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Samstag, den 25. April 1903
54. Jahrgang
auf die „Schlüchterner SqlCUlUKlCn Zeitung" werden noch , * fortwährend von allen Pvstanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Deutsches Reich.
| — Der Kaiser traf am Mittwoch nachmittag 1 Uhr 15 Minuten in Gotha ein und wurde am Bahnhöfe vom Herzog und dem Regenten Herzlichst begrüßt. In Schloß Friedenstein fand alsdann um 1 Uhr 30 Min. Frühstückstafel statt. Der Besuch in Gotha galt besonders der Herzogin von Albany und der Prinzessin Alice. Die Abreise Sr. Majeät nach Eisenach erfolgte um 3 Uhr 40 Minuten
* Der deutsche Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich unternahmen von Neapel aus einen Ausflug nach dem Vesuv.
— Der Deutsche Kronprinz und Priuz Eitel Friedrich lüden die Königin von Portugal zu einer Fahrt nach Copri ein und begaben sich mit der Königin an Bord- der „Saphir" dorthin.
— Der deutsche Reichstag wurde nach der Oster- Pause am 21. April wieder eröffnet. .Eingegangen ist der Bericht derReickAchuldenkommifsion. -- Zur ersten Beratung steht der Gesetzentwurf betr. eine Ergänzung des § 51 des Reichsbeamtengesetzes vom 31. März 1873. Durch die Vorlage soll den im Reichsdienst des Auslandes verwandten Post- und Telegraphenbeamten wie den-Gesandtfchafts- und Konsulatsbeamten die in außereuropäischen Ländern zugebrachte Dienstzeit, wenn sie läMer als ein Jahr gewährt hat, doppelt gerechnet werden. Die Vorlage wird in zweiter Lesung ohne Debatte unverändert angenommen: — Es folgt die Beratung des Entwurfs einer Bekanntmachung betr. Abänderung des Wahlreglements bom 28. Mai 1870 (Sicherung des Wahlgeheimnisfes durch Wahlkouverts und Jfolierräume), welcher unverändert angenommen wird. — Am 22. April ist in zweiter Lesung der Gesetzentwurf beraten und nach den Beschlüssen der Kommission angenommen worden, durch welchen vom Jahre 1907 ab die Verwendung von weißem oder gelbem Phosphor zur Herstellung von Zündhölzern oder Zünd- waren verboten und der Vertrieb und die Einsuhr solcher Waren von 1908 ab untersagt wird.
- Das Abgeordnetenhaus ist am Dienstag wieder zusammengetreten und ehrte zunächst das Andenken der verstorbenen Abgg Munckel und Knörcke durch Erheben von den Plätzen. Es folgte die erste Beratung des Nachtragsetat, welchen Abg Im Walle (3 ) der Budgetkommission zu überweisen beantragt. Eisenbahn- minister Budde benterft, der Nachtragsetat sei hauptsächlich durch die beabsichtigte Verstaatlichung l>on^5 Privatbahnen verursacht, und teilte mit, daß die Eisen- bahneinnahmen in den letzten Monaten sich günstiger
Litte.HoHZeitsVeise.
Erzählung von F. Arncfeldt.
(Nachdruck verboten) Fortsetzung.
Ehe die junge Witwe mit der Leiche ihres Gemahls in Rehfelde anlangte, um sie daselbst in der Familiengruft beisetzen zu lassen, war ihr die Fama vorausgereist und hatte die wahrlich schon traurige Tatsache mit einem ganzen Sagenkreise umgeben. Man erzählte, Rehfeld und Frau Göldner hätten Erna zu der Heirat gezwungen; sie habe Benno Treuenfeld zu ihrem Schutz herbeigerufen, bieder sei zu spät eingetroffen, um die Verbindung verhindern zu können, und habe nun mit ihr gemeinschaftlich den Mord an dem ihr aufgedrungenen Gatten begangen. Nach anderen hatte Erna dem Jugendgeliebten kalten Herzens die Treue gebrochen; dieser habe dafür an ihr und Rehfeld Rache nehmen wollen, sei aber mitten in der Ausführung seiner schwarzen Tat überrascht worden, so daß die junge Frau wie durch ein Wunder dem Tode entgangen sei. Wieder andere versicherten, Treuenfeld habe Erna aufgegeben, und sie sei im Zorn darüber Rehfelds Gattin geworden, was den wahnsinnigen eifersüchtigen Benno trotjbem zu seinem Verbrechen aufgestachelt hätte, und erst eine vierte Lesart kam der Wahrheit etwas näher, welche Erna als Opfer eines Betruges und als schuldlose Zeugin des über Rehfeld verhängten Strafgerichtes hinstellte.
Neugierde und Teilnahme beeiferten sich, das Leichen-
gestaltet und gegen 1901 40 Millionen Mark mehr ergeben haben. Außerdem seien in den Ausgaben 15 Millionen M. gespart worden. Der Nachtragsetat wird hierauf der Budgetkommission überwiesen. — Nachdein die Wahl des Abg. Schön freit) für gültig erklärt worden war, begründete Abg. Weihe (k.) seinen Antrag auf Errichtung von Rentengütern kleinsten Umfanges. Zweck desselben sei Schaffung eines festen, zuverlässigen Arbeiterstammes. Finanzminister von Rheinbaben betonte das Interesse der Regierung für die Wohnungsfrage und teilte mit, der Entwurf eines Wohnungsgesetzes unterliege den Regierungspräsidenten zur Begutachtung. Die Eisenbahnverwaltung habe für nicht weniger als 34 000 mittlere und untere Beamten-Wohnungen gesorgt. Der vorliegende Antrag wolle die Wohnungsfürsorge der Regierung erheblich ausdehnen, wogegen sehr große Bedenken vorliegen. Mit den 2 Millionen, die Abg. Weihe bewilligt wissen wolle, wäre garnichts getan. Die Steigerung der Etats und der Schuldenlast mahne zur Vorsicht.
— Reserve-Jnfanterieregimenter sollen bei den diesjährigen Korpsmanövern wie im Mobilmachungsfalle für 14 Tage bei dem 1., 5., 6., 8., 9. Armeekorps sowie beim Gardekorps aufgestellt werden. Sie würden aus den ältesten Jahrgängen der Reserve und den jüngsten der Landwehr bestehen und abgesehen von ganz einzelnen Ansnahmen nur solche Leute haben, die nur zwei Jahre bei der Fahne gedient haben.
— Der Verein deutscher Lehrer in Brüssel beschloß eine Eingabe an den deutschen Reichskanzler, in welcher um gesetzliche Anerkennung der an deutschen Schulen im Auslande verbrachten Jahre als Dienstjahre gebeten wird, und zwar für akademisch und für semi- naristisch vorgebildete Lehrer. Preußen hat diesen Wunsch ja bereits erfüllt, und es wäre allerdings zu wünschen, daß die übrigen Bundesstaaten ihm darin nachfolgten.
Ausland.
— In Rom tagte Mitte April der internationale landwirtschaftliche Kongreß. An der Diskussion über die Organisation des Getreidehandels in den einzelnen Staaten nahmen von Deutschen Baron Putlitz und Rösicke teil. <s§ wurde folgende Tagesordnung beschlossen: Der Kongreß ist der Ansicht, daß die heutige wirtschaftliche Lage immer mehr die Kollektivorganisation des Verkaufs von landwirtschaftlichen Produkten notwendig macht, als einziges Mittel, die Produktion zu regeln und Preise zu erzielen, die den Produktionskosten entsprechen und ferner, daß diese Organisation vermittels Genossenschaften geschehen müsse. Der Kongreß bezeichnet es als wünschenswert, daß in allen Ländern Einrichtungen geschaffen werden wie die Kornhauskommission in Deutschland. Die Sektion Ayrono- mie beschäftigte sich u. a. mit dem Abschießen von bcgängnis zu einem der großartigsten zu machen, welches man seit Menschengedenken in der Provinz erlebt hatte. Wer nur irgend einen Vorwand für seine Beteiligung zu ersinnen vermochte, der fand sich ein, die Säle und Vorhallen, ja selbst der weite Schloßhof von Rehfelde erwiesen sich zu klein, um die Zahl der Leidtragenden zu fassen; nur ein kleiner Teil derselben hatte in der Kapelle Raum, wo die Leichenfeier gehalten ward, und unabsehbar war der Zug, welcher dem schwarzbehangenen, mit Kränzen und Palmenzweigen reichgeschmückten Sarge das Geleite nach der Gruft gab.
Die junge Witwe hielt in ruhiger, würdiger Haltung den bedauernden, forschenden und zweifelnden Blicken stand; sie ließ- den Strom der Beileidsbezeugungen geduldig über sich ergehen; sobald dieselben sich aber unter dem Scheine der Teilnahme in neugierige Fragen verwandelten, wußte sie sich in geschickter Weise zu entziehen. Anfänglich hatte sie wohl versucht, die Annahme, daß Benno der Mörder ihres Gatten sei, zu widerlegen; sie war dabei auf einen so entschiedenen Unglauben gestoßen und hatte Anspielungen hören müssen, deren Sinn für sie so tief beleidigend war, daß sie sich sofort in Schweigen hüllte. Benno's Un- schuld gegen jeden einzelnen Angreifer verteidigen- zu wollen, erschien ihr ein Kampf gegen Windmühlen; um so fester stand ihr Entschluß, sich mit allen ihren Kräften der Aufgabe zu widmen, diese Unschuld in unwider- leglicher Weise zu erhärten, indein sie den wahren Verbrecher zur Stelle schaffte.
Raketen als Schutz gegen Hagel, Die Sektion Pflanzen- pathologie und Weinbau diskutierte über die Möglich« keit der Abänderung der gesetzlichen Bestimmungen über die Bekämpfung schädlicher Insekten. Buhl befürwortet dann eine internationale Gesetzgebung zum Schutze der insektenfressenden Vögel. '-^Sektion Waldkultur beschloß eine Tagesordnung, wonach in allen Staaten die Studien über den Einfluß der Wälder aus die Hagelbildung fortgesetzt und gesteigert werden sollen. Dann beschloß sie eine Tagesordnung auf Bekämpfung der immer mehr zunehmenden Verunreinigung der Flüsse durch industrielle Abwässer. Außerdem fand am 16. April noch eine Sitzung des Internationalen Vereins des Getreidekurses statt,( der den Zweck hat, den Getreidekurs der internationalen Spekulation zu entziehen. Dr. Rösicke berichtete darin u. a. über die Vorteile, welche die Landwirte aus einem Austausch der Information über die Getreidepreise ziehen können, v. Schön- aich-Carolath über die'Verbesserung der landwirtschaftlichen Statistiken und die Nützlichkeit von Zollerhöhungen auf Getreide aus solchen Ländern, die Exportprämien gewähren.
— König'(Eduard von'England ist an Bord seiner Nacht nach Neapel abgereist.
— Gegen den skandalösen Mädchenhandel trifft das neue nordamerikanische Einwanderungsgesetz eine Bestimmung, die sich hoffentlich bewähren wird. Sie besagt, daß die Jmporration von Personen weiblichen Geschlechtes zu unmoralischen Zwecken ein Verbrechen sei, das mit Strafhaft von einem bis zu fünf Jahren, sowie mit einer Geldstrafe bis zu 20,000 Mk. zu ahnden ist. Gegen den skrupellosen Mädchenhändler können die Strafbestimmungen nicht streng genug sein.
— In vielen Teilen des südlichen und südwestlichen Rußlands hat in letzter Zeit eine starke Auswanderung der deutschen K-k isten begonnen. Die meisten ziehen nach Deutschland und zwar nach Ostpreußen bezw. Posen, wo ihnen von der Ansiedelungskommission günstige Bedingungen gestellt worden sind. Die Zeitungen melden, daß namentlich in Wolhynien manche Teile infolge der Auswanderung vollständig veröden. Während früher nämlich nur einzelne Familien Rußland verließen, sind es jetzt ganze Dörfer, welche dem Lande, in dem sie so lange gelebt haben, den Rücken kehren. Die Ursache dieser Erscheinung liegt in den bekannten politischem Verhältnissen, über die nichts näher gesagt zu werden braucht.
— Am 20. April hat eine Bande von 500 Mann, die zum Teil bulgarische Uniformen trugen, in der Nähe von Radowitsch die Grenze Mazedoniens überschritten und einen Trupp von 300 Soldaten umzingelt. Das Gefecht dauerte den ganzen Tag, bis die Türken Verstärkungen aus Radowitsch und Strumitza erhielten. Die Bande wurde geschlagen, 9 Türken und 30 Mann der Bande sind gefallen.
Am Tage nach der Beisetzung überraschte sie ihre Mutter durch die Erklärung, daß'sie Rehfelde zu verlassen gedenke und ihren Aufenthalt inG . . . nehmen wolle, wo die Untersuchung gegen Benno geführt ward.
Frau Göldner wiedersetzte sich gegen diesem Vorhaben aus Leibeskräften; aber ihre Tochter blieb allen ihren Vorstellungen gegenüber unerschütterlich.
„Ich habe die Pflichten erfüllt, die ich den Verstorbenen schuldig war," erklärte sie, „jetzt giebt es keine andere Rücksichten mehr; ich kenne fortan nur eine Aufgabe für mich: Benno's' Unschuld an das Licht zu bringen."
„Erna", mahnte die Mutter, „bedenke, was Du tust! Ziemt es sich für die Witwe des Gemordeten, seinen Mörder zu schirmen?"
„Will ich das tun? fuhr die junge Frau auf; „ich will Rehseld's Mörder auffinden und ihn der Gerechtigkeit überliefern."
„Er ist bereits in den Händen der Justiz."
„Nein! rief Erna, „Benno ist der Mörder nicht! Während man ihn festhält, versäumt man es, die Spur des wahren Schuldigen zu verfolgen. Wie oft soll ich Dir wiederholen, daß ich jenen rotbärtigen Menschen aus dem Fenster springen sah."
„Kind, Kind", bat Frau Göldner, „laß ab von dieser Wahnvorstellung, die ich für eine Ausgeburt des Schreckens und der Angst halte. Andere denken nicht so glimpflich darüber", fügte sie zögernd hinzu.
(Fortsetzung folgt.)