ZchluchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 36. Samstag, den 4. Mai 1901. 52. Jahrgang.
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Mfolllttt Attt auf die „Schlüchterner Zeitung" werben nod) fortwährend von allen --^ —— Postanstalten und Landbriesträgern,
„wie von der Expedition entgegen genommen
Deutsches Reich.
Berlin. Zur gestrigen Frühstückstafel beim Kaiser- mr waren geladen die Königin-Mutter der Niederlande, ie Herzogin von Albany mit Prinzessin Tochter und Staatssekretär von Podbilski. Nach der Frühstückstafel internahmen der Kaiser und die Kaiserin einen gemein- amen Spazierritt im Thiergarten.
— Da die Selbstverwaltung der Krankenkassen ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden ist, will die preußische Legierung einige organisatorische Veränderungen gesetz- ich einführen. Sie will nach der „Tägl. Rundschau" >ie von den Krankenkassen versäumte Angliederung an )it JnvalidemVersicherung durchsetzen, indem sie die Unter- siützungSpflicht der Krankenkassen auf26 Wochen ausgedehnt vird, so daß die Invaliden Versicherung gleich einsetzt, wenn die Unterstützung der Krankenkassen aufhört. Dann will die Regierung die Ortskrankenkassen zentralisiren und unter die Leitung von Gemeindebeamten stellen, und sie glaubt, diese Kassen würden dann eher im Stande sein, eine ordnungsmäßige Statistik über die Krankheitsursachen und den Verlauf und die Dauer der Krankheiten auf- zustellen und dadurch unschätzbares Material zur Beurtheilung und Bekämpfung der gewerblichen Krankheiten zusammentragen.
Altsland.
Petersburg, 29. April. In Taschkemmen (Russisch- Polen) fand am Sonntag, wie dem B. T. einPrivat-Telc- gramm mittheilt, eine große Versammlung statt, die von 3000 Personen besucht war. Während die Menge einem Vorfrage lauschte, ertönte plötzlich der Ruf „Feuer". Alles stürzte den Ausgängcn zu. Es brach eine entsetzliche Panik unter den Anwesenden aus. Bei dem Drängen ins Freie wurden 32 Personen erdrückt und 150 mehr oder weniger verwundet.
Peking, 1. Mai. Die Lage in China ist derartig, daß die fremden Truppenkontingente gegenwärtig nicht verringert werden dürfen. Chinesische Elite - Truppen sollen in beträchtlicher Stärke bei Pavtingfu stehen. — Die Befestigung des Gesandtschaftsviertels in Peking geht ihrer Vollendung entgegen. Die deutschen Kasernen sind mit Glacis und Gräben fertig. Die deutsche Seite beherrscht das Hatamenthor. Die mit Schießscharten versehene sechs Fuß dicke Mauer bildet die westliche Grenze der amerikanischen Gesandtschaft und beherrscht den kaiserlichen Palast. Das Glacis, rings um das Gesandtschaftsviertel ist auch fast vollendet. Ob unter diesen Umständen der chinesische Hof, dessen Regierungsmaschine in Singanfu, nach einer Meldung des Times-Korrespondenten, glatt arbeitet, nach Peking zurückkehrt, scheint diesem zweifelhaft. — Die „Pekinger Deutsche Zeitung", amtlicher Anzeiger der Kaiserlich deutschen Behörden in Peking, enthält in ihrer Nummer vom 6. Januar folgende Verfügung des „Kaiserlich deutschen Generalkommandos der im Gebiete der Reichshauptstadt befindlichen Truppen, gez. v. Höpfner" ; sie grenzt die der deutschen Verwaltung einstweilen unterstehenden Gebiete der Chinesenstadt Peking ab und schließt: „Wer mit Waffen in der Hand betroffen toirb, der wird sofort mit dem Tode bestraft. Wenn aus einem Hause geschossen wird, so wird dasselbe mit Feuer zerstört. Wenn von Offizieren nach Waffen gefragt wird, so find dieselben, wo welche vorhanden sind, sofort auszuliefern. Das Haus, in dem verheimlichte Waffen gefunden werden, wird mit Feuer zerstört. Rauben und Plündern wird auf der Stelle mit dem Tode bestraft. Ein Jeder gehorche mit Zittern! . . ." An dritter Stelle befindet sich eine Bekanntmachung der Zivilpräfektur von Deutsch-Peking, gez. Cordes, die unter anderem verheißt: „Wer die Straßen und Gassen im Rutschen Gebiete verunreinigt, wird mit Stockprügeln streng bestraft." Am Ende des Blattes befindet sich eine Verordnung derselben Zivilpräfektur vom 15. No- bembcr 1900, die lakonisch verkündet: „Jeder Chinese, welcher in der Zeit von Abends 8 Uhr bis Morgens 4 Uhr die Straße betritt, hat eine brennende Laterne Ri fich zu tragen. Zuwiderhandelnde werden mit Schlägen Rstraft."
Kapstadt. Cecil Rhodes entging am Samstag mit
knapper Noth der Gefangennahme durch die Buren unweit Kimberley. Dieselben sprengten die Bahn dicht vor seinem Zuge in die Luft. Aus Pretoria wird berichtet: Die Burenfrauen tragen noch stets dieselbe unversöhnliche Haltung zur Schau. Entgegen dem Verbot tragen sie stets die transvaalschen Farben. Als eine von ihnen deshalb zu Lord Kitchener entboten wurde, hielt sie ihm einen Revolver unter die Nase und fragte, ob hierfür wohl auch ein „permit" nöthig sei. Der edle Lord erschrak gewaltig und klingelte um Beistand. — Ein paar Tage vor der Austheilung einiger Viktoriakreuze wurde besannt gemacht, daß Afrikanermädchen den Helden die Orden an die Brust heften würden. Solche Mädchen hatten wir noch nicht gesehen: — sie trugen Backenbärte, Reitstiefel und Schleppsäbel. — Ueber die scheußliche Behandlung von Burenfrauen und -Kindern in Johannesburg erklärt ein deutscher Prediger: Nach meiner Meinung ist die Noth im „Politiekamp" am größten. Ich sah dort zwei vor Hunger sterbende Kinder auf einem Tisch liegen; es war kein Arzt anwesend, Nahrungsmittel waren nicht zu finden, nur Lumpen, in welche die übrigen Kinder gehüllt waren. Der Zustand ist hoffnungslos, denn die Gefangenen bekommen ausschließlich Maisbrei und nur hier und da etwas Salz. Die Militärbehörden haben die Lage auf einen unmenschlichen Standpunkt zurückgebracht. Der Prediger hat während der letzten sechs Monate in den Armenvierteln von Fordsburg, Vrededorp und Brickfields gewirkt und ist ihm die unerhörte Sterblichkeit unter den Kindern jeden Alters aufgefallen. Viele anständige Frauen geben sich, um ihre Kinder vom Hungertod zu retten, der Schande preis.
Lokales und Provinzielles.
* Schlächtern, 3. Mai.
* — Gestern, Donnerstag, Abend fand im Saale des Hotel Stern ein Vortrag über die wahre Lage und Sache der Buren von den durch England aus Transvaal ausgewiesenen Herren Sigmund und Charles Broll statt. Dieselben wurden, da ihre Mutter eine Deutsche war, nach Deutschland ausgewiesen. Es wurde von der gut besetzten Versammlung der Vorschlag, eine Depesche an den Präsidenten Paul Krüger zu senden, angenommen. Dieselbe hatte folgenden Wortlaut: „Sr. Excellenz Präsident Krüger, Hilversum (Holland) : Dem hochgeehrten Präsidenten von Transvaal unsere innigsten Glück- und Segenswünsche zum glücklichen Ende und Sieg der gerechten Burensache. Von der Versammlung der Burenfreunde im Saale des Hotel Stern in Schlächtern am 2. Mai 1901. Im Namen der Versammlung der Burenfreunde in Schlüchtern: Sigmund und Charles Broll.
* — Aus der Strafkammer-Sitzung vom 1. Mai.) Der Kaufmann Max St. aus Frankfurt machte sich selbständig und errichtete in Schlächtern ein Cigarren- geschäft. Das Vertrauen einer Orber Firma hat er insofern mißbraucht, als er die Waare zu seinen Gunsten verkaufte und die Beträge an die Firma nicht abführte. Wegen Unterschlagung erhielt er vom Schöffengericht zu Hilders eine Gefängnißstrafe von 2 Monaten zuerkannt. Seine Berufung hiergegen wird verworfen.
Fulda, 1. Mai. Auf dem Schlosse des Grafen Görtz zu Schlitz finden am nächsten Sonntag frohe Familienfeste statt. An diesem Tage feiert das gräfliche Paar seine silberne Hochzeit und die Mutter der Frau Gräfin ihren Geburtstag. Aus diesem Anlässe verläßt auch Se. Majestät der Kaiser auf einige Tage die Wartburg und trifft Samstag hier ein, um sich direkt nach Schlitz zu begeben. Bei dieser Gelegenheit wird Sr. Majestät auch die Braut des jungen Erbgrafen, eine Prinzessin von Thurn und Taxis, vorgestellt werden.
Gelnhausen, 30. April Die Stadt Frankfurt hat mit Beginn der milderen Witterung die Erbohrung neuer Wasserquellen bei Wirtheim mit aller Energie aufnehmen lassen. Es sind in den letzten Wochen eine große Menge Bohrwerkzeuge mit allem Zubehör, Feldbahngleis, Kippwagen rc. von hiesiger Station aus nach dem Bohrungsplatze bei Wirthheim geschafft worden. Es sollen noch drei Bohrlöcher geschlagen werden. Das Wasser soll nach dem Basin auf dem nahen Aspenheimer Kopf ge- leitetund in die Rohrleitung nach Frankfurt geführt'werden.
Hanau, 26. April. Im Nachbarorte Windecken (Kreis Hanau) wüthete gestern Nachmittag ein großes
Schadenfeuer, dem ein Wohnhaus und fünf Nebengebäude zum Opfer fielen. Mehrere andere Gebäude wurden beschädigt. Die Feuerwehren aus Kilianstädten, Heldenbergen und Ostheim waren zur Hülfeleistung erschienen. Wie vielfach, ist auch hier das Feuer Nieder einmal durch zwei kleine vier bezw. siebenjährige Jungen angelegt worden.
Griesheim. Bei den Aufräumungsarbeiten wurden an dem zusammengestürzten neuen Reduktionsbau, der auch den größten Theil der anderen Todten in seinen Trümmern in sich schloß, noch fünf Todte aufgefunden. Drei von ihnen sind als die Vermißten Roth, Creß und Hofmann erkannt worden. Die übrigen Beiden müssen auch in der Vermißtenliste figuriren, die gestern noch die Namen Nuckel, Mannebach, Wagner und Zimmermann- Sossenheim umfaßte. Vermißt werden demnach noch zwei Leute. Die Zahl der Todten des Unglücks beträgt also bis jetzt einschließlich der im Höchster Krankenhaus Verstorbenen einundzwanzig und dürfte wohl mit drei- undzwanzig zu beschränken sein. Die Krankenhäuser melden im Allgemeinen Besserung des Gesundheitszustandes der schwer Verletzten und leichter Verletzten.
Ried, 30. April. Ried ist ein kleines Dorf, das nur 10 Minuten von der Griesheimer Unglücksstätte entfernt liegt. Die ganze Umgegend ist natürlicherweise in tiefe Trauer ob des furchtbaren Unglücks gehüllt; selbst in Frankfurt haben verschiedene Vereine ihre Festlichkeiten in der nächsten Zeit wegen des allgemeinen Trauerfalls von der Tagesordnung abgesetzt. Nicht so die Nieder. Hier wird lustig Kirmes gefeiert, trotz der Mahnung des katholischen Pfarrers, von dem Lärm angesichts des schrecklichen Vorfalles abzusehen. Liegen doch in manchen Häusern hier Verwundete, eine arme Frau sucht noch nach ihrem Sohne und eine Schwester nach ihrem Bruder. Wahrlich, dieses Gebahren der Nieder ist ein Hohn auf alle edlen Gefühle des Menschen und verdient öffentlich vor der Weltgebrandmarkt zu werden.
Cassel, 29. April. Die Pferdeznchtkommission der Landwirthschaftskammer wird nach der Mittheilung eines hiesigen Korrespondenten an die Landwirthschaftskammer das Ersuchen stellen, durch eine Abordnung von Pferdezüchtern in Belgien Stutfohlen anzukamen und dieselben hier unter nachstehenden Bedingungen öffentlich zu versteigern : 1) Jede Pferdezucht-Genossenschaft in Kurhessen giebt die Anzahl der von ihr zu beziehen gewünschten Stutfohlen an; 2) die Fohlen werden in Hofgeismar im Anfang Juli bei der Bezirksthierschau versteigert und jede Genossenschaft ist verpflichtet, die von ihr bestellte Anzahl Fohlen auf dieser Auktion zu kaufen, falls dieselben nicht anderweitig ohne Schaden verkauft werden können; 3) der anzubietende Preis wird sich auf 400 Mk. stellen. Die Mehrkosten bis zu 100 Mk. wird die Landwirthschaftskammer tragen; 4) die Genossenschaften sind verpflichtet, die von ihren Mitgliedern gekauften Fohlen innerhalb 14 Tagen nach der Auktion zu bezahlen; 5) Die Pferdczuchtgenossenschaflen haben das Vorkaufsrecht ; 6) jeder Käufer ist verpflichtet, bei Meidung einer Konventionalstrafe von 200 Mark, die gekauften Fohlen aufzuziehen und vom 3. Jahr an mindestens 4 Jahre zur Zucht zu benutzen. Thiere welche sich zur Zucht nicht eignen, können mit Genehmigung des Vorstandes der Pferdezuchtgenossenschaft verkauft werden; 7) die Pferdezuchtkommission behält sich vor, eine zu zahlreiche Bestellung von Zuchtfohlen dermaßen zu kürzen, daß der Zuschuß der Landwirthschaftskammer höchstens 3000 Mk. beträgt. Die Zuchtgenossenschasten werden ersucht, bis spätestens den 1. Mai d. Js. in dem Bureau der Land- wirthschaftskammer anzuzeigen, ob und eventuell wie viel Zuchtfohlen sie haben wollen.
Beckcrhagen, 26. April. Am vorigen Feitag fand die Rekrutenaushebung für den benachbarten Ort Vaake in Hofgeismar statt. Unter den Gestellungspflichtigen befand sich auch einer, welcher erst zu Ostern die Schulbank verlassen hat. Derselbe war in seiner körperlichen Entwickelung soweit^zurück, daß er erst mit seinem 12. Lebensjahre in die Schule ausgenommen wurde und erst jetzt zu Ostern entlassen werden konnte.
Auf verwegener Kahn.
Kriminalnovelle von Gust av Hocker.
(Fortsetzung.)
„Glücklicherweise ist es mir gelungen," versetzte Herr von Harnisch, „einen kleinen Handkoffer mit mir ins