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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 19. November 1902.

53. Jahrgang.

Ut»^I!lt^^S»tt ^ die .Schlüchierner Zeitung" jy&pH'UUiiy^etmerbcn nod) fortwährend von allen - Postanstalten nndLaudbriefträgern, sowie von der Expedition entgegen genommen.

organisation zu bestimmen versucht hatte, des bezeich­neten Vergehens für schuldig befunden. Es unterliegt also künftighin nicht nur der Zwang znr Beteiligung an Verabredungen in bestimmten Fällen der Straf- vorschrift des § 153, sondern auch derjenige, deran­dere durch Anwendung körperlichen Zwanges, durch Drohungen, durch Ehrverletzung oder durch Verrufs­erklärung" zum Eintritte in eine Gewerkschaftbestimmt oder zu bestimmen versucht."

München. Das unter Mitwirkung des Landtags von der Regierung seinerzeit eingesetzte technische Bureau zur Ausarbeitung des Projektes der Mainkanalisation von Offenbach nach Aschaffenburg ist nun mit seiner Arbeit fertig. Die Projektirung erstreckt sich auch auf die über Bayerns Grenze hinausreichende Strecke. Für die nöthigen Grunderwerbungen sind Eventual- verträge bereits abgeschlossen. Die Gesammtkosten der Kanalisation sind auf etwas über 20 Millionen Mark berechnet. Eine Veröffentlichung des Projektes ist vorerst nicht zu erwarten. Für die Verhandlungen mit Preußen, über deren Wiederaufnahme bei der jüngsten Anwesenheit des preußischen Eisenbahnministers dahier gesprochen wurde, kommt dieses Projekt zunächst nur wegen der Kostenübersicht in Betracht.

Ausland.

Brüssel. Am 15. November fand in der Kathedrale Sainte Gudule eine Gedächtnißfeier für die verstorbene Königin statt. Derselben wohnten der König, der Graf und die Gräfin von Flandern, Prinz Albert und Prinzessin Clementine bei. Als der König und die Königliche Familie nach dem Trauergottesdienste für die Königin die Kirche verließen, gab ein Individuum zwei Revolverschüsse in der Richtung auf den König und das Gefolge ab. Niemand wurde getroffen, der Thäter wurde von Gendarmen verhaftet, welche ihn gegen die Wuch der Volksmenge schützen mußten. Er nennt sich Rubino, geboren 1859 in Pinardo bei Ne­apel, und ist seit einiger Zeit in Brüssel wohnhaft. Er gibt sich für einen Buchhalter aus. Eine sofort bei ihm vorgenommene Haussuchung führte zur Be­schlagnahme einer umfangreichen Korrespondenz sowie zahlreiche anarchistischer Schriften. Die Gendarmen mußten blank ziehen, um den Attentäter vor der wüthenden Volksmenge zu schützen die fortwährend rief:Tod den Anarchisten", unterbrochen von Hoch­rufen auf den König.

Im Verhör erklärte Rubino er habe seinen ^anarchistischen Grundsätzen gemäß gehandelt. Der Kö­nig, welcher gewöhnlich im dritten Wagen fährt, hatte ausnahmsweise den ersten benutzt. Eine Kugel Rubi- binos zertrümmerte die Scheiben des dritten Wagens; durch die Scherben wurde Graf d'Oultremont im Ge­sicht verletzt. Erst bei seiner Rückkehr ins Schloß er­hielt der König Mitteilung von dem geplanten Anschlag.

Rom, 17, November. Verschiedene größere Blätter drücken ihren Abscheu über die That Rubinos aus. König Leopold habe sein Leben dem Wohle des Volkes und der Aufrechterhaltung der Freiheit gewidmet. Ita­lien werde mehr als die anderen Nationen die tiefe Erregung empfinden, weil, obwohl die Anarchie kein Vaterland habe, der schuldige ein Italiener sei.

M Stockholm, 17. Nov.Svenska Dagbladet" will wissen, daß schon in diesem Winter drahtlose Tele- graphie zwischen der schwedischen Flottenstation Karls- krona und 5 norddeutschen Küstenstationen mit je 150 Kilometer Entfernung zur Verwendung kommen soll.

Cardiff. In der Ocean Kohlengrube bei Merthyr- Tydvil blieb vorige Woche ein Förderkorb, auf dem dreißig Bergleute hinaufbefördert wurden, infolge Ver­sagens der Maschinerie stecken. Gleichzeitig stockte vorübergehend die Ventilation, sodaß 5 Bergleute er­stickten.

Lokales und ProvmMes.

* Schlüchtern, l 8. November 1902.

* Bei der 3. Großen Allgemeinen Geflügel- Ausstellung in Cöln-Ehrenfeld erhielt Herr Georg Bolender von hier, für blaue Brieftaube einen, lobende Anerkennung.

* Die Stadtschuldeputation hatte bekanntlich beim Magistrat den Antrag gestellt, von Ostern n. Js. ab die hiesige Lateinschule in eine vereinigte höhere Knaben- und Mädchenschule umzuwandeln. Neben der Absicht,

Amtliches.

I.- Nr. 330-1 K.-A. Die Bürgermeister der Land­gemeinden Ahlersbach, Breitenbach, Breunings, Eckardroth, Elm, Hintersteinan, Jossa, Kerbers- dorf, Marborn, Marjoß, Neuengronau, Nieder- zell, Oberzell, Reinhards, Nomsthal, Schwar­zenfels und Züntersbach, welche noch mit Ein- reichung der Gemeinde-Rechnung für das Rechnungs­jahr 1901 im Rückstände sind, werden hierdurch an die Einsendung derselben innerhalb 2 Wochen von heute ab bei 5 Mk. Strafe erinnert.

Schlüchtern, den 12. November 1902.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses _________________________Roth._______________

Deutsches Reich.

Am Sonnabend wohnte der Kaiser, mit anderen dort anwesenden Gästen dem Gottesdienst in der Kirche in Lowther bei. Nach dem Frühstück unternahm der Kaiser bei schönem Wetter einen Spaziergang. Während des Diners und am Abend spielte die Kapelle Carl Lousdales. Der Kaiser überreichte persönlich Carl Lousdale die Jnsiguien des Kronenordens erster Klasse.

Gegenüber der Meldung, der Kronprinz wolle eine dänische Prinzessin, oder eine Tochter des Herzogs von Cuinberland Heirathen, taucht imDaily Expreß" von Neuem das Gerücht auf, der deutsche Kronprinz werde sich mit der Prinzessin Alice von Albany verloben. Die amtliche BMnntgabe der Verlobung werde binnen kurzem erfolgen. Die Prinzessin ist die am 25. Februar 1883 geborene Tochter des 1884 gestorbenen jüngsten Bruders König Eduards, des Prinzen Leopold, Herzog von Albany, der im Jahre 1882 die Prinzessin Helene zu Waldeck und Pyrmoni, eine Schwester der Königin- Murrer der Niederlande, geheirathet hatte

Der Minister des Innern hat in einem Rund­schreiben an die Oberpräsidenten genehmigt, daß aus den Kommunal-Sparkassen zu Darlehen an die eigenen Garantieverbände Gelder bis zu 2b vom Hundert und außerdem noch an die Kommunen ebenfalls bis 25 vom Hundert des Einlegerbestandes der Sparkassen, im Ganzen jetzt also 50 vom Hundert, verwendet wer­den dürfen.

Amtlicher Nachweisung zufolge hat die Ein­nahme an Wechselstempelsteuer im Deutschen Reiche in den ersten sieben Atonalen des laufenden Etatsjahres 7 056 201,20 Mk. oder 474 343 Mk. weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres betragen.

Die diesjährige Getreideernte in Deutschland berechnet Professor Ruhland imGetreidemarkt" wie folgt: Weizen und Spelz 4715 Millionen Kilogramm, Roggen 10228, Gerste 3174 und Hafer 7252 Millionen Kilogramm. Es dürfte daher gesagt werden, daß die Ernte den Bedarf des Volkes voll zu decken vermag.

Die Auswanderung über Hamburg und Bremen betrug in den ersten zehn Monaten.

Hamburg Bremen zusammen 1900 92,508 80,681 17 3,189 1901 78,074 95,050 173,124

1902 104,834 119,157 .223,991

Die Zahl der Auswanderer in diesem Zeitraum ubersteigt also die der beiden Vorjahre um mehr als 5u,000.

Das Reichsgericht hat eine insbesondere für Nrbeiterkreise bemerkenswerte Entscheidung zum Koa­litionsrecht gefällt. § 152 der Gewerbeordnung handelt von denVerabredungen und Vereinigungen" zur Er- langung günstiger Lohn- und Arbeitsbedingung, insbe­sondere durch Streik oder Aussperrung. § 153 erklärt jeden Zwang zur Teilnahme oder Nichtteilnahmean solchen Verabredungen" als ein Vergehen, das mit Gefängnis bis zu drei Monaten bestraft wird, sofern nach dem allgemeinen Strafgesetzbuch nicht eine härtere Strafe eintritt. Bisher pflegte man den Ausdruck an solchen Verabredungen" int § 153 nicht auf stän­dige Vereinigungen zu beziehen. Das Reichsgericht hat aber einen Angeklagten, welcher einen Mitarbeiter durch Drohungen zum Eintritt in eine Gewerkschafts-

dadurch dem dringend empfundenen Bedürfnis nach einer über das Ziel der Volksschule hinausgehenden Ausbildung abzuhelfen, waren es, wie wir hören, haupt­sächlich folgende Erwägungen, die diesen Beschluß her­beigeführt hatten: 1. Steigerung der Schülerzahl der Lateinschule, um mehr als bisher die teueren Lehr­kräfte auszunutzen, ohne daß dabei der Vorteil kleiner Klassen und individuellen Behandlung der Schüler ein­gebüßt oder die Leistungen der Schule gegen jetzt beein­trächtigt würden; 2. Beseitigung der jetzt vielfach not­wendigen Kombinationen und Durchführung des päda­gogisch allein richtigen Verfahrens, jeden Jahrgang für sich gesondert zu unterrichten; 3. Ersparnis von jährlich über 1000 Mk. Der Magistrat hat die Vor­lage abgelehnt. Infolgedessen wird auch die jetzige Privat-Mädchenschule, die teilweise bereits mit der Lateinschule vereinigt war, Ostern 1903 eingehen, es müßte denn sein, daß die Stadtverordnetenversammlung einen jener Vorlage entsprechenden Initiativantrag vor den Magistrat brächte und dieser seine Zustimmung dazu gäbe, was aber dem Vernehnien nach kaum zu erwarten ist.

* (Sitzung des Hanauer Schwurgerichts vom 14. Novbr.) Als letzte Strafsache stand die Anklage gegen den Landwirt Conrad Eckhardt auf dem Günthers­hof bei Schwarzenfels wegen Brandstiftung zur Ver­handlung. Eckhardt übernahm nach dem Tode feiner Eltern den Günthershof, welcher rechts von der Straße von Mottgers nach Schwarzenfels zu liegt. Der Hof umfaßt Wohnhaus, Stallung, eine alte und neue Scheune und ca. 56 Morgen Land. Die Gebäude waren mit cci. 3600 Mk. und der Viehbestand ebenfalls mit ca. 3600 in der Brandkasse versichert. Eckhardt befand sich sehr oft in Geldverlegenheit und tosten deshalb Pfändungen vorgenommen worden. Am Abend des 10. September d. J. gegen 8 Uhr brannten die beiden Scheunen ab und '.Eckhardt ist dringend verdächtig, den Brand gelegt zu haben. Er bestreitet dies jedoch und will um diese Zeit in Sterbfritz gewesen sein. Verdäch­tig ist, daß, als die erste Hilfeleistung kam und auch der Gendarm sich einfand, vom Hausflur nach der Werkstatt Petroleumflecken und Spuren bemerkt wur­den, welche sich auch auf einem halb umgestürzten Kleiderschrank zeigten. Ferner war in der der Werk­statt angrenzenden Kammer Stroh aufgestellt, sodaß dessen Ende in eine Lücke des Bodens reichte. Dies verstärkte umsomehr den Verdacht, als dadurch der ,Weg des Feuers, wenn dies erst den Boden erfaßte, durch sämtliche Räume ging. Auch fand man den Angeklagten auf dem Bette, angeblich schlafend, an und der Gendarni mußte ihn erst wecken. Als er zu sich kam und vernahm, daß es bei ihm brenne, blickte er stier nach der Scheune und der Schweiß soll ihm heftig vom Gesicht geflossen sein. Auch fand man bei ihm eine Stearinkerze in der Rocktasche. Er leugnet be­harrlich, die That begangen zu haben. Der Lehrer Schäfer bekundet, befragt über feine Führung in der Schule, daß er ein unfreundlicher, verstockter und eigen­sinniger Schüler gewesen sei, der einen verschlossenen und unnahbaren Charakter besessen habe, er sei jedoch nicht selbst daran Schuld, sondern habe diese Eigen- schaften von seinem Vater geerbt. Er habe viele Feinde gehabt. Von der Verteidigung wird beantragt, zwecks näherer Informierung eine Inaugenscheinnahme vorzu- nehmen, was auch von den Geschworenen unterstützt wird. Die Besichtigung wurde hierauf beschlossen.

* Am 1. Oktober v. I. ist der letzte Teil des Gesetzes über die Handwerkerorganisation (§ 133 der Gewerbeordnung, betreffend Führung des Meistertitels) in Kraft getreten. Die Bildung der Prüfungsaus- schüsfe nahm aber noch längere Zeit in Anspruch, so daß erst im April d. J. die Vorbereitungen beendet waren. Für den Handwerkskammer-Bezirk Kassel wurde für diejenigen Gewerbe, die eine verhältnismäßig kleine Zahl von Gewerbetreibenden umfassen, ein Prüfungs­ausschuß in Kassel gebildet; für die anderen Gewerbe außer diesem Ausschuß waren noch Prüfungsausschüsse in Eschwege, Fulda, Hanau, Marburg und Arolsen. Die ersten Prüfungen wurden in Kassel im Mai ab­gehalten und haben bis jetzt hier 18 Prüfungen statt- gefunden; es liegen aber eine so große Anzahl von Anmeldungen noch vor, daß voraussichtlich bis Ende d. Js. sich 40 Handwerker der Meisterprüfung unter­ziehen werden. In Hanau und Marburg sind bis