WüchternerZeitung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 71. Mittwoch, den 4. September 1901. 52. Jahrgang.
Amtliches.
J. Nr. 2710 K.-A. Gelegentlich der Thierschau am 1. d. Mts. wird auch eine Bullenkörung stattfinden, zu welcher von Kreiseinsassen Bullen vorgeführt werden können.
Schlüchtern, den 2. September 1901.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Roth.
J.-Nr. 2707 K.*A. Durch die anderweite Festsetzung dis ortsüblichen Tagelohnssatzes vom 1. Januar 1902 ib ist eine Aenderung der Kranken-Versicherungs- leiträge sowohl als der Krankenkassengelder für ie Kreiskrankenkasse vom gleichen Zeitpunkt ab ersorder-
ich geworden.
Dieselben stellen sich wie folgt:
i a. Versicherungs-Beiträge (wöchentlich)
1. für erwachsene männliche Personen — 16 Pfg. - seither 14 Pfg. -
2. für erwachsene weibliche Personen — 12 Pfg. — seither 11 Pfg. —
3. für jugendliche männliche Personen — 10 Pfg. — seither 9 Pfg. —
4. für jugendliche weibliche Personen — 9 Pfg. — seither 8 Pfg. —
5. für Kinder unter 14 Jahren — 7 Pfennig — seither 6 Pfg. —
b. Kranken-Unterstützung (täglich)
ad 1 — 90 Pfg. seither 75 Pfg.
„ 2 — 65 „ „ 58 „
„ 3 — 55 „ „ 50 „ „ 4-50 „ „ 42 „
5 _ 38 33
Schlüchtern, den 26. August 1901.
Der Vorsitzende des Kreisausschnsses: Roth.
Deutsches Reich.
Berlin. Am ve»gangenen Sonntag wohnte das Kaiserpaar der Einweihung der neuerbauten Kapelle des Potsdamer Militärwaisenhauses bei. — Das Gerücht, liniier Wilhelm werde den Zaren nach der Begegnung in Danzig nach Kopenhagen zurückbegleiten und zwei Tage in Fredenborg bleiben, ist vollständig unbegründet.
— Die Begegnung des Kaisers mit dem Zaren finbet nach amtlicher Mittheilung bestimmt am 10. Scp- Itmber statt, jedoch nicht auf der Rhede, sondern auf hoher See in der Danziger Bucht. Das Manöverge- stwader trifft am 7. September zur Bekohlung ein und fährt dem Zaren am 10. September entgegen. Die Manöver, die durch die Flottenparade eingeleitet werden, finden vom 11.—13. September statt.
— Zu der Falschmeldung von einer Vermählung der Kaiserin Friedrich mit ihrem Oberhosmeister Grafen
von Seckendorff wird noch weiter gemeldet, daß der , Kaiser persönlich den Kommandanten seines Hauptquar- ' tiers, den General von Pleffen, in die Redaktion des »B. T." entjandte, um das Blatt zu einer authentischen Widerlegung des böswilligen Gerüchts aufzufordern.
# y
s
i«l
61
61
61
Ü
»dl
4'
0
— Der Sühneprinz läßt in Berlin aus sich warten, W er nicht Kotau machen will. Nach der „Köln. $tg." wird in Beilin in der That das Verlangen gestellt, daß die Mitglieder der Sühnemiiston sich beim Empfang vor dem Kaiser Wilhelm zu Boden werfen. Als Grund für die Forderung dieses ganz ungewöhnlichen, sonst nur am Hofe des Sultans von Marokko und bei asiatischen Herrschern üblichen Hofbrauchs wird angegeben, daß die Chinesen bis zum Anfang des vorigen Jahrhunderts Erlangten, daß die Gesandten der europäischen Herrscher dar dem chinesischen Kaiser den Kotau machten, d. h. dlei Mal mit der Stirn den Boden berührten und sich dann neun Mal verneigten. Gerade deshalb, weil der Chinese so großen Werth auf Aeußerlichkeiten legt, müsse, 1° meint die Kölnerin, nachdrücklich darauf bestanden ^'toi, daß die Chinesen den europäischen Herrschern
demselben, für sie in dem Empfangsceremomell aus- bedrückten Respekt begegnen, den sie ihrem Monarchen bezeugen. Dieses Ceremoniell bei einem Empfange vor dem Kaiser von China bestehe nun für Chinesen heute in dem Kotau, und das würde also vermuthlich dee Grund sein, weshalb man jetzt den Kotau auch in Merlin verlangt, während man sich bei dem prinzlichen Gesandten selbst an drei Verbeugungen genügen läßt.
— Mannschaften für die ostasiatische Besatzungstruppe N beschaffen, erweist sich als eine unerwartet schwierige ^"igade. Wie nämlich der „Tägl. Rundsch." aus Köln Meldet wird, wurden auf der letzten Kontrollversamm
lung Reservisten aufgefordert, sich zum Dienste bei der ostasiatischen Besatzungstruppe zu melden. Ob und wie viele Meldungen erfolgten, wurde nicht bekannt. Es scheint jedoch ein großer Mangel an Freiwilligen, namentlich an Unteroffizieren zu herrschen. Einem als Unter- offtzier in Kiautschau entlassenen Marine-Infanteristen wurde ein Handgeld von 700 Mk. geboten, wenn er sich auf ein Jahr als Unteroffizier für die ostasiatische Truppe verpflichte. Der'Betreffende lehnte das Angebot jedoch ab.
— Der Bankier Siegfried Landsberg hat sich infolge verfehlter Börsenspekulationen erschossen und der Bankier Heinrich Weltgen ist mit Hinterlassung vieler Schulden flüchtig geworden. Zusammen dürften bald ein Dutzend Berliner Bankiers verhaftet, flüchtig geworden oder in den Tod gegangen sein im Laufe nur weniger Wochen.
— Eine Verkehrs Verlustliste bringen Berliner Blätter. Nach ihr beträgt die Zahl der während dreier Monate in den Straßen Berlins durch die elektrischen Bahnen, die Pferdebahnen und die Omnibusse ums Leben gekommenen Personen 483. Eine ungeheuerliche Zahl, selbst für eine Stadt wie Berlin.
Jnsterburg, 2. September. Der ,.O. Vztg." zufolge ist der Polizei in Gumbinnen ein mit Namensunterschrift versehenes Schreiben zugegangen, welches man dem Gericht der 2. Division zur weiteren Veranlassung über- sandte Der Briefschrerber spricht von einem früheren Dragoner als Mitschuldigen oder Begünstiger des an Krosigk begangenen Mordes. Das Oberkriegsgericht habe einen Unschuldigen verurtheilt, obwohl der wirkliche Mörder zu fassen sei.
Ein Fleischermeister in Zwickau schlachtete eine aus der Mühle stammende Kuh. Beim Reinigen des Vor- darmes fühlte er feste Körper in ihm und es stellte sich heraus, daß die Kuh den Vordarm als Geldkasse benutzt hatte. Die Freude des Fleischers kann man sich denken. 11 Mk 13 Pfg. hatte sich die Kuh erspart, als sie i^r Leben beschließen und ihre Ersparniß dem „lachenden Erben" hinterlassen mußte.
Aachen. Eine eigenartige „Freiheitsberaubung" brächte die Ehefrau eines hiesigen Uhrmachers ins Gefängniß. Die Frau war mit ihrem Manne, den sie erst im vorigen Winter gehcirathet hatte, nicht zufrieden, weil er ihr die Betheiligung an den gewünschten Vergnügungen nicht immer gestatten wollte. Um nun doch ihren Neigungen nachgehen zu können, griff sie zu dem Mittel des Schlafpulvers. Wenn sie ausgehen wollte, ließ sie ihren Mann einfach „schlafen". Als sie ihrem Mann schließlich ganz ausriß, klärte eine Magd den Mann über die von seiner Frau angewandten Mittel auf, woraus dieser Anzeige wegen Freiheitsberaubung erstattete. Die Strafkammer erkannte gegen die Frau auf 14 Tage Gefängniß.
Aus dem Kurort Neuenahr erfährt das „Köln. T.", daß ein dort seit 20 Jahren lebender Kaufmann durch die Intriguen seiner zweiten Frau bei vollem Verstände gewaltsam in die Irrenanstalt zu Andernach geschleppt worden sei, und zwar durch drei handfeste Männer, die angeblich von der Frau durch Zahlung von 150 Mark dazu gedungen worden seien. Die Männer schlichen sich Abends in das Haus, fesselten den Wehrlosen und verbrachten ihn per Wagen in das Irrenhaus, wo er bereits seit einigen Tagen weilt. Die Neuenahrer Bürger erstatteten inzwischen Anzeige bei dem Landrathsamte; verschiedene Vereine berufen Versammlungen ein, um Stellung zu diesem skandalösen Vorgänge zu nehmen.
Weimar, 30. August. Das wcimarische Justizministerium hat den Referendaren und Assessoren angerathen, einen Theil ihrer Vorbereitungszeit, etwa 3 — 6 Monate, im Praktischeu Dienst bei größeren Bankinstituten oder anderen gewerblichen Großbetrieben zu verbringen.
Würzburg. Der gefürchtcte Waldschädling, die Nonne, tritt in den Wäldern Unterfrankens in solchen Massen auf, daß für nächstes Jahr dort ein großer Raupen- schaden befürchtet wird.
Unter Zigeunerplagen hat das Eichsfeld jetzt arg zu leiden. Täglich durchziehen Zigeuner-Karawanen die Städte und Dörfer des Eichsfeldcs und stehlen, wo sich dazu nur Gelegenheit bietet. Erst kürzlich wurde eine ganze Bande im Kreise Dudcrstadt dingfest gemacht und nach erfolgter Bestrafung aus dem Kreise verwiesen. Bei Simeroda wurden die Söhne der Pußta dabei ertappt, als sie die Haferfelder plündern wollten; handfeste Bauern brachten die Diebe aber auf den Schub. In Breiten- worbis wurden sie noch dreister, sie luden Nachts den
gesammteu Ertrag eines Ackers an getrocknetem Klee auf ihre Wagen und fuhren davon. Die Polizei setzte am folgenden Morgen den Dieben nach und brächte sie hinter Schloß und Riegel. In Mingerode lagerte sich ein Trupp Zigeuner und plünderte alle Obstbäume; auch hier mußte die Polizei herbeigerufen werden. In Worbis wurde ein großer Trupp Zigeuner, der sich schwere Dieb- stähle und Plündereien hatte zu schulden kommen lassen, verhaftet.
Ausland.
Salzburg. Schnee ist am Dienstag in den Kärntner Alpen bis hinab zur Thalsohle gefallen! — Auch in Salzburg und Steiermark trat am Dienstag ein jäher Wetterwechsel mit ausgiebigem Schneefall ein. Die Schneedecke reicht bis zur Höhe von 1500 Metern herab.
Petersburg, 27. August. Der „K. Ztg." zufolge geht nach Berichten aus der Mandschurei unter den dortigen Chinesen das Gerücht um, die in Peking Hingerichteten Würdenträger würden bald auferstehen und dann werde ein großer Krieg ausbrechen. Einige dieser chinesischen Würdenträger sind, wie in der Mandschurei verlautet, übrigens schon von den Todten auferstanden, worüber man sich nicht weiter wundern kann, da an ihrer Stelle unterschobene Personen hingerichtet worden finL Derartige Gerüchte finden aber unter der abergläubischen chinesischen Bevölkerung, die den wahren Sachverhalt nicht kennt, buchstäblich Glauben und daher auch große Verbreitung.
Die Kapkolonie befindet sich in vollem Aufstande, ohne daß Lord Kitchener etwas daran ändern kann. Der frühere Schatzkanzler der Kapkolonie, Merriman, der, sich wegen seines Freimuths allerdings den Jingos verdächtig gemacht hatte und nach London citiert worden IW> um sich dort zu verantworten, äußert sich in einem Briefe ganz erschrocken über die Verlogenheit des Kolonial- 'ministers Chamberlain, der im englischen Unterhause zu erklären wagte, daß die Bevölkerung des Kaplandes mit der Regierung durchaus zufrieden sei. Das gerade Gegentheil ist die Wahrheit. Es geht mit den Engländern schnell abwärts in Südafrika. — Von den Flüchtlingslagern in Südafrika wird der „Tägl. Rdsch." u. a. geschrieben: Während im Monat Juni die Sterblichkeit unter den Kindern in sämmtlichen Lagern 334,8 auf das Tausend im Durchschnitt betrug, stieg diese Ziffer in den ersten vierzehn Tagen des Monats Juli auf die fürchterliche Höhe von 393,6 auf das Tausend, und in einem Lager allein starben in dem letztgenannten Zeitraum nicht weniger als 196 Frauen und Kinder. An der Hand dieser Ziffern läßt sich seststellen, daß in dem Lager, wenn dieser Kindermord im großen im gleichen Maßstab forlschreitet, in etwa acht Monaten keine Nachkommen der Buren mehr vorhanden sein werden. Auf welche Weise und mit welchen Lügen will die britische Regierung eine solche Statistik und Berechnung widerlegen?? Geradezu heroisch scheinen unter diesen fürchterlichen Umständen sich nach wie vor die unglücklichen Frauen und Mütter in den Lagern zu verhalten, denn selbst im Londoner „Standard" wird ausdrücklich festgcstellt, daß nur selten persönliche Klagen dieser Heldinnen laut werden, daß sie sich vollständig für ihre Kinder aufopfern, und daß sie schließlich, wenn sie zufällig mit Buren zusammentreffen, die gefangen genommen wurden oder die Waffen gestreckt haben, die Feiglinge und Verräther mit Verachtung strafen und sich stolz von ihnen zurückziehen. Das ist echtes Helden- thum, — aber auf englischer Seite scheint man hierfür kein Verständniß und kein Auge zu haben, und die elende Mißwirthschaft in diesen berüchtigten Lagern des tödtlichen Jammers nimmt ruhig ihren Fortgang.
— Die Lage der Engländer in Südafrika ist mit vollem Recht als eine verzweifelte zu bezeichnen. Die Capcolonie befindet sich jetzt in ihrer ganzen gewaltigen Ausdehnung in den Händen der Buren, die englischen Truppen sind auch im Caplande mehr und mehr und, wie man jetzt sagen kann, vollständig in die Defensive gedrängt worden. Capftadt und Port Elisabeth, sowie einige andere wichtige Punkte zu schützen, bildet gegenwärtig die Hauptaufgabe der Engländer. Wie es überhaupt in der Capcolonie aussieht, schildert ein Bericht der „Rhein. Westf. Ztg.", dem zufolge der Aufstand in der Capcolonie und der südafrikanische Krieg einer Krise zutreiben. Die Burentruppen stehen unentwegt zu ihren Führern, während die englischen Soldaten und die