoffizier der Parteilichkeit, weil er andere, die ebenfalls gefehlt hätten, nicht bestraft habe. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet junb dabei die Unwahrheit der Beschuldigung festgestellt. Daraufhin kam der Beschwerdeführer vor ein Kriegsgericht, das ihn zu sechs Monaten Festung verurtheilte. Das Korpskommando hat das Urtheil bestätigt. — Ein 66jähriger Freiwilliger für China. Einen für sein Alter erstaunlichen Drang nach kriegerischen Thaten bekundet der bereits 66 Jahre alte Schuhmacher Schäfer aus Uffhofen in Rheinhessen. Schäfer, der noch ein Mann von martialischem Aeußeren ist, erschien dieser Tage bei dem Meldeamt in Mainz und bot sich als Freiwilliger für das Expeditionskorps nach China an. Als man ihm bedeutete, daß er sich in die heut übliche Art des Dienstes doch wohl nicht mehr einleben könnte, wies er auf seine zwölfjährige, von 1855 bis 1867 abgeleistete Dienstzeit hin und betonte, daß ein alter Soldat sich leicht in alle Verhältnisse schicken könnte. Den Hinweis auf sein Alter beantwortete er damit, daß ja auch der noch etwas ältere — Graf Walderiee nach China abgereist sei Er sei völlig gesund und fähig, jede Strapaze zu ertragen. Er sei zu dem Entschluß gekommen, da er alleinstehend sei. Seine Frau habe er verloren, und seine Kinder seien bereits erwachsen und verheirathet. Man versprach dem Tapferen, seinen Antrag später, wenn dies nothwendig werden sollte, gern zu berücksichtigen. — Theuerer Wein. Wie man von bestinformirter Seite erfährt, ist kürzlich von dem Baron von Rothschild in Paris zu fabelhaftem
Preise ein Posten Flaschenweine von der Gutsverwaltung des Schlosses Johannisberg getauft worden. Es waren 120 Flaschen 1893er Schloß Johanmsberger Ausbeer- wein, die pro Flasche 100 Mk., in Summa die Kleinigkeit von 12000 Mk. gekostet haben.
Ausland.
Kopenhagen, 4. Sept. Der Bruder des Nordpolfahrers Andree, Kapitän Andree, erklärte, er sei überzeugt, daß auch die zuerst gefundenen Bojen Nachrichten von seinem Bruder enthalten hätten, daß dieselben aber verloren gegangen seien. Er berechnet, daß Andree erst gegen Ende dieses Jahres in bewohnten Gegenden eintreffen könne, falls er seinem Plane gemäß am Nordpol mit seinem Ballon gelandet ist.
Rußland. Zwecks Herbeiführung einer möglichst vollkommenen Organisation des Getreidetransportes zur Vermeidung der alljährlich im Spätherbst wiederkehrenden, durch die Anhäufung großer Massen Getreide auf den russischen Bahnstationen hervorgerufenen schweren Verkehrsstockungen, finden im russischen Ministerium der Kommunikationswege z. Z. eingehende Berathungen statt.
Pisa, 8. September. Leutnant Boselli mit seinen Stafettenreitern kam, von Deutschland zurückkehrend, hier an .und wurde vom Grafen von Turin, der ihm seine Glückwünsche aussprach, empfangen. Boselli wird sich mit seinen Leuten Morgen nach Neapel begeben, um dem König Victor Emanuel ein Handschreiben des Kaisers Wilhelm zu überreichen.
Glasgow, 4. Sept. Es wird amtlich gemeldet, daß sich die Pest nach Govan verbreitet hat, wo gestern ein Knabe an der Pest starb. Es verlautet, daß in Glasgow am Montag drei weitere verdächtige Fälle vorgekommen sind. In einem amtlichen Bulletin wird angegeben, daß die Zahl der im Hospitale behandelten Pest- fälle 15 beträgt und daß sich weiter 118 Personen unter ärztlicher Beobachtung befinden.
London, 7. Sept. „Daily Mail" wird aus Bad- fontein gemeldet: General Buller ließ den Vorposten der Buren mittheilen, daß Transvaal annektirt sei und ließ sie fragen, weshalb sie den Kampf noch fortsetzten. Die Buren antworteten, es geschähe dies auf Befehl Bothas und sie erkundigten sich, ob die Gefangenen noch immer nach Ceylon geschickt würden. Auf bejahende Antwort erfüllen sie, daß sie niemals entschlossener gewesen wären, den Kampf bis aufs Blut fortzusetzen, als jetzt Am anderen Tage griffen sie thatsächlich die englischen Vorposten an.
China. Auf den Vorschlag der russischen Regierung, die Räumung Pekings von den europäischen Truppen betreffend, lautet die Antwort der Regierung Deutschlands, daß die deutschen Truppen auf jeden Fall in Peking verbleiben sollen. — Ein neuerliches sehr trotziges Dekret der Kaiserin-Wittwe wird soeben bekannt. Das bereits auf der Flucht erlassene Dekret besagt, der Hof flüchtete von Peking infolge der Ruhestörungen zwischen Boxern und Christen, damit nicht der Kaiser getödtet werde und so Niemand vorhanden gewesen wäre, die Ahnenverehrung fortzusetzen. Die Kaiserin ermähnt die Vizekönige sich zu vereinigen, um die China zugefügten Nachtheile zu rächen, Steuern zu erheben und Truppen zu werben. Da die Vizekönige den Muth verloren haben, so werden die Worte der Kaiserin allerdings wenig fruchten. Wie noth China gegenüber Energie und Strenge thut, lehrt aber auch dieses Dekret.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 11. September.
* — Im Lau'e der vergangenen Woche fand am jiefigen Seminar unter Leitung des Herrn Provinzial- Schulrathes Otto und des Herrn Regierungs-Schulrathes Sternkopf die Abgangsprüfung statt, an der 32 Zöglinge des Seminars und 2 auswärtige Bewerber theil- nahmen. In der schriftlichen Prüfung wurden folgende Themata bearbeitet: Religion: „Ich glaub an eine allgemeine christliche Kirche." Deutsch: Was lernt der Lehrer von dem Spruche: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, aber die Schwachen." Mathematik: Aufgaben aus der Algebra, Geometrie und den Bürgerlichen Rechnungsarten. Geographie: Die Gletscher. Geschichte: Preußens Verfassung. Naturkunde: Sinne und Organe des Raubthiers in Bezug auf deren Lebensweise. Mündlich wurden alle Fächer des Seminarunterrichts geprüft; außerdem hatte noch ein jeder Abi»