SchlüchternerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
J£ 85. Mittwoch, den 23. Oktober 1901. 52. Jahrgang.
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Deutsches Reich.
Berlin, Der Kaiser weilt gegenwärtig wieder im Neuen Palais bei Potsdam und erledigt in gewohnter Weise die Regierungsgeschäfte. — Die Kaiserin beging am 22. Oktober ihr 43. Geburtsfest in gutem Wohlsein im Kreise der kaiserlichen Familie. — Der Kronprinz ist zur Feier des Geburtstags der Kaiserin in Potsdam eingetroffen. — Prinz Eitel Friedrich hat die Offiziers- Prüfung gut bestanden.
— Die verschiedenen Arbeits-Nachweise in Berlin werden jetzt von den Arbeitslosen förmlich umlagert, und immer zahlreicher sieht man arbeitslose Männer durch die Straßen der Stadt schlendern oder auf öffentlichen Plätzen zusammenstehen. Und dabei hat die Arbeitslosigkeit ihren Höhepunkt noch gar nicht erreicht; der Winter dürfte vielmehr noch eine Verschärfung des Uebels bringen. Die Armendirektion hat bereits dem Magistrat davon Mittheilung gemacht, daß im Etat der Armenverwaltung der Einfluß der Krisis sich in immer stärkerem Maße bemerkbar mache. Sie hat es dem Magistrat anheimgestellt, zur Linderung der Arbeitslosigkeit geeignete Schritte zu thun. Da die übergroße Zahl der Arbeitslosen erfahrungsgemäß sich ohne Hilfe von Armenmitteln über Wasser zu halten sucht, schon um die mit der Armenunterstützung verbundene Entrechtung zu vermeiden, läßt sich aus der Kundgebung der Armendirektion entnehmen, daß die Noth schon sehr groß geworden sein muß.
— Tarifausschuß der deutschen Buchdrucker. Der unter dem Vorsitze des Buchdruckereibesitzers Kommerzien- rath Georg Büxenstein und des Gehilfenvertreters L. H. Giesecke-Berlin seit Montag vor drei Wochen in Berlin versammelt gewesene Tarffausschuß der deutschen Buchdrucker hat nach Schluß seiner glücklich zu Ende gesuhrten Berathung nachstehendes Telegramm an den Reichskanzler Grafen von Bülow gerichtet: „Der Tarifausschuß der deutschen Buchdrucker, die Vertretung der weitaus größeren Zahl der deutschen Buchdrucker-Prinzipale und Gehilfen, hat in Berlin nach einwöchiger Berathung einen für das ganze deutsche Reich giliigcn Tarif für das Buchdruckgewerbe, welcher Lohnhöhe, Arbeitszeit, Arbeitsnachweis u. s. w. festsetzt, beschlossen, und zwar, wie im Jahre 1896, wiederum mit einer fünfjährigen Migkeitsdauer. Die Tarifgemeinschaft der deutschen Buchdrucker mit ihren vielen, dem sozialen Frieden dienenden Einrichtungen.ist dadurch von Neuem bestätigt und der gewerbliche Frieden dem deutschen Buchdruckgewerbe auf weitere fünf Jahre gewährleistet. Wir bitten Euere Excellenz, als den Kanzler des deutschen Reiches, von dieser sozialpolitischen Einsicht und Thätig- leit der beiderseitigen Angehörigen des deutschen Buch- druckgewerbes gütigst Kenntniß nehmen und den von uns getroffenen Einrichtungen nach Möglichkeit Ihren I ^mögenden Schutz angedeihen lassen zu wollen. In I gastier Hochachtung: Der Tarifausschuß der deutschen I Buchdrucker." Eine gleiche telegraphische Mittheilung I richtete der Tarifausschuß an den Staatssekretär des | Innern, Staatsminister Grafen v. Posadowsky.
I — Die Zwanzigpfennigstücke. In der vom Bundes- l rathsplenum in der Donnerstagssitzung den zuständigen «nsschüsfen zur Vorberathung überwiesenen Vorlage über die Außerkurssetzung der Zwanzigpfennigstücke aus «rlber handelt es sich um den letzten Schritt zu dem K°le, diese Münzsorte aus dem Verkehr zu bringen, ^re Anordnung ihrer Einziehung ist schon vor längerer Zeit erfolgt und infolge dieser Anordnung sind denn bereits beträchtliche Posten von den ausgeprägten lUbecnen Zmanzigpfennigstücken dem Verkehr entzogen, ^sgesammt waren ffür 35,7 Millionen Mark silberne S^nzigpfennigstücke geprägt worden. Davon waren Mde September d. J. für 29,4 Mill. Mark bereits gezogen, sodaß nur noch für 6,3 Mill. im Verkehr . ^en. Es ist anzunehmen, daß, wenn die Außerkurs- । wig nunmehr durch den Bundesrath angeordnet wird, w dieser Summe noch einige Millionen zur Einlieferung Wangen werden. Jedenfalls wird es als wahrscheinlich daß die Summe der silbernen Zwanzigpfennig- bin.' to'l$c schließlich nicht einziehbar sein werden, derjenigen der goldenen Fünfmarkstücke, die sich
bekanntlich auf 4 Millionen beläuft, zurückbleiben wird. Im Uebrigen geht jetzt auch die Einziehung der gleichfalls zur Außerkurssetzung bestimmten Nickelzwanzig- Pfennigstücke, die sich nur eines kurzen Daseins zu erfreuen gehabt haben, rüstig vorwärts. Von dieser Münzsorte waren insgesammt für 5 Mill- Mark geprägt worden. Ende September waren bereits der größere Theil, nämlich für 2,9 Mill. Mark zur Einziehung gelangt, sodaß noch Nickelzwanzigpfennigstücke im Betrage von 2,1 Mill. Mark im Verkehr waren. Für diese Münzsorte wird sich die Einziehungsfrist noch länger erstrecken, jedoch wird auch sie schließlich durch eine Bundesrathsverordnung außer Kurs gesetzt werden.
Erfurt, 15. Okt. Eine eigenthümliche Anschauung von der Gerichtsbarkeit scheint der Pferdehändler Kratz aus Weimar, der als Zeuge vor die Strafkammer des Landgerichts Erfurt geladen war, zu haben. Er hatte ein Schreiben eingesandt, worin er angab, nicht kommen zu können, weil er dem Kölledaer Pferdemarkt beiwohnen müsse und andernfalls einen Schaden von 500—600 Mark habe. Der Gerichtshof legte ihm eine Ornungs- strafe von 50 Mark, sowie die recht erheblichen Kosten des vertagten Termins auf.
Aus Augsburg wird gemeldet: Eine ganz raffinierte Milchpantscherin, die 70jährige gutsituirte Oekonomen- und Sägewerksbesitzers-Ehefrau Anastasia Kern von Lechhausen wurde vom Amtsgericht Friedberg wegen gröblicher Milchpanschereien, die sie seit 40 Jahren in eifrigster Weise betrieb, zu 1000 Mk. Geldstrafe eventuell 100 Tagen Gefängniß verurtheilt. — Die Anklage gegen Matthias Kneißl, gegen den am 4. November und folgende Tage vor dem Schwurgericht am Landgericht Augsburg verhandelt wird, lautet auf ein Ver- brechen des Mordes, ein Verbrechen des Todtschlages, fünf Verbrechen des Raubes, sowie mehrere Verbrechen des schweren Diebstahls und räuberischer Erpressungen.
Brüssel, 19. Okt. Im hiesigen Buren-Hilfskomits verlautet, es sei dem Präsidenten Krüger vor etwa acht Tagen von gänzlich unbekannter Seite die Summe von zwei Millionen Franken in englischen Banknoten über- wiesen worden, mit der Widmung: „Ein Beitrag zur Ergänzung des Waffen- und Munitionsvorrathes der tapferen Buren." — Im Anschluß hieran wird versichert, daß Agenten der Buren seit langem in allen südafrikanischen Hafenplätzen mit großem Erfolg thätig seien, um aus den Händen englischer Kaufleute Kriegsbedarf für die Buren aufzukaufen.
Transvaal. Die Abfangung Bothas, an die ohnehin hin kein nichtenglischer Zeitungsleser geglaubt hatte, scheint seinen Verfolgern endgültig mißglückt zu sein. Wahrscheinlich werden diese sich, wie das schon so oft aus dem südafrikanischen Kriegsschauplatze eingetreten ist, nun bald in Verfolgte verwandeln. Um die Sache der Engländer steht es heute schlimmer denn je, ihre Truppen sind demoralisirt und abgehetzt, und nur die große Ueber- macht läßt sie noch das Feld behaupten. — Die Füsili- rungs- und Prügeltaktik des Lord Kitchener verurtheilen auch die anständigen Londoner Blätter aufs Schärfste, indem sie nachweisen, daß die Kriegsgesetze dem Generalissimus kein Recht zu seiner Blutjustiz geben, und daß es sich bei seinem Verfahren daher auch nicht um Hinrichtung handelt, sondern um Mord, um ganz gewöhnlichen und ordinairen Mord. Die Londoner „Daily News" schreiben: „Die Nachricht von der über Lotter verhängten Todesstrafe ist deshalb fürchterlich, weil es der erste Fall ist, in welchem ein kriegsgefangener Frei- staatler von unserer Hand zum Tode gebracht wird, weil die Mütter und Väter britischer Offiziere, die in den Händen der Feinde sind, jetzt in tödtlicher Angst um das Leben ihrer Söhne schweben müssen, denn nach Kriegsgebrauch muß diese Hinrichtung Repressalien nach sich ziehen. Selbst wenn Lotter ein Rebell war, hätte man in weiser Vorsicht von einer Exekution absehen müssen. Die grausame Brutalität, die jungen Rebellen zu prügeln, ist das Schlimmste, was jemals unter britischer Kolonialregierung vorgekommen ist. Wir überzogen Südafrika mit Krieg, um das Prügeln der Schwarzen zu verhindern, und jetzt lehren wir sie, wie man weiße Kriegsgefangene züchtigt."
_ Der Frauenmord bei Graspan. Ein Feldkornet der Buren, der, kürzlich aus dem Gefangenlager bei Kronstadt entlassen, in den Niederlanden eingetroffen ist,
überbrachte dem früheren niederländischen Kolonialminister Cremer Briefschaften von seiner Schwägerin, die in Südafrika in englischer Gefangenschaft gestorben ist. Er erzählt über den Hergang des schon mehrfach erwähnten Frauenmordes von Graspan auf Grund der Schilderungen der Frau Cremer und anderer Augenzeuginnen Folgendes: „Wir waren gerade im Kronstadter Gefangenlager beim Essen, als der Transport von Graspan eintraf. Es wurden einige verwundete Frauen und Kinder von den Wagen abgeladen und einige alte Damen, darunter die 76jährige Frau Cremer, die Gemahlin des Bruders des niederländischen Kolonialministers Cremer. Ich bot der mir bekannten Dame etwas Essen an, das sie gern annahm. Die arme Frau hat entsetzlich gelitten. Kurz vor ihrer Ankunft im Lager war ihr Mann gestorben. Ihr älterer Sohn war als Kommandant des Senekalkommandos, bei Tabanchu gefallen, und ihre beiden andere Söhne sitzen als Kriegsgefangene auf Ceylon. Die alte Dame kam gleichzeitig mit ihrer Tochter und ihrer Schwiegertochter, die zwei Kinder bei sich hatte, im Frauenlager von Kronstadt an. Drei Tage später starb sie infolge der entsetzlichen Eindrücke, die das Gefecht bei Graspan auf sie gemacht. Sie hat mir alles wie folgt, erzählt, und alle Frauen und Kinder, die das Morden bei Graspan mitgemacht, haben es bestätigt: Am 6. Juni fielen die Buren bei Graspan, in der Nähe von Reitz, den englischen Transport an, bei welchem sich Frau Cremer und die anderen Frauen mit ihren Kindern befanden. Als die Engländer einige Verwundete hatten, und die Buren immer näher rückten, wurde den Frauen und Kindern befohlen, aus den Wagen zu kriechen und sich vor die Soldaten hinzustellen; diese schössen unter ihren Armen durch auf die nahenden Buren. Auch hinter Fra:. Bremer hatte sich ein Soldat postirt, der unter ihrem Arm hindurchschoß. Durch das Feuer der Buren fielen acht Frauen und 2 Kinder. Als die Buren dies sahen, stellten sie das Feuern ein; sie schrien, „wie wilde Thiere" und drangen mit dem Kolben in den Kreis der Soldaten ein; sie schlugen die Tommies todt wie tolle Hunde. Zuvor aber wurden wohl noch gegen 20 Buren auf kurzen Abstand von den englischen Soldaten erschossen. Die Buren wollten den Wagenzug und die Frauen mitnehmen, aber sie sahen in der Ferne starke Truppen- maffen ankommen. Deshalb nahmen sie nur die Zugochsen mit. Die Wagen, auf welchen sich die Habe der Frauen befand, verbrannten sie nicht. Im Handgemenge fielen Gerardus Müller, der den Engländern als Führer gedient hatte, und seine beiden Brüder, die auf Burenseite gekämpft hatten. Der alte Vater, der bei uns im Lager war und jeden Tag zu uns kam, hat sich die Schande Gerards sehr zu Herzen genommen und ist daran gestorben." _____________________
Lotales und Provinzielles.
♦ Schlächtern, 22. Oct.
— Der Kommunallandtag für den Regierungsbezirk Cassel, welcher sonst immer im Februar zu einer Sitzung zusammentrat, wird in diesem Jahre bereits im Dezember zusammenberufen.
Hattenhof, 17. Okt. In der Gemarkung Hatten« Hof, nahe beim Geringshof wird von neuem und mit Erfolg nach Schwerspath gegraben, für dessen Fortschaffung eine Drahtseilbahn nach Kerzell geplant ist.
Fulda, 17. Okt. Das Missionshaus in der Diöcese Fulda, die Kirche und das Kloster der Oblaten zu Hünfeld, ist nun ausgebaut und bezogen. In fünf Jahren ist der stattliche Klosterbau nebst der monumentalen Kirche in streng romanischem Stile vollendet worden. Das Kloster ist seiner inneren Einrichtung nach ein richtiges Studienhaus, ein Missionsseminar, St. Bonifaziuskloster genannt, in welchem nahe an 100 Alumnen den philosophisch-theologischen Studien obliegen. Nach Vollendung derselben werden dann jährlich 10 bis 12 dieser Kandidaten zu Priestern geweiht, worauf sie sich in dem Beruf eines Heidenapostels in den fernen Misfionsländcrn widmen. Die Klosterkirche ist durch ihre edlen architektonischen Formen, ihr schönes Innere und die herrlich gemalten Glasfenster ein Gotteshaus, das weit und breit nicht seines Gleichen findet. Hinter dem Kloster dehnen sich die Oekonomiegebäude aus, die zuletzt vollendet wurden. Mit Hilfe der Laren- brüder, deren Zahl immer noch beschränkt ist, treiben die Ortsleute auch fleißig Landwirthschaft, vorläufig noch in kleinem Umfange.