ZchlüchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
44, Samstag, den 31. Mai 1902. 53. Jahrgang.
RöHo1il111^1lE die ..Schlüchlerner Zeitung» jCU/Ut-UUUyt II werben nod) fortwährend von allen
■ ------- . ! Postanstalten und Landbriesträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.
Amtliches. Bekanntmachung.
• Der Metzger und Gastwirth Friedrich Rüffer zu Schlüchtern beabsichtigt auf seinem Kartenblatt U Nr. 27. in der Hanauerstraße ein Schlachthaus zu errichten.
Ich bringe dies Vorhaben hiermit zur öffentlichen Kenntniß mit der Aufforderung etwaige Einwendungen gegen dasselbe binnen 14 Tagen nach Ausgabe dieses Blattes bei mir schriflich in 2 Exemplaren oder mündlich zu Protokoll anzubringen. Nach Ablauf dieser Frist können Einwendungen nicht mehr angebracht werden.
Zeichnung und Beschreibung liegen während der Dienststunden im Geschäftszimmer des Bürgermeisteramts zur Einsicht aus.
Termin zur Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen wird anberaumt auf
Donnerstag, den 19. Juni 1902
Vormittags 10 Uhr im Geschäftszimmer des Unterzeichneten, wobei bemerkt wird, daß im Falle des Ausbleibens des Unternehmers oder der Widersprechenden gleichwohl mit Erörterung der Einwendungen vorgegangen werden wird.
Schlüchtern, den 29. Mai 1902.
Die Ortspolizeibehörde: Salomon, Bürgermeister.
Deutsches Reich.
Berlin. Der Kaiser ist aus Urville nach dem Neuen Palais zurückgekehrt. Am 15. Juni trifft der Kaiser zur Einweihung der Schloßkirche in Mmicn- burg ein. Ein Jagdbesuch des Kaisers in Prökelwitz soll für dieses Jahr nicht in Aussicht genommen sein.
— Die Kaiserin wird am 20. Juni in Krefeld ein treffen.
— Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses beantragt, die Petition um Vermehrung der etatsmäßigen Stellen der Katasterzeichner und Katasterhilfszeichner der Staatsregierung als Material zu Überwerfen, dagegen zur Tagesordnung überzugehen über die Petitionen um Versetzung der Katasterzeichner aus der Klaffe der Kanzleibeamten in die mittleren Beamten, Pensionserhöhung für die auf Grund des Gesetzes von 1895 in den Ruhestand versetzten Rentmeister, Verleihung des Titels bezw. Steuer-kontrolleur an die Grenz- und Steueraufseher, Versetzung derselben unter die Subalternbeaniten, Erhöhung des Gehaltes und des Wohnungsgeldzuschusses, Gehaltserhöhung für die Zoll- und Steuereinnehmer zweiter Klaffe und die Zoll- und Steueramts-Assistenten, sowie Gewährung von mindestens 2 dienstfreien Sonntagen im Monat an die Zolleinnehmer, sowie Gehaltserhöhung für die Steueramtsdiener und unkündbare Anstellung derselben.
Die Zolltarif-Kommission des Reichstages erledigte gestern nach der Regierungs-Vorlage die Positionen 245 bis 260 (Wachswaaren, Seife rc.). Nur bei Position 248 (Stearin) wurde auf Antrag des Abgeordneten Gothein der Zollsatz von 15 auf 10 Mark herabgesetzt.
— Die Zuckersteuer-Kommission des Reichstages trat gestern zur Berathung zusammen. In der Generaldebatte wurde zuerst die Frage der indirekten Prämien in England behandelt. Die Abgeordneten Freiherr von Richthofen, Graf Limburg-Stirum und Speck führten aus, daß England sich direkte Prämien für die Raffinerien vorbehalten habe. Ministerial-Direktor von Körner widersprach dieser Auffassung. Die Prämien sollen nicht fortbestehen. Die ständige Kommission soll über die Ausführung der Konvention wachen. In der Nachmittagssitzung wurden die Artikel 1 — 4 der Konvention erledigt.
— Eine Nachweisung über die zur Einrichtung land- wirthschaftlicher Getreidelager bis Ende Dezember 1901 bewilligten und verwendeten Beträge ist beiden Häusern des Landtages zugegangen. Bisher sind 32 Getreide- Lagerhäuser mit Hilse des Kornhausfonds gebaut worden und zwar 1 in Ostpreußen, 1 in Westpreuße», 13
in Pommern, 2 in Posen, 1 in Schlesien, 3 in Sachsen, 2 in Hannover, 2 in Westpfalen, 5 in Hessen-Nassau, 1 in den Hohenzollern'schen Landen und in Brandenburg das Versuchskornlagerhaus.
— Eine Beschränkung der Anstellung von weiblichem Personal im Reichspost- und Telegraphengebiet soll laut „Staatsb. Ztg." nach einer Verfügung des Staatssekretärs vorgenommen werden. Bei den für das Etatsjahr 1902/03 neu vorgesehenen Assistenten- stellen sollen auf Postämtern 1. und 2. Classe Gehilfinnen bis auf Weiteres überhaupt nicht angenommen werden, während bei der Einstellung der Assistenten für den übrigen Dienst in erster Reihe weibliches Personal berücksichtigt werden soll. Bei den selbständigen Telegraphenämtern sind Gehilfinnen bis auf weiteres nur noch insoweit einzustellen, als hierbei der Fern- sprechdienst in Betracht kommt.
Aus Geesthacht 26. Mai, wird dem „Hamb. Korr." berichtet: Heute früh kurz vor 8'/- Uhr erfolgten rasch hintereinander vier heftige Detonationen, die weithin in der ganzen Umgegend bis nach Lauenburg Schrecken verbreiteten. Ein Schuppen der Nitroglycerinfabrik (Oelfabrik) [II. in Krümmel war in die Luft geflogen. Wodurch die Explosion hervorgerufen ist, konnte nicht festgestellt werden, denn die im Schuppen beschäftigten Leute sind der Katastrophe zum Opfer gefallen. Es waren der etwa 30jährige Fabrik-Chemiker Alfred Bernt aus Prag und die Arbeiter Heinrich Scharmberg, Heinrich Otzmann, Christoph Brotzel, Hermann Detloff und Ernst Hagen, die alle fünf verheiratet waren und 11 unmündige Kinder hinterlassen. Die Leichen sind znm Teil sehr verstümmelt, der Tod ist bei allen sofort eingetreten. Mehrere Arbeiter, die an anderen Stellen beschäftigt waren, haben durch die umherfliegenden Bauteile leichte Verletzungen erlitten. Der Materialschaden ist unbedeutend. Der Schuppen stand am äußersten östlichen Ende des Fabrikterrains, und die übrigen Baulichkeiten, die bekanntlich von hohen Erdwällen umgeben sind, die sie kaum überragen, haben nicht gelitten. Dagegen sind durch den Luftdruck bei den Explosionen in Tesperhude mehrere große Scheiben eingedrückt worden. Bekanntlich hat gerade vor fünf Jahren, am 24. Mai 1897, eine ähnliche Explosion in Krümmel stattgefunden, der ebenfalls mehrere Arbeiter zum Opfer fielen.
In Chemnitz versuchte der Markthelfer Wolff seine von ihm getrennt lebende Ehefrau zu erstechen, weil sie sich weigerte, ihn wieder bei sich aufzunehmen. Das Messer glitt aber an einer Corsettstange ab und die Frau wurde nur leicht verletzt. Wolff flüchtete nach der That und stellte sich dann selbst der Polizei.
Alzey, 26. Mai. Der aus Heimersheim mit seiner Nichte durchgebrannte Oekonom und Weingutsbesitzer Knell hat die Summa von 200 000 M. mitgenommen. Das Pärchen soll sich nach Samoa begeben haben.
Amberg, i. B. Die hiesige Strafkammer verurtheilte den Pfarrer Bergler, den Bürgermeister Lautenschläger von Neukirchen und den Armenpflegschaftsrath Tret- tenbach wegen fahrlässiger Tödtung zu 8 Tagen, 3 Monaten und 1 Monat Gefängniß. Sie waren angeklagt, die Schuld an dem durch Verhungern erfolgten Tode eines Geisteskranken zu tragen. Der Aermste war ins Ortsarmenhaus gebracht worden und wurde dort, obwohl er sich nicht einmal mehr selbst bedienen konnte, seinem Schicksal überlassen. Es soll nicht einmal ein Lager für ihn vorhanden gewesen sein, noch weniger war trotz der Winterkälte für Heizung gesorgt.
Ausland.
Rom, 28. Mai. Gestern besuchte der Botschafter Graf Wedel den Festplatz des internationalen Bundesschießens, um die Fahne der deutschen Schützen zu überreichen. Bei Verabreichung eines Ehrentrunkes trank der Botschaster auf den König Victor Emanuel und den deutschen Kaiser.
St. Pierre, 27. Mai. Gestern Abend erfolgte ein furchtbarer neuer Ausbruch des Vulkans. Die Flammen schlugen während einer Stunde bis l ö0 Meter in die Höhe. Der Durchmesser des Kraters betrug 300( Meter. Das Schauspiel war von gewaltigem Sturme und dem Aufleuchten zahlloser Blitze begleitet. Das Unwetter, das sich auf die nächste Umgebung des Vulkans beschränkte, rief unter der Seebevölkerung große Erregung hervor.
New-Aork, 28. Mai. Während heute 6 Matrosen des dentschen Dampfers „Kronprinz Wilhelm" damit beschäftigt waren, 2 Thüren des zweiten Decks zu schließen, riß eine mächtige Welle 2 der Leute in die Fluten hinunter. Trotzdem sofort Rettungsbojen ansgeworfen wurden und während 1 '/2 Stunden die Unglücksstelle abgesucht wurde, gelang es es nicht, die Unglücklichen zu retten. Von den Passagieren des Schiffes wurde eine Sammlung für die Hinterbliebenen der Unglücklichen veranstaltet.
Petersburg, 28. Mai. Hier gilt als feststehend, daß Kaiser Wilhelm, von seiner Nordlandsreise kommend, am 26. Juli auf der Revaler Rhede eintreffen und vier Tage als Gast des Zaren bei den großen Marinemanövern verweilen wird, ohne ans Land zu gehen.
Dänemark. Aus Kopenhagen, 25. Mai, wird telegraphirt: Der Torpedokreuzer „Cassini", mit dem Präsidenten Loubet an Bord, traf heute Vormittag 11 Uhr int hiesigen Hafen unter dem Donner der Geschütze und den Klängen der Marseillaise ein. Der König, der Kronprinz und die Prinzen Waldemar, Harald und Hans begaben sich an Bord und begrüßten den Präsidenten Loubet auf das Herzlichste. Stadt einiger Zeit kamen die Herrschaften an Land, wo als Ehrenwache eine Abtheilung des Leibgarderegiments aufgestellt war, deren Front der Präsident und der König abschritten. Hierauf wurde die Fahrt zum Königlichen Schlöffe angetreten. Der König und Präsident Loubet fuhren in geschlossenen Wagen voran und wurden von einer zahlreichen Volksmenge lebhaft begrüßt. In einem anderen Wagen folgte Minister Delcaffö mit dem französischen Gesandten Jusserand.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 30. Mai.
— Die Apfelblüte hat nunmehr ihren Höhepunkt erreicht. Ueberall sind die Zweige dicht mit den wundervoll gefärbten, ein zartes Aroma aushauchenden Blüten besetzt. Für jeden Naturfreund muß ein Spaziergang durch diese blühende, duftende Allee einen hohen Genuß gewähren. Angesichts solchen Blütenreich- tums können wir also trotz der hinter uns liegenden Serie von kalten Nächten bezüglich der Apfelernte die besten Hoffnungen hegen; int übrigen hat aber auch, wie sich mehr und mehr herausstellt, der Fruchtansatz der Birnen, Pflaumen und Kirschen in unserer Gegend unter dem Einfluß der niedrigen Temperatur erfreulicherweise durchschnittlich erheblich weniger gelitten, als man ursprünglich befürchtet hatte.
Falsche Zweimarkstücke, die aus einer Metallmischung, deren Hauptbestandtheil Blei bildet, bestehen, befinden sich wieder im Umlauf. Die Fälschungen tragen das Münzzeichen A und die Jahreszahl 1900 und sind kenntlich durch bläuliche Farbe, scharfkantige, etwas unregelmäßige Prägung und durch den Klang, der demjenigen einer gesprungenen Geldmünze ähnelt. Die Falschstücke fühlen sich fettig an.
* Reserve-Jnfanteriegimenter zu drei Bataillonen werden in diesem Jahre aufgestellt beim 7. (Westfalen), 10. (Hannover) nnd 17. (Westpreußen) Armeekorps, Reserve-Feldartillerie-Abteilungen beim Gardekorps, 6. (Schlesien) und 9. (Schleswig-Holstein) Armeekorps.
* — In Flieden kam ein Kalb zur Welt, welches zwei vollständig ausgewachsene Köpfe hat, mit Vier- Augen, zwei Mäulern, zwei Zungen, drei Ohren (eigentlich vier, die mittleren sind zusammengewachsen.) Däs Kalb ist weder männlich noch weiblich, hat jedoch nur zwei Tage nach der Geburt gelebt. Der Eigenthümer hat es abgezogen und das Fell ist mit Originalköpfen zu sehen. Das Kalb wog 80 Pfund.
* - Eine Feuerwehr-Medaille hat der preußische Minister des Innern herstellen lassen. Sie ist für hervorragende Leistungen auf der internationalen Ausstellung für Feuerschutz und Feuerrettungswesen in Berlin im Jahre 1901 gestiftet worden. Die eine Seite enthält die Inschrift auf einem Grund von Rauch, der aus einer seitlich angebrachten Damps- spritze anssteigt; neben ihr sind eine Leiter, eine Handspritze, Schläuche und Rauchhelm gruppirt. Die Rückseite zeigt einen Feuerwehrmann, der mit eigener Lebensgefahr ein Kind aus dem Feuer rettet.
* — (Sitzung der Hanauer Strafkammer von 28. Mai.) Ein Händler B. ist des Lotterievergehens be»