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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
X 90.
Samstag, den 8. November 1902.
53. Jahrgang.
K4MlltttA*tiauf ^ «Schlüchierner Zeitung" Ml-ft^»AU-I»U^-twerden noch fortwährend von allen ^ Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von Ikr Expedition entgegen genommen.
Deutsches Reich.
— Kaiser Wilhelm hat auf der „Hohenzollern" die Fahrt nach England angetreten, wo er morgen landen wird, um seinen Oheim, den König Eduard, auf dessen Landsitze Sandringham zu besuchen und ihm seine persönlichen Glückwünsche zur Wiedergenesung zu überbringen. Weder der Reichskanzler, noch ein anderer Minister begleiten den Kaiser, und der dadurch dokumen- tirte private Charakter des Besuches wird von deutscher und auch von offiziöser englischer Seite ausdrücklich betont.
Kiel. Prinz Heinrich von Preußen traf am Mittwoch Vormittag, von Darmstadt kommend, hier ein.
— Die preußische Regierung bereitet, entsprechend den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses, zum Antrag des Grafen Douglas betreffend die Verhütung des Mißbrauchs von Alkohol, eine Verordnung und vielleicht auch einen Gesetzentwurf vor, in welchem aber, wie von einer offiziösen Korrespondenz bestätigt wird, eine Schließung der Gastwirtschaften während des Sonntags- Gottesdienstes nicht beabsichtigt ist.
— Der Landwirtschaftsminister hat, dein „B. T." zufolge, ein Schreiben an die Landwirtschaftskammer gerichtet behufs Feststellung der Vertragsbrüche ländlicher Arbeiter, die in den letzten drei Jahren in den einzelnen Kammerbezirken vorgekommen sind.
; —Unser Seeoffizierkorps besteht zur Zeit aus 1013 Hm Vorjahre 916) Offizieren, darunter 3 Admirale (v. Köster, Thomsen und Prinz Heinrich), 8 Vizeadmirale und 15 Kontreadmirale. Der Nachwuchs ist mit 384 Fähnrichs und 196 iLeekadetten sehr groß. Die Marineinfanterie zählt 85 Offiziere. Von den Schiffen befinden sich 22 im Auslande.
— Invalidenrenten werden jetzt an über 556 000 und Altersrenten an mehr als 171 500. Personen gezahlt. Beitragserstattungen fanden bisher in über 1043 000 Fällen statt. Man ersieht daraus wieder, wie segensreich dieses Gesetz wirkt.
Ausland.
England. Der englische Oberst Swayne, der sich in Ostafrika von den Sonialis eine Niederlage geholt hat, wurde zurückberufen. General Manning übernimmt das Oberkommando über die. .Expedition.
London. Wie jetzt bekafint wird, wird ein Nachtragsbudget für das am 31. März 1903 zu Ende gehende Rechnungsjahr in der Höhe von 8 Millionen Pfund Sterling eingebracht werden, das eine Bewilligung zur Unterstützung von Transvaal und der Oranje-Colonie darstellt. Von dieser Summe sind drei Millionen zu freien Bewilligungen an Burghers und zwei Millionen zu Bewilligungen an andere Personen für im Kriege erlittene Verluste bestimmt, während drei Millionen als Darlehen, dir von den Colonial- regierungen vorgestreckt werden, Verwendung finden sollen.
Marseille, 7. November. Du Arbeiter der Kohlengruben in Valdonne beschlossen, die Arbeit wieder aufzunehmen.
New-York. Ein Telegramm aus Port au Prince meldet: Ungefähr 1200 Anhänger Fouchards, die aus dem Feldzuge gegen Firmin zurückgekehrt sind und in die Hauptstadt einzogen, kamen mit den Zivilbehörden in Streit. Es entstand ein förmliches Feuergefecht, bei dem 7 Mann getötet und viele verwundet wurden. Die Lage ist ernst. Der Bürgerkrieg droht neuerlich fluszubrechen. Ein dieser Tage nach Jnagua abgegangener Dampfer meldet, Firmin habe sich nach Saint Thomas begeben und seine Anhänger, ungefähr 380, hilflos zurückgelassen.
New-York, 7. November, Ueber die Explosion in der Nähe von Madisön Square werden folgende Einzelheiten bekannt: Bei dem Feuerwerk wurden zahlreiche gußeiserne Mörser verwendet, welche mit schweren Bomben geladen waren. Als die erste. Reihe der Mörser angezündet wurde, fiel ein Mörser um und entsandte eine Bombe in die dichtesten Menschenmassen. Die Bombe explodirte dort und warf die Umstehenden haufenweise nieder. Auch die übrigen Mörser der ersten
Reihe fielen alsdann um und entzündeten sich. Hagel von Projektilen wurde gegen dieMenge geschleudert; dann folgten die zweite und die dritte Mörserreihe. Es entstand eine entsetzliche Panik, viele Leute stürzten nieder, und eine Reihe von Osifern, die nicht in Stücke gerissen waren, wurde von derIMenge niedergetreten. Ein entsetzliches Geschrei erfüllte die Luft. Die Panik dauerte eine halbe Stunde, danach konnte erst das Rettungswerk beginnen. Sämmtliche.Ambulanzen der Stadt wurden aufgeboten; man barg bisher zwölf Todte. Manche Leichen wurden in Stücke gerissen.
Mexiko. Die Stadt Ecos, früher einer der bedeutendsten mexikanischen Häfen 1 deruPacisicküste, ist fast vollständig in die See gesunken.
China. Wie China seinen Vertragspflichten nach- kommt, lehrt folgendes von der Londoner „Times" mitgeteiltes Vorkommnis. Durch ein kaiserliches Re- skript wurde ein Beamter 4. Grades in den Rang eines Mandarinen 1. Grades versetzt, wegen seines „Patriotismus". Der Wackere hatte 100 Mausergewehre und 300 000 Patronen eingeschmuggelt und dem Vizekönig von Kwangsi zur Unterdrückung eines Aufstandes zugestellt. Wie wobl noch in Erinnerung sein wird, verbietet der Pekinger Vertrag jedoch bis auf Weiteres die Einfuhr von Waffen nach China und ein kaiserliches Dekret vom August 1901 proklamierte daraufhin ausdrücklich das Waffeneinfuhrverbot. Die Auszeichnung wegen Verletzung dieses Verbots fünfviertel Jahre später mutet an wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte.
— Aus Guatemala wird gemeldet: Der Ausbruch des Vulkans Santa Maria verbreitete hundert Meilen im Umkreise 53 Stunden lang eine Dunkelheit wie um Mitternacht. Die Bevölkerung wurde von gewaltiger Panik ergriffen. Der deutsche Dampfer „Luxor", der im Hafen von San Benito von einer starken.Lage Asche bedeckt wurde, fuhr eiligst auf See.
Lokales und Provinzielles.
* Schlüchtern, 7. November 1902.
* — Wie uns mitgetheilt wird, haben sich die Wahlmänner der Stadt Schlüchtern und Umgegend dahin entschieden Herrn Bürgermeister Salomon als Kandidaten für die bevorstehende Ersatzwahl zum Landtag den Wählern vorzuschlagen. Herr Salomon hat sich während seiner 12jäl;rtgen Thätigkeit als Bürgermeister und Mitglied des Kreisausschusses, durch sein thatkräftiges und erfolgreiches Wirken in weiten Kreisen der hiesigen Bevölkerung Vertrauen und Anerkennung erworben und gezeigt, daß er wohl befähigt ist, in gerechter und unparteiischer Weise die Interessen aller Berufsstände zu fördern und zu vertreten. Da namentlich in wirthschaftlicher Beziehung eine zielbewußte Vertretung für unsere Gegend dringend wünschenswerth ist, so wäre es mit Freuden zu begrüßen, wenn die Kandidatur Salomon allgemein unterstützt würde, zu- nial auch derselbe wie der s. Zt. einstimmig gewählte Amtsgerichtsrath Zimmermann der Freiconservativen Partei angehört.
* — Die Steuerpflichtigen machen wir darauf aufmerksam, daß die Staatssteuer für das 3. Vierteljahr spätestens am 16. d. Mts. bei Meidung kostenpflichtiger Anmahnung und Zwangsbeitreibung bezahlt sein muß und daß gleiche Maßregel bezüglich der in der Stadt Schlüchtern am 5. d. Mts. fällig gewesenen nicht bezahlten 2. Hälfte der Stadt-Umlage für das laufende Jahr zu erwarten ist.
* — Invalidenversicherung. Eine Quittungskarte verliert ihre Gültigkeit, wenn sie nicht innerhalb zweier Jahre nach dem auf der Karte verzeichneten Ausstellungstage zum Umtausch eingereicht ist. Im Zusammenhang mit dieser Ungültigkeit steht das Erlöschen des Versicherungsverhältnisses. Nach § 46 des neuen Jnvalidenversicherungsgesetzes erlischt die aus der Versicherung sich ergebende Anwartschaft auf Rente in etwa halb so kurzer Zeit, als dies nach § 23 des früheren Gesetzes der Fall war. Dadurch erwächst für den Versicherten unter Umständen die Gefaht, daß er bei Verabsäumung rechtzeitiger und ausreichender Markenverwendung innerhalb eines bestimmten Zeitraumes ungeachtet der Erfüllung der Wartezeit seines an sich begründeten Rentenanspruchs verlustig gehen
Eins kann. Die nachträgliche Entrichtung von Beiträgen für eine versicherungspflichtige Beschäftigung ist nach Ablauf von zwei Jahren seit der Fälligkeit gesetzlich nicht mehr zulässig. Freiwillige Beiträge dürfen nach eingetretener Erwerbsunfähigkeit nachträglich oder für die fernere Dauer der Erwerbsunfähigkeit nicht entrichtet werden. Die Arbeitnehmer haben deshalb gegen früher noch' wesentlich gesteigertes Interesse daran, sorg- Atig darüber zu wachen, daß regelmäßig Beitrags- narken bei jeder Lohnzahlung für sie verwendet werden. Den Arbeitgebern aber wird wiederholt die rechtzeitige d. h. bei der jedesmaligen Lohn- bezw. Lohnabschlagszahlung vorzunehmende Beitragsentrichtung zur Pflicht gemacht. Die pünktliche und sorgfältige Erfüllung dieser Verpflichtung liegt vor Allem auch in ihren: eigenen Interesse, da sie bei Säumigkeit in der Beitragsentrichtung, abgesehen von der Bestrafung (bis zu 300 M.) schwere vermögensrechtliche Nachtheile, nämlich die Regreßansprüche der Versicherten, deren Rentenanträge wegen Nichterfüllung der Wartezeit zurückgewiesen werden mußten, zu besorgen haben. Inwieweit ein Arbeitgeber dem Versicherten, für den,er schuldhafter Weise Beiträge zu entrichten hat, dann, wenn die Nachbringung der Beiträge wegen Fristablauf nicht mehr möglich ist, für den ihm erwachsenden Schaden aufzukommen hat, bestimmt sich nach den Vorschriften des bürgerlichen Rechts.
* — Die November-Sternschnuppen aus beut großen Löwen werden in den frühen Morgenstunden des 12. bis 14. November wieder auftauchen. Ob die Anzahl erheblich sein oder ob die Erscheinung sehr unauffällig vorübergehen wird, läßt sich nach den Er- Smngen seit 1899 nicht vorausbestimmen. Dazu mt, daß auch das Mondlicht diesmal hinderlich sein wird. Der Hauptschwarm der Leoniden befindet sich sammt den in seiner Bahn einhergehenden Kometen jedenfalls in erheblicher Entfernung von unserer Erde.
O (Bauernregel für November.) Zu Aller- heiligeu Reif, zu Weihnachten weiß und steif. — Andreas Schnee thut dem Korn weh. — Wenn im November der Donner rollt, wird dem^ Getreide Lob gezollt. — Wenns am Allerheiligen schneit, lege deinen Pelz bereit. — Martini will Laub nicht mehr sehn, sonst muß man im Winter vor Kälte vergehn. — Sankt Elisabeth sagt uns an, was der Winter für ein Mann. — Im November viel Naß, auf den Wiesen viel Gras. — Schaut Sankt Andreas hell und klar, schenkt er dem Bauer ein gutes Jahr. — Fällt zeitig im November das Laub zur Erden, so solls ein guter Sommer werden. — Bringt November Morgenrot, der Aussaat viel Regen droht. — Zu Sankt Katharein winterts gerne ein. — Martinstag trüb, macht den Winter lind und lieb. — Blühn im November die Bäume aufs neu, dann währt der Winter bis zum Mai. — Läuft viel herum die Haselmaus, bleibt Schnee und Eis noch lange aus.
Gelnhansen, 7. November. Einer der ältesten deutschen Emwohner Chicagos, Friedrich Burcky, ist kürzlich gestorben. Er war, der „N.-Y. Staatsztg." zufolge, 1814 in Gelnhausen geboren und kam anfangs der' dreißiger Jahre nach Amerika. Burcky war der älteste Freimaurer der Stadt und hat selbst einen besonderen Freimaurerorden gegründet.
* — (Sitzungcher Hanauer-Strafkammer. Angeklagt der schweren Körperverletzung und des Raubes ist der Taglöhner und Hüttner Johannes Marbnrger aus Oberkalbach. Marburger ist am 29. Januar 1870 in Ramholz unehelich geboren. Seine Mutter zog mit ihm nach Oberkalbach und da er ein wilder Junge war und nichts arbeiten wollte, ging er mit einem Landsmann, der in Ohio ansässig war, hinüber nach Amerika. Nach Verlauf von 6 Jahren kam er wieder nach Deutschland, doch behagte ihm das Leben in der alten Heimat nicht und er verschwand wieder auf drei weitere Jahre übers Meer, nachdem er verschiedene Male mit den Gerichten wegen Körperverletzung und Diebstahls in Conflikt geriet. Als er nun im Jahre 1896 wieder kam, nahm sich die Militärbehörde seiner an, um ihn zum Dienen zu bewegen. Da sich Marburger jedoch auf sein amerikanisches Heimathsrecht stützte, wurde er aus Preußen ausgewiesen und so siedelte er nach Offenbach über, woselbst er in einer chemischen Fabrik arbeitete. Alle 14 Tage fuhr er 'Samstags