Erseht int Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 53.
Samstag, den 4. Juli 1903.
54. Jahrgang.
Amtliches.
J.-N. 1758 K.-A. Bei ansteckenden und leicht übertragbaren Krankheiten wie Typhus, Tuberkulose usw. ist die Desinfektion der Kleidungsstücke, der Betten usw. das einzig sichere Schutzmittel gegen Weiter- verbreitung. Der Kreis Schlüchtern hat deshalb einen größeren Desinfektions-Apparat im hiesigen Kreiskrankenhaus aufstellen lassen und steht die Benutzung dieses Apparats allen Kreiseinsassen, gegen Zahlung der Kosten für Heizung und Bedienung pp. jederzeit zur Verfügung.
Schlüchtern, den 2. Juli 1903.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses:
__________I. V-: Berta.____
Deutsches Reich.
— Seine Majestät der Kaiser bewilligte für den Bau einer Kaiser Friedrich-Gedächtniskirche in Liegnitz ein Gnadengeschenk von 50000 Mk. Der Ober- kirchenrat sagte eine Beihilfe von 10 000 Mk. zu.
— Ihre Majestät die Kaiserin wird, sobald Seine Majestät der Kaiser seine Nordlandsreise angetreten hat, sich nach Flensburg begeben, um ihrem dort garnisonierenden Regiment Königin einen Besuch ab- zustatten, Von Flensburg aus reist die Kaiserin zum Sommeraufenthalte nach Cadinen. Auch die Prinzen Oskar und August Wilhelm werden in den nächsten Tagen mit Beginn der großen Sommerferien sich von Plön aus zur Erholung direkt nach Cadinen begeben.
— Durch Kabinetts-Ordre des Kaisers sollen nunmehr auch die Mannschaften unserer Kriegsschiffe, welche sich beim Vorgehen gegen Venezuela ausgezeichnet haben, dekoriert werden; 17 Mann, alles Chargierte, erhalten das Allgemeine Ehrenzeichen, und zwar 8 von dem großen Kreuzer „Vineta," 3 von dem kleinen Kreuzer „Gazelle," 2 von dem kleinen Kreuzer „Falke," 2 von dem Kanonenboot „Panther" und 2 von der bisherigen Besatzung des „Restanrador," Ein Matrose von der „Vineta," Küster, hat sich so hervorgetan, daß ihm das Militär - Ehrenzeichen 2. Klasse verliehen wurde.
— Reichskanzler Graf Bülow richtete an den Kardinal Erzbischof Dr. Fischer folgendes Telegramm: Ew. Eminenz Ernennung zum Kardinal habe ich mit aufrichtiger Freude vernommen. Ich spreche Ihnen meinen herzlichsten Glückwunsch aus zu der neuen Würde, deren Verleihung ich auch im vaterländischen Interesse begrüße.
— Im Auftrage des Kultusministers sollen die einzelnen Bezirksregierungen, wie die „Neue politische Korrespondenz" schreibt, behufs Gewinnung eines allgemeinen Ueberblicks über die auf dem Gebiete des Volksschulwesens zu treffenden Maßnahmen ermitteln, wie viel neue Schulstellen, die namentlich anzuführen sind, in jedem Kreise unter Berücksichtigung der vor- ^öenfdlTinMölÄ
Roman von O. König-Liebthal.
Schloß Hardenfels führt seinen Namen mit Recht. Fest und unerschütterlich wie ein Felsen steht das alte Gebäude da, umgeben von suräubaren Feldern und mächtigen Eichenwäldern. Hier lebte seit Jahrhunderten das edle Geschlecht derer von Hardenfels. Bon Jahr zu Jahr ward die Herrschaft Hardenfels größer, entweder durch Erbschaft oder durch Kauf, sodaß die Hardenselser stets die reichsten Herren der ganzen Gegend waren.
Freiherr Lothar von Hardenfels war ein stolzer Mann, der Wohl wußte, was sein Reichtum zu bebern ten hatte. Ein eigenes Verdienst daran hatte er freilich nicht; sein älterer Bruder Hans starb den Tod fürs Vaterland, wie viele seiner Ahnen vor ihm, und so wurde Lothar Herr von der Herrschaft Hardenfels.
Schon seit zwei Stunden saß der Freiherr in seinem elegant eingerichteten Arbeitszimmer. Auf dem Tische lagen Karten und verschiedene Zeichnungen ausgebreitet, die er immer und immer wieder aufmerksam betrachtete und vergeblich. Endlich schien er fertig zu sein.
Er stand auf und ging einige Male im Zimmer aus und ab; öfter blieb er vor dem hohen Bogenfenster stehen und schaute hinaus. Alles was er sah, war sein Eigentum, das Erbe seiner Väter.
, Ein höhnisches Lächeln verzerrte sein nicht unschönes Gesicht und leise murmelte er: „Lange kann ich es
aussichtlichen Bevölkerungszunahme in den einzelnen Jahren des nächsten Jahrzehnts zu errichten sein werden, um bei mehrklassigen Schulen 70 Kinder, bei einklassigen Schulen nicht mehr als 80 Kinder auf jede Lehrkraft entfallen zu lassen. Gleichzeitig ist die Höhe der notwendigen Staatsbeihilfen zu den persönlichen und sachlichen Einrichtungs- und Unterhaltungskosten dieser neuen Schulstellen überschlägig zu er- mitteln, sowie der Betrag der erforderlichen staatlichen Baubeihilfen anzugeben.
— Die „Statistische Korrespondenz" teilt die Ziffern für die Unterarten der Viehgattungen nach den endgültigen Ergebnissen der außerordentlichen Viehzählung vom 1. Dezember 1902 für den preußischen Staat sowie die Fürstentümer Waldeck u. Pyrmont mit:
Es wurden ermittelt
I. Pferde einschl. Militärpf.:
1. Unt. 3 I. a. nebst Fohlen 2. 3 Jahre alt u. ältere überhaupt
II. Rindvieh.
1. Kälber unt. 7» Jahre alt
2. Jungvieh von 72 bis noch nicht 1 Jahre alt
3. Jungvieh von 1 bis noch nicht 2 Jahr alt
4. 2 I. alt. u. ält. Rindvieh a) Bullen, Stiere u. Ochsen b) Kühe, Färs., u. Kalbinnen überhaupt [II. Schafe.
1. Unt. 1 I. alte (Lämmer)
2. 1 Jahr al.e u. ältere überhaupt
IV. Schweine.
1. Unt. 7, I. alte, einschl. Ferkel
2. '/, b. noch n. 1 Jahr alt.
3. 1 Jahr alte u. ältere überhaupt
am 1. Dezemiber 1902 900
443,506 478,069
2,483,978 2,445,558 2,927,484 2,923,627
1,115,684 1,130,536
1,260,445 1,409,308
1,410,473 1,649,756
717,663 687,695
5,901,504 5,999,677 10,405,769 10,876,972
1,706,956 1,962,297 4,210,742 5,039,221 5,917,698 7,001,518
7,000,137 5,339,879
3,973,777 3,587,179 1,776,084 2,039,863 12 749,998 10,966,921
— Die Neuwahlen im preußischen Landtage sollen Mitte November d. J. stattfinden, unt zwar vor Zusammentritt des Reichstages. Dabei giebts nichts Aufregendes und wahrscheinlich keine Ueberraschungeu.
— Ueber die Militärvorlage, die dem nächsten Reichstag zugehen soll, wird verschiedenen Blättern von „sehr gut informierter Seite" geschrieben, es handle sich nur darum, dritte Bataillone für 3 Regimenter in Ostpreußen und zwei Regimenter in Elsaß-Lothringen zu formieren; ferner um eine neue Infanterie- Brigade, ein Feldartillerie Regiment, etliche Jäger zu Pferde und vier neue Maschinengewehr-Abteilungen. Ursprünglich hieß es, wir bekämen eine Ergänzung der beiden überzähligen Divisionen im 1. und 16.
nicht mehr halten; wenn er das Geld nicht aufbringen kann so muß er verkaufen. — Der arme Teufel!-- Ha! ich könnte ihm helfen! Was find für einen Hardenselser einige hunderttausend Mark! — Doch nein — ich tue es nicht; er mag sehen, wie er fertig wird. — Die Gelegenheit ist günstig — ha, ha, ha!--- Waldenburg wird mein!"
Endlich sollte für den Freiherrn der Augenblick kommen, den er schon längst ersehnt hatte Mit dem, was er halte, immer noch nicht zufrieden, versuchte er, seine Herrschaft zu vergrößern.' Das benachbarte prächtige Waldenburg mußte bald zum Verkauf gelangen. Der Freiherr von Hardenfels konnte es an sich bringen, denn er hatte das Geld dazu, und er wollte es auch
Behutsam legte der Freiherr endlich die Karten und Pläne zusammen und verschloß sie; dann zündete sich eine Zigarre an und ging frohen Mutes hinaus in den Park, der weit und breit wegen seiner Schönheit berühmt war.
Er schritt den breiten Hauptweg, der von der Freitreppe aus durch den Park führte, entlang, bog dann rechts ab und ging nun etwas schneller der Laube zu, in der bei schönem Wetter stets der Kaffee eingenommen wurde, wenn kein Besuch auf Hardenfels war.
Seine Gemahlin erwartete ihn schon seit einer halben Stunde.
Die Freiin von Hardenfels war eine stattliche Erscheinung in der Mitte der Fünfziger. Das Gesicht zeigte einige Falten, die der Frau ein älteres Aussehen
Korps auf zwei volle Armeekorps. Das ist also nicht der Fall.
— Das amerikanische Geschwader verließ am 30. Juni abends gegen 7 Uhr den Kieler Hafen. Sämtliche amerikanische Schiffe feuerten einen Salut, der von allen im Hafen liegenden deutschen Kriegsschiffen mit 21 Schüssen erwidert wurde. Die amerikanischen Schiffe führten im Großtop die deutsche, die deutschen Schiffe die amerikanische Flagge. Die Mannschaften der deutschen Schiffe paradierten auf der Seite, auf der die amerikanischen vorbeifuhren. Die Signalstativn Düftsrenbrook gab dem abreisenden Geschwader das Flaggensignal „Glückliche Reise!"
Ausland.
— Das Kriegsamt in London veröffentlicht eine Depesche des dem abestynischen Heere beigegebenen Obersten Rochefort aus Biyaado vom 6. Juni, welche besagt, daß das abestynische Heer nach Gewaltmärschen am 31. Mai in der Nähe von Jeyd Speerreiter den Mullah überraschten. Die Speerreiter seien nach schwachem Widerstände geflohen. Der Onkel des Mullah und 1000 Speerreiter sollen getötet und sein ganzer Viehvorrat einschließlich 1000 Kamele erbeutet sein. Infolge der Niederlage wandte sich der Mullah mit seinen Fußtruppen nach de -Wasserstationen Gum- burau. Die Abeffynier bewegten sich in südlicher Linie nach Dscherlgubi-Galadi.
— Die „Agence Havas" meldet aus Dschibuti: In Berbera eingetroffene Somalis bestätigen die Nachricht, daß 2 000 Mann eingeborener Truppen und etwa 40 englische Offiziere bei Boholle durch Leute des Mullah niedergemetzelt worden sind. 3 Offiziere sind entkommen. Sie trafen am 19. Juni in Berbe' x ein.
~ Am 28. Juni wurde in Rom im Garten der Bastlita des heiligen Johann im Lateran der Grundstein zum Denkmal gelegt, das die Arbeiterinnen der verschiedenen Staaten zu Ehren des Papstes errichten. An der Feier nahmen der Kardinal Ferrata, das Denkmalskomitee, katholische Würdenträger und die katholischen Arbeitervereine von Rom mit Fahnen und Musik teil. Der Papst sandte seinen Segen. Es wurden Depeschen der katholischen Arbeiterinnenvereine von Berlin, Cöln und Freyburg verlesen.
— Die Pforte teilte dem österreichisch-ungarischen und den russischen Botschafter mit, daß eine aus Bulgarien gekommene Bande von 80 Personen den Ortsvorsteher von Lefchko, im Kreise Dschumaja, entführte und ermordete, weil er Mitglieder des Komitees verraten hatte.
— Nach Belgrader Meldungen erhielt König Peter, der demnächst eine Reise durch das Innere Serbiens unternehmen will, mehrere Drohbriefe, in denen es heißt, er werde auf dieser Reise getötet werden.
gaben. Auch eine Freifrau von Hardenfels hat ihren Kummer und ihre Sorgen. Emsig hatte sie an einer Handarbeit gearbeitet, sie konnte nicht müßig sitzen. Jetzt aber lag die Arbeit in 'ihrem Schoß und gedankenvoll sah sie nach bem Schloß hinüber.
Sie dachte, wie schon so oft, über ihre Lage nach. Die Freiin von Hardenfels war keine glückliche Frau. Auch hier gilt es: Es ist nicht alles Gold was glänzt. Das Glück wohnt nicht immer in Palästen; nein, die ärmste Tagelöhnerfrau in Hardenfels war glücklicher als ihre Herrin. ■
Ihr Mann verstand sie nicht; er vernachlässigte sie, ja, oft genug war er rauh und grob zu ihr. In den ersten Jahren ihrer Ehe war es anders: da war er liebenswürdig und trug seine Gemahlin auf Händen, wie man zu sagen pflegt. Jeden Wunsch den sie äußerte, erfüllte er; nichts war ihm zu teuer und gut genug, um seine schöne Gemahlin zu erfreuen. Und doch liebte die Freiin nicht kostbare Kleider und Geschmeide. Für sich gebrauchte sie wenig, destomehr aber für andere, für die große Menge, die im Schweiße ihres Angesichts auf dem weiten 'Grund und Boden der Herrschaft Hardenfels arbeitete. Der geringste Tagelöhner ihres Btannes wußte, an wen er sich in der Not wenden konnte. Keiner ging ohne Hilfe und Rat von der Freiin von Hardenfels. Das wußten alle und alle sprachen mit der größten Ehrfurcht und Liebe von ihrer Herrin. (Fortsetzung folgt.)