SchlüchterlmMung
Erschtint Mittwoch und Samstag. - Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
X 29.
Samstag, den 11. April 1903.
54. Jahrgang.
Beftellunaen su? «s
’ H fortwährend von allen
Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Ostern!
O kommt, ihr holden Ostertage, Bringt uns den Frühling licht und warm Und laßt verstummen jede Klage, Ob Winterleid und Winterharm.
Umhüllen Flocken deine Hütte Und lauern Fröste, feig zur Nacht, Sie flieh'n hinweg mit scheuem Tritte Wohl vor des Lenzes Zaubernacht.
Und fährt auch noch d. Sturmwinds Schnauben Gar grimmig über das Gefild,
Das Herz bewahrt ein festes Glauben An Zephyrs Wehen, wundermild.
O kommt, ihr lieben Ostertage, Bringt Lerchenschlag und Blütenduft Und weckt auch in der Menschenseele Den Lenz aus lang geschloss'ner Gruft.
Der tau hinweg die Eisesrinde
Von Schuld und Sünde, Schmerz u. Leid, Daß sie umweht wie Zephyrswinde Der Lenzhauch einer bessern Zeit!
O stern.
Das Grab ist leer, Der Herr ist auferstanden.
Eine wunderbare Kunl e, nicht nur für das zweisel- süchtige Geschlecht des 20. Jahrhunderts, sondern ebenso wunderbar für die ersten Jünger. Auch sie haben nicht glauben wollen, weil es ihnen zu groß schien. Auch sie haben erst geglaubt, als sie dem Lebendigen selber gegenüberstanden. Das ist der Weg auch für das Geschlecht unsrer Tage. Es muß lernen, dem Auferstandenen und lebendigen Herrn zu begegnen und ins Auge zu schauen. Daß er uns in der Natur begegnet, wenn der Frühling die Erde verjüngt, schon das ist vielen Tausenden in unserem Volk nicht mehr wahr, weil sie nur von Naturgesetzen ohne den lebendigen Gott wissen. Daß er uns in der Geschichte begegnet, sonderlich in der Geschichte seiner Kirche, bleibt den Unwissenden verborgen und den Uebelwollenden ein Geheimnis. Und doch ist das das größte Wunder, daß die Kirche Jesu Christi noch heute da ist und siegesgewiß sich zur Eroberung der Welt anschickt. Aber das muß jeder erleben, wie der auserstandene und lebendige Herr in sein eigenes Leben eingreift. Wer dann bei solcher Begegnung die Augen verschließt, dem ist freilich nicht zu helfen. Aber wer sich mit offenen Augen der Liebesmacht dieses Herrn hingiebt, macht selige Erfahrungen. Er gewinnt neuen Lebensmut und schaut ein neues Lebensziel. Er stimmt ein in des Dichters Wort:
„Ich sag' es jedem, daß er lebt Und auferstanden ist,
Daß er in unserer Mitte schwebt Und ewig bei uns ist."
Deutsches Reich.
— Der Kaiser ist am 7. April nachmittags von Dänemark wieder in Berlin eingetroffen.
— Nach der Abreise von Kopenhagen sandte Kaiser Wilhelm an den König von Dänemark folgendes Telegramm:
Seiner Majestät dem König: Es ist mir ein Bedürfnis des Herzens, Dir nochmals meinen wärmsten Dank auszusprechen für die unvergeßlich schönen Tage, die ich bei Dir und im Kreise der lieben Deinen verbringen durfte. Vom Tage des glänzenden Empfanges an, den Du und die Bevölkerung Deiner Hauptstadt mir bereitet hatten, bis zum letzten Augenblick, wo ich Dir Lebewohl sagen mußte, war der Aufenthalt für mich eine ungetrübte Freude. Empfange meinen besonderen Dank dafür, daß Du mich in den Kreis Deiner Familie ausgenommen hast und sei überzeugt, daß ich mich fortan als Sohn des Hauses fühle. Ich bitte zu Gott, daß er Dein nahes Geburtstagsfest für
Dich, Dein Haus und Volk zu einem Tage der Freude gestalten und Dich noch lange in ungetrübter Gesundheit erhalten möge. Wilhelm.
— Nachdem Kaiser Wilhelm II. jetzt auch die Stellung als Ehrenadmiral der dänischen Flotte an- genomen hat, ist er Admiral a la suite von fünf fremden Marinen. Im Jahre 1888 trat der Kaiser in die Stellung a la suite der schwedischen und norwegischen Marine, und zwar als König Oskar 11. gelegentlich der Taufe des Prinzen Oskar in Berlin weilte. Bei seinem ersten Besuche in England ernannte die Königin den Kaiser zum „Admiral of the fleet" und im August 1897 wurde Kaiser Wilhelm Admiral a la suite der russischen Manne.
— Der Deutsche Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich sind nach herzlicher Verabschiedung vom Sultan am 9. April unter demselben Zeremoniell, wie es bei ihrer Ankunft stattfand, von Konstantinopel wieder abgereist.
— Nachdem der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich um 11 Uhr in feierlicher Weise vom Sultan Abschied genommen hatten, unternahmen sie auf der Pacht „Saphire" eine Fahrt auf dem Bosporus und machten dann im Parke der deutschen Botschaft in Therapia einen längeren Spaziergang in Begleitung des türkischen Ehrendienstes und der Mitglieder der Botschaft. Hieran schloß sich um 5 Uhr die Abfahrt nach dem Piräus.
— Im Herrenhaus machte kürzlich der Eisenbahnminister Budde erfreuliche Mitteilungen über den wieder beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung, der sich untrüglich in dem verstärkten Eisenbahnverkehr kundgibt. Aehnliche Anzeichen des allmählichen Steigens des Güterverkehrs nach seinem tiefen Fall haben sich auch in Sachsen bemerkbar gemacht. Durch die Mehreinnahme aber auch durch Ersparnisse von 15 Mill. Mark, ist es der Eisenbahnverwallung gelungen, das für 1902 angekündigte Defizit von 85 Millionen zu beseitigen.
— Zur Erleichterung der Ermittelung von Falsch- münzerwerkstätten bestimmte der Minister des Innern, daß von jetzt ab alle auf Verübung und Entdeckung von Münzverbrechen innerhalb Preußens bezüglichen Nachrichten bei dem Berliner Polizei-Präsidium gesammelt werden. Sämtliche Polizeibehörden wurden angewiesen, sofort die Entdeckung neuer Falsifikate in Berlin mitzuteilen.
— Nach den Listen eines Hamburger Bureaus sind in dem stürmereichen Monat Februar d. Js., soweit es sich bisher hat ermitteln lassen, 98 Schiffe vollständig verloren gegangen, und zwar 64 Segelschiffe mit 23419 Registertonnen und 34 Dampfschiffe mit 59 178 Registertonnen. Darunter befanden sich 8 deutsche, nämlich 7 Segelschiffe und 1 Dampfschiff mit insgesamt 4156 Registertonnen. Außerdeni weist die Statistik noch 521 Schiffe auf, die durch Unfälle usw. Beschädigungen erlitten haben. Darunter befinden sich noch 40 deutsche._____
Ausland.
— In Rotterdam wurde in einer Versammlung der allgemeine Ausstand verkündet. Er soll sich auf die Ausländer und alle Arbeiter, welche bei Arbeiten im Hafen tätig sind, einschließlich der Fuhrleute, erstrecken- Die dortigen Bahnhöfe werden von Jnfanterie- und Marinesoldaten bewacht. Die Regierung sucht den Postverkehr mit dem Auslande durch Züge aufrecht zu erhalten, die von Soldaten begleitet werden. Bis jetzt ist der internationale Dienst bis zur holländischen Grenze auf der holländischen Eisenbahn gewährleistet. Auf der südlichen Bahn wird ein beschränkter Verkehr aufrecht erhalten.
Die ausständigen Arbeiter verlieren an Ansehen bei der Bevölkerung. Die Direktionen treffen Anordnungen um den Dienst regelmäßig zu gestalten. Die vereinigten Arbeitgeber im Schiffahrts- und Transportgewerbe veröffentlichen eine Ankündigung, in welcher sie die Arbeiter auffordern, die Arbeit wieder aufzu- nehmen, widrigenfalls sie über sämtliche Betriebe die Sperre verhängen würden. 80Proz. des holländischen Eisenbahnpersonals haben sich bereit erklärt, die Arbeit wieder aufzunehmen. Es fehlen nur noch die Rangierer und Weichensteller zur vollständigen Wiederaufnahme des Dienstes.
— In Lissabon fand am 7. April an Bord der Pacht „König Eduard" ein Frühstück ftattt. Hierbei brächte König Eduard von England auf den König Carlos von Portugal einen Trinkspruch aus, in dem er sagte: „Es besteht zwischen unseren beiden Nationen mehr als eine Alliance. Es giebt ein starkes Gefühl zwischen ihnen nicht nur aus gegenseitigem Wohlwollen, sondern auch aus dem gegenseitigen Vertrauen. Mein Land, wie das Ihrige, das ist meine sichere Empfindung, hat nur den einen Wunsch, nämlich die Ehre unserer Fahnen aufrecht zu erhalten, und die Kolonien, die wir besitzen, zu bewahren; ohne die Besitzungen anderer zu schmälern."
In seiner Antwort erklärte König Carlos: „Ihr Besuch hat das Herz meines Volkes tief gerührt. Sie hätten ihm keinen glücklicheren Abschluß geben können, als durch die Rede, die Sie heute hielten. Sie können auf uns zählen als treue, loyale Freunde für immer." Die Pacht mit dem König Eduard ging bald nach 5 Uhr in den See. Zwei portugiesische Kreuzer begleiteten die Pacht bis 20 Meilen von Lissabon.
Am 8 April ist die Königl. Pacht unter dem Salut der Geschütze, der Flotte und der Garnison in Gibaraltar angekommen.
— Die Türkei geht jetzt mit aller Energie vor, um die Unruhen in ihren europäischen Provinzen zu unterdrücken. Ali Baruch Bey, der politische Agent der Pforte in Bulgarien, hat die bulgarische Regierung darauf hingewiesen, daß die türkische Regierung sich genötigt sehen würde, mit Gewaltmaßregeln einzugreifen, wenn die bulgarische Regierung nicht den Willen zeigen ober die Kraft besitzen sollte, auf die Unterdrückung der aufständischen bulgarischen Banden in Mazedonien hinzuwirken. Ali Baruch Bey ist ferner von seiner vorgesetzten Behörde angewiesen worden, über alle Verhandlungen in der Sobranje der Pforte ausführlichen Bericht zu erstatten. „
Wegen der bedrohlichen Unruhen in Albanien hat der Sultan das Staatsministerium zusammenberufen. Beschlossen wurde, zunächst den Versuch zu machen, durch die albanesischen Notabeln auf die erregte Menge in Güte einzuwirken, gleichzeitig soll eventuelles militärisches Eingreifen in Aussicht gestellt werden. Um der Drohung mehr Nachdruck zu verleihen, sind in den Albanien benachbarten Vilajets starke Truppenmassen zusammengezogen worden.
— Wie man aus Tanger meldet, istMuley Mohamed, der Bruder des Sultans von Marokko in einer großen Zusammenkunft der Rifstämme am 3. April unter begeisterten Kundgebungen zum Sultan ausgerufen worden.
Ein Telegramm aus Melilla meldet, daß der Kreuzer „Jnfante Jsabel" dort eine Abteilung Artillerie gelandet habe. Weiteren Meldungen zufolge hatten die Aufständischen, welche das Fort Trojana eingeschlossen und angegriffen hatten, 11 Tote und zahlreiche Verwundete.
— Bei den Kundgebungen der Studenten in Saragossa kam es zu ernsten Unordnungen. Die Teilnehmer griffen die aufgebotene Polizei an und bewarfen die Präfektur mit Steinen- Zwei Polizeibeamte wurden verletzt.
Nach einem Telegramm aus Madrid dehnten sich dort die Unruhen bis in die Nacht aus. Die Menge brächte vor dem Militärkasino Hochrufe auf das Heer und die Republick aus, durchzog die Straßen und warf mit Steinen gegen die Polizei, welche Säbel und Revolver gebrauchen mußte.
— Nach einem Telegramm aus (Nemours Algier) sind sämtliche an der Grenze ansässigen marokkanischen Stämme in der Richtung nach Muluja aufgebrochen, wo ein Kampf bevorsteht.
— Die Pforte wurde vertraulich benachrichtigt, daß die mazedonischen Komitees Attentate gegen die Militärdepots und Plünderung von Waffendepots planen. Es wurden strengste Maßregeln angeordnet. Die Dynamitanschläge der mazedonischen Komitees werden von der Pforte als Handlungen von Anarchisten bezeichnet- Die Pforte wird zur Verhinderung des Dynamitbezuges internationale Hilfe in Anspruch nehmen. Es sind bereits Maßnahmen zur genügenden Ueber- wachung aller Eisenbahnen in der europäischen Türkei durchgeführt, so daß der Verkehr gefahrlos ist.