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Samstag, den 26. Octobcr 1901.

52. Jahrgang.

ikfh» II 1t tt A M1 auf bic «Schlüchterner Zeitung" ytm-UUIlye/ll mcrbcn nod) fortwährend von allen ~ .....- Postanstalten undLandbriefträgern, wie von der Expedition entgegen genommen.

Deutsches Reich.

Berlin. DieDeutsche. Tagesztg." schreibt: Die Fest­igkeiten bei Reisen des Kaisers im Lande erregen nicht ilten Kopfschütteln. Wohlmeinende Leute äußern un- mhohlen ihre Ansicht, daß darin oft des Guten zu viel ethan werde. Und in der That: es muß fast eine Plage ür den Kaiser sein, wenn er allenthalben Fahnenmaste, Girlanden, Ausschmückungen, oft im Uebermaß, findet. Sollte darin nicht etwas weniger gethan werden können? )tr Kaiser selbst hat schon öfters den Wunsch geäußert, ag ihm zugedachte Ehrungen möglichst einzuschränken mären oder mit wenig Geldaufwendungen ausgeführt werden sollten. Jetzt scheint der Kaiser noch einen Schritt weiter gegangen zu sein. Das Kaiserliche Oberhofmar- challamt hat verschiedenen Krieger- und Gewerkschafts- Mbänden, die bei den Jagdreisen des Kaisers diesem Ovationen darbringen wollten, geantwortet, daß bei den toten privaten Reisen des Kaisers Begrüßungen und Empfänge zu unterbleiben hätten. Hoffentlich beherzigt man den durchaus gerechtfertigten Wunsch des Kaisers tänftig allgemein.

Gute, reichliche Beschäftigung hat der deutsche Schiffsbau, sehr im Gegensatz zu vielen anderen In­dustriezweigen. Der Bedarf der Handelsflotte für ver­loren gegangene oder veraltete Schiffe bleibt nach wie vor groß und beständig. Letztere gehen meist nach Nor­den und nach Italien. Außerdem bleibt der Bedarf unserer Kriegsmarine ein beständiger, weil immerfort ältere Schiffe durch neue ersetzt werden müssen. Der Bau von Handelsschiffen in England für deutsche Rech­nung hat fast aufgehört.

Bei der Herstellung von Kriegsgut und Aus- rüslungsgegenstände für unsere Truppen zieht die Heeres- vormaltung feit einiger Zeit mehr und mehr die Privat- industrie zur Lieferung heran und zwar neuerdings in tot ausgedehnterem Maße als früher. Die Militär- Werkstätten werden infolgedessen nicht mehr mit Aufträgen überhäuft und die Privatindustrie erhält die ihr sehr erwünschten Bestellungen.

Der Rückgang der wirthschaftlichen Verhältnisse "acht sich namentlich im Ruhrkohlenrevier sehr empfind- lH fühlbar. Auf den Zechen werden einer Zuschrift dcrBolksztg." zufolge durchweg wöchentlich Feierschichten eingelegt. Dazu kommen Lohnreduktionen von 5, 10 und 15%. Seit April betragen die Lohnkürzungen für die Arbeiter indessen 25%. An allen Enden müssen sich die von der Ungunst der Verhältnisse betroffenen Arbeiter in Einschränkungen entschließen, um mit dem geringen «lohne auszukommen.

Im Berliner Milchkriege ist die Milch - Centrale unterlegen. Diese Thatsache läßt sich nicht länger in Abrede stellen. Der Centrale ist es nicht gelungen, ^rlin von der Milchzufuhr in dem erforderlichen Maße ^zerschneiden, vielmehr ist den dortigen Händlern aus der weiteren Umgebung, ja bis aus dem Auslande her 'a reichlich Milch zugegangen, daß sie allen Awprüchen. d'e an sie gestellt werden, genügen können. Die Centrale Me schließlich nur noch die eine Hoffnung, daß die Berliner Bäcker zn ihr halten und es ihr ermöglichen Wurden, den Kampf wenigstens auf absehbare Zeü fort- iusetzen. Aber auch diese Hoffnung ist zu Wasser ge­worden.

Kiel. Das aus der Liste gestrichene Panzerschiff «Arminius" ist ohne Ausrüstung und Geschütze an eine Hamburger Firma verkauft worden. Das Schiff hat 1871 nur als Hafenschiff Dienste geleistet. Au- Westfalen. 25 Jahre Lehrer auf Grund ^falschter Zeugnisse war der bisherige Rektor K. zu bei Siegen in Westfalen. Er hat Theologie studiert, % keine Prüfung abgelegt. Als Hauslehrer verlobte ? R, und da die Eltern der Braut auf Begründung ^r gesicherten Stellung drangen, meldete er sich als ^hler an der Rektoratsschule zu Leopoldshöhe. Auf rund eines gefälschten Prüfungszeugnisses erhielt er c Stelle. Unter Vorlegung des falschen Zeugnisses ^ er nach Wantrop und später als Rektor nach B., ° er 9 Jahre lang wirkte. Durch einen Zufall kam Sache ans Licht, und die Strafkammer zu Siegen "urtheilte ihn zu 1 Jahr Gefängniß. Vor mehr als

20 Jahren kam schon etwas ähnliches vor; wenn die Tägl. Rdsch." nicht irrt, an einem mecklenburgischen Realgymnasium. Dort waltete Jahre lang zur Zu­friedenheit der Aufsichtsbehörde ein ehemaliger Müller­geselle aus Sachsen seines Amtes als Director. Er hatte unter mehreren Mitbewerbern die Stelle auf Grund seiner guten Zeugnisse erworben, die natürlich auch gefälscht waren, und erst als er sich um eine Directorstelle anderwärts bewarb, wurde er als Betrüger entlarvt.

Duderstadt, 19. Oktober. Auf der hiesigen Zucker­fabrik vernahmen in voriger Nacht die neben dem Schlaf­raum der männlichen Arbeiter in einem gesonderten Raum liegenden Arbeiterinnen ein fürchterliches Röcheln. Auf ihr Rufen kam keine Antwort; nach und nach wurde das Röcheln immer leiser. Die Arbeiterinnen bekamen Furcht und da sie ein Unglück vermutheten, sprengten sie die Thür zu dem Schlafraum der männ­lichen Arbeiter. Hier lagen alle acht männlichen Arbeiter mit offenen stieren Augen und fest aufeinander gepreßten Zähnen. Es wurde Hülse sowie ein Arzt herbeigeholt. Alle acht Personen waren durch Einatmung von Kohlen- gas vergiftet; sie hatten vermuthlich Feuer in dem Ofen angemacht und diesen nicht völlig geschlossen. Die Wiederbelebungsversuche hatten zum Glück noch Erfolg. Hätten die braven Arbeiterinnen nur noch kurze Zeit gezögert, dann hätte man alle acht nur noch als Leichen wiedergefunden.

Aus Bayern. Der Submissions-Ausschuß der baye­rischen Abgeordneten-Kammer hat die Einführung des mittleren Preissystems beschlossen in der Weise, daß bei allen Submissionen für Arbeiten in der Höhe von 500 bis 10 000 Mark der Zuschlag demjenigen Bewerber zu ertheilen sei, dessen Angebot dem mittleren Preis sämmtlicher Preise, nach unten gerechnet, am nächsten kommt. Die Verwendung von Biercouleur ist in Bam- berg vom Strafrichter schwer geahndet worden. Die dortige Strafkammer verurtheilte den Brauereibesitzer Rübsam wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittel­gesetz zu 1100 Mark Geldstrafe. Fünf Mitangeklagte Angestellte erhielten 10 bis 60 Mk. Geldstrafe. Dem zum Export bestimmten Bier war in den Jahren 1895 bis 1900 Conlcur zugesetzt worden, um den Anschein eines stärker eingebrauten und malzhaltigen Bieres zu erwecken. Ein Theil des Bieres war auch mit Saccharin behandelt worden. Das Gericht beschloß auch die Pu­blikation des Urtheils. Bei diesem Biercouleurprozeß machte der Vertreter der Steuerbehörde die interessante Mittheilung, daß der Kulmbacher Bierexport in Folge des bekannten Couleur-Prozesses seit % Jahren um 83 400 Hektoliter zurückgegangen sei. Es sei dies ein sicherer Beweis dafür, daß die Fälschung des Bieres überall bitter empfunden werde. Die Kulmbacher Brauereien hätten durch die Verwendung von Couleur jährlich ca. 300 000 Mark an Malzverbrauch erspart.

Darmstadt, 18. Oktober. Eine recht charakteristische, wenn auch nicht sehr appetitliche Probe davon, wie weit schnöde Gewinnsucht gehen kann, lieferte die in der Be- ruiungsinstanz verhandelte Strafsache gegen den 46jährigen Landwirth Franz Pfeffel von Bobstadt wegen Betrugs im Zusammentreffen mit Vergehen gegen § 10 des Nahrungsmittelgesetzes. Pfeffel hatte im Februar d. Js. ein krankes Rind und kam dessen bevorstehenden Krepiren durch Nothschlachtung zuvor. Von dem behandelnden Thierarzt erfuhr er, daß das Rind an einer brandigen inneren Entzündung gelitten habe und dessen Fleisch daher nicht nur ungenießbar, sondern auch gesundheits­schädlich sei. Eigentlich hätte nach ärztlichem Befund das ganze Fleisch durch die Ortspolizeibehörde unbrauchbar gemacht werden müssen; die war jedoch trotz Anordnung des Kreisthierarztes unterblieben. Dadurch wurde es dem Angeklagten möglich, unter Verschweigung der Un- brauchbarkeit des Fleisches an zwei Einwohner von Bob- stadt Ouantitäten von 60 und 30 Pfund zum Preis von 35 Pfennig pro Pfund zu verkaufen. Das Schöffen­gericht erkannte s. Z. wegen Vergehens gegen das Nahrungsmittelgesetz auf 6 Monate Gefängniß. Die hiergegen erhobene Berufung wurde von der Straf­kammer abgewiesen.

Mainz, 21. Oktober. Eine kürzlich zugezogene Arbeiterfamilie hat ihr ein einjähriges Kind vor mehreren Tagen im Zimmer eingeschlossen und ist dann verschwunden. Nach drei Tagen wurde auf das Wimmern des Kindes die Thür geöffnet und man fand dasselbe im Zustande

gänzlicher Entkräftigung vor. Es hatte nur ein Stückchen Brot und etwas schwarzen Kaffee zur Verfügung gehabt. Ein 70jähriger Lehrer, der vor vier Wochen eine 48jährige Wittwe geheirathet hatte, starb dieser Tage. Die hinterlassene Wittwe wurde nun mit ihrem Anspruch auf Pension abgewiesen, weil sie offen eingestanden hatte, daß sie die Ehe nur zum Zwecke der Versorgung ein­gegangen habe. Die Behörde stützt sich dabei auf einen Artikel, in dem bestimmt wird, daß eine Pensions­berechtigung nicht besteht, wenn die Ehe mit dem Ver­storbenen innerhalb 3 Monaten vor seinem Ableben geschloffen ist und zwar nur zu dem Zwecke, um der Ueberlebenden die Pension zuzuwenden.

Gießen, 21. Okt. Prof. Dr. Maerker f. In der hiesigen Neuen Klinik starb Samstag Nacht Professor Max Maercker, Direktor der landwirthschaftlichen Ver­suchsstation in Halle a. S., an einem Herzleiden. Maercker hat schon vorher in Bad-Nauheim Heilung gesucht, doch war die Kur erfolglos. Seit dem 30. September befand er sich in der Neuen Klinik. Seine Leiche wurde nach Halle überführt. Maerker zählte zu den hervorragendsten Agrikulturchemikern. Sein Hauptverdienst liegt auf dem Gebiete des Gährungs- gewerbes.

Ausland.

Italien. Aus Rom wird derVoss.Ztg." berichtet: Der Neapeler Stadtverwaltungsskandal ist noch schlimmer, als man bisher annahm. Der Bericht des Unter­suchungsausschusses stellt fest, daß zahlreich Stadtver­ordnete und Stadträte sich kaufen ließen, um verschiedenen der Stadt nachtheiligen Kontrakten, Einrichtungen oder Aufwendungen zuzustimmen. Zeitungen, deren Namen genannt werden, erhielten Bestechungssummen, die bis zu 100,660 Lire in Einzelfällen betrugen. Die städtischen Beamten, von denen unter 138 nur 28 noch nicht mit Gefängniß bestraft sind, unterschlugen, stahlen und fälschten mit Wissen des Magistrats. Die Gasver­waltung theilte Hunderttausende aus, um einen vor- theilhaften Vertrag durchzusetzen. Die Korruption ist eine geradezu schreckliche. Cecil Rhodes und Dr. Jameson sind zum Kurgebrauch in Bad Salsomaggiore in Oberitalien angekommeu. Die KitungFracassa" regt nun den Gedanken an, daß alle Italiener denselben ihre Visitenkarten mit dem WorteVerachtung" darauf zusenden sollen.

Rom, 11. Oktober. Aus Poggio-Mirteto (Sabina) schreibt man derF. Z."Am 7. Oktober ward in Neapel der aus Alexandrien kommende DampferPo", der eine Ladung von 100000 verwesten Wachteln führte, disinfiziert und in offene See gebracht. Die Wachteln selbst wurden vernichtet. Das ist wieder einmal ein Fall des Massenmordes dieses geschätzten Vogels, dessen Fang in der maßlosesten Weise an den Nordküsten Afrikas, fast ausschließlich im Dienst der Leckermäuler Englands, verübt wird. Wenn man, und mit Recht, über die Verfolgung der zu Nahrungszwecken des Volkes bestimmten, kleinen Singvögel in Italien schreibt, wie- vielmehr sollte man entrüstet protestiren gegen solche Verheerung zu Gunsten der Schwelgerei".

Warschau, 21. Okt. Auf dem Mokotaner Felde, dem Uebungsplatz der Waschauer Garnison, kam es kürzlich zu einer offenen Revolte. Die gemeinen Soldaten eines ganzen Regiments versagten den Ge­horsam, weil sie zu schlecht beköstigt würden. Der Oberst, bei dem Beschwerde erhoben worden war, schob alle Schuld den Unteroffizieren zu, die sich an den Menage-Lieferungen bereicherten, doch scheint es, daß der Kommandeur seinerseits sich auch unrechtmäßige Vortheile verschaffte und nur einen Theil des Bedarfs liefern ließ. Die Offiziere gingen gegen die meuternden Soldaten vor, mußten sich aber zurückziehen, da sie be­schossen wurden. Ein schwer verletzter Offizier ist bereits gestorben. Die Rädelsführer wurden nach der Citadelle geschafft. Etwa 300 Soldaten dürften vor ein besonderes Kriegsgericht gestellt werden.

England. König Eduard verlangt die schleunige Beendigung des südafrikanischen Krieges. Ob ihm die Menschenliebe dieses Verlangen eingiebt oder der Wunsch, die bevorstehenden Krönungsfeierlichkeiten nicht auch noch durch die Schatten des Krieges verdunkeln zu lassen, wollen wir nicht enticheiden. Genug, er fordert die endliche Erlösung von diesem grausamen Blutvergießen, Fraglich ist es auch, ob er den Frieden unter Verzicht