chlüchternerMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
N 88. Samstag, den 2. November 1901. 52. Jahrgang.
MdhtttA^M auf die „Schlüchterner Zeitung" werden noch fortwährend von allen ~ .....-— Postanstalten und Landbriefträgern, Wie von der Expedition entgegen genommen.
Reformationsfest.
Am Reformationsseste geziemt es sich für uns, mit lautbarer Freude dessen zu gedenken, was Luther uns Fracht hat. Sehr vieles verdankt unser ganzes Volk liefern gewaltigen Gottesstreiter, dessen mächtige Persön- ichkeit uns so lieb und werth ist, wie keine andere Schalt unserer deutschen Geschichte. Dreierlei hat Luther persönlich unserem Volke und unserer Kirche l?geben: die Bibel, das Gesangbuch und den Katechismus. Was wir an der Bibel und am Gesangbuch haben, das We jeder evangelische Christ aus eigener Erfahrung missen. Und von Luthers Kleinem Katechismus hat linmal der berühmte Geschichtsforscher Leopold v. Ranke Mgt: „Glückselig, wer seine Seele damit nährt, wer daran festhält. Er besitzt einen unvergänglichen Trost in jeder Zeit und hinter einer leichten Schale den Kern der Wahrheit, der den Weisesten der Weisen genug thut."
Die Bewegung, deren geistiger Führer Luther genesen ist, hat nicht nur auf religiösem Gebiete reforma- Imsch geweckt, sondern auch auf den Gebieten der Wissenschaft, der Kunst, des bürgerlichen und staatlichen Lebens die Kräfte entfesselt, deren wir uns heute freuen. Wo das Evangelium von der freimachenden Gnade Gottes in Christo Jesu fehlt, wo die sittliche Persönlichkeit nicht allein auf Gott und ihr Gewissen gestellt wird, sondern an den Machtspruch eines göttliche Autorität fiir sich fordernden Menschen, des Papstes und seiner Untergebenen, gebunden ist oder werden soll, da ist die Tatkraft der Völker gelähmt, ihr Fortschritt gehindert. Ein warnendes Beispiel ist Spanien, dieses erzkatholische Land. Wir aber, die wir das willenstärkende, leben- hondende Evangelium haben, wollen uns vom Refor- mationSfeft ermähnen lassen, daß wir unsere Kraft auch recht gebrauchen zum Kampf wider die Mächte der Finsternis in unserm Volke und zur Erneuerung des frommen Sinnes der Väter in uns und anderen.
Deutsches Reich.
Berlin, 30. Oktober. Dem Bundesrath ist, wie »ach der „Kreuz«Ztg." verlautet, der Entwurf einer Be- innntmachung zugegangen betr. den Fett-, Wasser- und Salzgehalt der Butter.
D Bremen. Einen neuen Triumpf deutschen Schiffsbaues bedeutet der vom Vulkan in Stettin für den Norddeutschen Lloyd in Bremen erbaute neue Riesen- Schnelldampfer „Kronprinz Wilhelm", derselbe hat schon dei seiner ersten Reise über den Atlantischen Ocean die Erwartungen erfüllt, welche Sachkenner glaubten an ihn ten zu dürfen. Der Dampfer ist auf seiner ersten greife von New-Aork durchschnittlich mit einer Ge- schwindigkeit von mehr als 23 Seemeilen in der Stunde fahren, sodaß die ganze Reisedauer von New-Iork bis Plymouth nur 5 Tage 9 Stunden, von New Aork bis ^emerhaven 6 Tage und einige Stunden betrug. — ^i deutsche Schiffe sind es daher, welche gegenwärtig die schnellsten und prächtigster! Dampfer der Welt Ocean befahren, nämlich „Kaiser Wilhelm der Große"
„Kronprinz Wilhelm" vom Norddeutschen Lloyd ^^Deutschland" von der Hamburg-Amerika-Linie. Es ist Ä Sicherheit zu erwarten, daß der „Kronprinz Wilhelm", nun seine Maschinen sich erst gehörig eingelaufen haben, noch höhere Schnelligkeit wie auf seiner ersten Reise gölten wird. Zu bemerken ist noch, daß der Dampfer schnelle Reise machte, obwohl er mehrere Tage lang 'We Südwest-Stürme zu bestehen hatte.
Aus Thüringen. Ein vermögender Handwerks- Mche wurde dieser Tage in der Gegend von Schmiedend in Thüringen durch die Polizei aufgegriffen und M Gerichtsgefängniß in Schleusenau zugeführt. In ^uem Besitze befand sich eine Blechbüchse mit einem Malt von Baargeld und Werthpapieren im Betrage von ^068 Mark; außerdem hatte der Fremde eine schwer irdene Uhr nebst Kette, Ringe und sonstige Schmuck Wnstände bei sich. Da er jede Auskunft über den ^erb des Geldes und der Werthsachen hartnäckig ver- Merte, erfolgte seine Festnahme. Nunmehr haben die glichen Nachforschungen ergeben, daß der Handwerks- thatsächlich rechtmäßiger Besitzer ist. Der I°tiderbare Reisende stammt aus Ostheim, wo seine Ver
auf dem elektrischen Stuhle saß, sagte er, er empfinde keine Reue über die That, er bedauere nur, daß er seinen Vater nicht mehr gesehen habe. Nachdem der Strom dreimal eingeschaltet war, wurde der Tod Czolgosz bekannt gegeben.
Lokale- und Provinzielles.
* Schlüchtern, 1. Nov.
* — Der Lehrer Hach wurde vom 1. November ab an die Schule zu Möllenbeck, Kreis Rinteln, versetzt.
* — Für alle Handel- und Gewerbetreibende ohne Unterschied sind die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches über die Verjährung und Verjährungsfristen für kaufmännische Forderungen von größter Wichtigkeit. Diese Bestimmungen sind für alle Handel- und Gewerbetreibenden gerade jetzt von Bedeutung, weil mit dem Ablauf dieses Wahres eine Verjährung kaufmännischer Forderungen in bedeutendem Umfange eintritt und rechtzeitig, möglichst schon jetzt, die Handel- utib Gewerbetreibenden ihre ausstehenden Forderungen auf ihre Verjährung hin prüfen und die nöthigen Schritte thun müssen, um die Forderung nicht verjähren zu lassen.
* — Der Frostspanner tritt heuer in manchen Bezirken in außergewöhnlich hoher Zahl auf. Den Landwirthen erwächst hieraus die Pflicht, ihre Obstbäume durch Anlegen von Kleberingen vor diesen schlimmsten Feinden rechtzeitig zu schützen. Zum Bestreichen der Kleberinge hat sich am besten der Brumataleim bewährt. Ende Oktober, oft sogar noch im Dezember, schlüpft der Frostnachtspanner aus seiner Puppe. Die Männchen schwärmen umher, die flügellosen Weibchen wandern am Stamme der Obstbäume empor und legen ihre Eier an die Knospen ab, aus denen dann im Frühling Räup- chen bervorgehen, welche sofort an den Knospenspitzen Uhu den Blüthenbüscheln ihr Zerstörungswerk beginnen.
* — Eine Entschädigung von 45 Mk. erhalten die Wittwen und Kinder verstorbener Inhaber des Militär- Ehrenzeichens 1. Klasse, vorausgesetzt, daß die Beteffenden sich in hülfsbedürftiger Lage befinden, wenn sie den Orden an die General-Ordenskommission in Berlin zurückliefern. Unter denselben Bedingungen werden für das Militär«Ehrenzeichen und Allgemeine Ehrenzeichen 2. Klaffe 9 Mark gezahlt. Daß von dieser Vergünstigung noch recht wenig Gebrauch gemacht wird, scheint darin seinen Grund zu haben, daß die betreffenden Bestimmungen in den intressierten Kreisen noch zu wenig bekannt ist.
* — Ueber die Stellung der Gärtner hat sich in einem bemerkenswerthen Urtheil das Oberlandesgericht in Breslau ausgesprochen. Es erkennt darin nur die handelsgewerblich, bezw. kaufmännisch betriebenen Gärtnereien als Gewerbe im Sinne der Gewerbeordnung an. Einfach gewerbsmäßig betriebene Kunst- und Ziergärtnereien zählt das Gericht zum Gartenbau, der gesetzlich der Landwirthschaft zugeordnet ist. Das Gericht hat im vorliegenden Falle entschieden, daß — da der Angeklagte also nicht als Gewerbetreibender anzusehen ist — er auch nicht verpflichtet ist, seine Lehrlinge in die gewerbliche Fortbildungsschule zu schicken. „Die Gärtnerei fällt als Erzeugung von Urprodukten (so heißt es in den Gründen) an sich nicht unter die Bestimmung der Gewerbeordnung. Das Wesen des Gartenbaues wird auch dadurch nicht verändert, daß der Gärtner ein paar Häuser besitzt, in denen er seine Pflanzen in kalter Jahreszeit unterbringt, oder daß er Frühbeete anlegt, und ebensowenig dadurch, daß er mehrere Lehrlinge hält. Nur dadurch könnte die Gärtnerei zum Gewerbe, bezw. Handelsgewerbe werden, daß der Gärtner die gezogenen Urprodukte einer gewerbmäßigen Verarbeitung unterwirft oder dadurch, daß der Gärtner fremde Gartenprodukje zur Weiterveräußerung ankauft oder seine eigenen im kaufmännischen Betriebe verwerthet, was z. B. durch einen offenen Laden, kaufmännisch gebildetes Personal, Eintragung in das Handelsregister kenntlich gemacht würde."
r. Nieder-Moos, 29. Okt. Am 1. November wird die normalspurige, 24,77 Kilometer lange Nebeneisenbahn Lauterbach—Grebenhain—Crainfeld mit den Stationen Lauterbach (Haltestelle), Blitzenrod, Frischborn, Eisenbach, Rixield, Herbstein, Jlbeshausen, Nösberts und Greden- ;ain-Crainfeld für den Gesamt-Verkehr eröffnet. — Der unter dem Namen „David" in hiesiger Gegend sich herumtreibende Stromer arbeitete bei dem Schmied All, wo er Holz spaltete. Als die Schweine vorbeiginger;
wandten in glänzenden Vermögensverhältnissen leben, während er selbst bereits seit zehn Jahren vagabondirend sich in der Welt umhertreibt. Seine Kleidung ist derart zerlumpt, daß sie ihm in Fetzen am Körper herumhängt. Natürlich erfolgte jetzt seine sofortige Haftentlassung.
Lohr, 26. Okt. Die Speffarter HohlglaSwerke dahier, die über 100 Arbeiter beschäftigen, gedenken nach Aufarbeitung der Rohstoffe in Liquidation zu treten. Für die in Mitleidenschaft gezogenen Arbeiterfamilien wird diese Einstellung schwer empfunden werden.
Ausland.
Aus der Schweiz, 22. Oktober. Der auf der Südseite des Simplontunnels, wie kürzlich berichtet, her- vorgetretene Wasserdurchbruch scheint sich zu einer Kalamität gestalten zu wollen. Den Ingenieuren ist es bis jetzt nicht gelungen, das Wasser abzuleiten, das in den letzten Tagen mit einer Stärke von 1500 Sekundenliter ausströmt. Es geht nun schon in die vierte Woche, daß die Arbeiten mit den Bohrmaschinen eingestellt werden mußten und es scheint, daß man des Wassers nicht so rasch Herr werden wird, als anfänglich angenommen wurde. Wenn man bedenkt, daß ias Maximum des Wafferausfluffes bei der Gottharddurchbohruug 390 Sekundenliter betrug, so darf der jetzige Wasserausfluß aus dem Simplontunnel wohl als ein ganz abnormer bezeichnet werden.
Frankreich. Der „Matin" ist in der Lage, drei Briefe zu veröffentlichen, die General Voyron an den Grasen Waldersee geschrieben hat. In dem ersten Briefe betont Voyron, daß der Schutz der katholischen Mission in China Sache der französischen Truppen sei. Im zweiten giebt Voyron auf die Vorstellung, daß einzelne Dörfer nur mit französischen Flaggen geschmückt seien, die Antwort, das humane Auftreten der Franzosen habe ihnen die Sympathien der Bevölkerung zugezogen, das erkläre das Ueberwiegen der französischen Flaggen. Im dritten Briese weist Voyron Waldersees Vorschlag, eine internationale Regiernng in Peking unter dem Vorsitz eines von Waldersee zu bestimmenden Generals einzurichten, zurück. Man sieht, daß vor allem gallische und persönliche Eitelkeit den General bei seinen Briefen und noch mehr bei ihrer Veröffentlichung bestimmen; daß diese nicht besonders taktvoll ist, braucht man kaum hervorzuheben.
England. Wie nach Chamberlains Rede zu erwarten war, hat der Ministerrath beschlossen, den Krieg durch keine anderen Mittel als durch völlige Unterjochung der Buren zum Abschluß zu bringen und Lord Kitchener alles zu bewilligen, was er zur energischen Fortsetzung des Kriegs für nothwendig erachtet. Cham- berlain hatte bekanntlich in seiner erwähnten Rede gesagt, England werde nicht so grausam verfahren wie andere Länder und 1870 auch Deutschland verfahren wäre. „Daily Chronicle" tadelt den Hinweis Chamberlains als übelberathen und bemerkt: Takt in Chamberlains Aeußerungen über das Ausland zu erwarten, würde in der That recht albern sein. — General Louis Botha ist der Gefangennahme durch Oberst Re- mington nur mit knapper Noth entgangen. Die Engländer überraschten sein Lager. Botha entkam nur mit wenigen hundert Metern Vorsprung, er büßte seinen Hut, seinen Revolver und seine Papiere ein, welche in die Hände der Engländer fielen. Zehn Buren wurden gefangen genommen. Botha hat nur noch einen kleinen Rest der Truppen bei sich, die vor kurzem Natal bedrohten. Die übrigen sind zerstreut.
London, 29. Oktober. König Eduard von England soll, wie ein hiesiges Blatt mit aller Bestimmtheit mit- theilt, an Kehlkopfkrebs leiden. Die Hofbeamten versichern, die Wucherung in der Kehle des Königs sei nicht bösartig, dach wisse der Hof sehr wohl, daß die Stimme des Königs von Woche zu Woche rauher werde, indessen mache Niemand, dem sein Amt lieb sei, die Sache bekannt. Der König selbst fürchte das Schlimmste, habe aber befohlen, keine der Bestellungen für die Krönungsgewänder und Regalien zurückzunehmen, damit kein Argwohn im Publikum entstünde.
Nordamerika. Verkracht ist die amerikanische Ausstellung in Buffalo. Der Fehlbetrag wird auf 16 Mill. Mark geschätzt. Die Erbauer, die 4 Millionen Mark verlieren, wollen die Direktoren und Aktionäre verklagen. — Aus Auburn (Staat Newyork) wird vom Dienstag gemeldet: Czolgosz ist heute Vormittag 7 ’/* Uhr mittelst Elektrizität hingerichtet worden. Als Czolgosz