chlWerlmMtung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
£ 96.
Samstag, den 30. November 1901.
52. Jahrgang.
Deutsches Reich.
Berlin. Unser Kaiser wollte Mittwoch Abend von ist nach Potsdam zurückkehren, um am Freitag iiitag mit dem österreichischen Thronfolger zur Jagd i der Göhrde (Hannover) einzutreffen.
— Wie es nach der „Tägl. Rdsch." heißt, hat der Kaiser ieAnweisung gegeben, daß die befähigten und civilver- -rgungsberechtigten früheren Chinakrieger bei Anstelligen im Staatsdienst zu bevorzugen seien. Manche sollen m- bis zweihundert Vorbewerber übersprungen haben.
— Der Zolltarifentwnrf liegt nunmehr vollständig or. Er bildet ein fünfbändiges Werk, bestehend aus M Entwurf eines Zollgesetzes nebst Zolltarif, zwei liinben Begründung, allgemeiner und besonderer Theil, nid 2 Heften Anlagen, insgesammt ein Werk von nahezu 1500 großen Druckseiten.
— Rund 78 oOO Unteroffiziere soll nach dem Etat «s deutsche Heer zählen. Gegenwärtig sollen aber M etwa 50 oOO einschließlich der Abkommandierten » Dienst sein. Praktischen Frontdienst sollen rund m 40 000 Unteroffiziere thun, fo daß demnach als Mustrierung des Kapitels „Unteroffiziermangel" dieser Mangel sich auf 38 000 Mann beziffert! Die Mili- mbehörden bemühen sich, dem Mangel abzuhelfen, liSher mit wenig Erfolg.
— Deutsches Eisen dringt in England mehr und Uhr ein, sodaß die deutsche Konkurrenz merklich auf K Preise drückt. Ein englisches Blatt glaubt sogar kmstatiren zu können, daß der gesammte englische Eisen- und Stahlmarkt infolge des deutschen Wettbe- Iverbs schwach und unsicher sei. Das soll unser Kummer nicht sein.
— Ein Vergleich mit dem verhafteten Kommerzien- rath Sanden, dem früheren Direktor der Preußischen Hypotheken-Aktien-Bank, ist nach dem „L.-Anz." abgeschlossen worden. Sanden hat sein und seiner Frau Vermögen in Höhe von zusammen 1 200 000 Mk. der Masse zur Verfügung gestellt, wodurch die Regreßan- iprüche seitens der Gläubiger als erledigt zu betrachten fmb. Von dieser Summe entfallen nach den seinerzeit für die Vertheilung aller Eingänge festgesetzten Normen 800 OuO Mark auf die Neue Boden-Gesellschaft und 300 000 Mark auf die Preußische Hypotheken-Aktien- Bank. — Sollten die Zahlen richtig angegeben sein, so dürfte Sanden noch eine Kleinigkeit für feine alten Tage übrig behalten, d. h. einige Millionen.
— Im Berliner Rathhaus herrscht nach Angaben dortiger Blätter „Geldmangel". Bei einer unver- Mtheten Kassenrevision stellte sich heraus, daß Frau Berolina augenblicklich „sehr knapp" bei Kasse ist. Es tourben „nur" 11 Mill. und 6ou 000 Mark vorgefunden. Sie muß also sehen, wie sie sich einrichtet. Lange wird die „Ebbe" aber nicht anhalten, denn schon geht fleißig der Steuereinnehmer herum, und bald wird sich der Stadtfäckel wieder zu strotzender Fülle runden. — Nahezu 3*2 Millionen Kubikmeter Gas sind nach Angabe Berliner Blätter im letzten Etats- jahr in der Reichshauptstadt ungebraucht in die Luft gegangen, infolge Undichtigkeit der Röhren usw. Es handelt sich dabei um 422,000 M. Mit dieser Summe formte mancher Ort seinen ganzen Haushalt bestreiten!
Breslau. Mehrere angeblich aus dem Pekinger Kaiserpalast stammende Standuhren wurden in Schoppi- "ltz in Oberschlesien beschlagnahmt. Zu einem dortigen Uhrmacher kam ein ehemaliger Chinakämpfer und verbrachte eine kostbare Standuhr zur Reparatur, Welche nach seiner Angabe aus dem kaiserlichen Palast Peking stammen soll. Die aus feinem Golde gearbeitete Uhr, deren Zifferblatt mit kostbaren Edel- fleinen besetzt war, reprüsentirte einen Werth von über 1000 Mark. Der Chinakämpfer wollte sie jedoch für Williges Geld losschlagen. Ein von dem Handel benachrichtigter Gendarm forschte nach dem Eigenthümer ?r Uhr, und stellte hierbei nach der „Kattow. Ztg." daß der Chinakämpfer noch drei solcher Uhren in ^tztz hatte, die in Beschlag genommen wurden.
Koburg, 19. Nov. Das „Kob. Tgbl." meldet: Je Porzellan-Industrie Thüringens weist in manchen Städten einen so flauen Geschäftsgang auf, daß in Manchen Fabriken in der Woche nur 3 Tage gearbeitet wird.
Greiz, 26. Nov. Die verhaftete Frau Dörfer W eingeftahben, Arsenik Nachts, nachdem alle Fa- »alienmitglieder schon zur Ruhe gegangen waren, in
den Kuchenteig gemischt zu haben, doch will sie in der Trunkenheit gehandelt haben. Die verkommene Frau hat schon längere Zeit vorher geäußert, sie würde die ganze Familie vergiften.
Erfurt, 22. Nov. Das Kriegsgericht der 38. Division verurtheilte heute den Musketier Krause von der 9. Kompagnie Infanterie-Regiment Nr. 95 in Koburg wegen Verleitung zur Fahnenflucht, wegen verabredeter und gemeinschaftlich ausgeführter Fahnenflucht im wiederholten Rückfalle, ferner Betrugs, Hehlerei und zweier Diebstähle von Kleidungsstücken zu einer Gesammtstrafe von 6 Jahren 3 Monaten Zuchthaus, Entfernung aus dem Heere und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf 4 Jahre. Der gleichzeitig Mitangeklagte Musketier Breitenstein von derselben Kompanie des gleichen Regiments wurde wegen verabredeter Fahnenflucht und Unterschlagung eines Diensthemdes zu 1 Jahr und 6 Monaten Gefängniß verurtheilt und in die zweite Klasse des Soldatenstandes versetzt. Breitenstein hatte sich nach 3tägiger Abwesenheit von seinem Truppentheile freiwillig gestellt. (Was ist mehr werth — ein altes Soldatenhemd oder 39,000 Mark Spargelder?)
Von der Ruhr. Während der Wasserstand des Rheins zurückgeht, richtet das Hochwasser jetzt in den Gebietew der Ruhr, Senne und Wupper große Verwüstungen an. Der Ruhrpegel ist auf 6 Meter gestiegen. Da die Hochfluth über Nacht hereinbrach, so befinden sich zahlreiche in Niederungen wohnende Familien in großer Bedrängnis.! Die Wupper führt Hochwaffer, wie seit Jahren nicht mehr. In Wupper- kotten liegt bereits seit der ganzen Woche der Betrieb vollständig brach. Dabei sind die Vorräthe in den Lagern infolge des gleichfalls plötzlich hereinbrechenden Hochwassers verdorben. Der ohnehin in trostloser Lage befindlichen bergischen Industrie erwächst- hierdurch ein beträchtlicher Schaden.
Kiel. Ein Unhold, dessen Thaten an den Londoner Jack the Kipper und seine zahlreich auch in Deutschland aufgetauchten Nachahmer erinnert, niacht jetzt in Kiel von sich reden. Seit vier Tagen wurden allabendlich in den Straßen der Stadt zahlreiche Frauen und Mädchen von einem Unbekannten ohne Veranlassung durch Dolchstiche verletzt. Im Ganzen sind schon etwa 30 weibliche Personen hiervon betroffen worden. Bis jetzt ist es aber der Polizei trotz aller Anstrengungen nicht gelungen, den Thäter zu ermitteln.
Auslanv.
Serbien. „Echo de Paris" meldet über Wien: König Alexander von Serbien beabsichtigt sich von der Königin Draga scheiden zu lassen und sich mit deren jüngerer Schwester zu verheirathen. Diese hält sich schon seit einiger Zeit im Palaste aus, begleitet den König überall hin und ist bei allen seinen Spielen seine Partnerin. — Wie aus London gemeldet wird, verzeichnet auch ein Telegramm des „Daily Telegraph" dieses Gerücht. Der König soll sogar die Ehescheidung bereits ein- geleitet haben.
London, 20. Novbr. Wie amtlich konstatirt wird, ist in diesem Jahr die Zahl der in London festgestellten Fälle von Wahnsinn um 5000 größer als die Durchschnittszahl früherer Jahre. Sämmtliche Spezial-Aerzte schreiben dieses Anwachsen der Geisteskrankheiten einzig nnb allein dem südafrikanischen Kriege zu. - Hiesigen Blättern zufolge hat die Firma Rothschild als Weihnachtsgabe für die englischen Truppen 4000 Tabakpfeifen, 200 000 Zigaretten und eine große Quantität Tabak nach Südafrika gesandt. Dies soll bereits die 20. derartige Sendung fein.
England. Die englische Regierung und namentlich das englische Volk ist trotz Chamberlain des Buren - krieges recht herzlich satt und sucht mit dem Präsidenten KrügerimmerwiederFriedensverhandlungenanzuknüpfen. Jetzt verlautet sogar, die Regierung werde die den Buren angebotenen Friedens-Bedingungen demnächst öffentlich bekannt geben. Vor der Oeffentlichkeit sucht es das offizielle Englaud begreiflicherweise so darzu- stellen, als ob die Bestrebungen behufs Anknüpfung von Friedensverhaudlungen von den Buren ausgingen. Präsident Krügers Umgebung im Haag bestätigt jetzt aber, daß der Präsident kürzlich englischerseits sondiert worden sei, ob er geneigt sei, die Unabhängigkeit der beiden südafrikanischen Republiken^ gegen die Abtretung
der Goldfelder anzunehmen. Dieses Anerbieten lehnte Krüger rundweg ab, und er that unter den gegenwärtigen Umständen sicherlich recht daran. — Häusliche Verdrießlichkeiten, die mit dem Kriege im Zusammenhang stehen, und vornehmlich auf Eifersüchteleien der höherer Offiziere beruhen, quälen die Engländer fast fortgesetzt ebenso sehr wie die Mißhelligkeiten auf dem Kriegsschauplatz in Südafrika. So hat sich der „Tägl. Rdsch." zufolge in Aldershot ganz neuerdinc^ ein Befall allerpeinlichster Art ereignet. Als dort' R"^ . > das Uebungslager besichtigte, wurde gegen thu m des Falles Buller eine feindselige Kundgebung am staltet. Es kam sogar zu einer persönlichen B hung des Generals Seitens Hunderter von Sold t und Civilisten. Roberts wurde endlich durch Pm^ei und Militär von der wüthenden Volksmenge befreit. Das Londoner Kriegsamt suchte begreiflicherweise den Vorgang zu vertuschen. General Buller ist gewiß kein fähiger Offizier, aber es geschieht ihm ein ungeheures Unrecht, wenn die anderen Offiziere, an deren Spitze Lord Roberts, den Mangel ihrer Erfolge in Südafrika aus das Schuldkonto des unglücklichen Buller zu setzen versuchen. Vor der Geschichte werden Kitchener und Roberts einmal einen schwereren Stand haben, als Buller, denn der unerhörten Grausamkeiten der beiden ersteren hätte sich Buller den Buren gegenüber doch Wohl nicht schuldig gemacht, selbst wenn er am Tugela nicht fortwährend im Pech gesessen Hütte; jedenfalls hat ihn dies Pech vor dem Schmutze behütet, mit dem sich Kitchener durch seine Unmenschlichkeit beladen hat.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchter«, 29. Nov.
* — Pfarrer Ziegler in Waldensberg bei Wächters- bach wurde als Pfarrer nach Langenschwarz bei Burg- Haun versetzt.
* — Der Fußgendarm Gutberlet in Ulmbach ist vom 1. Januar 1902 ab als Hausmeister bei der Stadtschule in Fulda angestellt worden.
* — Gestern wurden hier zwei Pferde (Schimmel) eingefangen, welche ohne Führer und nur mit Trense versehen, daher getrabt kamen. Dieselben wurden einstweilen eingestallt, bis ihr Eigenthümer sich meldet. Dem Vernehmen nach waren diese beiden Pferde bis vor Kurzem auf Hof Lappenstein bei Flieden, wurden bei Aufgabe der Pacht verkauft und famen nach Katholisch-Willenroth bei Soden. Offenbar hat es ihnen bei ihrem neuen Herrn nicht gefallen, sie bekamen Heimweh nach ihrem alten Heim, Hof Lappenstein, und machten sich auf die Reise, ihn zu suchen. Sie hätten, einmal hier, sich sicherlich wieder zu ihrem alten Herrn gesunden. Das ist doch mehr als Instinkt, das ist Ueberlegung von den beiden Pferden.
* — In den gerichtlichen Grundbüchern finden sich noch immer zahlreiche Hypotheken, die vor dein 1. Juli 1874 errichtet sind. Viele dieser Hypotheken sind sehr alt; es giebt solche aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts. Alle diese Hypotheken bleiben unbeachtet stehen, weil leider die große Mehrzahl der Grundbesitzer den Grundsatz befolgt, sich um den Inhalt ihres Grundbuchs nicht zu kümmern. Das ist gegenwärtig ganz thöricht, denn nur noch bis zum 1. Januar Im 2 dauert die gesetzliche Vergünstigung, daß solche alte Hypotheken, deren Gläubiger unbekannt sind, nahezu kostenlos aufgeboten und gelöscht werden können. Nach dein 1. Januar 1902 entstehen die vollen Kosten und schließlich müssen solche alte Hypotheken, wenn einmal eine neue ausgenommen werden soll, doch beseitigt werden. Es sollten daher alle Grundbesitzer, die auf Ordnung halten, schleunigst ihre Artikelabschrift durchsehen und das Aufgebotsverfahren zum Zweck der Löschung beantragen. Wenn Mehrere das gemeinschaftlich thun, vermindern sich die Kosten der Einrückung in das Amtsblatt für den Einzelnen. Unb wer keine Artikel-Abschrift hat, soll sich schleunigst eine geben lassen oder das Grundbuch selbst einsehen.
* — (Aus der Strafkammersitzung vom 27. Nov.) Am 10. März fuhr der Bauer Sch. von Uerzell per Rad nach der Kirche in Ulmbach. Unterwegs gingen 6 Kirchen besucher zu je 3 in zwei Trupps auf der Mitte der Straße. Zwischen den beiden Trupps war, wie der Angeklagte angiebt, ein Raum von über ein Meter, sodaß er bequem habe durchfahren können. Vor den Leuten fuhr ein Wagen, der ziemlich Geräusch ver-