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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

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Mittwoch, den 27. November 1901.

52. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Berlin. Der Kaiser wird Montag den 25. d. M. in Kiel der Vereidigung der Marinerekruten beiwohnen und erst Mittwoch Abend Kiel wieder verlassen. Der Kaiser beabsichtigt, die im Bau bezw. Umbau begriffenen Kriegsschiffe der Reichswerft zu besichtigen, einer Uebungsfahrt des Geschwaders in See beizuwohnen und das für den Prinzen Adalbert bestimmte, fast vollendete Prinzenhaus in Düsterbrook in Augenschein zu nehmen. In der Zeit etwa vom 4. bis 12. Dezember wird der Kaiser in Schlesien verweilen. Die Kaiserin, deren Befinden wieder ganz normal ist, allerdings noch Schonung erfordert, reist gleichzeitig mit dein Kaiser nach Schleswig-Holstein, jedoch nicht nach Kiel, sondern nach Plön, um dort ihre Söhne zu besuchen. Prinzessin Heinrich von Preußen ist in Darmstadt eingetroffen.

Dem englischen Kolonialminister Chamberlain war von privater Seite nahe gelegt worden, Schritte zu thun, um den Unwillen zu beseitigen, den er durch seine jüngst gehaltene Rede in gewissen Kreisen des deutschen Volkes hervorgerufen habe. Darauf hat Chamberlain durch seinen Sekretär antworten lassen, die künstliche Agitation in Deutschland beruhe so voll­ständig auf einem Mißverständniß seiner Rede, daß er nicht daran denke, irgend welche Notiz davon zu nehmen. Er wolle indessen feststellen, daß sich kein vernünftiger Deutscher durch die Worte beleidigt fühlen könnte, in denen er das Verhalten der britischen Behörden in Transvaal durch den Hinweis auf die bei alten civilisirten Staaten unter ähnlichen Umständen beob­achtete Haltung gerechtfertigt habe. DieNordd. Mg. Ztg." nimmt von dieser Erklärung in bemerkens- Werther Weise Notiz. Nachdem sie den Vorwurf zurück- gewiesen, daß sie bisher geschwiegen, schreibt sie: Die obige Erklärung nöthigt uns nun doch, auf die Edin- burgher Rede des englischen Kolonialministers zurück- zugreifen. Nach den Berichten englischer Zeitungen hatte sich Herr Chamberlain zur Rechtfertigung der englischen Kriegführung gegen die Buren darauf be­rufen, daß es andere europäische Nationen, darunter auch die deutsche, in früheren Kriegen schlimmer ge­trieben hätten als die Engländer in Südafrika. Durch seinen Sekretär läßt Herr Chamberlain nunmehr er­klären, daß er in Edinburgh nur auf die bei allen civilisirten Nationen unter ähnlichen Umständen beob­achtete Haltung verwiesen habe. Wir stellen fest, daß zwar die Edinburgher Rede damit eine Abschwächung erfährt, der Ausdruck der Verwunderung aber über die Empfindlichkeit des deutschen Nationsgefühls ungerecht­fertigt und ungehörig bleibt. Denn dasMißver­ständniß" von dem Herr Chamberlain spricht, liegt auf Seiten der Wochen lang unwidersprochen gebliebenen englischen Berichterstattung. Ueber die zur Ent­schuldigung vorgebrachte allgemeine Wahrheit, daß in allen Kriegen Härten vorkommen, würde sich Niemand bei uns erregt haben. Dem in Volksversammlungen hie und da aufgestellten Verlangen, im Interesse des deutschen Heeres amtliche Schritte gegen außeramt- liche Aeußerungen eines fremden Ministers zu unter­nehmen, können wir uns nicht anschließen. Das An­sehen, das sich die deutsche Armee durch Manneszucht und Menschlichkeit wie durch Tapferkeit in der ganzen gesitteten Welt erworben hat, steht viel zu fest, als daß es durch falsche und unpassende Vergleiche berührt kerben könnte. Dieser kalte Wasserstrahl, den die Regierung als Antwort auf die Chamberlainschen Ver­dächtigungen nach London entsandt, hat im ganzen deutschen Volke wie die Befreiung von einem schweren Alp gewirkt. Ueberall im deutschen Vaterlande hat man aufgeathmet, daß die Unverschämtheit des englischen Kolonialministers endlich auch von amtlich deutscher Stelle aus als das gekennzeichnet worden, was sie in der That und Wahrheit ist. Wir sagen endlich, denn Graf Bülow hat wirklich eine bewunderungswerthe Ruhe bewiesen, und die erlösende That wäre trotz der allgemeinen Entrüstung des Volkes über die boshaften englischen Verleumdungen vielleicht noch nicht erfolgt, kenn nicht der frühere Drahtstiftfabrikant Herr Joe Ghamberlain nicht in so ungemeinschnodderiger" Weise, wie der Berliner sagen würde, auf die An­gelegenheit zurückgekommen wäre. Das veranlaßte den Rutschen Reichskanzler, alle Rücksicht auf die zwischen dem Berliener und dem Londoner Cabinett bestehenden guten Beziehungen außer Acht zu lassen und den Herrn

Chamberlain in ganz empfindlicher Weise auf die Fingern zu klopfen. Mit diesem Schritt hat die deutsche Reichsregierung aber nicht blos die Züchtigung eines unverschämten Ehrabschneiders, sondern gleich­zeitig offiziell und vor aller Welt eine vernichtende Kritik der englischen Kriegführung in Südafrika aus­geübt. Wegen seines fluchwürdigen Krieges gegen die Buren ist England von aller Welt geächtet, nur die deutsche Reichsregierung hatte es noch immer zu ver­hüten gesucht, daß die Vorkommnisse in Südafrika ihre Schatten in die freundschaftlichen Beziehungen zu der Regierung des Jnselreiches würfen. Das ist nun anders geworden, und die Welt hat erfahren, daß auch die deutsche Regierung das Treiben der Engländer in Südafrika nicht billigt, und einen Vergleich dieser Kriegsführung mit der eigenen als eine Beleidigung auffaßt.

Die technische Hochschule in Charlottenburg hat diese Woche Versuche mit einer neuen Art von Stahlbereitung vollendet, welche, wie dasKl. Journ." meldet, nicht verfehlen werden, in den betheiligten Kreisen großes Aufsehen zu erregen. Fachleute be­haupten, daß die neue Erfindung die ganze Metall­industrie revolutioniren dürfte. Der Erfinder ist ein kleiner, mecklenburgischer Fabrikant Namens Giebeler, der sich schon seit Jahren mit der neuen Stahlbereitung befaßte, aber erst jetzt vor die Öffentlichkeit treten wollte, nachdem eine Fachautorität, wie die Königliche Hochschule, ein Gutachten über die Erfindung abge­geben hat. Dies ist nun im günstigsten Sinne seitens der Hochschule geschehen. Der Prozeß besteht darin, daß durch das Giebeler-Verfahren allen Arten von Eisen ein Härtegrad und eine Stärke gegeben wird, welche die seither bekannten Stahlsorten um das. Doppelte ihrer Härte über trifft, obgleich gleichzeitig die Produktionskosten um 50 Prozent verringert sind. Projektile, gegen eine 73/4 Millimeter starke Stahl­panzerplatte nach Giebeler geschleudert, machen bloß l Millimeter starken Eindruck, während Krupp'sche Stahlplatten von gleicher Stärke vollständig glatt durchlöchert werden. Klingen aus dem neuen Stahl erzeugen Zerspaltungen anderer Stahlklingen, als wären dieselben aus Holz gemacht.

Bremen. Die größte Goldladung, die je mit einem Schiffe' verfrachtet worden ist, bringt der Bremer LloyddampferKaiser Wilhelm der Große" auf seiner diesmaligen Reise von Nordamerika nach Europa. Der Grund ist der, daß der deutsche Dampfer der schnellste der Welt ist, was eine Ersparnis an Zinsen bedeutet. Die Goldladung hat den ungeheuren Werth von 7 000 000 Dollar oder 29 400 000 Mark. Sieben Bewaffnete bewachen die Goldkammer Tag und Nacht.

Staßfurt, 18. Novbr. Von den im Schacht ver­schütteten 15 Bergleuten ist heute der erste als Leiche aufgefunden worden, der Bergmann Herm. Schülke, der verheirathet und Vater von drei Kindern war. Der Leichnam war entsetzlich zugerichtet; er wurde sofort im Schacht eingesargt. Man hofft, in den nächsten Tagen - auch die übrigen Leichen bergen zu können, die dann gemeinsam beerdigt werden sollen. Die hohe Temperatur im Schacht begünstigt die Verwesung der Leichen sehr. Die Bergungsarbeiten werden unermüdlich fortgesetzt.

Darmstadt. In der Ehescheidungsangelegenheit des Großherzogs von Hessen war, wie bereits mitge­theilt, der Kammerherr der Großherzogin, Baron Riedesel, in besonderer Mission nach Koburg entsandt worden. Bei seiner Rückkehr ließ er das gesammte Marstall-Personal zusammenrufen und sprach ihm den Dank der Großherzogin für die seither geleisteten treuen Dienste aus, gleichzeitig ein herzliches Lebewohl wünschend. Danach ist es also vollständig ausgeschlossen, daß die Großherzogin beabsichtigt, nach Darnistadt zu- rückzukehren. Das große Gebäude der hiesigen Turn- gemeinde, welches erst am 6. Oktober d. I. in Gegen­wart des Großherzogs sowie der Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden eingeweiht worden war, ist mit den ausgedehnten Restaurationsräumlichkeiten bis auf die Umfassungsmauern niedergebrannt. Zwei Dienstmädchen tarnen in den Flammen um, ein drittes, welches sich an einem Seile herunterlassen wollte, stürzte ab und trug lebensgefährliche Verletzungen davon. Ein Kellner sprang von der Giebelmauer 'herab und brach das Genick.

Offenbach a. M., 23. Nov. In der hiesigen Feuer- bestattungs-Anstalt sind bis jetzt 187 Leichen eingeäschert worden, und zwar 121 Männer-, 83 Frauen- und 3 Kinderleichen. Nach dem religiösen Bekenntniß waren 146 evangelisch, 15 römisch-katholisch, 10 israelitisch, 6 deutsch-katholisch, 3 französisch-reformirt, 2 altkatholisch; 5 waren konfessionslos.

Ausland.

Paris. Ueber den geheimen Bericht des französi­schen Generals Voyron wegen der in China stattgehabten Plünderungen theilt dieFranks. Ztg." aus einem Pariser Blatt Folgendes mit: Die Disziplin der Fran­zosen lockerte sich plötzlich in Peking, zwei Tage nach ihrer Ankunft daselbst, am 17. Aug. 1900. Alan sah einen Zug von Wagen und Karren unter der Führung des Bischofs Falixe vor dem Palast des kaiserlichen Prinzen Li ankommen, eskortirt von Mönchen, 300 bis 400 eingeborenen Christen, sowie von französischen Soldaten und Matrosen. Alle zusammen, Mönche und Soldaten, wetteiferten nun in der Plünderung des chinesischen Palastes. Der Bischof wußte, wo das Silber aufbewahrt war unb ein Wagen nach dem anderen wurde nun mit Silberbarren beladen. Der General Voyron schätzt den Gesammtwerth der geraubten Schätze auf 300 000400 000 Frs. Die Soldaten und Ma- trosen erhielten nachher Jeder einen Check von 2000 Frcs., zahlbar durch den Orden der Schwestern von St. Vinzentius in Paris. Als diese Sache in den übrigen Soldaten-Ouartieren bekannt wurde, entstand eine starke Gährung, und der General sah sich genöthigt, unter Einziehung aller Cheks die ganze Summe auf alle Soldaten als Kriegsbeute zu vertheilen.

Nordamerika. In dem soeben veröffentlichten Schlußbericht über die im vergangenen Jahre vorge­nommene Volkszählung wird die Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten von Amerika insgesammt auf 76 303 387 Personen angegeben, von denen 65 843 302 in den Vereinigten Staaten selbst geboren und 10 460 085 eingewandert sind. Im ganzen hat die Einwohnerzahl seit 1890 um 13 233 631 ober 21 Proz. zugenommen. Unter der Bevölkerung befanden sich im Jahre 1900 im Ganzen 66 990 802 Weiße und 9 312 585 Farbige. Die letztere Zahl setzt sich zusammen aus 8 840 789 Negern, 119 050 Chinesen, 85 986 Japanern und 266 760 Indianern. Im Jahre 1890 waren neben 55 166 184 Weißen 7 488 788 Neger, 126 778 Chinesen, 14 399 Japaner und 273 607 Indianer gezählt worden.

Kapstadt. Zur Bewaffnung der Kapkolonisten wird geschrieben: Während der letzten Tage war man hier sehr geneigt, sich von der auf Anrathen Sir Gordon Spriggs in Aussicht genommenen allgemeinen Bewaffnung der loyalen Bürger der Kapkolonie viel zu versprechen und hielt nicht mit der Meinung zurück, daß auf diese Weise die Kolonie bald von allen feindlichen Buren - schaarengereinigt" sein werde. Die vom Kriegsschau­platz eingelanfenen Nachrichten dürften aber dieser Zu- versicht bereits ein Ende bereitet und weiter gezeigt haben, daß die Bewaffnung der Kapkolonisten ein ge­radezu verhüngnißvolles Experiment wäre. Wie Lord Kitchener meldet, haben nämlich 180 im Bezirk So­merset als irreguläre Truppen eingestellteloyale Bürger", die erste beste Gelegenheit benutzt, um beim Heranrücken der Buren ihre Munition zu verschießen, ehe noch die Kugeln dem Feinde Schaden machen konnten, dann dem sie befehligenden Offizier rundweg abgeschlagen, weiter zw kämpfen,da die Buren zurück­schießen würden", und schließlich, mit nur einem Leicht­verwundeten, die Waffen zu strecken. Die Buren kamen so zu 180 Gewehren, 180 gesattelten Pferden, etwas Munition, 180 Khaki-Uniformen und etwa 20 Ueber- läufern aus den Reihen der Zoyalen" Kapländer. Die anderen zogen heim, von dem Bewußtsein erfüllt, ihre Pflicht nach beiden Seiten hin gethan zu haben. Für König und Vaterland haben sie gesümpft, man kann ihnen daher von dieser Seite nichts anhaben, und den Buren, mit denen sie sympathisiren, haben sie geholfen. Die Erfahrung, die mau da mit den Farmern von Somerset gemacht hat, würde man in allen anderen Bezirken auch machen. Der Buren-General Viljoen hatte vor einiger Zeit in dem Forts Het Lage Veld bei Krokodil - River 23 weiße Soldaten überwältigt, unter deren Führung eine größere Anzahl bewaffneter Kaffern gegen ihn gesümpft hatten. Er ließ die Raffern