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Mittwoch, den 18. Febmar 1903
54. Jahrgang
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Deutsches Reich
— Am 13. Februar vormittags um 10 Uhr erschien das Kaiserpaar in Begleitung des Kronprinzen und des Prinzen und der Prinzessin Heinrich in der Werkzeugmaschinen- und Werkzeugfabrik von Ludwig Löwe in Martinickenfelde. In seiner Begleitung fand sich auch der Minister der öffentlichen Arbeiten Budde, der bekanntlich früher als Generaldirektor der Löwe- schen Fabrik tätig war. Die Herrschaften zeigten für alles ein ungewöhnliches Interesse, so daß schließlich aus den angesagten 40 Minuten 2 '/2 Stunden wurden, und daß der in der Waffenfabrik angekündigte Besuch unterbleiben mußte. Der Kaiser verblieb längere Zeit in der Lehrlingsschule und hörte einen Teil des Vortrags über Eisenlegierungen mit an. Der Kaiser sprach viele Arbeiter, von welchen einige ihre Orden und Ehrenzeichen angelegt hatten, an und erkundigte sich nach ihren Familienverhältnissen und ihrem Ergehen. Auch die Kaiserin unterhielt sich mit den Arbeitern. Die Wohlfahrtseinrichtungen wurden vom Kaiserpaar eingehend besichtigt.
— Am Sonntag Abend besuchten die Majestäten mit dem Kronprinzen die Vorstellung von „Die Welt, in der man sich langweilt" im Königlichen Schauspiel- Hause. Montag Morgen unternahm der Kaiser den gewohnten Spaziergang im Tiergarten, sprach beim Reichskanzler Grafen von Bülow vor, hörte im Schlosse den Vortrag des Stellvertreters des Chefs des Zivilkabinetts, Geh. Ober-Regierungsrates von Valentini. Um i2’/4 Uhr empfing Seine Majestät den Obersten Grafen Zedlitz, Kommandeur des Husarenregiments Kaiser Wilhelm II.
— Im Reichstag findet immer noch die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern statt, sie soll nun endlich am 20. Februar ihren Schluß erreichen. Man ergeht sich bei der Debatte in Abschweifungen welche im Grunde genommen dorthin nicht gehören, deshalb haben die Fraktionsvorstände der Konservativen, der Reichspartei, der Nationalliberalen und des Zentrums im Reichstage am Donnerstag Abend in einer gemeinsamen Besprechung die Mitte! und Wege erörtert, um den Schluß der Tagung bis Ostern zu ermöglichen. Man einigte sich darüber, bestimmte Maßnahmen zu diesem Zwecke zu treffen, namentlich für wichtige Sitzungen die Beschlußfähigkeit zu sichern.
Am .11. Februar hielt Abg Hoch (Soz.) eine 2'/.Mndige Rede, in der er auf alle bei der bisherigen Debatte erörterten Fragen eingeht und die von den Sozialdemokraten vorgebrachten Wünsche wiederholt.
Abg. Paasche (natl.) ist gegen den Maximal-
Line Hochzeitsreise
• Erzählung von F. Arneseldl.
(Nachdruck verboten) Fortsetzung.
„Wenn er Dir auch lieber als Dein Vater ist, so gehe zu ihm", entgegnete Göldner, ohne ihr jedoch die Bahn frei zu machen. „Wähle zwischen ihni und mir; doch ich kann ruhig sein", fügte er hohnlachend hinzu, „Du hast gar keine Wahl, der junge Herr ist in Amerika sehr klug und praktisch geworden, er wird sich zweimal besinnen, ehe er sich die Bettlerin aufhalst.
Diese Beleidigung war so stark, daß selbst Erna s Nähe Venno's Zorn nicht zu bannen vermochte.
„Was berechtigt Sie, mich so zu beschimpfen?" fuhr er auf. „Wie können Sie mich einer so grenzenlosen Niedrigkeit zeihen?" . .,
„Dein Betragen", war die Antwort, welche in ihrer Gelassenheit scharf von der Erregung des Jungen Mannes abstach und sich wie ein Eisstrom über ihn ergoß. „Ich habe Dir meine Schuld, und was mich dazu getrieben, eingestanden, ich habe D ich um Nach - sieht, um Mitleid angefleht, und Du hast mir geantwortet mit Anklagen, Verwünschungen und Drohungen. Gegen den Mann, der Dich erzogen, der Vaterstelle bei Dir vertreten hat, konntest Du die Faust erheben! Wer das im Stande ist, der ist auch zu allem andern fähig; wer nichts kennt als sein brutales Rechst dem kann ich kein weiches, edles Gefühl zutrauen- Ich habe gefehlt,
arbeitstag, protestiert gegen die Art und Weise, wie die Sozialdemokraten alles als Wahlmanöver behandeln und zu übertrumpfen suchten. Redner fordert die bürgerlichen Parteien auf, einmütig den von der Sozialdemokratie angesagten Kampf aufzunehmen.
Am Donnerstag wurde den Sozialdemokraten von Abg. Trimborn (Ztr.) und Hilck (natl.) eines klares Bild ihrer Gesinnungen und ihrer angeblichen Fürsorge für die Arbeiter vorgehalten und ihnen nahe gelegt, doch zunächst einmal in ihren eigenen Betrieben zu verwirklichen, was sie immer zum Wohl der Arbeiter fordern, statt dessen aber kämen immer Klagen von Arbeitern aus sozialdemokratischen Betrieben, die Sozialdemokraten mästeten sich an den Groschen der Arbeiter.
Weitere Debatten finden statt über den Befähigungsnachweis der Handwerker der Gastwirtsordnung.
Staatssekretär Graf Posadowsky verweist auf die Entstehungsgeschichte der Gastwirtsverordnung, aus der hervorgehe, daß diese Verordnung keineswegs vom grünen Tisch aus erlassen worden sei. Es sind 27 Gastwirrsvereine, 28 Kellnervereine, 11 Köchevereine, 23 Krankenkassenvereine und 61 einzelne Personen gehört worden, also gerade die, welche die Verordnung auszuführen haben. Ich stelle anheim, andere praktische Vorschläge zu machen. Die Einführung des Befähig- ungsnachweises mürbe die natürliche Folge haben, daß nur derjenige eine handwerksmäßige Verrichtung ausführen kaun, der die Befähigung nachweist. Daß Lehrlinge nur der ausbilden darf, der sein Handwerk selbst ordentlich gelernt hat, bestimme schon die Gewerbeordnung.
Am Freitag und Sonnabend wurde irgend etwas Bemerkenswertes nicht zu Tage gefördert und die weitere Beratung auf Dienstag, den 17. Februar vertagt.
— Abgeordnetenhaus. Abg. Hirsch-Essen (natl.) begründet die Interpellation, Aufhebung der Gerichtsferien, unter Darlegung der Mißstände, welche der jetzige Stillstand der Rechtsprechung für zwei Monate des Jahres für Handel und Industrie im Gefolge hat.
Minister v. Schönstedt: Er sei Gegner der radikalen Aufhebung der Gerichtsferien. Eine andere Frage sei es, wie auf dem Wege der Verwaltung oder der Gesetzgebung einzelne Unzuträglichkeiten beseitigt werden können, die durch die Gerichtsserien für einzelne Erwerbsstände entstehen. Es waren die gutachtlichen Aeußerungen der Oberlandesgerichte und der Anwaltskammern über diese Frage eingeholt. Sämtliche Gutachten sprachen sich gegen die Aufhebung der Gerichtsferien aus, weil dadurch zwar einzelne Mißstände beseitigt, aber andere entstehen würden. Für die Einführung der Gerichtsferien möge das Bedürfnis der landwirtschaftlichen Bevölkerung maßgebend gewesen sein. Wenn die Landwirtschaft aber auch heute nicht
ich habe es eingestanden, ich habe Dich um Verzeihung gebeten, — diese Stunde hat unsere Rechnung ausgeglichen. Zwischen uns giebt es keine Gemeinschaft mehr, Benno Treuenfeld."
Ohne der begütigenden, flehenden Worte und Blicke seiner Tochter zu achten, ergriff er sie am Staue und führte sie hinaus. Benno fand kein Wort der Entgegnung; wie betäubt stand er da; sein Zorn war verraucht, Reue und Beschämung überkam ihn. Er machte sich Vorwürfe, daß er sich von seiner unglücklichen Heftigkeit hatte sortreißen lassen und gegen den schuldigen, aber schwer gebeugten Mann hart und unversöhnlich gewesen war. ,
„Bin ich wirklich zu seinem Richter berufen? murmelte er, indem er sich wieder in den Stuhl warf; „giebt es keine andere Weise, mich als Euren Erben, als den Vollstrecker Eures Willens zu erweisen?" fügte er hinzu und ließ wieder die Blicke über die Biloer seiner Vorfahren schweifen.
Er stützte den Kopf in die Hand und starrte lange brütend vor sich nieder.
„Es kann noch nicht alles verloren sein I' sagte er endlich, den Kopf erhebend; „mir steht es zu, die Schulter anzustemmen und den verfahrenen Wagen wieder ins richtige Geleise zu bringen; nicht umsonst soll mich Göldner den klugen, praktischen Anierikaner genannt haben Ich schwöre es Euch, meine Väter, nicht eher will ich rasten und ruhen, bis ich Euer Ehrenschild wieder reingewaschen habe, bis niemand auftreten und
mehr dieselbe Stellung hat, wie früher, so hat sie doch ihre große Bedeutung, und sie legt auch heute Wert darauf, durch die Wahrnehmung gerichtlicher Termine während der Erntezeit nicht behindert zu werden. Auch die Richter haben Anspruch auf diesen Urlaub, ebenso haben die Rechtsanwälte ein Interesse daran, während einiger Zeit sich von ihrer Arbeit frei zu machen.
Der Vergleich mit den Verwaltungsbehörden trifft nicht zu, denn die Justiz kann nur arbeiten, wenn Richter, Parteien, Zeugen, Sachverständige gleichzeitig zur Stelle sind. Er werde im Frühjahr den Gerichten nahe legen, bei der Definition der Feriensachen nicht engherzig zu verfahren, sondern dem Publikum entgegen- zukommen.
Minister Schönstedt erhofft von dieser Diskussion, daß in der Presse die Redensart von den Gerichtsferien als einem alten Zopf verschwinden werde. Mit einer Erwiderung des Abg. Hirsch schließt die Debatte.
Bei Titel „Ministergehalt" plaidirt Abg. Bachern (Ctrm.) für eine Verkleinerung der Gerichtsbezirke, um den persönlichen Verkehr zwischen Publikum und Richter zu erleichtern.
Abg. Jürgensen (natl.) betont die Notwendigkeit einer Seßhaftigkeit der Amtsrichter und wünscht, daß der Minister sich Versetzungsgesuchen gegenüber hart zeigen solle.
Minister Schönstedt: Der Vorredner habe ihm aus der Seele gesprochen, denn auch er halte es für durchaus wünschenswert, daß der Amtsrichter durch seinen Aufenthalt mit seinem Kreise verwachse und wirklich ein Berater der Bevölkerung sei. Sein Grund sei es, keinem Versetzungsgesuch nachzugeben, wenn der Amtsrichter nicht wenigstens drei Jahre in seinem Bezirke tätig sei. Lieber würde er sehen, wenn der Beamte 10 Jahre an seinem Platze bliebe.
Abg. Weihe (kons.) prostetiert gegen die Errichtung kaufmännischer Schiedsgerichte. Diese führten zu immer größeren Spezifizierungen der Rechtsprechung und entfremden den Richter deni praktischen Leben. Auch nähere man sich damit der sozialdemokratischen Forderung, die Richter durch das Volk zu wählen.
Abg. Kirsch (Ctr.) klagt über die Höhe der Gerichtskosten für die freiwillige Gerichtsbarkeit und wünscht eine bessere Besoldung der Unterbeamten.
Minister Schönstedt wiederholt, daß die Ermittelungen über die Wirkung des Gerichtskostengesetzes mit tun- lichster Beschleunigung betrieben werden.
— lieber die Vermögensverhältnisse der Prinzessin Luise wird folgendes mitgeteilt; Das Vermögen des Großherzogs von Toskana, des Vaters der Prinzessin, bestand zum größten Teil aus 18 Schlössern, die bei seiner Enttronung für 30 Millionen Mark verkauft worden sind. Im ganzen wird das Vermögen auf 35 Millionen Mk. geschätzt. Das Erbteil der Prinzessin
behaupten kann, die Firma Treuenfelo u. Göldner habe ihn auch nur um einen Pfennig übervorteilt. Wenn Erna's Vater meine Reue und mein redliches Streben sieht, wird er mir meine Uebereilung verzeihen !"
Benno täuschte sich in dieser Hoffnung; Göldner blieb unversöhnlich. Er hatte sich so sehr vor dem Pflegesohn gefürchtet, sich so tief um Unrecht gegen ihn gefühlt, daß er eine wahre Erleichterung darin fand sich nun einerseits über ein Unrecht, das jener ihm zugefügt, beklagen zu können, und er ließ sich seinen Groll durchaus nicht nehmen. Benno's Versöhnungsversuche hatten ebensowenig Erfolg wie Erna's Bitten und Tränen, wie die Vorstellungen einiger wohlmeinenden Freunde; selbst das Zureden seiner Frau blieb fruchtlos.
Die Zeiten hatten sich geändert, Frau Göldner redete jetzt Benno das Wort. Die Hoffnung, in die Residenz zu ziehen und dort eine glänzende Partie für ihre Tochter zu finden, war zerstoben wie eine schillernde Seifenblase; jetzt richteten sich die Augen der pläne- machenden Frau wieder auf den Pflegesohn. Nach ihrer Berechnung mußte für ihn noch eine hübsche Summe aus den Trümmern seines Vater-Erbes herauskommen; er war jung, tatkräftig; er liebte Erna und brächte ihr jedes Opfer, kurz, er erschien ihr als der geeignete Grundstein, auf dem sich für sie wieder ein Gebäude aufführen ließ, in dem man gemächlich leben konnte.
. (Fortsetzung folgt)