SchlüchternerMtung
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X 31.
Mittwoch, den 16. April 1902.
53. Jahrgang.
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sowie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser gedenkt während seines bevorstehenden Aufenthaltes auf der Wartburg in Gesellschaft des Großherzogs von Weimar im Wasunger Revier der Auerhahnjagd obzuliegen. — Wie es heißt, hat der Kaiser sich mit vollster Entschiedenheit für die Fortführung einer energischen Polenpolitik ausgesprochen.
— Ein Urtheil über die deutsche Armee, das dieser Tage der französische Oberst Stoffel geäußert hat ist intreffant. Seine Ausführungen lauteten wörtlich: „Ich kenne indessen vollkommen den augenblicklichen Stand der deutschen Armee und der unserigen. Ich glaube nicht, daß unsere Armee mit der deutschen verglichen werden kann. Gewiß, unser Material, Flinten und Kanonen sind vortrefflich, aber die Ausrüstung aller großen Rationen ist ungefähr gleichwerthig. Was die Ueber- legenheit unserer östlichen Nachbarn ausmacht, ist ihr Offizierskorps und ihr Oberkommando.
— Der Zufluß von Amerikanern nach Deutschland dürfte in diesem Jahre ganz besonders stark werden. Die Geschäftslage in den Vereinigen Staaten ist so vorzüglich, daß sich auch solche Amerikaner in diesem Jahre eine Europareise gönnen, die sie sich haben versagen müssen. Auf den Dampfern der Hamburg-Ame- rika-Linie und des Norddeutschen Lloyd sind, wie der „Confectionär" erfährt, für die Hochsaison im Mai und Juni bereits sämmtliche, für die anderen Sommermonate die weitaus größte Zahl der Plätze der 1. und 2. Cajüte belegt.
Bremen. Die Auswanderung über die deutschen Nordseehäfen nimmt gewaltig zu, obwohl jetzt die preußischen Behörden bei der Beförderung russischer und österreichischer Auswanderer nach den Ostseehäfen eine schärfere Kontrole als bisher ausüben und Personen, die nicht genügende Baarmittel haben, überhaupt nicht einlassen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Hamburg-Amerikalinie wegen des Paffagieran- dranges die Zwischendeckspreise um 10 Mark erhöhen wird.
Essen. Krupp soll sich nach der „Chronique der Travaux puplies" mit Schneider von Creuzot assoziirt haben, um in Kleinasien am Schwarzen Meere ein großes Werk zu errichten. Dies mürbe den Unternehmern zwei große außerordentliche Vortheile bieten: 1. sei es in nächster Nähe von reichen Kohlen- und Eisen- minen gelegen; 2. kommen in Betracht die außerordentlich billigen Arbeitskräfte, die ihnen in jener Gegend zur Verfügung stehen.
In Gotha hatte ein Fortbildungsschüler einen Strafbefehl auf einen Tag Arrest erhalten, weil er eines Tages ohne genügenden Grund, ohne entschuldigt zu sein und trotz wiederholt ergangener Schulstrafen zum Unterricht zu spät erschien. Da der junge Mensch den einen Tag nicht absitzen wollte, erhob er Einspruch beim dortigen Schöffengericht, das die Strafe auf eine Woche Haft erhöhte.
In Euskirchen machte in einem Anfall von Plötz- lchem Irrsinn die 23jährige Tochter eines Großkauf- mannes im freien Haushof ein Bett zurecht, begoß daselbe ebenso wie ihre Kleider mit Petroleum und legte sich ins Bett, nachdem sie dasselbe in Brand gesteckt hatte. Da das Mädchen allein zu Hause war, verbrannte dasselbe ehe Hilfe kam. Nachdem das Feuer gelöscht war, wurde der verkohlte Leichnam aufgefunden.
Bingen. Eine Bismarcksäule für Rheinhessen soll gegenüber dem Niederwald-Denkmal auf der anderen Seite des Rheines auf bent sog. „Waldeck" errichtet werden. Die Säule, die noch höher als das Niederwald-Denkmal steht, soll 30 Meter hoch werden und auch als Aussichtsthurm dienen. Der Thurm ist durch den mächtigen Feuerkocb gekrönt. Obgleich ein Aufruf erst in den nächsten Tagen erscheint, haben einzelne Orte bereits 20 000 Mk. gezeichnet.
Ausland.
Belgien. Die Unruhen im Lande, zumal in den großen Städten und besonders in Brüssel haben an
Umfang und Schärfe zugenommen. Die Truppen sind konsignirt; in Brüssel wurde heftig mit Feuerwaffen gekämpft, 30 Personen sollen getödtet bezw. verwundet worden sein. In einigen Straßen Brüssels sind Barrikaden errichtet worden. Eine Bekanntmachung des Bürgermeisters untersagt Zusammenrottungen. Ein Generalausstand ist beschlossen und schon jetzt befinden sich viele Arbeiter im Ausstande. — Die Situation ist recht ernst, obschon die Regierung alle Maßregeln traf und entschlossen ist, den Aufstand — von einem solchen kann leider bie Rede sein — energisch niederzuhalten. Die ganze innere Stadt Brüssel war in der Nacht zum Sonntag und früh ein einziger großer Kampfplatz. Eine ganze Anzahl Barrikaden wurden gebaut, die Dächer abgedeckt, das Pflaster auf- geriffen, Steine, kochendes Wasser k. auf Gendarmerie und Polizei hinuntergeschleudert. Wiederholt scharfe Salven wurden abgegeben, auch Bürgerwehr und Soldaten kamen ins Gefecht. Eine Anzahl von diesen verweigerten den Kampf.
Brüssel 12. April. Wie das Blatt „Petit bleu" meldet, staute sich gestern Abend während der Zwischeu- fälle vor dem Volkshause eine beträchtliche Volksmenge auf dem Platze vor der alten Getreidehandlung. Die Gendarmerie schickte sich an, den Platz zu säubern; da die Ruhestörer Widerstand leisteten, stürmten einige Schutzleute auf die Gruppen los, welche zurückwichen. Plötzlich erlöschen alle Laternen; als die Bürgergarde erscheint, wird sie mit Schüssen empfangen, die aus den Fenstern abgegeben werden. Die Mannschaften weichen zurück, ein Offizier wurde am Halse von einer Kugel gestreift. Der Oberst befiehlt Feuer zu geben, sobald aus den Fenstern geschossen werde. Nachdem die Laternen wieder angezündet waren, bemerkte man, daß mau eine Barrikade zu bauen begonnen hatte. Dich Gendarmerie trieb die Menge in die Flucht. Von den Verhaftungen wurden 5 aufrecht erhalten. Die Leute waren mit Revolvern versehen.
England. Der Burengeneral Kruitzinger ist freigesprochen worden. — Seit Beginn des Krieges haben die Engländer in Südafrika 295,360 Offiziere und Mannschaften verloren. — Der holländische Premierminister Kuyper erklärte einem Interviewer, die Buren könnten ihre gegenwärtige Widerstandsfähigkeit noch 10 Jahre behalten.
Rew-Pork, 11. April. Telegramme aus Boise im Staate Jdaho melden das Zuströmen von Goldgräbern und Abenteurern zu kürzlich entdeckten Goldfeldern am Thunder Monntain. Es befinden sich bereits etwa 1000 Personen in den Goldgräberlagern und täglich treffen 50 bis 100 neue Ankömmlinge ein. Die letzten 60 Meilen der Reise zu den Schatzfelderu müssen auf Schneeschuhen über 3-14 Fuß hohen Schnee zurück- gelegt werden. Die Reise muß Nachts geschehen, wenn der Schnee an der Oberfläche festfriert, da bei Tage Lawinengefahr droht. Syndikate in den östlichen Staaten haben in dem Goldbezirk, der vielfach noch 10 Fuß unter Schnee liegt, 17» Millionen Dollars angelegt. Ueber den Werth der Goldlager wird mitgetheilt, daß einer der Schatzgräber Namens James Wassey in sechs Stunden Gold im Werthe von 8000 Dollars aus der gefrorenen Erde herausgewaschen habe, während drei Brüder, Namens Caswell, in 14 Tagen 20 000 Dollars herausgewaschen haben. Mehl, Zucker und Salz werden im Minengebiet zu 3 Dollars das Pfund verkauft, frisches Hirschfleisch dagegen kostet nur 18 Cents das Pfund.
Lokales und Propinzielles.
* Schlüchtern, 15. April.
*— Herr Pfarrer Franz Ätzert zu Romsthal wurde zum Dechant des Dekanates Salmünster, welches Amt feit dem Tode des Dechanten Orth in Herolz erledigt ist, vom 12. b. M. ab ernannt.
* — Um den Nachwuchs für die Schullehrer- feminare zu sicheren, hat der Kultusminister, wie die „Schles. Ztg." meldet, erneut die Beträge für die Unterstützung der Präparanden, besonders in den privaten Anstalten, nicht unerheblich erhöht und weiterhin angeordnet, daß auch die Privatanstalten fortan nach dem neuen Lehrplane vom 1. April 1901 zu unterrichten haben, vor allem also auch in drei getrennten auffteigenben Klassen, deren jede nicht mehr als 30 Zöglinge umfassen darf. Endlich sind im
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Interesse der Gleichmäßigkeit der Präparandeubildung nunmehr auch die privaten Präparaudien den Provin- zial-Schulkollegien unterstellt worden.
Fulda, 11. April. In: Eiskeller des hiesigen Stadtschlosses wurde gestern Vormittag die Niederlage einer Diebesbande entdeckt. Zwei Schutzleute stellten sich gestern Abend verdeckt auf und faßten gegen 9 Uhr- zwei junge Burschen von hier im Alter von 20 und 22 Jahren ab, als sie ihre geheime Niederlage aufsuchen wollten, um sich an einem Fäßchen Rothwein, das sie aus dem Schmitt'schen Weinlager gestohlen hatten, gütlich zu thun. Die Burschen waren mit geladenen Revolvern und Dolchmessern bewaffnet und hatten sich außerdem noch mit Knüppeln versehen, um bei etwaigen Angriffen Widerstand leisten zu können. Nachträglich wurden 2 weitere Burschen, die zu derselben Bande gehörten, verhaftet.
Walldorf (Meiningen), 11. April. Wie „stark" der Nachwuchs hier ist, geht daraus hervor, daß ein Mädchen aus hiesigen Ort konfirmirt worden ist, das 168 Pfund wiegt. Der Vater der Konfirmandin ist nur 175 Pfund schwer, der wahre Waisenknabe gegen seine noch nicht ganz vierzehnjährige Tochter. Solange Deutschland noch solche Kinder hervorbringt, kann man mit Recht sagen: „Lieb Vaterland magst ruhig sein!" — Die Schulden des Fürsten Jsenburg-Birstein. lieber die sensationelle Schuldenaffäre eines österreichischen Magnaten wird mehreren Zeitungen gemeldet: Der Fürst hatte anfangs der neunziger Jahre unter Mithaftung der Erzherzogin Marie Theresia, des Fürsten von Parma, des Grafen Bardi und anderen Verwandten mehrere Millionen Schulden kontrahirt. Zugleich wurde die Nachricht verbreitet, der Erbprinz Leopold von Jsenburg sei mit der Tochter des amerikanischen Eisen- dahukönigs Vanderbilt verlobt. Da verweigerten die Verwandten aus den regierenden Häusern, speziell Mitglieder des Wiener Hofes, die Zustimmung zur Heirath. Der Preßburger Advokat Dr. Julius von Umlauf« Frankwell verschaffte dem Fürsten 300 UOO Gulden, aber nur unter Haftung des ganzen fürstlichen Vermögens. Im Jahre 1895 stellte aber das Fürstenpaar Jsenburg die Zahlungen ein. Ein Theil der Schulden wurde durch die Erzherzogin Marie Therese bezahlt. Umlauf wurde nicht bezahlt, er starb 1897 in Folge der Sorgen und ließ seine Familie in großer Noth zurück. Diese hat noch zwischen 70 und 800u0 Gulden zu fordern. Trotzdem verweigert der Erzherzog Franz Salvator die Bezahlung einer Schuld von 30 OOu Gulden, weil er die Haftung nur für ein Darlehn, nicht für eine Wechselschuld übernommen habe.
Schwarzenfels.
Auf hohem Basaltkegel, einem Ausläufer der Rhön, am linken Ufer der schmalen Sinn, hart an der Grenze des Spessart gelegen, erheben sich die Trümmer des verfallenen Schlosses Schwarzenfels. Der konisch geformte Burgberg verbindet sich östlich mit dem buchenbewaldeten Hopfenberg. — Die Burg besteht aus dem Vorhofe und dem eigentlichen Schloßhofe. Betritt man ersteren, so liegt zur Linken das massive Gerichtsgebäude — das ehemalige Marstallgebäude —, in dessen westlichem Erdgeschoß sich die Kirche des Dorfes Schwarzenfels befindet. Die Reste der ehemaligen Burg, welche heute fast einem Trümmerhaufen gleichen, liegen auf der Westseite. Zu beiden Seiten des inneren schmalen Vorhofes erhoben sich ehemals die einzelnen am Abhänge hinlaufenden Burggebäude, von denen die rechts beinahe ganz verschwunden sind. Von dem an der Westseite gestandenen schiefwinklichen Gebäude sind nur noch Mauerreste vorhanden. Der Bergfried, der sich durch feine ansehnliche Höhe und seinen Umfang aus- zeichnet, hat sehr gelitten. Schutt und lebende Pflanzen, welche auf ihm lagern und wachsen, belasten ihn erheblich. In seinem Innern findet man noch in den untersten Stockwerken Zellen, welche während der „westfälischen Herrschaft" zu Gefängnissen benutzt wurden. Ein Portal, welches reich mit Skulpturen geziert ist, verbindet den Vorhof mit dem Schloßhof; es trägt die Jahreszahl 1621 und die hanauischen und ysenburgischen Wappen. — Die ersten urkundlichen Angaben reichen zurück bis zum Jahre 1280 (Dr. G. Wolff-Hanau). Um's Jahr 1310 war Schwarzenfels im Besitz der Grafen von Hanau. — „Die Burg