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M 84. Samstag, den 18. Oktober 1902. 53. Jahrgang.
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missionsbeschlüffe mobil gemacht. Die Vorstände der christlichen Bauernvereine sind heute im Reichstagsgebäudes zusammengetreten, um namentlich bei dein jetzigen Stande der Zollverhandlungen sich nochmals über die Zollvorlage auszusprechen. Nach eingehenden Berathungen stimmten die Vorstände sämmtlicher Bauernvereine, mit Ausnahine des rheinischen Bauernvereins der folgenden Resolution zu: Die unterzeichneten christlichen B^uernvereine, nämlich der westfälische, der hessische, der Hessen-nassauische, der badische, der elsaß-lothringische, der bayerische, der schlesische, der trierische, oft- und westpreußische Bauernverein, bedauern, daß die von ihnen gestellten Forderungen zum Schutze der heimischen Landwirthschaft keine Aussicht auf Realisiruug haben. Um so entschiedener müssen dieselben aber beanspruchen, daß wenigstens die Kommissionsbeschlüsse, wenngleich dadurch der Landwirthschaft noch kein ausreichender Schutz zu Theil wird, bestehen bleiben. Insbesondere sind die Mindest- zölle für Getreide sowie für Vieh und Fleisch aufrecht zu erhalten. Die unterzeichneten Vereine erwarten daher die Zustimmung seitens des Reichstags und der verbündeten Regierungen. Der rheinische Bauernverein hatte folgende Resolution eingebracht und befürwortet : Wir stehen nach wie vor auf dem Standpunkte, daß die in der Eingabe der christlichen Bauernvereine vom Juni 1901 im Interesse der Gesundung äes deutschen Bauernstandes als nothwendig bezeichneten und begründeten Zollsätze für Getreide, Vieh, sowie sonstige Produkte der Land- und Forstwirthschaft unter genereller Aufstellung eines Doppeltarifs weder die Interessen anderer Berufsstände schädigen, noch den Abschluß von langfristigen Handelsverträgen verhindern würden. Wir sprechen die feste Erwartung aus, daß der Reichstag und die verbündeten Regierungen den Wünschen der Bauernvereine nach Möglichkeit entgegenkommen werden."
Ausland.
— In F r a n k r e i ch finb vorgestern gleichzeitig mit dem deutschen Reichstage die Kammern wieder zusammen - getreten. Eine Interpellation und eine leidenschaftliche Diskussion des Bergarbeiterstreiks wird sich, trotz der Bemühungen des Nationalausschusses, den unpolitischen Charakter des Streiks festzuhalten, nicht vermeiden lassen.
— Der französischen Kammer ist das Gelbbuch über die internationale Konferenz zur Unterdrückung des Mädchenhandels zugestellt worden, welche im Juni d. Js. in Paris stattgesunden hat. Das Gelbbuch enthält besonders die Sitzungsberichte und das von der Konferenz angenommene Schlußprotokoll.
Paris, 13. Okt. In der Unterredung mit dem Ministerpräsidenten, welche nur wenige Minuten dauerte, haben die Burengenerale ihre Rührung und ihrem Danke angesichts der ihnen von Frankreich bereiteten spontanen Freigebigkeit Ausdruck. — Die Lage hinsichtlich des Äusstandes bleibt unverändert. Die letzte Nacht ist in den, Kohlenbecken von Pas de Calais ziemlich lebhaft verlaufen; dort setzen die Ausständigen ihre Patrouillen in der Umgegend der Schächte fort. An einigen Punkten mußten Truppenabtheilungen die Ausständigen zerstreuen.
Paris, 15. Okt. Vor ihrer Abfahrt vom Nordbahnhof zeigten sich die Burengenerale an der Thür des für sie vorbehaltenen Abtheils; Botha dankte nochmals in einer Ansprache für den ihnen zutheil gewordenen Empfang, er betonte, die Aufgabe der Generale sei eine rein menschenfreundliche gewesen. Sie habe keinerlei politischen Charakter haben können und dürfe einen solchen nicht haben. Die Generale seien durch ihr Wort gebunden und wollten es nicht brechen. Sie seien entschlossen, alle Bestimmungen des Friedensvertrags aufs gewissenhafteste zu erfüllen. Was sie in Paris gesucht hätten, sei. lediglich eine materille Unterstützung gewesen. Nach Botha nahm auch noch De Wet das Wort und erklärte, er stimme allem zu was Botha gesagt, und habe nichts hinzuzu- fügen. Um 1 Uhr 50 Min. setzte sich der Zug in Bewegung, während die Anwesenden wiederholt Hochrufe auf die Buren und anschließend daran Hochrufe auf Frankreich ausbrachwn.
Haag, 14. Okt. Das Schiedsgericht über, die Streitfrage zwischen Kalifornien und Mexiko, bezüglich
ZsK^ZMHLME^ die „Schlüchrerner Zeitung" A^^L>^ÄTL?EDL>KAwerden noch fortwährend von allen —— "~ Postanstalten undLandbriefträgern,
^wie von der Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
— Zum Oberpräsidenten in Hannover wurde Regierungspräsident Wentzel in Wiesbaden, zum Oberpräsidenten in Westpreußen Oberbürgermeister Delbrück in Danzig und zum Regierungspräsidenten in Wiesbaden Oberpräsidialrath Hengstenberg in Breslau ernannt.
— Unter den Vorlagen, die dem Reichstage in dein neuen Tagungsabschnitt gemacht werden, befindet sich, auch eine solche wegen des Verbots der Verwendung von weißem Phosphor zu Zündhölzchen. Den Fabriken, welche auf eine diesbezügliche Fabrikation eingerichtet sind, wird, wie die „Nat.-lib. Korr." erfährt, bis !907 Gelegenheit gegeben werden, sich anderes einzurichten.
— Wie Grabgeläute klingen die Artikel, welche die Blätter der verschiedensten Parteirichtungen der Wiederaufnahme der Reichstagsdebatten widmen. Es kann nichts zu stande kommen, es wird nichts zu stande kommen, lautet fast überall der vorgetragenen Weisheit letzter Schluß. Die Verabschiedung der Zolltarifvorlage in einer dem Bundesrath genehmen Fassung sei eine Unmöglichkeit geworden. Die jetzigen Verhandlungen hätten nur insofern Sinn und Zweck, als sie klärend auf die nächstjährige Wahlkampagne wirken würden. Einige wollen wissen, daß sich der Bundesrath in seiner letzten unter dem Vorsitz des Reichskanzlers abgehaltenen Sitzung noch einmal nachdrücklich und entschieden für die gegenwärtige Regierungsvorlage ausgesprochen und auch eine Erhöhung des Gerstenzolles ausdrücklich abgewiesen habe.
— Ein Erlaß des Ministers des Innern fordert ausdrücklich, daß bei Vollziehung amtlicher Schriftstücke die Namensunterschrift in deutlicher und lesbarer Form zu geschehen habe. Häufig liefen in der Ministerialinstanz Schriftstücke ein, die an Stelle einer leserlichen Unterschrift d:s Namens Schriftzeichen enthielten die zwar einen NamenSzug darstellen sollten, sich aber als völlig unlesbar erwiesen oder doch nur mit Milbe entziffert werden konnten. Es sei dies durchaus unzulässig und eine deutliche Unterschrift schon aus Höflichkeit geboten.
— Das „Berliner Tageblatt" verbreitet die Angabe es sei nicht ausgeschlossen, daß das Auswärtige Amt ein Audienz-Gesuch der Buren, das ihm auf unmittelbaren Weg zuginge, dem Kaiser unterbreiten würde. Von zuständiger Stelle wird dies als irreführend und grundlos bezeichnet. Die Frage eines Empfanges der Burengenerale durch den Deutschen Kaiser ist, wie die „Nordd. Allg. Ztg." schon früher festgestellt hat, im negativen Sinne entschieden und erledigt.
Kölu. Zum Empfang der Burengenerale hatte stch Mittwoch Abend auf den Hauptbahnhof und in den zum Domhotel führenden Straßen eine größere Menge angesammelt, die begierig war, die wackeren Burenführer D e W e t, B o t h a und D e l a r e y , wenn auch nur für Augenblicke, von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Seitens der Polizeibehörde und der Eisenbahnverwaltung waren in ausreichender Weise Maßnahmen getroffen, damit die von der Reise ermüdeten Generale bequem nnd ohne Störung ins Domhotel gelangen konnten, wo sie für die Nacht abgestiegen sind. In dem von der Eisenbahndirektion zur Verfügung, gestellten großen Konferenzsaals hatten sich die Mitglieder der Ortsgruppe Köln des Alldeutschen Verbandes, einige Vertreter auswärtiger Ortsgruppen und einige Damen eingesunden, um den trefflichen Freiheits- kiinipfern einen herzlichen Empfang in der ersten deutschen Stadt, die sie betreten, zu entbieten. Gegen II Uhr traf der Zug ein, dessen letzten Wagen die Generale entstiegen. Nach kurzer Vorstellung einiger Herren des Vorstandes des Alldeutschen Verbandes wurden die Generale in den Konferenzsaal geleitet, wo sich der Vorsitzende, Fabrikbesitzer Baumann mit Begrüßungsworten an die Burenführer wandte.
— Die Burengenerale Botha, Dewet und Delarey sind Donnerstag früh von Köln nach Berlin abgereist.
Berlin, 15. Okt. Die Agrarier haben sich die Bauernvereine zu Hilfe geholt und sie für die Kom-
der geistlichen Güter, verurtheilte Mexiko, zur Zahlung von 1420 000 Dollars in Gold, welches in Mexiko Cours hat. Das Urtheil des Schiedsgerichts erfolgte einstimmig.
Charleroi, 14. Okt. 500 Grubenarbeiter sind hier in den Ausstand getreten. Dieselben verlangen Lohnerhöhung
London, 14. Ort. Das nationalistische Mitglied des Unterhauses Odonnelt wurde auf Grund des Ausnahmegesetzes wegen Einschüchterung und Aufreizung zur Verschwörung zu zwei Monaten schwerer Arbeit verurtheilt.
Orient. Der Aufstand in Macedonien greift nach englischen Quellen um sich. 22 Dörfer hatten sich empört, ein halbes Bataillon türkischer Truppen sei am Kreznapasse aufgerieben, zwei moSlemitifcbe Dörfer seien niedergebrannt worden. — In einem Leitartikel über die Balkanwirren sagt die Londoner „Times": Die Zwischenfälle in den Balkanstaaten, so verdrießlich sie auch sein mögen, können den Weltfrieden nicht trüben, solange die Mächte entschlossen sind, diesen aufrecht zu halten. — Der Serbenkönig hat Pech; sein und der Frau Draga Besuch beim Zarenpaar muß abermals aufgeschoben werden. Man sagt, weil die Zarin noch Schonung bedürfe. Unter diesem Umstände ist die Stimmung in Belgrad die denkbar schlechteste, und das Ministerium Wuitsch hat seine Entlassung eingereicht. Armer Alexander! — Sultan Abdul Hamid hat allen Matrosen vom deutschen Schulschiff „Charlotte", die sich seiner Zeit bei der Löschung eines Brandes in Konstautinopel betheiligt haben, die türkische Rettungsmedaille verliehen.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 17. Oktober 1902.
* Die Kontrolversammlung für die Reservisten ic.' der hiesigen Stadt findet am Freitag den 7. November in der Turnhalle dahier statt.
* Die am vergangenen Mittwoch von dem hiesigen Turnverein aus Anlaß des 50jährigen Todestages des Turnvaters Iahn verunstaltete Gedenkfeier nahm einen erhebenden Verlauf. Herr Lehrer a. D. Simon schilderte in einer längeren Rede das Leben und die Thaten dieses bedeutenden Mannes. Ebenso wurden von verschiedenen Seiten noch einige Ansprachen gehalten. Die von unsern Turnern aufgestellten Pyramiden und sonstigen turnerischen Uebungen gaben uns Gelegenheit ihre vortrefflichen Leistungen zu be= Wunder«. Bei angeregter Unterhaltung verliefen die wenigen Stunden schnell. Die Theilnehmer an dieser Feier gingen mit dem Bewußtsein nach Hause wieder einmal einen schönen Abend verlebt zu haben.
* * Auf Veranlassung des Gastwirthevereins Schlüchtern und Umgebung fand Dienstag, den 14. d. Mts. im „Hotel Stern" dahier eine sehr gut besuchte Gastwirthe-Versammlung statt, in welcher Direktor und Stadtverordneter Reinemer von Darmstadt über die Bestrebungen des Bundes Deutscher Gastwirthe und die Einrichtung und Vortheile der Bundessterbekasse und der Hapftpflichtkasse Deutscher Gastwirthe sprach. In ausführlicher Weise schilderte Referent, wie der Bund Deutscher Gastwirthe (ca. 30 000 Mitglieder) und seine Landes- bezw. Provinzial- Verbände und Vereine bestrebt sind die Interessen des Gastwirthegewerbes wahrzunehmen und bei den zahlreichen, dasselbe schwer schädigenden Mißständen sowohl im Wege der Selbsthülfe, als auch durch die Gesetzgebung und Benehmen mit den Regierungen Besserung und Abhilfe herbeizuführen. Die 1893 mit ca. 800 Mitgliedern begründete Bundessterbekasse besitzt heute ca. 8000 Mitglieder ; dieser enorme Wachsthum beweist wohl am besten die Nothwendigkeit der Kasse und zugleich auch, welches Vertrauen dieselbe genießt. Durch die Kasse wurden mehr als 166,000 Mk. (ca. 1100 Mark pro Familie) für den edlen Zweck, jede Noth am Sarge des Ernährers fernzuhalten, an Wittwen und Waisen verstorbener Mitglieder (Gastwirthe) ausbezahlt, wodurch sicherlich viel Gutes gethan wurde. Der denkbar sicherlich angelegte Reservefond der Kasse betraut 880 000 Mk.; die Verwaltungskosten sind niedrig und in Folge dessen auch die Beiträge, da die kostspielige Einrichtungen vermieden sind. Nachdem Referent noch verschiedenes erklärte, wurde