Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
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Mittwoch, den 3. Juni 1903
54. Jahrgang
Bestellunqen ^ »^
' ___________________ -' fortwährend von allen Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Waffenrocks (der Ulanka). 2) Die Offiziere der Maschinengewehr-Abteilungen tragen — wie die Jäger — Ueberröcke von dunkelgrünem, die der Jäger zu Pferde — wie bisher — von dunkelblauem Tuch. 3) Die Sanitäts-Offiziere und die ^Beamten der Militärverwaltung tragen Ueberröcke von dunkelblauem T ich. 4) Blauschwarze Ueberröcke dürfen bis auf weiteres aufgetragen werden. Neubeschaffungen sind nicht gestattet. Das Kriegsministerium hat hiernach das weitere zu veranlassen."
— Prinz Heinrich von Preußen ist am 30. Mai von Madrid wieder in Vigo eingetroffen und am Bahnhof von den Behörden, dem deutschen Konsul und den Offizieren des deutschen Geschwaders empfangen worden. Die Bevölkerung bereitete dem Prinzen sympathische Kundgebungen.
— Anläßlich der Feier des hundertjährigen Bestehens des 2. Bataillons des Infanterie-Regiments Nr. 116 in Gießen wurde am 29. Mai vom Groß- Herzoge, welcher mittags in Gießen eingetroffen war, Parade abgehalten. Der Großherzog hielt dabei eine Ansprache. Der Regiments-Kommandeur Oberst v. Grävenitz dankte und brächte ein Hoch auf ben Großherzog aus. Später fand ein Festessen im Offiziers- kasino statt, bei bent der Großherzog einen Trinkspruch auf den Kaiser ausbrachte.
— König Christian von Dänemark ist am 20. Mai in Wiesbaden eingetroffen und wird auch während der Anwesenheit des Kaisers dort weilen. Man geht wohl in der Annahme nicht fehl, daß der befreundete Monarch unseres Kaisers auch den Festspielen beiwohnen wird.
— Das „Militärwochenblatt" meldet: Der Erbprinz von Sacksen-Meiningen ist von der Stellung als Kommandeur des 6. Armeekorps enthoben und gleichzeitig zum Generalinspekteur der 2. Armeeinspektion mit dem Standort Meiningen ernannt worden.
— Die Genesungsheime in der Armee, die Generaloberst Graf Häseler für das XVI. Armeekorps zuerst begründete, sind bereits in der Zahl von 8 vorhanden. Zwar ist das in Acra in Südtirol nur für Offiziere und Sanitätsoffiziere bestimmt. Sonst aber haben allgemeine Genesungsheime das Gardekorps in Biesenthal bei Berlin, das IV. in Suderode, das VI. in Landeck in Schlesien, das VII. in Driburg, das X. auf der Insel Norderney, das XV. in Rothan im Elsaß und das XVI. in Lettenbach. Es ist zweifellos, das gerade die Genesungsheime für Soldaten kaum noch zu entbehren sind; die vorhandenen haben bei verhältnismäßig geringen Kosten reichen Segen gestiftet.
— Der Erzbischof von Köln hat bei der fünfzigjährigen Feier des erzbischöflichen Konvikts in Neuß eine bemerkenswerte Rede gehalten. In einer Ansprache dankte Erzbisckwf Fischer den Staatsbehörden für das von ihnen bewiesene Wohlwollen und forderte die Zög- hört habe, ich glaube, es galt eine Wette; sie bestellten den kleinen Totenschädel mit der Inschrift; der andere Herr bezahlte im voraus und sagte, Herr Theodor Günther solle das Kunstwerk abholen. Der letztere schrieb mir auch noch die Worte auf, die ich darauf setzen sollte, und las sie, als das Ding fertig war, durch die Lupe. Es machte mir aber Spaß, daß er etwas, was noch darauf stand, doch nicht fand. Das C. B. und Berlin hat er nicht entdeckt."
Weiter wußte Becker nichts zu berichten, und es bedurfte dessen auch nicht mehr. Erna übergab den Zuchthausdirektor eine Summe Geldes, die er für den Sträfling verwenden solle, und versprach, nach dessen Freilassung für ihn zu sorgen; dann kehrte sie, um einen wichtigen Fingerzeig reicher, mit ihren Begleitern nach Berlin zurück.
Unterwegs erzählte Wecker, daß er vor einigen Jahren mehrmals in Berliner Restaurants und Konditoreien mit einem jungen Menschen, namens Theodor Günther, sufammengetroffeu sei, der als der einzige Sohn wohlhabender Eltern eine gute Erziehung genossen, aber nach deren frühem Tode, und da er außerdem noch das Glück oder Unglück gehabt, einen reichen Onkel zu beerben, keinen bestimmten Beruf ergriffen, sondern als Kavalier gelebt, und sich bald an diesem, bald an jenem Ort, hauptsächlich aber in Wien aufgehalten habe, obgleich er von Geburt ein Norddeutscher gelten sei. Dieser hätte die Redensart an sich gehabt;
Deutsches Deich.
— Seine Majestät der Kaiser hielt am 29. Mai am 15. Jahrestage der Vorführung der Kaiserbrigade vor Kaiser Friedrich und zur Erinnerung an die großen Truppenübungen Friedrichs II. bei Döberitz vor 150 Jahren eine Gefechtsübung des gesamten Gardekorps bei Döberitz ab. Die Kaiserin, der Kronprinz und Prinz Eitel Friedrich wohnten der Uebung bei. Den größten Teil des Gardekorps befehligte als blaue Westarmee der Kaiser, den Rest bildete unter dem Befehl des Prinzen Friedrich Leopold als markierter Feind die Ostarmee. Diese nahm eine feste Stellung ein, welche der Kaiser stürmte. Der Kaiser hielt sodann Kritik ab, worauf nach einer längeren Ansprache des Kaisers der über 11 Meter hohe, dem Andenken Friedrichs des Großen gewidmete Granitobelisk enthüllt wurde- Generalleutnant v. Kessel brächte ein dreifaches Hurrah auf den Kaiser aus, die Kapelle intonierte die Nationalhymne und die Artillerie schoß Salut. Der Kaiser umritt dann das Denkmal und nahm, neben der Kaiserin haltend, den Vorbeimarsch deö Armeekorps entgegen.
Für den Kaiser war im Döberitzcr Lager ein besonderes Zelt aufgeschlagen, in welchem ein Frühstück stattfand, zu dem 360 Einladungen ergingen.
Der Kaiser verließ nachmittag um 2 72 Uhr das Lager von Döberitz und kehrte mit Viererzug nach dem Neuen Palais zurück. Zur Abendtafel, die in Charlottenhof eingenommen wurde, war der Reichskanzler Graf Bülow mit Gemahlin geladen; während derselben trafen die Prinzen August Wilhelm und Oskar aus Plön ein.
— Die Inschriften des vom Kaiser enthüllten Obe liefen lauten: Südseite, Vorderansicht: „Wilhelm II. bem Andenken seines großen Ahnherrn, seiner ruhmvollen Armee und ihrer heldenmütigen Tapferkeit." Ostseite: „Friedrich II., König von Preußen, lag mit 44 000 Mann im Lager zu Döberitz 12. bis 14. September 1753." — „Wilhelm 11., Deutscher Kaiser König von Preußen, lag mit dem Gardekorps im Lager zu Döberitz 28. bis 29. Mai 1903." — Westseite: „Ihre Taten bleiben unser Eigentum, ein Beispiel der Nacheiferung für alle Zeiten."
— Der Kaiser erließ aus dem Truppenübungsplatz Döberitz folgende Ordre: „Auf den mir gehaltenen Vortrag bestimme ich: 1) Die Offiziere tragen künftig allgemein (mit Ausnahme der unter 2 genannten) die Ueberröcke von dem Grundtuch des für sie vorgeschriebenen
Eine Zoehzeitsverse.
Erzählung von F. Arnefeldt.
(Nachdruck verboten)
Fortsetzung.
Da faßte Wecker, der lange mit sich gekämpft hatte, einen Entschluß. „Hieß er Günther? fragte er den Sträfling, einen Schritt näher zu treten.
Wie von einer Feder in die Höhe geschnellt, fuhr der Mann empor. „Günther! Günther! das ist der Name! schrie er auf, aufseufzend, wie von einer schweren Last befreit. „Theodor Günther!"
„Wecker, Sie wußten den Namen? Warum schwiegen Sie so lange?" fragte Erna vorwurfsvoll.
„Ich hatte eine Vermutung," entgegnete der Rechtsanwalt; aber ich wagte nicht, ihr nachzugehen! ich mochte nicht auf eine zweite falsche Fährte geraten und nochmals einen Unschuldigen auf den bloßen Schein hin verdächtigen. Später erkläre ich Ihnen das, hören wir jetzt jenen Mann."
„Er heißt Theodor Günther", wiederholte der Sträfling, „jetzt besinne ich mich ganz genau auf 4IUeö, er war ein feiner Herr mit blonden Haaren und rotem Bart —"
„Er ist es!" rief Erna dazwischen; Becker ließ sich aber nicht stören; wie ein Uhrwerk, das aufgezogen, sein Stück herunterspielt, fuhr er fort: „Er kam mit kwem andern Herrn, dessen Namen ich aber nicht ge
linge auf, sich namentlich in den klassischen Sprachen eine gründliche Bildung anzueignen, dabei aber die anderen Zweige der Wissenschaft nicht zu vernachlässigen. Die preußischen Gymnasien seien Musteranstalten vor aller Welt. Er hoffe, daß das gute Einvernehmen zwischen Kirche und Staat ungestört bestehen bleiben werde.
Ausland.
— Am 29. Mai wurde in St. Petersburg das zweihundertjährige Bestehen der Stadt gefeiert. St. Petersburg wurde 1703 von Peter den Großen gegründet. Auf dem den Schweden abgekämpften Boden waren gegen 80000 Arbeiter zum Bau einer Festung beschäftigt und wenige Monate nach Beginn der Arbeiten war der Ban beendet. Bald erhoben sich auch Privatbauten. 50 Jahre später zählte St. Petersburg schon 50000 Einwohner und zu Ende des 18. Jahrhunderts über 200000 und 1888 bereits gegen 850000. Die Jubelfeier fand der Gründung entsprechend statt. In feierlichem Zuge wurde das Boot Peter des Großen zum Peterdenkmal gebracht. Voran fuhr ein Dampfer mit der Geistlichkeit und dem Erlöserbilde. Dann kam die Barke mit dem Boot Peter des Großen, der eine Flottille von Dampfern, Pachten, altertümlichen Galeeren und Ruderboote folgte. Als vor der Festung auf dem Boote Peters die Kaiserstandarte gehißt wurde, erdröhnte Kanonensalut und sämtliche Schiffe salutierten und legten bunten Flaggenschmuck an. Beim Winterpalais vereinigte sich die Geistlichkeit mit der dort harrenden Kirchenprozession und setzte den Weg nach der Jsaakskathedrale fort. Truppen bildeten Spalier, darunter befanden sich Kompagnien der unter Peter den Großen gebildeten Regimenter, auch des jetzigen Wiborg'schen Regiments, dessen Chef Kaiser Wilhelm II. ist, mit Fahnen aus der Zeit Peter des Großen. Unter dem Gesang der Kirchensänger passierte die Prozession den Admiralitätsquai und zog unter Glockengeläute zur Kathedrale, in der die Würdenträger, das diplomatische Korps, die auswärtigen Deputationen und Vertreter der Stadt und der Stände den Kaiser und die Kaiserin erwarteten. Nach der Feier fuhr das Kaiserpaar direkt nach dem vor dem Denkmal Peter des Großen errichteten Kaiserzelt, woselbst nach Eintreffen der Kirchenprozession ein feierliches Tedeum stattfand und das Stadthaupt dem Kaiserpaare die Jubiläumsmedaillen überreichte.
— Nach Meldungen aus Adrianopel überfielen zwei bulgarische Banden in Stärke von 40 Mann bei Tirnovadschik östlich von Kirk-Kilisfe ein Truppen- detachement. Dieses verlor 5 Mann, während die Bande 5 Tote zurückließ und flüchtete.
- - Der Sultan empfing den russischen und den englischen Botschafter. Der Sultan erklärte dem russischen Botschafter, daß er mit dem bisherigen Er- „ Lieb er schlecht als arm", was damals aus dem Munde des sehr reichen jungen Mannes drollig genug geklungen habe und viel belacht worden sei. Die Anfertigung des kleinen Totenschädels scheine auch eine Folge der Scherze, die man darüber gemacht habe, gewesen zu sein.
Später habe er den jungen Lebemann aus den Augen verloren; er wisse nicht, ob er wieder in Berlin sei, und was er sonst getrieben habe. Erst die Entdeckung der Schrift aus den elfenbeinernen Schädel habe ihm wieder die Person ins Gedächtnis zurückge- rufen, welche jene Redensart in Munde geführt, die Beschreibung, die Erna und Treuenfeld vom verdächtigen Reisenden gemacht, hatte auch auf ihn gepaßt; dennoch habe er gezögert, seinem Verdachte Ausdruck zu geben. Er habe sich gegen den Gedanken gesträubt, daß ein Mensch aus solcher Lebensstellung so tief sinken könne.
„Man glaubt es doch allgemein von Benno Treuenfeld", versetzte Erna vorwurfsvoll.
„Aber man hält ihn nicht für einen Raubmörder", entgegnete Wecker; „das zu glauben ward ihm zu schwer."
„Von einem Menschen, dessen Devise ist: Lieber schlecht, als arm, glaube ich alles", erklärte der Inspektor; „indes haben Sie doch recht gehandelt; ich ziehe auch die positive Gewißheit vor."
„Wo finden wir den Verbrecher?" fragte Erna- (Fortsetzung folgt.)