Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 47.
auf die „Schlüchterner
Zeitung" werden noch _ fortwährend von allen Postanstalten und Landbriefträgern, sowie von der Expedition entgegengenommen.
Deutsches Deich.
— Anläßlich des Sieges des Berliner Lehrer- Gesangvereins beim Frankfurter Sängerwettstreit richtete der Kaiser an den Oberbürgermeister Kirschner ein Telegramm, in dem er die Stadt Berlin beglückwünscht, dem Berliner Lehrergesangverein seinen Dank für die treue Arbeit ausspricht und die Hoffnung ausdrückt, daß dies den Verein dazu anspornen möge, dem deutschen Volke sein Lied zu erhalten und noch zu seiner Veredelung und zur Stärkung der Vaterlandsliebe beizutragen. — Oberbürgermeister Küschner dankte telegraphisch für die kaiserliche Kundgebung. Der Verein werde sicherlich auf das eifrigste bestrebt sein, das deutsche Volkslied mit allen Kräften zu Pflegen und sich dadurch der ihm durch den Kaiser gewordenen hohen Ehrung würdig zu zeigen.
— Das erste Geschwader unter dem Befehl des Prinzen Heinrich traf am 10. Juni früh von den Uebungen im Atlantischen Ozean auf der Föhrde bei Kiel ein und lief nach Vornahme größerer Manöver und Angriffsübnngen um 11 ‘A Uhr in den Kieler Hafen ein.
— Der Minister der öffentlichen Arbeiten wünscht, daß den bei den preuß. heff. Staatsbahnen mindestens 3 Jahre beschäftigten Arbeitern ein kurzer Erholungsurlaub mit Fortgewährung der Tagegelder alljährlich auf entsprechenden Antrag bewilligt werde. Zur Zeit finden Erhebungen bei den einzelnen Direktionen statt, wie die Vertretung der Beurlaubten sich am besten ermöglichen läßt.
— Graf Waldersee trifft am Sonnabend in Darm- stadt zur Besichtigung der Garnison ein. Zu Ehren des Feldmarschalls findet im Residenzschlosse große Hoftafel statt.
— Wie die „Neue Polit. Korr." schreibt, werden bei der diesjährigen Gestellung der Übungspflichtigen Wehrleute, diejenigen aus den Wahlbezirken, wo Stichwahlen stattfinden, nach der Gestellung zunächst entlassen, um der Wahlpflicht zu genügen, und nach der Stichwahl werden sie den Truppenteilen wieder zu- geführt.
— Der staatliche Fischereiforschungsdampfer „Poseidons" wird gegenwärtig in Gestemünde ausgerüstet, um eine auf 14 Tage berechnete Reise nach der Ostsee zu machen. All dieser werde Staatssekretär Gras Posadowskh, der Präsident des deutschen Seefisch^rdi- Vereins Dr. Herwig und eine Anzahl von biologischen Gelehrten teilnehmen.
Eine Hochzeitsreise.
Erzählung von F. Arnefeldt.
(Nachdruck verboten) Fortsetzung.
„Ihr sollet mich meinem Schicksale überlassen," erwiderte er Wecker, „es hilft alles nichts. Man will mich hier schuldig finden, und man wird mich verurteilen."
„Aber wenn wir den Mörder zur Stelle schaffen?"
„Ich fürchte, auch das nicht nichts; dann erklärt man mich für seinen Mitschuldigen," entgegnete Benno mit bitterem Höhne. „Aber sie werden ihn nicht finden."
„Ich hoffe, sie finden ihn und selbst wenn dies nicht der Fall ist, haben wir nicht zuletzt ein Zeugnis für die Existenz des Mörders?"
„Das Zeugnis eines Sträflings," versetzte Benno achselzuckend; „man wird es nicht gelten lassen."
„Ich werde es schon geltend zu machen wissen."
„Es wird Ihnen nichts helfen; ich habe nur eine Hoffnung —"
„Welche?"
„Daß man mich zum Tode verurteilt und das Urteil schnell vollstreckt."
„So scharf schießen die Preußen doch nicht," scherzte Wecker, „Kopf in die Höhe, Mann! Wer schon so pieken Widerwärtigkeiten mutig ins Auge geblickt und
Samstag, den 13. Juni 1903
— Die deutsche antarktische Expedition ist an Bord der „Ganß" am 9. Juni in Simonstown (Hafenstadt in der britischen Kapkolonie) eingetroffen. Das Schiff wird Ausbesserungen vornehmen und nach etwa drei Wochen nach Deutschland zurückkehren. Die Expedition hat ein neues Land entdeckt, dem sie den Namen Kaiser Wilhelm U.-Land gegeben hat.
Ausland.
— Der König Alexander und Königin Draga von Serbien, der Premierminister, ein Generaladjutant, der Kriegsminister und der Bruder der Königin sind in der Nacht vom 10. zum 11. Juni durch serbische Offiziere ermordet und Prinz Peter Karageorgjewitsch zum König von Serbien proklamiert worden.
Eine Militärverschwörung hatte beschlossen, König Alexander abzusetzen und Karageorgjewitsch zum König zu proklamieren. Um 1 Uhr nachts drangen die Verschwörer an der Spitze ihrer Truppen in den Konak ein, der Widerstand leistende Wachkommandant und 12 Mann der Wache wurden niedergemetzelt. Die Verschwörer waren angeführt von dem Obersten Naumowitsch. Als letzterer den König zur Abdankung aufforderte, erschoß ihn dieser mit dem Revolver und flüchtete sich mit Königin Draga von Zimmer zu Zimmer. Die ganze königliche Familie und ein Teil des Hofstaates wurden teils erschossen, teils mit Säbeln niedergehauen.
Alexander der Erste von Serbien war am 14. Augufl 1876 in Belgrad geboren. Sein Vater war König Milan, seine Mutter Natalie Ketschko, die Tochter eines Rumänen. Streitigkeiten der peinlichsten Art unter seinen Eltern waren die ersten Jugenderinnerungen Alexanders. Als Natalie sich 1886 von Milan trennte und Serbien verließ, nahm sie den zehnjährigen Sohn mit sich. Es folgten lange Streitigkeiten zwischen den streitenden Gatten um dieses Kind, bis Alexander 1888 der damals in Wiesbaden weilenden Königin durch die Polizei abgenommen wurde. Im Jahre 1890 wurde Alexander im Alter von 14 -Jahren König von Seffbien. Im August 1900 heiratete er die Witwe Draga Maschin, eine frühere Hofdame seiner Mutter Diese Heirat war dem jungen König sein Unglück. Mit ihm endete der Stamm der Obrenowitsch. Peter Karageorgjewitsch ist der bisher verbannt gewesene Erbfeind der nun ausgestorbenen Dynastie. Sein Großvater war (1804—13) ter erste Fürst von Serbien. 1813 wurde dasselbe durch einen glücklichen Aufstand der Milosch Obrenowitsch besiegt und mußte flüchten. 1817 wurde er ermordet. 1842 wurde die Dynastie Obren owitsch abgesetzt und die Karageorg's regierten bis 1858 in Serbien, in diesem Jahre kamen wieder die Obrenowitsch a ns Nt.der.
Der neue König Peter Karageorgjewitsch ist 1846 in Belgrad geboren. Er war mit der Prinzessin Zorka,
sie besiegt hat, sollte nicht verzagen; verloren ist nur, wer sich selbst verloren giebt."
Benno antwortete nur durch einen tiefen Seufzer und versank von neuem in das finstere Brüten, aus dem er nur sehr schwer und für kurze Zeit aufzu- rütteln war.
Auch am Morgen des für die öffentliche Verhandlung bestimmten Tages hatte er sich in gewohnter Gleichgiltigkeit von seinem Lager erhoben, sich angekleidet, mechanisch das ihm Vorgesetzte Frühstück verzehrt und des Augenblickes geharrt, wo man ihn nach dem Gerichtssaal führen werde. Aber dieser Augenblick ließ lange auf sich warten; der Vormittag rückte weiter vor und niemand kam.
Benno wartete, anfänglich gleichgiltig, geduldig; aber je niehr Zeit verstrich, desto unruhiger, desto aufgeregter ward er. Er lauschte auf jedes Geräusch in den Gängen und glaubte, viel Hin- und Herlaufen, viel Reden und Rufen zu vernehmen; Schritte .näherten sich seiner Thür; er fuhr auf — und sank enttäuscht wieder zurück; sie gingen vorüber. Vom nahen Kirchturm hörte er die Uhr jede Viertelstunde schlagen: er vermochte es nicht niehr auf seinem Stnhle auszu- Halten; wie ein Löwe im Käfig, so rannte er in der engen Zelle auf und ab.
„Waruni kommt man nicht!" murmelte er, „warum dieser grausame, dieser entsetzliche Aufschub!"
„Ich hatte die Nerven gestählt; ich wollte der gaffenden Menge Ruhe, Verachtung zeigen; aber ich
Jahrgang
einer Tochter des Fürsten von Montenegro, verheiratet, doch ist dieselbe bereits am 17. März 1900 gestorben. Dieser Ehe entstammt ein Sohn, der in Petersburg erzogene Georg Karageorgjewitsch, der jetzt als eigentlicher Kronprätendent gilt.
— 280 Familien aus Hotti und Gruda, darunter 78 Bewaffnete, überschritten big montenegrinische Grenze und wurden auf montenegrinischen Boden ent. waffnet und ins Innere gebracht. Der montenegrinische Gesandte Bakitsch unternahm bei der Pforte wegen der Heimschaffung dieser Familien Schritte.
— Nach den letzten Nachrichten haben die Türken in der europäischen Türkei 200 000 Infanterie und 5000 Reiter aufgestellt. Das ist die größte Ziffer über welche die Türkei in einem Kriege mit Bulgarien verfügen könnte. Die Türkei ist bereits vollständig mobilisiert und zum Kriege vorbereitet; sie kann in einigen Tagen 60000 Mann gegenBulgaribn werfen. Die Türken behaupten, der Berliner Vertrag gebe ihnen das Recht, nach Süd-Bulgarien (Ostrumelien) ohne vorhergehende Kriegserklärung einzudringen.
— Am 7. Juni wurde aus einer, 14 Kilometer von der Verbindungsbahn Nisch-Uesküb gelegenen Stadt das Erscheinen einer 165 Mann starken Bande gemeldet. Truppen gingen ab und umzingelten sie. Nach 6stündigem Kampfe war die Bande aufgerieben. Sie hatte eine Anzahl Bomben bei sich und war mit Grasgewehren bewaffnet.
— Das bulgarische Kriegsministerium bestellte in Steyer (Oesterreich) 50 000 Mannlicher-Gewehre samt Munition.
— Am Missisippi fanden ganz bedeutende Ueber« schwemmungen statt. ^Die Zahl der Menschen, welche durch die Ueberschwemmungen obdachlos geworden sind wird auf 25 000 geschätzt. 200 000 Acres fruchtbaren Ackerlandes im llmt'reife von 20 Meilen bei Sankt Louis stehen unter Wasser.
— Wie die „Agence Havas" aus Peking tneldet, steht das Gebäude der Finanzverwaltung, worin vier Millionen Taels lagen, in Flammen. Die europäischen Truppen unterstützen die Arbeit der chinesischen Feuerwehr, die den Brand mit Fahnen und Gongs bekämpfen wollen. Das brennende Gebäude grenzt an die ausländischen Gesandtschaften.
— In Kanada fanden große Waldbrände statt, englische Blätter berichten darüber:
Montreal ist durch die Buschfeuer, beinahe von der Außenwelt abgeschnitten. Die Provinz scheint in einen ungeheuren Glutofen verwandelt zu sein, und auch der ganze östliche Teil von Kanada steht in Flammen. Millionen Dollars sind int Lause weniger Stünden in Wäldern und anderen Eigentum in Flammen aufgegangen und der Horizont hat auf meilenweit Ausdehnung eine gelbliche Färbung angenommen.' Die Sonne sieht wie ein dunkelroter Ball aus, und die
fühle es, He letzte Kraft, die Kraft des Grimmes, des Trotzes verläßt mich; ich werde schwach, ich breche zusammen, ich werde winseln wie ein altes Weib!?•
Als fühle Benno Treuenfeld schon diese Ohnmacht über sich kommen, sank er stöhnend auf einen Stuhl und schlug die Hände Vor's Gesicht.
„Endlich! Endlich!" rief er aufspringend. Wieder hatte er Schritte und Stimmen vernommen und diesmal täuschte er sich nicht. Sie blieben vor seiner Zelle stehen, der Schlüssel krachte im Schloß, die Tür'drehte sich in den Angeln. Benno ging den Eintretenden einen'Schritt entgegen und wich mit einem Schrei zurück.
In der Umrahmung der Thür stand Erna.
„Benno!" rief sie, aus ihn zueilend, aber erwehrte sie ab. „Ist es schon dahin mit mir gekommen, Hallucinationen!" stöhnte er. „Ich wußte ja/ ich müsse wahnsinnig werden."
Die junge Frau warf einen erschrockenen Blick rückwärts auf ihre Begleiter, die hinter ihr ins Zimmer getreten waren; dann wandte sie sich mit einem Gesicht voll Liebe und Trauer dem unglücklichen Freunde zu und sagte mit einer Stimme, deren Wohllaut die^bö'en Geister beschwören mußte:
„Besinne Dich, Benno, ich bin kein Wahngebilde: ich bin es, Erna, die vor Dir steht. Und ich komme nicht allein," fügte sie, da er sie noch immer ungläubig anstarrte, tm munteren Tone hinzu, „da ist auch unser Freund Wecker." (Fortsetzung folgt.)