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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
30. Mittwoch, den 15. April 1903. 54. Jahrgang.
Bestellunaen « "^ fortwährend von allen Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Deutsches Reich.
— Se. Maj. der Kaiser hat vor seiner Abreise aus Kopenhagen den Armen der Stadt 5000 Mark überwiesen.
— Das Befinden Ihrer Maj. der Kaiserin ist nach wie vor zufriedenstellend. Der Heilungsprozeß nimmt den normalen Fortgang, der gebrochene Arm ruht noch im Gipsverbande.
— Die Kaiserin erschien am 11. April in Begleitung der Prinzessin Viktoria Luise, der Prinzen Adalbert und August Wilhelm, sowie des Fräuleins von Gersdorff und des Grafen von Mülinen im Künstlerhause, Bellevuestraße 3, zur Besichtigung der Kollektiv-Ausstellung von Menzels. Die hohe Frau verweilte längere Zeit in den Ausstellungsräumen und nahm die ausgestellten Kunstwerke mit höchsten Interesse in Augenschein.
— Prinz Heinrich wird nach seiner Frühjahrsreise sein Geschwaderkommando abgeben und für Admiral v. Köster das Kommando der Ostseestation übernehnien.
— Der Deutsche Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich sind in Athen ant 11. April an Bord des „Saphir" im Piräus angekommen. Der Kronprinz besuchte alsbald den Kommandanten des im Hafen ankernden österreichischen Geschwaders. Um 10 Uhr gingen der Kronprinz und die Kronprinzessin von Griechenland an Bord des „Saphir". Bald darauf traten die hohen Herrschaften die Fahrt nach Athen an, wo sie am Bahnhöfe vom Könige, den Prinzen Nikolaus und Andreas, dem Minister des Auswärtigen und dem deutschen Gesandten in Athen empfangen wurden. Um 1 Uhr fand im Königlichen Schlosse im engen Kreise Frühstückstafel statt.
— Zum Trompeter des Kaisers wurde der Trompeter Schulz vom Garde-Kürassierregiment ernannt, an Stelle des in den Zivildienst tretenden bisherigen Trompeters Budack, welcher die Uniform der Kaiserin trug. Gemeinsam mit dem Trompeter von der Leibgendarmerie befindet er sich stets in unmittelbarer Umgebung des Kaisers, wenn dieser im Manöver ist oder Truppen besichtigt.
— Die Tochter des Kaiserpaares, Prinzessin Viktoria Luise, ist ant Donnerstag Nachmittag, wie der „Nat.-Ztg." von einem Augenzeugen mitgeteilt wird, durch die Aufmerksamkeit eines Schutzmanns einer großen Gefahr entgangen. Gegen 4 Uhr nachmittags durchfuhr das Kaiserpaar in einem Wagen, und die Prinzessin in der nächstfolgenden Kutsche die Nürnbergerstraße, und bogen ant Kurfürstendamm nach
^ine Hochzeitsreise Erzählung vvn F. Arneseldt.
(Nachdruck verboten) Fortsetzung.
„Sie haben ihn vergeblich gesucht?"
„Durch ganz Italien."
„Wo fanden Sie seine Spur?"
„In Venedig. Von dort verfolgte ich ihn nach Wien und kam im letzten Augenblicke, um noch in ein Koupee des Zuges zu springen, mit welchem er davon- fuhr."
„Sie hatten es gut gewählt; es stand mit dem, in welchem Herr von Rehfeld saß, durch eine Tür in Verbindung."
„Das entdeckte ich erst später."
„Gleichviel, Sie benutzten es, um Ihren Rachedurst zu kühlen."
„Nein, sage ich, und tausend Mal nein!" rief Benno. „Halten Sie mich für einen elenden Feigling, der seinen Gegner im Schlafe überfällt und mordet?"
Der Untersuchungsrichter zuckte die Achseln.
„Ich entdeckte unterwegs, daß Rehfeld in dem Koupee neben mir war", fuhr Benno fort; „endlich hatte ich ihn erreicht. Nun wollte ich vor ihn hintreten, wollte Rechenschaft von ihm fordern und ihn zwingen, sich mit mir zu schießen, sobald der Tag angebrochen war. Nicht lebend sollte er mit dem Weibe, das er mir gestohlen, das Haus seiner Väter erreichen. Die Pistolen führte ich bei mir.
der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche zu ein. Die kaiserliche Equipage hatte bereits die Ecke umfahren, als ein Kohlenwagen herankam, dessen Kutscher, die Zurufe des an jener Stelle postierten Schutzmanns unbeachtet lassend, seine Pferde scharf in die Nürnbergerstraße hineinlenkte. Der Polizeibeamte warf sich nun entschlossen dem Gespanne in die Zügel und riß die Tiere zur Seite. Im nächsten Moment sauste der Wagen der Prinzessin Viktoria Luise vorbei, der ohne das entschiedene Auftreten des Schutzmanns mit dem schweren Kohlenfuhrwerk kollidiert hätte.
— Am 21. April begehen die preußischen Trainbataillone die Feier des fünfzigjährigen Bestehens. Wie Berliner Blätter melden, wird der Kaiser an diesem Tage eine Parade über das Garde-Train- Bataillon abhalten und später an einem Frühstück im Offizierkasino teilnehmen.
— Zur Ausbildung von Offizieren im Waffen- instandsetzungsgeschäft werden in diesem Jahre 9 Unterrichtskurse an den königl. Gewehrfabriken in Spandau, Erfurt und Danzig abgehalten, und zwar je 4 in Spandau und Erfurt. Die Kurse dauern je 2'/- Wochen, 2 Kurse sind besonders für Offiziere der Feldartillerie bestimmt.
— An den höheren Schulen Preußens waren im Winter 1901/02 tätig 6961 Direktoren und wissenschaftliche Lehrer neben 269 Hilfslehrern und 172 Probekandidaten. Vor fünf Jahren waren tätig 6172 ordentliche Lehrer und 454 Hilfslehrer mit 220 Probekandidaten. Die Anzahl der ordentlichen Oberlehrer hat sich vermehrt um 789, die der Hilfslehrer vermindert um 185. Es ist also ein wesentlicher Fortschritt in der Verteilung der Lehrkräfte zu verzeichnen. Die etatsmäßigen wissenschaftlichen Lehrerstellen stiegen in dieser Zeit von 6227 auf 7115, d. i. plus 888. Im selben Zeitraume gingen ab insgesamt 957, so daß also neu zu besetzen waren 1845 Stellen. Hierzu wurden von außerpreußischen Anstalten berufen 70, durch erste Anstellung 1599. Für diese standen aus den Examensjahren 1895-1809 zur Verfügung 1057. Es ist demnach anzunehmen, daß bis 1902 der gesamte Bestand an Hilfslehrern und Probekandidaten bis 99 zur ersten Anstellung gekommen war, so daß jetzt noch Probekandidaten im zweiten Vorbereitungsjahr zur Anstellung kommen müßten. Darin wird auch das Anwachsen der Zahl der bestandenen Kandidaten von 212 im Jahre 1900/01 auf 377 nichts ändern, da dieses Steigen selbst um 165 noch nicht ausreicht, um die 313 neu errichteten Stellen nebst den 2d2 Abgängen des Jahres 1901 zu decken. Eigentümlich ist die Erscheinung, daß im letzten Prüfungsjahr 377 die Prüfung für das höhere Lehramt bestanden, während 136 durchfielen; genau so wie im vorhergehenden 212 zu 106. Diese an letzter Stelle erwähnte Tatsache, ist allerdings eigentümlich und muß Ferner-
JjTen Dolch auch", schaltete der Richter ein. „Sie haben es vorgezogen, sich seiner zu bedienen. Hier ist er." Erzog den Dolch mit dem goldenen Griff hervor und hielt ihn Benno hin.
„Ganz rech, das ist mein Eigentum", versetzte dieser ruhig. „Sie haben ihn in der Tasche meines Ueber- ziehers gefunden, den ich ausgezogen und im Koupee zurückgelassen hatte."
„Wem wollen sie ein solches Märchen aufbinden", lachte der Landrichter verächtlich, „muß ich es Ihnen wirklich erst sagen, daß der Dolch neben dem Leichnam gefunden worden ist, daß die Flecke daran von dem Blute des Ermordeten herrühren."
Der junge Mann wich entsetzt zurück. „Mit diesem Dolche wäre der Mord verübt?"
„Wollen Sie mich wirklich glauben machen, daß Sie das überrascht?"
„Es überrascht mich nicht, es erschüttert mich, es zermalmt mich!" schrie Benno. Er fiel auf einen Stuhl, schlug die Hände vor das Gesicht und ließ ein dumpfes Stöhnen hören.
Der Untersuchungsrichter verhielt sich schweigend und beobachtete ihn. Er sah in seinen Benehmen die Zerknirschung des überwiesenen Verbrechers und erwartete das Geständnis.
„Sie sehen jetzt ein, daß es töricht wäre noch länger zu leugnen", begann er endlich wieder, da Treuenfeld noch immer stumm blieb und wie traumverloren vor sich hinstarrte; „der Dolch ist ein Ankläger, der so
stehenden auffallen. In den Kreisen der Oberlehrer ist sie längst bekannt. Schon seit altersher erreichte von den Kandidaten der philologischen Fächer nur ein verhältnismäßig kleiner Teil das Maß von Lehrberechtigungen, das sie bei der Meldung zum Examen beantragt hatten.
Will man nicht annehmen, daß sich die Philologen auf der Hochschule durch Unfleiß nachteilig auszeichnen, wozu kein Anhalt vorliegt, so wird man nach den oben mitgeteilten Zahlen zugeben müssen, daß die Prüfung an sie außergewöhnlich hohe Anforderungen stellt. So sehr es also auch zu wünschen ist, daß durch den nötigen Zugang an Studenten der bestehende, und noch zu erwartende Oberlehrermangel behoben werde, so verkehrt wäre es andererseits, daß Studium der philologischen Fächer jedem Abiturienten ohne weiteres zu empfehlen. Wünschen wir dem höheren Lehrfache einen kräftigen Zufluß von tüchtigen, jugend- frischen Elementen! Aber mögen ja diejenigen fern bleiben, die ohne ausgesprochene innere Neigung und spezifische Veranlagung für den Lehrerberuf die Philologie als bequemes Brotstudium ansehen und lediglich die Chancen einer günstigen Konjunktur wahmehmen wollen, Sie könnten es einst bitter zu bereuen haben.
Ausland.
— Nach einer Meldung aus Manila haben die Amerikaner am Dienstag Bacolor auf Mindanao eingenommen. 100 Eingeborene wurden getötet, viele andere verwundet. Die Amerikaner hatten nur 3 Verwundete.
— Aus Hongkong wird gemeldet, daß die Pulverfabrik des Arsenals in Kanton in die Luft geflogen ist. Es joileu über 1000 Menschen umgekommen sein.
— Die russische wie die östereichisch-ungarische Regierung erkennen mehr und mehr an, daß sich die Pforte den Umständen entsprechend als Herrin der Situation erweist und daß ihr aus diesem Grunde mit vollem Vertrauen begegnet werden könne. Seitens der österreichischen wie der russischen Regierung wird die Pforte über alle Pläne und Bewegungen der Mazedonier und Albanesen auf schnellstem Wege in Kenntnis gesetzt, so daß die aufständischen Banden überall, wo sie erscheinen, den gebührenden Empfang finden.
— Präsident Loubet wird den König Eduard am 2. Mai auf dem Lyoner Bahnhof persönlich empfangen. Der Gegenbesuch des Präsidenten in London soll noch in diesem Jahre erfolgen.
— Obwohl in Holland der Generalausstand proklamiert worden ist, gilt die Lage dennoch nicht als aussichtslos. Man rechnet im Gegenteil, sofern die Regierung nur auf ihrem bisherigen entschiedenen Standpunkt beharrt, mit Sicherheit auf eine baldige Beilegung der ganzen Bewegung und den Sieg der Staatsautorität über die Auflehnung. Obwohl der vernehmlich redet, als hätte sich der Mund des Toten geöffnet und den Namen dessen genannt, der ihn ermordet."
„Ich wünschte, er könnte reden; sein Wort würde mich entlasten" versetzte Treuenfeld dumpf.
„Sie trauen ihm eine übermenschliche Großmut zu."
„Nein; aber ich denke er würde angesichts der Ewigkeit der Wahrheit die Ehre geben und bezeugen, daß ich sein Mörder nicht gewesen bin."
„Herr, Sie lästern!"
Benno sprang wieder auf und trat ganz dicht an den Tisch, hinter welchem der Untersuchungsrichter saß. Mit seinem Wesen war eine ausfallende Veränderung vorgegangen; der Stolz und Trotz hatten einer sichtbaren Angst und Unsicherheit Platz gemacht.
„Hören Sie mich an, Herr Landrichter", bat er in tiefen, bebenden Tönen, „hören Sie mich an! Ich erkenne jetzt, daß der Schein furchtbar vernichtend gegen mich ist; ich beschwöre Sie, glauben Sie mir, tch bin unschuldig."
„Gut, ich will Ihnen glauben", antwortete der Landrichter mit einem Anfluge von Spott, „vorausgesetzt, daß Sie mir den nennen, dem Sie Ihren Dolch geliehen haben."
„Wieder blickte Benno düster vor sich hin, dann schlug er sich vor die Stirn. „Jetzt hab' ich's. Der rotbärtige Kerl war es; er hat mir den Dolch gestohlen!"
„Was wollen Sie damit sagen?" (Fortsetzung folgt.)