SchlüchternerMung
Erschtint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 7. Januar 1903.
54. Jahrgang.
Bestellungen « ä 1 ' fortwährend von allen
Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Ex- pedition entgegengenommen.________________________
Amtliches.
Die Kreissparkasse ist bis auf weitere Bekanntmachung für das Publikum geöffnet:
Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag vormittags von 8 — 12 Uhr und nachmittags von 2 — 4 Uhr. Mittwoch nur vormittags von 8-12 Uhr.
Schlüchtern, den 1. Januar 1903.
Die Direktion der Kreissparkasse Pfalzgraf. Bratfisch. Weitzel.
Teutsches Reich
— Dem Kaiser wurden von den Deutschen Hawais bei Eröffnung der Kabelverbindung mit dem amerikanischen Festlande ehrerbietige Neujahrsgrüße übersandt.
— Die Uebersiedelung der kaiserlichen Familie vom Neuen Palais nach Berlin hat sich zum Teil vollzogen. Nur die beiden Prinzen August Wilhelm und Oskar, die zu den Weihnachtsferien aus Plön gekommen waren, sind wegen Unpäßlichkeit im Neuen Palais verblieben und mit ihnen die Kaiserin.
— Die Weihnachtsferien für die Söhne des Kaiserpaares sind zu Ende, sie sind nach Bonn, resp, nach Plön zurückgekehrt. Donnerstag Mittag reist der Kaiser zur Hofjagd nach Hannover.
— Der deutsche Kronprinz, wird sich einer vor mehreren Wochen erfolgtenEinladungdesZaren folgend,Mitte dieses Monats zu einem Besuche am russischen Hofe nach St. Petersburg begehen. Das Verlangen des Kaisers von Rußland, den deutschen Kronprinzen, dein Kaiser Franz Joseph mit so großer Liebe zugetan ist, kennen zu lernen, darf jedenfalls als ein erneuter Beweis für die Dauer guter und freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Höfen von Berlin und Petersburg angesehen und willkommen geheißen werden. Im Frühjahr wird der Kronprinz auch die Höfe von Rom, Athen und Konstantinopel, wohl auch Madrid und Lissabon im Verlaufe einer längeren Seereise besuchen.
— Der deutsche Reichstag wird Dienstag, den 13. Januar, wieder in Berlin zusammentreten.
— Der Minister des Innern giebt bekannt, daß die Eröffnung des auf den 13. Januar einberufenen Landtages an diesem Tage mittags um 12 Uhr im Weißen Saale des Berliner Königlichen Schlosses erfolgt. Zuvor findet Gottesdienst um HUhr in der Dominterimskirche und um 11 'A Uhr in der Hedwigs- kirche statt.
— Bei dem Zustand des Königs von Sachsen fit eine wesentliche Verschlimmerung nicht eingetreten. Allerdings ist der Zustand bei dem hohen Alter des
Patienten sehr ernst.
— Das Denkmal für den ermordeten deutschen Gesandten Frhrn. von Ketteler ist vollendet und soll am 18. Januar eiugeweiht werden. An der Feierlichkeit werden deutsche und chinesische Beamten teilnehmen. Das Denkmal besteht in einem imposanten weißen Bogen, der sich über die Hauptgeschäftsstraße an dem Punkte spannt, wo der Gesandte ermordet wurde; in den Bogen sind Bußinschriften in deutscher, lateinischer und chinesischer Sprache eingemeißelt.
— Zu Gunsten der Deutschen in Südafrika erläßt Herzog Johann Albrecht zu Mecklenburg-Schwerin, als Präsident der deutschen Kolonialgesellschaft. einen Aufruf. Das Loos der deutschen Bauernkolonien sei ungleich härter als das der Buren, der deutsche Hilfs- verein und die deutsche Schule in Johannesburg seien in ihrem Bestände gefährdet Eine Unterstützung aus der Heimat sei nicht nur aus vaterländischen und allgemeinen menschlichen Rücksichten geboten, sondern auch aus der rein praktischen Erwägung der Förderung unserer weltwirtschaftlichen Interessen.
— In Baden ist eine Bewegung auf Wiedereinführung der Männerklöster im Gange. Wie den „Münch. N. N." aus Karlsruhe gemeldet wird, soll ein von allen Ministern unterzeichneter Antrag auf Zulassung der Orden dem Großherzog bereits vorliegen.
- Die Einschiffung der letzten deutschen Truppen in Shanghai hat unter lebhafter Teilnahme der deutschen und der übrigen auswärtigen Niederlassungen nunmehr stattgefunden. In Shanghai befinden sich also keine fremden Besatzungstruppen mehr. Hoffen wir, daß Ruhe und Ordnung in Shanghai, ' in dem -so zahlreiche und große fremdländische Interessen vertreten sind, gleichwohl aufrecht erhalten bleiben.
— Nach einer Depesche aus Puerto Cabello haben die blockierenden Kriegsschiffe alle venezolanischen Fahrzeuge aus dem inneren Haken fortgenommen. Während dieser Maßregel waren Truppen an der Küste gelandet worden. Es fiel kein Schuß, und die Besetzung war nur vorübergehend. — Einem Telegramm aus Port of Spain zufolge wird das beschlagnahmte venezolanische Kriegsschiff „Zumbador" sämtliche Prisen, 40 an der Zahl, nach Port of Spain schleppen. Auf den Prisen wurden zusammen 30 000 Dollars vorgefunden.
— Der „New Pork Herald" meldet, es sei eine Depesche aus Venezuela eingegangenen, die entweder besagt, daß Castro abgedankt habe oder, daß er im Begriff stehe, dies zu tun. Die Depesche sei nicht deutlich genug, um den Inhalt durchaus klar und überzeugend zu machen Das Blatt giebt die Nachricht daher mit der erforderlichen Vorsicht wieder.
— Die deutschen Truppen nahmen ohne auf Widerstand zu stoßen, vom Zollamte in Puerto Cabello Besitz.
Eine Hochzeitsreise
Erzählung von F. Arnefcldt.
(Nachdruck Verbote»)
Kortfttzung.
Die letzten Worte inußten etwas von der Wirkung der Posaune des Weltgerichts haben; denn sie ermunterten die Schlaftrunkene. Sie sprang auf, taumelte, drehte sich um sich selbst und stand dann fest auf chren Füßen. .
„Der Herr ist ermordet?" fragte sie, mit der Hand nach der Stirn fahrend, „gaukelt meine Angst mir den Schreckensruf vor, oder ist's Wahrheit -'
„Es ist Wahrheit." , . . ...
Sie stieß einen Schrei aus, einen Schrei, tote chn das Raubtier ausstoßen mag, dem man sein Junges genommen hat, und das im Begriff ist, sich auf den Räuber zu stürzen. Schmerz und Wut machten fiel? darin Luft. ..
„Der Verruchte!" keuchte sie, „so hat er feinen Zweck doch erreicht. Alle meine Vorsicht hat nicW geholfen, — er, — er wollte mir ja nicht glauben.
„Haben Sie henn etwas so Entsetzliches gefürchtet? fragte der Schaffner; aber sie hörte ihn nicht mebr, sondern stürzte nach dem Koupee, dessen Tür er offm gelassen hatte. Ihr erster Blick fiel auf den Toten; mit einem Jammergeschrei warf sie sich über ihn.
„Mein armer, mein lieber, gnädiger Herr!" kreischte sie. „Helft ihm doch! Laßt ihn nicht verbluten! Holt
einen Arzt!"
„Der ist bereits hier", bemerkte der Arzt, indem er versuchte, sie von dem Toten einporzuziehen, „dem Herrn ist nicht mehr zu helfen, er ist tot."
„Tot! Tot!" schrie Dorothea. „Ich wußte es ja, es würde sein Unglück sein; aber er bestand darauf! und ihr habt den Mörder entwischen lassen! fuhr sie wütend auf; „doch gleichviel, mir entgeht er nicht."
„Sie kennen ihn?" fragte der Oberbeamte.
„Ob ich ihn kenne! Es giebt nur einen —"
„Sorgen Sie für Ihre Gebieterin", unterbrach sie der Arzt, „sie bedarf Ihres Beistandes."
Die alte KammerHau machte eine Bewegung, als wollte sie eine solche Zumutung weit von sich weisen; int nächsten Augenblick besann sie sich jedoch eines besseren. Sie wandte sich von dem Toten ab und der jungen Frau zu; dabei fiel ihr Blick auf den noch immer an deren Seite verweilenden Reisenden, und mit einem wahren Wutgeheul flog sie auf ihn zu.
„Da ist er ja, der elende, der feige Mörder!" kreischte sie und grub ihre Nägel in seine Arme. Der junge Mann schüttelte sie ab.
„Das Weib ist wahnsinnig; der Schreck hat ihr den Verstand geraubt", sagte er hochfahrend.
„Man könnte es werden über so viel Bosheit", entgegnete sie; „aber ich bin es nicht, ich habe meine Sinne sehr gut bei einander und erkenne Dich auf den ersten Blick, Benno Treuenfeld."
Ausland.
— An Stelle des im Mai 1898 abgeschlossenen vorläufigen Vertrags hat nunmehr die britische und chinesische Korporation mit Scheng ein neues Abkommen geschlossen über den Bau einer Eisenbahnlinie von Shanghai nach Nanking.
— Zu Ehren des Kolonialministers Chamberlain, welcher sich augenblicklich in Südafrika aufhält, wurde in Ladysmith ein Bankett veranstaltet. Chamberlain sprach die Hoffnung aus, daß die Holländer ebenso wie die Engländer bereit sein würden, das Vergangene zu vergessen. Von da aus reifte er nach Prätoria, wo er von einer zahlreichen Menschenmenge begrüßt wurde.
— In Jekaterinoslaw in Rußland wurde ein Mädchenhändler Gleser verhaftet. Er hat seit Jahren mit vielen Helfern den ganzen Süden Rußlands „bearbeitet" und Hunderte von Mädchen verkuppelt.
- Die Unruhen in China haben auch vor dem neuen Jahre nicht Halt gemacht. Jetzt ist die Lage für die Fremden im Gebiete von Hsianfu eine so kritische geworden, daß der englische Generalkonsul in Hankau die Missionare und deren Angehörige amtlich aufforderte, Anstalten zu treffen, um sich im gegebenen Augenblick schleunigst in Sicherheit bringen zu können. Frauen und Kinder sollen schon jetzt in die nächsten Hafenstädte befördert werden. Auf Anfragen der fremden Gesandtschaften hat das Pekinger Auswärtige Amt erklärt, die Berichte von kriegerischen Vorbereitungen Tungfuhsiangs feien allerdings begründet, wenn auch übertrieben. Das Auswärtige Amt gab die Versicherung ab, die Vicekönige der nördlichen ProOnzen verfügten über eine hinreichende Anzahl Truppen zur Unterwerfung Tungfuhsiangs. Letztere Erklärung wird kein Glauben beigemesfen, da man erwartet, daß die Regierungstruppen sich Tungfuhsiang aufchließen werden für den Fall, daß er einen Aufstand unternimmt.
Eine neue Schwierigkeit für die Mächte droht dadurch . zu entstehen, daß China sich weigert, die Entschädigungen auf der Goldbasis zu zahlen. Es wird die Frage der Ueberreichung einer gemeinschaftlichen oder identischen Note erwogen, in welcher China darauf hingewiesen wird, daß das Protokoll ausdrücklich die Zahlung auf der Goldbasis vorsieht. Sollte China seinen Verpflichtungen nicht nachkommen, so würde das ernste folgen nach sich ziehen. Die amerikanische Politik geht in dieser Angelegenheit wieder ihre eigenen Wege. Das Staatsdepartement in Washington har- nämlich beschlossen, die Zahlung der zweiten Rate der chinesischen Entschädigung gemäß den von China gemachten Vorschlägen anzunehmen.
— In Mazatlan ist der Ausbruch der Pest fest- gestellt.
„Der bt ich; es fallt mir keinen Augenblick ein meinen Diamen verleugnen zu wollen."
„Benno Treuenfeld?" fragte der Arzt, „derselbe, der kürzlich vom Kap zurückgekehrt ist?"
„Derselbe —"
„Derselbe, der geschworen hat, meinen Herrn um- zubringen", unterbrach ihn Dorothea, „und er hat es ausgeführt."
„Dorothea!" rief die junge Frau, „wie kannst Du etwas so Furchtbares, so unerhörtes behaupten! Benno ein Mörder!" Sie war aufgesprungen; alle Schwäche schien von ihr gewichen; ihr Gesicht war totenbleich; aber die großen, grauen Augen leuchteten in der Erregung beinahe unheimlich aus dem weißen Antlitz hervor.
„Weil wir Ihnen verschwiegen haben, was geschehen ist, darum glauben Sie es nicht", versetzte die Alte leiser; aber immer noch laut genug, um von den Umstehenden verstanden zu werden, fügte sie hinzu: „oder weil Sie's nicht glauben mögem Der arme Herr wollte nicht, daß Sie etwas davon erführen; er konnte es auch nicht glauben, daß er verfolgt würde."
„Wer verfolgt ihn? fragte der Oberbeamte.
„Der, der da!" antwortete Dorothea, auf Benno Treuenfeld deutend. „Er hatte geschworen, ihn zu ermorden!"
„Ihn niederzuschießen, wo er ihn träfe", fuhr Dorothea, unbekümmert um den Einwand, fort.
(Fortsetzung folgt.)