Mittwoch, den 17. Juli 1901.
52. Jahrgang.
W
Sollten nicht auch manche von den nach Deutschland gelangten Briefen ähnliche Mystifikationen sein?
— Einen Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und Europa prophezeit der frühere Unterstaatssekretär des Schatzamtes und jetzige Vice-Präsident der National City Bank zu New-Iork, Frank Vanderlip. Wie man seinerzeit berichtete, weilte er vor einigen Wochen hier, um das Terrain für die Gründung einer amerikanischen Bank in Berlin und London zu sondiren. Ueber seine Reiseeindrücke in Oesterreich, Rußland, Deutschland und England hat er den New Aorker Zeitungen Rede und Antwort gestanden und in diesen Unterredungen die Ansicht ausgesprochen, daß die großen europäischen Mächte sich auf einen Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten vorbereiteten. Man könne nicht fünf Minuten mit den Beamten sprechen, ohne zu merken, daß Europa auf Amerika eifersüchtig sei. Die meisten Handelsverträge liefen 1904 ab, und dann werde der Zollkrieg ausbrechen. In Rußland herrsche Freundschaft für die Vereinigten Staaten, aber Rußland habe die Lehre vom Schutzzoll begriffen und versuche, mit Hilfe des letzteren ein großes Fabrik- und Handelssystem nach dem Muster des amerikanischen aufzubauen. Rußland werde alles und jedes mit einem Zoll belegen, und die Vereinigten Staaten könnten sich nicht darüber beklagen, da Rußland ja nur ihrem Beispiele folge. Europa sei augenblicklich in einer schlimmen Lage. Deutschland und Frankreich hätten schlechte Ernten, und England leide unter dem Kriege. Die Vereinigten Staaten würden daher ihren Handel ausdehnen und ihre Stellung nur noch verstärken, sodaß sie mit Ruhe dem Handelskriege entgegen sehen könnten.
Posen» Aus dem deutschen Osten theilt der „Ku- jawische Bote" folgenden Vorfall mit, der sich im Kurhause zu Jnowrazlaw abgespielt hat, und recht treffend den Geist der Polen gegenüber dem herrschenden Deutsch- thum bezeichnet. Es steht wohl zu hoffen, daß dieser Akt polnischer Frechheit und Verächtlichmachung der deutschen Oberhoheit gehörige Sühne findet. Das zitirte Blatt erzählt: Eiu Herr, der im Kurhause wohnt, war Abends mit zwei Begleitern in seine Wohnung zurückgekehrt. Nachdem sich die drei bis zum frühen Morgen in polnischer Sprache laut unterhalten und beim Gläserklang gesungen hatten, unternahmen sie einen Spazier- gang in den Kurhausgarten. Plötzlich gegen 3 Uhr vernahmen einige Kurgäste einen Aufschlag vom Garten her, und sie gewahrten, daß die auf einem Podium stehende Büste des Kaisers heruntergeworfen und ihr der Kopf abgeschlagen war." — Der Geheimbundprozeß in Posen wurde am Samstag Mittag behufs Vernehmung ausländischer Zeugen vertagt. — Der große Geheimbund der polnisch-studentischen und theilweise auch gymnasialen Jugend umfaßt zwei Verbände, einen Verein der polnischen Jugend im Auslande und einen gleichartigen in Deutschland. Beide erstrecken sich netzartig bis weit nach Deutschland hinein. Ueberall, wo an Universitäten, Hochschulen aller Art und Techniken polnische Studenten existiren, bestehen Zweigverbände der beiden großen Ge- Heimorganisationen, für deren Ziele es bezeichnend ist, dvß die Namen aller polnischen Sudenten, die sich deutschen Vereinen angeschlossen haben, ermittelt und in allen polnischen Blättern bekannt gegeben werden sollen, um ihren verdammenswerthen Verrath an der polnischen Sache öffentlich zu brandmarken. Diese studentischen Geheimbünde standen nicht nur untereinauder in steter engster Verbindung, sondern auch mit der Leitung des Rapperswyler polnischen Nationalschatzes und andererseits mit polnischen geheimen Schülerverbindungen. Da es sich nicht um harmlose Jugendchorheiten, sondern um eine planmäßige Agitation im großpolnischen Sinne handelt, so darf man erwarten, daß der Gerichtshof die volle Schärfe des Gesetzes gegen die angeklagten Mitglieder des auf landesverrätherische Ziele ausgehenden Geheimbundes zur Anwendung bringt.
Siege». Stöckers Organ „Das Volk", das vor ungefähr zwei Jahren von Berlin nach Siegen — dem Hauptort des Stöcker'schen Wahlkreises Siegen-Wittgen- stein-Bicdenkopf - verlegt worden ist, hat auch dort keinen günstigen Boden gefunden. Das abgelaufene Geschäftsjahr hat mit einem Zu chuß von 7418,04 Mk. abgeschlossen. Weiter ist nach dem „Sieg. Volksbl." der Bilanz zu entnehmen, daß die Zahl der „Volks"-Genossen am 31. Dezember 1900 auf 95 herabgesunken ist; diese haben 36 000 Mk. zugesetzt. — In einem von drei | Familien bewohnten Hause am Altenhof explodierte heute
M^llltnrtOti auf ^e „Schlüchterner Zeitung« M^UUtt^kt» werden noch fortwährend von allen ss. ^^ü-^"^^ ^ Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Juli. Die Kaiserin und die Prinzen gitel Friedrich, Oskar und August sind auf Schloß Wilhelmshöhe eingetroffen. Trotz der frühen Morgen- Mde hatte sich ein zahlreiches Publikum, namentlich Damen, eingefunden, welches die Herrschaften lebhaft begrüßten. Die Kaiserin sieht sehr wohl aus. — Am Diens- Iag findet im Schlosse zu Homburg v. d. H. die Taufe du Zwillinge des Prinzen Friedrich Karl von Hessen statt. Die Kaiserin trifft zur Feier ein.
— Die Leiche des Fürsten Hohenlohe ist am Donners, tag an der Seite seiner Gemahlin in Schillingsfürst in Gegenwart des Kronprinzen beigesetzt worden. Der Lmtrumsabg. Domkapitular Schädler Bamberg hielt in der Schloßkapelle die Trauerrede, in der er auch das Mische Wirken des Fürsten schilderte. Der Verstorbene, eiti religiöser Mann, sei ein Arbeiter in der Stille, seine Ltbensidee die Politik des Friedens uud der Versöhnung gewesen, das Schiff des Reiches habe er als verdienstvoller Steuermann nach des Kaisers großen Plänen ge- lentt. — Ein vierspänniger Leichenwagen führte den Sarg zur Gruft. Als Vertreter des Prinzregenten von Bayern wohnte Ministerpräsident Graf Crailsheim, als Vertreter des Königs von Sachsen der sächsische Gesandte in München, Freiherr von Friesen, der Trauerfeier bei. Den Bundesrath vertrat Staatssekretär Graf Posa- dowsky, das preußische Staatsministerium Minister von Thielen. Wenige Stunden nach der ernsten Feier verließen der Kronprinz und die übrigen Trauergäste das surstliche Schloß, und an der Seite seiner Gemahlin ruht Fürst Chlodwig Hohenlohe auf dem stillen Friedhof nun aus von den Thaten eines arbeitsreichen und erfolg- gesegneten Lebens. Von dem stillen Hügel im Schillings- sürster Park richtet sich der Blick jedoch unwillkürlich auf jene andere Grabstätte, da der erste Kanzler des Reichs zu ewigem Schlummer ausruht von seinen größeren Thaten, denn so verschieden im Einzelnen, so standen sich die beiden Männer doch in dem einem, das das Lebenswerk des ersten deutschen Kanzlers ausmacht, außerordentlich nahe, in dem Verlangen, Nord und Süd zu einem einigen deutschen Reiche zusammenzu'ügen.
— Die deusche Auswanderung, die bis in die letzten Monate hinein noch gegen die niedrigen Ziffern des Vorjahres zurückgeblieben war, beginnt anscheinend zu steigen. Infolge der gesteigerten Auswanderung im Juni überftieg die Gesammtauswanderung über Hamburg während der ersten 6 Monate d. J. mit 6096 die des gleichen Zeitraums des Vorjahres, die nur 5939 betrug.
— Ueber das Huiinenthum und die Entstehung von Hunnenbriefen plaudert eine Zeitschrift der „Kölnischen Volksztg.«, der wir das folgende entnehmen: Von den ersten Tagen an traten die Offiziere Ausschreitungen streng entgegen, nnd dieses entschiedene, strenge Auftreten der Offiziere hat erreicht, daß trotz der nur zu großen Versuchungen dazu die Rohheiten Ausnahmen blieben. In auswärtigen Zeitungen ist viel von dem Rauben, Plündern und Brennen der deutschen Soldaten zu lesen gewesen. Nun, ich lebe hier mitten darunter und kann ruhig behaupten, in ihrer Allgemeinheit haben sich die deutschen Soldaten hier zu Lande durch menschliches Betragen vortheilhaft ausgezeichnet. Sie haben es erreicht, einestheils sich in genügenden Respekt zu setzen, andererseits aber auch dem gewöhnlichen Volk das Zu- trauen zu geben, daß es dort, wo es ruhig bleibt, an den deutschen Soldaten Beschützer hat. Oft baten die Städte geradezu darum, daß sie deutsche Besatzungen erhielten, und hatten sie ihren Wunsch erreicht, so sorgten ste selbst dafür, daß es den Soldaten an nichts fehlte. Die Mehrzahl der Hunnenbriest dürfte daher aus Fälschungen bestehen. Vor einiger Zeit erhielt in Peking ein Soldat ein ganzes Packet Briefe aus Europa. Ein Schreiber bat chn, sämmtliche Briefe auf der Pekinger Post abzugeben; sie seien für Sammler. Die Adresse war an ein Schweizerisches Bureau gerichtet. Obgleich solche Bitten oft vorkommen, so schöpfte man in dem »erliegenden Falle durch irgend einen Umstand doch Veracht, man öffnete etliche von den Briefen, und stehe da,
ganze Sammlung bestand aus Hunnenbriefen, die um aus diese Weise aus China zu beziehen gedachte.
Mittag Schießpulver. Das Haus wurde zerstört, vier Personen wurden gelobtet und drei schwer verwundet.
München, 7. Juli. Ein Opfer der Leipziger Bank ist in Bezug auf seine pecuniären Verhältnisse noch ein hiesiger Leutnant geworden. Dieser hatte erst kürzlich geheirathet und die Mitgift seiner Braut im Betrage von 70 000 Mk. von seinem Schwiegervater in Aktien der genanten Bank empfangen. Nun sind diese Papiere so gut wie werthlos.
Nürnberg. Die große Elektrizitäts - Gesellschaft Schuckert in Nürnberg, welche bisher 14 Prozentj Dividende gezahlt hatte, läßt in diesem Jahre ihre Aktionäre also wirklich ganz leer ausgehen. Infolge der durch die Dresdener Pleiten erlittenen Verluste ist das Werk hoch zufrieden, wenn es sich gerade noch über Wasser erhält. So bittere Enttäuschungen hätte noch vor wenigen Wochen kein Mensch für möglich gehalten. Am 1. d. M. noch mit t32 Prozent bezahlt, wurden diese Aktien Freitag Mittag 120.20 notiert, Abends 116.25, Sonnabend sollte der Kurs anfänglich nur 100 werden, er stellte sich schließlich in Frankfurt auf 104'/, Prozent, in Berlin weit niedriger.
Lehesteu (Kr. Saalfeld), 11. Juli. Durch den Leichtsinn eines Dienstmädchens, das Petroleum auf das noch nicht hell brennende Feuer eines Ofens gegossen hatte, gerieth die in der Nähe stehende Tochter des betr. Dienstherrn in Brand und erlitt so schwere Brandwunden, daß das arme Kind an den schweren Verletzungen gestorben ist. Aus Furcht vor Strafe hat sich das Dienstmädchen mit ihrem Vater vergiftet. Beide wurden auf dem Boden ihrer Wohnung todt aufgefunden.
Glogau. Das Schwurgericht Slogan in Schlesien verurtheilte den Schuhmachergesellen und Fenerwehrmann Th. Fritsche, der in den Jahren 1899 und 1900 in Neusalz a. d. O. und Umgegend zahlreiche Brände angestiftet hat, um als Feuerwehrmann zuerst an der Brandstelle zu sein, zu 10 Jahren 9 Monaten Zucht- Haus. Durch die verbrecherische Thätigkeit des 30jährigen Angeklagten wurde großer Schaden an Gebäuden, deren Inhalt und an Erntevorräthen angerichtet; nur ein Theil der Abgebrannten war versichert.
Ausland.
Paris, 12. Juli. Der Luftschiffer Santos Dumont unternahm heute bei fast windstillem Wetter mit einem von ihm erfundenen lenkbaren Luftschiffe mehrere Fahrten, welche, wie Augenzeugen versichern, vollständig gelungen sind. Santos Dumont stieg in St. Cloud auf, machte fünf Rundfahrten oberhalb des Rennplatzes von Long- champs im Boulogner Wäldchen und kehrte sodann nach Ausgangspnnkte zurück. Hierauf unternahm er noch eine Fahrt nach dem Eiffelthnrm. In der Nähe des Thurmes riß das Steuerseil, Santos Dumont landete vor dem Trocadsro, besserte den Schaden aus und erhob sich neuerdings bis zur Spitze des Eiffelthurmes, fuhr um denselben herum und kehrte zur Abfahrtstelle nach St. Cloud zurück. Santos Dumont hatte keinerlei Schwierigkeiten beim Aufstieg, weil das rückwärts angebrachte Steuer dem Apparat die Tendenz giebt, sich nach abwärts zu neigen. Zuweilen näherte das Aeronef sich dem Erdboden so sehr, daß man ein Geklapper vernahm, wie bei den zu momentanem Stillstand gebrachten Petroleumautomobilen. Santons Dumont will abermals eine Fahrt unternehmen, um sich um den 100 000 Franks-Preis des Aerso-Klubs zu bewerben, welchen der Großindustrielle Henri Deutsch für das erste lenkbare Luftschiff gestiftet hat, das innerhalb einer Stunde eine bestimmte Zahl von Kilometern zurücklegen und an den Ausgangspunkt zurückkehren sollte. Bedingung ist bekanntlich, den Eiffelthnrm zu umsegeln und an die Ausflug-Stelle zurückzukehren. Dumont hofft morgen, wofern die Windstille anhält, das Experiment noch glänzender auszuführen. — Letzteres ist, neueren Nachrichten zufolge, denn auch glücklich gelungen.
London, 15. Juli. Aus Transvaal wird depeschiert, daß General Botha den Befehl gegeben haben soll, alle gefangenen Engländer niederzuschießen, um die von diesen an den Fraueu und Mädchen der Buren verübten Schandthaten zu rächen. — „Daily News" veröffentlicht den Brief einer Krankenwärterin aus einem der Buren- Konzentrations-Lager, worin mitgetheilt wird, daß die Zustände in dem Lager äußerst traurig seien. Die Nahrung sei ungenügend, die Zahl der Todesfälle sehr groß.