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Erschiint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
Jü 10, Mittwoch, den 4. Februar 1903. 54; Jahrgang.
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Teutsches Reich.
— Der Kaiser empfing am 1. Februar vormittags die Professoren von Uechtritz und Brunner und die Bildhauer Felderhof Haverkomp. Zur Mittagstafel waren geladen Prinz Heinrich, Prinz und Prinzessin Adolf zu Schaumburg-Lippe, Prinzessin Feodora zu Schleswig-Holstein, die Herren v. Möller, Graf Balle- strem, v. Gras aus Klaurin, Air. Armour und Cor- vettenkapitän und Flügeladjutunt v. Grumme. Nach der Tafel empfing Se. Majestät den Professor Schaper und unternahm dann mit der Kaiserin einen Spazier- gang. Zur Abendtafel waren geladen Prinz Heinrich mit Gemahlin, Prinz Adolf zu Schaumburg-Lippe mit Gemahlin, Prinzessin Feodora zu Schleswig-Holstein.
— In Greiz ist die Teilnahme des Kaisers an der Vermählungsfeier des Großherzogs von Sachsen- Weimar angekündigt worden. — Zum erstenmale seit Bestehen des Deutschen Reiches hatte Greiz in diesem Jahre zu Kaisers Geburtstag geflaggt.
— Ueber den Besuch des Kronprinzen in Rußland geht der „Pol. Korr." aus Petersburg folgende, von „kompetenter russischer Seite inspirierte" Mitteilung zu:
„Der Besuch des Kronprinzen Wilhelm beim russischen Kaiserhof bildet ein neues Zeichen der intimen Beziehungen, die zwischen den beiden Dynastien seit mehreren Generationen bestehen. Die Bedeutung und .der Wert dieses Verhältnisses beschränken sich nicht auf die beiden Höfe, sondern es ergeben sich daraus auch für die beiden Völker die wohltätigsten Wirkungen. Die deutsche und die russische Nation sind durch zahlreiche Bande verknüpft, welche durch den Gang der Geschichte und den Kitt unmittelbarer Nachbarschaft geschaffen wurden. Jeder Vorgang, welcher geeignet erscheint, zur Aufrechterhaltung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Herrscherhäusern bei- zutragen, darf somit auch als ein neues Unterpfand der Befestigung der den gleichen Charakter tragenden Beziehungen zwischen den Staaten angesehen werden. Der Besuch des Kronprinzen des Deutschen Reiches wurde in Petersburg in diesem Sinne gewürdigt, und die Aufnahme, die man bemä hohen Gast in Rußlano bereitete, gestaltete sich um so herzlicher, als seine Persönlichkeit und sein ganzes Auftreten geeignet waren, allgemein lebhafte Sympathien zu gewinnen."
— Kronprinz Wilhelm wird, wie das „B. T." hört, bei seinem Besuch in Rom auch vom Papst empfangen werden. Der Papst sprach mit großer Sympathie von dem bevorstehenden Besuche des Kron- aen.
Line Hochzeitsreise Erzählung von F. Arnefeldt.
(Nachdruck »erboten) Fortsetzung.
So laß ihn bei seinem Herkommen und seiner Firma", erklärte Frau Göldner mit Entschiedenheit; bis er kommt, wirst Du reich genug sein, Dir und uns in der Residenz ein menschenwürdiges Dasein bereiten zu können."
„Uns", wiederholte Herr Göldner mit Betonung; „meinst Du, daß Erna sich darnach sehnt?"
„Was willst Du damit sagen?"
„Ich fürchte, ihres Herzens Wünsche sind weit mehr darauf gerichtet hier in den gewohnten Verhältnissen im alten Hause zu bleiben."
Frau Göldner lachte laut auf. „Sprich es doch nur gerade aus, Du glaubest, sie denke daran, Benno's Frau zu werden."
„Allerdings, sie lebt ja förmlich von seinen Briefen.'
„Ich lese diese Briefe alle, die sie schreibt, wie die, welche sie empfängt", war die Antwort, „sie sind harmlos genug; wären sie es nicht, machte ich dem Briefwechsel ein Ende. Was soll das Mädchen hier anders thun, als Briefe an Benno schreiben und von ihm träumen? Kennt sie in dem ewigen Einerlei der Tage etwas, das sie erfüllte? Ist ihr je ein junger Mann nahe gekommen, mit dem der Vergleich nicht zu Benno's Gunsten ausgefallen wäre? Laß sie die Genüsse der Residenz kosten, laß sie umringt sein von einem Kreise lwbens- spürdiger, eleganter, vornehmer junger Männer, und
— Im Reichstag wurde Graf Balleftrem, welcher sein Amt als Präsident niedergelegt hatte, wieder gewählt. Die Verhandlungen im Laufe der vorigen Woche ergaben nichts wesentliches. Der Reichstag be- beriet ein Abkommen betreffend den Schutz des gewerblichen Eigentums mit Italien und der Schweiz und stimmte ihm zu, nachdem Graf Posadowsky mitgeteilt hatte, daß die Schweiz eine Aenderung ihrer Patentgesetzgebung einführen will, durch die in Zukunft auch solche Erfindungen patentiert werden können, die nicht durchModell darstellbar sind. Ein Gesetzentwurf bestimmt, daß von 1907 ab die Verwendung von weißem und gelbem Phosphor zur Herstellung von Zündhölzern und der Vertrieb solcher Zündwaren verboten wird. Der Schrecken der Phosphornekrose ist im Reichstage oft besprochen worden. Gewisse Vorsichtseinrichtungen, die vor Jahren angeordnet wurden, haben sich nicht bewährt. Man muß im Interesse der Gesundheit der in dieser Industrie beschäftigten Menschen zum Verbot schreiten. Damit sind alle Parteien des Reichstags einverstanden. Graf Posadowsky hat noch einmal geschildert, daß die Phosphornekrose mehr Opfer fordert, als aus der amtlichen Statistik hervorgeht, und er hat, was dem Reichstag den Beschluß erleichtern wird, mitgeteilt, daß eine Erfindung gemacht ist, die den Phosphor ersetzt und daß die Reichsregierung diese Erfindung ankaufen und den Interessenten zur Verfügung stellen wird. Dafür erntete die Regierung Lob, sogar von sozialdemokratischer Seite. Die Meinungsverschiedenheiten über dieses Gesetz, die in einer Kommission von 21 Mitgliedern gelöst werden sollen, bestehen darin, daß die Regierung, und wieder in seltener Uebereinstimmung die Sozialdemokratie, den Unternehmern und Arbeitern für das Verbot dieser schädlichen Industrie eine Entschädigung nicht gewähren will. — Der Reichstag begann dann noch die zweite Lesung des Gesetzentwurfes, der die Beschäftigung von Kindern in gewerblichen Betrieben einschränkt.
— ^DaS Abgeordnetenhaus setzte vorige Woche die allgemeine landwirtschaftliche Debatte fort, die sich im wesentlichen um die Entschuldung des länglichen Grundbesitzes, um Förderung aller möglichen Zweige der Landwirtschaft u. s. W., sodann um die Zolltarifverhandlungen des Reichstags drehte, sich aber durch absoluten Mangel neuer oder überhaupt bemerkenswerter Gesichtspunkte auszeichnete.
— Der zweite Sohn des Kronprinzen von Sachsen, Prinz Friedrich Christian, ist an Unterleibstyphus erkrankt.
— Staatsminister Dr. v. Delbrück ist am 1. Febr. nachmittags gegen 8 Uhr an den Folgen eines erlittenen Schlaganfalles im 87. Lebensjahre gestorben.
— Der „Rhein. Kurier" veröffentlich eine Zuschrift in der als angeblich verbürgte Tatsache mitgeteilt wird: Kronprinz Friedrich August von Sachsen habe Benno ist vergessen wie die Puppen und das Kinver- spielzeug, welches das erwachsene Mädchen in den Winkel wirst."
„Vielleicht würde sie glücklicher", wandte er ein; aber seine Frau unterbrach ihn.
„Nein!" rief sie, „ich kenne mein Kind bester, als Du es kennst, bester, als es sich jetzt noch selbst kennt. Das philisterhafte Leben als ehrsame Kaufmannsfrau wird ihr nicht genügen, so wenig es mir genügt hat. Zu lange habe ich es ertragen. Mache ihm ein Ende."
„Wenn Benno kommt", war seine Antwort.
Frau Göldner wartete auf ihn und war sehr ungehalten, als seine Abwesenheit sich über den ursprünglich festgesetzten Zeitpunkt verlängern zu wollen schien, — und dann kam er doch früher, als er selbst gewollt, und als andere vermutet hatten, — kam infolge einer unerhörten, ihm schier unglaublich klingenden Nachricht.
„Das Haus Treuenfeld u. Göldner in M. hat seine Zahlungen eingestellt", war der ganze Inhalt des Kabellelegramms, das er in den zitternden Händen hielt, in das er starrte, dessen Wortlaut er in sich aufnahm und dessen Sinn, dessen Bedeutung zu fassen, sich sein ganzes Sein empörte.
Er hatte es erlebt, daß Throne gewankt und gestürzt waren, daß mächtige Herrscher ihrer Kronen beraubt ins Exil wandern mußten; auf dem freien Boden Amerikas war ihm mehr als einmal der Abkömmling eines uralten Adelsgeschlechts begegnet, der
auf die Thronfolge verzichtet und beim ersten Kriegsherrn um Enthebung von allen militärischen Stellen nachgesucht.
— Die bayerische Regierung hat an Preußen eine Anzahl Trophäen zurückgegeben, die in der Zeit des ersten Napoleon erobert worden waren. Es handelt sich um Fahnen und Geschütze. Dem Kaiser war mit dieser Rückgabe der wohlerhaltenen Feldzeichen, die in der Zeit deutscher Uneinigkeit erbeutet worden waren, eine besondere und sinnreiche Geburtstagsfreude bereitet, der er bei der Besichtigung im Zeughause lebhaften Ausdruck gab.
— Nach Angabe Berliner Blätter soll als Gegenbesuch für den Besuch des dänischen Kronprinzen in Berlin zum 8. April, das heißt zum 85, Geburtstage des Königs Christian, das Eintreffen des Prinzen Heinrich an der Spipe eines deutschen Geschwaders in Kopenhagen bereits angemeldet sein.
— Der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Radolin, hat auf dem Festbankett, welches zu Kaisers Geburtstag in Paris stattfand, eine Rede gehalten, welcher offenbar eine hohe politische Bedeutung innewohnt. Der Botschafter sagte u. a.:
„Mit besonderer Genugtuung müssen wir es begrüßen, daß unsere Beziehungen zu Frankreich sich immer günstiger gestalten und daß wir hier eine Gastfreundschaft genießen, wie wir sie nicht besser wünschen können. Es hat uns alle mit Freude erfüllt, daß die vom Reichskanzler gesprochenen Worte über unsere guten Beziehungen zu Frankreich von allen Parteien mit Beifall ausgenommen worden sind."
Die Worte des Botschafters sind eine Ergänzung der neulichen Erklärungen des Grafen Bülow im PeiMtage. Diese Rede des Fürsten Radolin und die demonstrativ herzliche Aufnahme, welche dem deutschen Kronprinzen in Rußland nicht nur vom Hofe, sondern auch von von der Presse zuteil geworden ist, sind bemerkenswerte Zeichen.
Ausland.
— Italiens Minister des Auswärtigen, Prinetti hat sich von dem Schlaganfall, der ihn gelegentlich einer Audienz beim Könige betraf, zwar noch nicht vollkommen erholt, da aber die günstigen Symptome andauern, so wächst die Hoffnung auf eine völlige Genesung des hervorragenden Staatsmannes, der ein besonderer treuer Anhänger des Dreibundes ist.
— In Amsterdam ist ein großer Ausstand der Transportarbeiter ausgebrochen. In einer großen Versammlung der Angestellten wurde der Generalcus- stand für Amsterdam erklärt, so daß Won Mitternacht an kein Personenzug oder Güterzug in Amsterdam eintreffen oder von hier abgehen wird. Der Versammlung ging die Mitteilung zu, daß das gesamte Lokomotivpersonal im ganzen Lande bereit sei, in den Ausstand zu treten, wenn Amsterdam das Zeichen auf seinen Stand und seinen Warnen verzichtet hatte, um hier als schlichter Arbeiter zu leben. In seiner Anhänglichkeit und seiner Verehrung für das Althergebrachte hatte Benno ein tiefes Verständnis und eine lebhafte Teilnahme für derartige Schicksalswechsel gehabt, und dennoch fehlte ihm jetzt die Fähigkeit, das eigene Geschick zu begreifen. Fest wie der Fels, gegen den die Wogen des Meeres branden ohne ihn jemals erschüttern zu können, hatte er das Haus Treuenfeld u. Göldner geglaubt; wußte er auch, daß während seiner Minderjährigkeit nicht alles geblieben war, wie es gewesen, das — das hätte er nie für möglich gehalten.
Am Abend des Tages, der ihm die Unglücksbotschaft gebracht, bestieg er ein Schiff, das segelfertig im Hafen von Newyork lag; zwölf Tage später stieg er in Hamburg an's Land. Er nahm sich nicht die Zeit, bei Geschäftsfreunden nähere Erkundigungen einzuziehen, er mochte auch niemand unter die Augen treten; kam er sich doch entehrt, ja gebrandmarkt vor.
Unvermutet traf er in M. ein. Ohne sich nur Zeit zu nehmen, den Reisestaub von seinen Kleidern zu schütteln, eilte er nach dem Hause seiner Väter und stand vor demselben wie erstarrt still. Die Gewölbe waren geschlossen, er glaubte das Schild, das auf schwarzen Grunde in goldenen Buchstaben die Namen Treuenfeld und Göldner zeigte, sei mit einem Trauerflor umgeben. Es war nur der Schleier seiner Tränen, der sich ihm wie ein Nebel vor die Augen legte.
(Fortsetzung folgt.)