ZchluchternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Samstag, den 24. Januar 1903.
54. Jahrgang.
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Bestellunqen L? «
' -fortwährend von allen Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Amtliches. Bekanntmachung.
. "MKatz, den 27. ds. Mts. am Geburtstage Sr. Majestät des Kaisers bleiben sämtliche Kassen- und Amtsstuben der Kreis-Verwaltung geschlossen.
Schlüchtern, den 24. Januar 1903.
Der Königliche Landrat: Roth.
Raiser Wilhelm II.
(. Hoch lebe der Kaiser! Des Vaterlands Wacht,
Er hat sie erhoben zu strahlender Pracht, Kein Feind wagt es, Deutschland zu nahen. Der Adler, er flattert auf leuchtendem Feld, (Er schaut hinaus in die weite Welt, Von Gott will er Hilfe empfahen.
2. Hoch lebe der Kaiser! Sein kräft'ger Arm Fern hält er von Deutschland stets Not und Harm — Er herrschet im Geiste der Ahnen.
Sein Volk soll erstarken zu eigener Kraft, Im Feuer erglühen, das Recken sich schafft, Groß, tapfer, wie echte Germanen.
3. Hoch lebe der Kaiser! Sein off'ner Blick, Stets liebend umfasset Germaniens Geschick, In's Herz hinein schaut er den Zeiten. Streit, Hader und Zwietracht, sie müssen stets fliehn. Wie Wolken, die über die Berge ziehn, Und fliegen in endlose Weiten.
q. Hoch lebe der Kaiser! Sein edler Sinn Für Eintracht bestrebet, für Deutschlands Erblühn Daß Volkes Besitz sich vermehre.
Für Wissenschaft, Künste, für jeglichen Stand Weit hält er geöffnet die helfende Hand: Geballt stets auch kräftig zur Wehre.
5. Lang lebe der Kaiser! Sein frommes Herz Es zöge ganz Deutschland gern himmelwärts Zu Glauben und Liebe und Hoffen.
Was Jesus gelehret von Christenpflicht: Die Demut, die Liebe, die übet er schlicht, Weit stehet sein Herz ihnen offen.
6. Hoch lebe der Kaiser, daß Deutschland lebt! Gott schütz' es, damit es zum Höchsten sich hebt,
Was Menschen auf (Erben gestalten.
Gott schütze den Kaiser, er schütze das Reich! (Er gebe uns Kräfte und Segen zugleich! — Der Vater im Himmel mög’ walten!
Jd.
Kaiser Wilhelms Geburtstag.
Aus allen Richtungen der Windrose, aus allen Gauen des deutschen Reiches, über die Meere hinweg aus allen Erdteilen, wo Deutsche wohnen, flattern dem deutschen Kaiser die Glückwünsche zu seinem Geburtstage zu; höher schagen die deutschen Herzen dem nationalen Oberhaupte entgegen, überall begeht man des Kaisers Geburtstag mit patriotischen Feiern, welche zeigen, welche Liebe und Verehrung unser Kaiser sich im ganzen deutschen Volke erworben hat. Er tritt überall mit seiner Person offen ein für die Ziele, die er für richtig hält und man hat ihn schon oft in wichtigen Fragen, die das Volk bewegen, aus politischem, sozialem, wirtschaftlichem und künstlerischem Gebiete öffentlich Stellung nehmen sehen und er hat sich auch durch die naturgemäß sich mit ihm beschäftigende Kritik niemals beirren lassen, den für richtig erkannten Weg zu verfolgen: die Erhaltung des Friedens und die Erstarkung des Ansehens und der Macht des Reiches, wir müssen Gott danken, daß er uns diesen Kaiser erstehen ließ und wie wir uns der Einsicht nicht verschließen dürfen, daß der Kaiser Anspruch hat auf unsere Dankbarkeit und Ergebenheit, auf unsere allseitige Unterstützung in seinem Bestreben, sein Reich glücklich, groß und geachtet zu sehen, so muß auch aller Hader und Parteigeist heiseite gesetzt werden, wo es gilt, den Geburtstag unsers Kaisers fröhlich zu feiern. Alle unsere guten Wünsche für das kaiserliche Geburts-
tagskind, den Ausdruck unserer Freude, unseres Dankes und unserer Liebe fassen wir zusammen in die drei Worte:
Dem Kaiser Heil!
Deutsches Reich.
— Das Kaiserpaar, Prinz Eitel Friedrich, Prinz und Prinzessin Heinrich und Prinz und Prinzessin Max von Baden wohnten der Vorstellung Coquelins und seines Ensembles im Königlichen Schauspielhause in Berlin bei und beteiligten sich lÄ^haft an dem Beifall. '«T. F
- Kronprinz Wilhelm hat sich auch in Petersburg durch seine Liebenswürdigkeit alle Herzen gewonnen. Vor allem soll ihn die Zarin-Mutter auszeichnen, der man Deutsckffreundlichkeir nicht nachsagen kann. Der Prinz verbleibt noch bis Sonnabend in der russischen Hauptstadt. — Wie aus Petersburg gemeldet wird, gab der Kronprinz infolge leichter Erkältung die für Dienstag in Aussicht genommene Reise nach Nowgorod zum Besuche des Infanterieregiments „Wyborg", dessen Chef der deutsche Kaiser ist, auf. — Kaiser Wilhelm hat dem Generaladjutanten Fürsten Dolgorucki .die Brillanten zum Großkreuz des Roten Adlerordens, dem Flügeladjutanten Grafen Schuwalow die Krone zum Roten Adlerorden 2. Klasse und dem Leutnant Fürsten Kantakuzene den Roten Adlerorden 3. Klasse verliehen.
— Im Reichstag und im Abgeordnetenhause haben am Montag die Etatsberatungen begonnen. Staatssekretär v. Thielmann teilt dem Reichstag mit: Der vorliegende Etat macht eine Anleihe von 125 Mill. notwendig. Das Jahr 1901 hat daran großen Anteil. Das System der Ueberwälzung auf das folgende Jahr läßt den Etat von 1903 noch schlechter erscheinen, als er ist. Das macht ein genaueres Eingehen auf die Etatsjahre 1901 und 1902 notwendig. Der Staatssekretär gibt einen Rückblick auf diese Jähre und hebt hervor, daß der Reichstag 1901 an verschiedenen Ausgaben 9 Mill. M. abgesetzt und znr Schuldentilgung verwendet habe und nicht zur Ueberweisung an die Einzelstaatcn. Nichts beweise mehr die Notwendigkeit einer Reichsfinanzreform, aber wir sind nicht so reich dies tun zu können. Erst nach dem Inkrafttreten des Zolltarifs werden wir die Lage überblicken können, mindestens bis 1905 aber müssen wir uns mit dem gegenwärtigen ungünstigen Zustand behelfen. Auch das laufende Jahr schließt voraussichtlich mit einem recht großen Fehlbetrag ab. Die Mindererträge werden betragen bei der Zuckersteuer 16,5 Millionen, bei der Post- und Tälegraphie 3,5 Mill., bei der Eisenbahn 3 Mill., bei der Brennsteuer ergiebt sich voraussichtlich ein Ueberschuß von 3,5 Mill., sodaß der Ausfall des Vorjahres gedeckt wird Im Ganzen bleibt eine Mindereinnahme von 17,5 Mill., wozu der Ausfall bei der Reichsbank kommt. Das Reichsheer wird einen Mehrbedarf von 6,75 Mill. beanspruchen. Dazu kommt ein Mehrbedarf bei der Reichsschuld. Die Marineverwaltung wird Ueberschreitungen nicht aufweisen Bekanntlich verhängte die Regierung gegenüber der Haltung, welche Venezuela den begründeten deutschen Ansprüchen entgegensetzte, die Blockade über die wichtigsten Häfen. Die Frage ist nicht außer Acht gelassen, ob es nötig sei, die Kosten dieser Blockade durch einen Nachtragsetat anzufordern. Man sah davon ab, weil die meisten verwendeten Schiffe sich in der Nähe der dortigen Gewässer befanden. Wie lange die Blockade dauern und ob bei längerer Dauer ein Nachtragsetat notwendig wird, ist noch nicht zu übersehen. Das laufende Jahr wird mit einem Fehlbetrag von 25,5 Mill. abschließen, wozu noch ein Fehlbetrag aus den Einnahmen der Reichsbank kommt, sodaß vorsichtigerweise das Defizit auf 30 Millionen anzusetzen war. Das Haus setzte seiner Zeit die voraussichtlichen Einnahmen ans Zöllen herab, das hat sich als richtig erwiesen. Die Reichsfinanzverwaltung verfuhr bei der Aufstellung des Etats möglichst vorsichtig, und der Bundesrat strich noch an manchen Ansätzen, trotzdem sind an Matrikularbeiträgen von den einzelstaaten 24 . Millionen aufzubringen. Damit leisten die verbündeten Regierungen das Aeußerste, was sie zu leisten im Stande sind. Eine ganze Anzahl von kleineren Bnndesstaaten kann diese Zuschüsse an das Reich aus eigenen Mitteln nicht aufbringen,
namentlich die nicht, die Eisenbahnen besitzen. Sie sind gezwungen, die Matrikularbeiträge durch Anleihen zu decken, da die Anziehung der direkten Steuerschraube nicht mehr möglich ist. Dies ist ein durchaus ungesunder Zustand. Redner geht auf die Einzelheiten des Etats ein. Er erörtert kurz den Mehrbedarf der Militärverwaltung und erwähnt den Reichszuschuß für Teilnahme Deutschlands an der Weltausstellung in St. Louis- Die Ausgaben für die Marine halten sich durchaus im Rahmen des Flottengesetzes. Die Mehrausgaben der Post- und Telegraphenverwaltung und der Eisenbahnen sind besonders bedingt durch die Ver- mehrung der Beamtenstellen und die Erhöhung der Betriebssicherheit. Daher sind, wie erwähnt, 125 Mill. erforderlich für außerordentliche Deckungsmittel, dazu 95 Millionen zur Deckung des Ausfalls im Etat, im Ganzen sind mithin 220 Millionen durch Anleihe zu decken. — Die Generaldebatten über den Etat werden von jeher immer in weit gezogenen Grenzen mit zur Besprechung vieler Fragen und Vorkommnisse in unserm politischen und öffentlichen Leben benutzt und so ging es auch dieses Mal, es kamen die Swinemün- der Telegramme des Kaisers an den Prinzregenten von Bayern, der „Fall Krupp" und die damit Zusammen- bängenden Kaiserreden zur Sprache. Reichskanzler Graf Bülow teilte in wohlgelungener Rede mit, daß Kaiser und Reich in der Ueberzeugung einig sind, daß der Ausbau der sozialen Gesetzgebung die Aufgabe des 20. Jahrhunderts sind und, daß keine Monarchie mehr für das Wohl der arbeitenden Klassen getan habe, als das Deutsche Reich. Das werde auch im Ausland überall anerkannt, namentlich finde unsere Arbeuerrwrsicherung Bewunderung, der Kaiser sei davon durchdrungen, daß der Staat die wirtschaftlich Schwachen schützen müsse, den Arbeiter der Industrie, wie auch den der Landwirtschaft. Bezüglich des Schutzes des Wahlrechtes durch Umschläge für die Stimmzettel und und Jsolierungsranm bei Abgabe der Stimmen liege beim Bundesrat ein Antrag des Reichskanzlers vor. Der Reichskanzler geht dann auf die venezolanische Angelegenheit ein und legt dar, daß die gemeinsame Aktion Deutschlands und Englands dahin geführt habe, daß Präsident Castro unsere Forderung anerkannt habe und, daß die Blokade ausgehoben werde, sobald die bestehenden Verhandlungen einen befriedigenden Abschluß ergeben. Hinsichtlich der weiteren auswärtigen Politik betont der Reichskanzler, daß es viele Angelegenheiten gebe, in deren Betreibung wir sowohl mit England, wie auch mit Frankreich Hand in Hand gehen können, ohne den Weltfrieden zu gefährden.
— Im Landtage wird von mehreren Rednern betont, daß die Finanzlage des preußischen Staates eine günstige ist und in chen letzten Jahren mehr Schulden getilgt als aufgenommen sind, es sei leicht hier einen Etat aufznstellen, welcher mit einem Ueberschuß abschließt.
— Am Samstag Mittag versuchte das deutsche Kriegsschiff „Panther" die Einfahrt in die Lagnue von Maracaibo (Venezuela) zu erzwingen und eröffnete das Feuer auf das den Einfahrtskanal deckende Fort San Carlo. Das Fort erwiderte das Feuer und nötigte den „Panther", nach einstündigem Gefecht, seine Absicht aufzugeben. Nach englischen Nachrichten ist man in Washington über das Vorgehen des „Panther" sehr ungehalten und befürchtet, es deute an, daß Berlin eine andere Lösung als das Schiedsgericht an- strebe. Nachrichten aus Maracaibo melden, daß etwa 20 Schüsse zwischen dem „Panther" und dem Fort San Carlo gewechselt worden sind. Die Umwallung des Forts ist nicht unerheblich beschädigt. Unter den auf venezolanischer Seite Verwundeten befindet sich Oberst Mutta-Romay.
— Der Schnelldampfer „Lahn" vom Norddeutschen Loyd ist am Sonntag bei Gibraltar gestrandet. Am Bord befinden sich 1500 Passagiere. Die „Lahn" ist 1887 in Glasgow gebaut. Die Ladung wurde am 19. ds. Mts. in kleinere Schiffe umgeladen. Die meisten Passagiere blieben an Bord. — Die Lahn ist inzwischen wieder „flott" gemacht und setzt ihre Reise nach Newyork fort.
— 9la$ einer Loydmeldung aus Port Victoria ist der Dampfer „Königin Regeutin" mit Passagieren und Ladung, von Vlissingen kommend, bei der Einfahrt in den Medrayfluß auf Grund geraten.