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M 30. Samstag, den 13. April 1901. 52. Jahrgang.
iWdhtn^n auf bie .Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen -- Postanstalten und Landbriefträgern,
sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der ehemalige Kommandeur des Kanonenboot „Iltis" Korvettenkapitän Lans, ist dieser Tage vom Kaiser in Audienz empfangen worden und war dann mit dem neuen Gouverneur des Kiautschaugebietes, Kapitän Truppel, zur kaiserlichen Frühstückstafel geladen. Bei dieser Gelegenheit ließ der Kaiser von dem Kapitän Lans über den Angriff auf die Taku-Forts wie über die ganze Gefechtsthätigkeit des „Iltis" eingehenden Vor- trag halten.
— Die deutsche Anleihe soll, wie in Pariser Bank- und Finanzkreisen versichert wird, von französischem Kapital allein viermal gezeichnet worden sein. Angeblich sollen die Zeichnungen hauptsächlich von den geistlichen Orden ausgehen, die ihren Besitz an franzö- fischen Werthen veräußern und den Erlös in deutscher Rente anlegen. Auch Private, die nichts mit den Orden gemein haben, suchten deutsche Geldanlagen.
— Englische und deutsche Kohle. Die englische Kohle beginnt der deutschen bedeutende Konkurrenz in Folge des billigeren Preises zu machen. So haben der Norddeutsche Lloyd in Bremen, die englische Gasanstalt in Berlin und andere große Betriebe mit englischen Gruben Lieferungsverträge abgeschlossen und beziehen nicht mehr aus den westfälischen Gruben. Die Preis- differenz soll ziemlich 25°/0 betragen, für große Betriebe etwas Bedeutendes.
— Zur Frage der Entschädigung der aus Trans- ; vaal vertriebenen Deutschen scheint die britische Regierung Hits) grundsätzlich zustimmend zu verhaken, wenigstens s ist in London schon eine Kommission eingesetzt worden, die sich mit der Feststellung dieser Angelegenheit beschäftigen soll. Dem Vernehmen nach sind auch viele anfechtbare Forderungen eingegangen, man werd daher erst die Spreu vom Weizen sondern müssen, ehe an eine bestimmte Festsetzung gegangen werden kann.
— Die Lage der deutschen Arbeit läßt sehr viel zu wünschen übrig. Die Lebenshaltung breiter Bevölker- rungsschichten ist gegenwärtig tief herabgedrückt. Betriebs- beschränkungen und Arbeiterentlassungen sind heutzutage so alltäglich, daß sie kaum noch Beachtung finden. In Berlin z. B. waren im Januar, wie wir einer Aufstellung des „Bert. Tagebl." entnehmen, in nur 15 Erwerbszweigen von 82 910 organisirten Arbeitern, deren Verhältnisse man genau feststellte, 22,629 beschäftigungslos. Man kommt den wirklichen Zuständen jedenfalls sehr nahe, wenn man annimmt, daß überhaupt von allen in Industrie und Gewerbe thätigen Arbeitern der vierte Theil gegenwärtig entweder ganz feiern muß oder doch sehr ungenügend beschäftigt ist. Und die Aussicht auf Besserung ist gering. Wir leiden nämlich nicht nur unter der Weltmarktkrise, die durch eine etwaige Beendigung der südafrikanischen und chinesischen Wirren wohl eine Abschwächung, aber keineswegs ihr Ende erreichen wird. Wie die Verhältnisse auf dem Weltmärkte zurück- gingen, beweist auch die englische Handelsstatistik, nach der Großbritauien im letzten Februar für 40 Millionen M. weniger ausführte, als im gleichen Monat des Vorjahres. In der deutschen Maschinen- und Kleineisenindustne sind weitgehende Betriebsbeschränkungen eingetreten. Manche Fabriken sind gänzlich geschlossen, in anderen ist die Arbeitszeit verkürzt. In manchen Theilen dieser Industrien ist kaum der vierte Theil der Arbeiter noch beschäftigt. Auch die Elektrizitätsindustrie liegt darnieder. Die Lage der Textilgroßgewerbe ist im Allgemeinen gleichfalls eine ungünstige; nur in einzelnen Bezirken wird von einer ausreichenden Thätigkeit berichtet. Seit einiger Zeit ist der schlechte Geschäftsgang auch in der chemischen In- dustrir fühlbar. Die Lage der weit verbreiteten deutschen Möbelindustrie ist noch immer schwierig, selbst in den Luxusindustrien, die fast ausschließlich für die bemittelten Kreise der Bevölkerung arbeiten, macht die Krise tiefen Eindruck. Das Einkommen anch dieser Kreise ist stark gesunken. Sie haben besonders in Jndustrieaktien und auch bet anderen Kapitalanlagen in den letzten Jahren schwere Verluste erlitten, gleichzeitig sind jedoch die Kosten der Lebenshaltung größer unb die Erträge fast jeder Erwerbsthätigkeit kleiner geworden. Und trotz des stets geringer werdenden Verdienstes aus allen Unternehmungen
wird die Steuerschraube von Jahr zu Jahr immer kräftiger angezogen.
•— Für die enorme Zunahme der Berliner Mieths- Preise in den letzten 30 Jahren bietet einen Beweis das Stadtpostamt Nr. 35 in der Lützowstraße. Die für dies Postamt zu zahlende Jahresmiethe, welche bei beffen Einrichtung im Jahre 1867 450 Thaler betrug, ist nach nnd nach auf die Summe von 22 800 Mark angewachsen!
Kiel Die Untersuchung des großen Kriegsschiffes „Kaiser Friedrich III." ergab, daß der Grundstoß bei Adlergrund die neuliche Brandkatastrophe verursacht hat. , Der Doppelboden des Schiffes, der das Masutlager enthält, zersprang, und durch die Risse floß das Oel in die Heizräume, die sofort in Flammen standen. Die Matrosen begaben sich erst nach oben, als alle Maßregeln getroffen waren, um nach Möglichkeit ein weiteres Ausbreiten des Feuers zu verhüten. Mehrere Mann erhielten Brandwunden. Die Offiziere wiesen auf den Ernst der Lage hin. Prinz Heinrich von Preußen, der mit Ruhe und Entschlossenheit die Arbeiten leitete, erwiderte: „Ich weiß, was auf dem Spiele steht, und ich verlasse als letzter den Posten." Der Schaden ist groß.
Schwerin. Der junge Grgßherzog Friedrich Franz IV. von Mecklenburg-Schwerin hat am 8. April die Regierung angetreten. Das Regierungsblatt veröffentlicht, wie aus Schwerin telegraphirt wird, aus Anlaß dieses Ereignisses einen Gnadenerlaß. Allen Personen, gegen welche bis zum heutigen Tage wegen Uebertretungen auf Haft oder Geldstrafen oder wegen Vergehen auf Freiheitsstrafen von nicht mehr als 6 Wochen oder auf Geldstrafen von nicht mehr als 150 Mark rechtskräftig erkannt wurde, ist diese Strafe, so weit sie heute noch nicht vollstreckt ist, erlassen.
Paderbor», 10. April. Das „Wests. Volksblati" meldet aus Peckelsheim: Im hiesigen Krankenhause sind Schwarzen Pocken ausgebrochen, die durch russische Arbeiter eingeschleppt sind. Die Oberin und ein Kind sind bereits gestorben. Sämmtliche Schwestern bis auf eine sind erkrankt.
Gießen, 7. April. Nach Angabe des „G. Anz." hat sich in einer hessischen Stadt herausgestellt, daß eine Firma mit 3 Geschäftsinhabern Jahre hindurch größere Beträge an Steuern dem Staate entzogen haben. An Strafe und Nachzahlung wurde jetzt den Schlaumeiern sage und schreibe 170,000 Mk. abgefordert.
Ausland.
Rußland. Das Elend der Hungersnoth hat durch den strengen Winter, die gewaltigen Schneestürme und harten Fröste im Süden des Reiches, besonders in Bessarabien, eine äußerst kritische Verschärfung erfahren. Hatten die Bauern bereits vordem kein Brot, so siecht jetzt auch ihr ganzer Viehbestand dahin. In den Dörfern fehlt jeder Getreide- und Viehvorrath, da sie wochenlang von den entfernt liegenden Städten durch ein Schneemeer, das nur mit Lebensgefahr durchquert werden konnte, getrennt waren, Den Bauern wurde in der Stadt Arbeit mit einem Tageslohn von fünf Rubeln (etwa 10 Mark) angeboten, aber trotz des Verhungerns entschlossen sich nur wenige dazu, wegen der drohenden Gefahren, nach den Städten aufzubrechen. Diese wurden dann auch Opfer der Schneestürme, deren Zahl sich auf Tausende beläuft. Zwanzig v. H. der Bevölkerung siecht jetzt am Hungertyphus dahin. Die Regierung hätte dem Elend größtentheils vorbeugen können, wenn sie, wies es in der Presse verlangt wurde, rechtzeitig im Herbst für den Bau von Landwegen gesorgt und hiermit eine Organisation öffentlicher Arbeiten verknüpft hätte.
London, 10. April. .Daily Telegraph" meldet aus Peking: Rußland verlangt außer den Privilegien in der Mandschurei die Auszahlung einer Entschädigungssumme von 450 Millionen Taels. Rußland wird außerdem Zweigstellen der russisch-chinesischen Bank im ganzen Osten und sogar in Indien errichten.
Transvaal. Praktische Erfolge haben die in Nord Transvaal operirenden englischen Generale French und Plumer nicht zu erringen bisher vermocht. Die Buren haben ihre Gegner bisher möglichst viel geschädigt, sind aber jedem ernsten Kampfe ausgewichen. In London glaubt man selbst nicht, daß sich die beiden Generale in dem Fieberbezirk von Pietersburg halten können und werden. Zur Pest noch Fieberkrankheiten, das wäre des Guten doch etwas zu reichlich. Bei Pietersburg
endet auch die Bahn, so daß damit die Engländer auf Pferde und ihre eigenen Füße angewiesen sind, falls sie noch weiter vorrücken wollen. Dewet und Botha stehen zur Zeit an der Grenze von Transvaal und Oranjefreistaat, Delarey zieht sich von Pietersburg nördlich in das unwegsame Gebirge zurück. Dewet und Botha befinden sich also noch immer inmitten des von den Engländern besetzten Geländes, aus dem sie längst verjagt sein sollten, und auch im Kaplande, das von Buren völlig frei sein sollte, stehen noch weit über tausend Mann.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchteru, 12. April.
* — Versetzt wurden in gleicher Eigenschaft von Schlüch- tern der Seminarlehrer Heinz nach Reydt und der Seminarlehrer T e ch t e r nach Wunstorf in Hannover. — Der Lehrer W a l t h e r dahier ist zum commisfarischen Seminarlehrer am hiesigen Seminar ernannt worden.
* — Der außerordentliche Pfarrer Reich zu Preungesheim wurde mit Versehung der neugegründeten Hilfspfarrerstelle zu Salmünster beauftragt.
* — Der Oberpostdirektionssekretär Groß aus Elm wurde als Kassirer an das Telegraphenamt zu Barmen versetzt.
* — Lehrlingsfrage und Fortbildungsschulen. Der preußische Gewerbeminister hae es als erwünscht bezeichnet, daß die Innungen beschsössen, vor der Lossprechung eines Lehrlings das Fortbildungsschulzeugnis einzufordern und ungenügende Leistungen, sowie zu tadelndes Betragen durch Nachlernen zu bestrafen. Verschiedene Innungen haben bereits demgemäß beschlossen.
Gersfeld, 9. April. Die Entwickelung der Rind- viehzuchtgenosscnschaft des landwirthschaftlichen Kreis- ver tuS Gersfeld ist fortdauernd eine befriedigende. Am 17. April soll dahier ein großer Zuchtviehmarkt abgehalten werden, auf welchen nur in das Stammregister eingetragene Thiere (Simmenthaler) sowie deren Nachkommen anfgetrieben werden dürfen. Viehzüchtern aus der näheren und weiteren Umgebung wird an diesem Markt die beste Gelegenheit geboten, sich von dem vorzüglichen Stand der Viehzucht im Bezirk Gersfeld, welcher schon Jahrzehnte lang Zuchtthiere aus dem Simmenthal mit bestem Erfolg eingeführt hat, zu überzeugen und ihren Bedarf an Zuchtvieh zu decken. — Die Gersfelder Rind- viehzuchtgenoffenschaft wird auch auf der Wanderausstellung der Deutschen Landwirthschaftsgesellschaft in Halle a. S. (13. bis 18. Juni 1901) eine Sammlung eingetragener Thiere ausstelleu.
Bad Brückenau. Die Restaurirung von Bad Brücke- nau schreitet rüstig vorwärts. Bereit in voriger Saison konnte das prächtige neue Kurhaus benutzt werden. In diesem Jahre wird nun ein neues Badehaus, das 24 Badekabinete mit moderner hygienischer Ausstattung enthält, seiner Bestimmung übergeben werden. Hoffentlich wird unser wohl etwas abgelegener Badeort in der hohen schönen Rhön auch in diesem Jahre wieder eine Erhöhung seines Besuches zu verzeichnen haben, wie auch im vorigen Jahre die Zahl seiner Badegäste von 2301 auf 2500 stieg. — Das Projekt einer Bahn Kiffingen- Brückenau kam jüngst in einer Interessenten-Versammlung zu Aschbach neuerdings zur Sprache. Das Resultat der Versammlung war der Beschluß, ein Komitee für den Distrikt Kissingen zu bilden. Dieses soll bei dem Distriktsrath um Bewilligung der Projektirungskosten von 5000 Mark nachsuchen und mit der Berliner Firma Becker u. Co., wegen Erbauung der Bahn in Verbindung treten.
Bacha, 7. April. Einen originellen und gar nicht Übeln Beschluß hat der hiesige zweite Vorschußverein gefaßt. Der Verein schenkt nämlich jedem Kinde seiner Mitglieder, das seit 1. Januar 1901 geboren ist, oder in Zukunft geboren wird, ein auf den Namen des Kindes ausgestelltes Sparbuch mit einer Einlage von 1 Mark, welche verzinst wird. Es foll damit der Zweck verfolgt werden, den Sparsinn zu wecken und wahrscheinlich auch dem Verein neue Mitglieder zuzuführen.
Rotenburg a. d. Fulda, 8. April. Der älteste Sohn des Graf-Regenten von Lippe-Detmold, Graf Leopold zu Lippe-Biesterfeld hat sich init der Prinzessin Bertha von Hessen-Philippsthal-Barchfeld verlobt. Der junge Bräutigam, der nächstens sein 30. Lebensjahr vollendet und als Aeutnant a la snite der Armee steht, hat also eine durchaus standesgemäße Wahl getroffen, ein Umstand, der vielleicht, wenn die Frage der Lippeschen