SchWerlmMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 59.
Samstag, den 25. Juli 1903.
54. Jahrgang.
Fortwährend
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Deutsches Reich.
— Sr. Majestät der Kaiser fuhr am Dienstag Morgen 9 Uhr mit den Herren des Gefolges auf dem Torpedoboot „Sleipner" in den Romsdalsfjord. Zu Wagen wurde dann Romsdal besucht. Die Rückkehr nach Molde erfolgte gegen 6 Uhr. Die Partie war von schönstem Wetter begünstigt.
— Se. Maj. Kaiser Wilhelm hat von seiner Nordlandreise an den Festausschuß des 10. deutschen Turner- festes in Nürnberg folgendes Telegramm gelangen lassen: „Seine Majestät der Kaiser und König haben den Huldigungsgruß der zum 10. deutschen Turnfest versammelten Turner dankend entgegengenommen und lassen allen Beteiligten bestens danken. Auf allerhöchsten Befehl i? V. Geheimer Kabinettsrat von Valentini."
— Anläßlich des Ablebens des Papstes sandte Se. Majestät Kaiser Wilhelm folgendes Beileidstelegramm an Oreglio in Rom: „Schmerzlich bewegt durch die soeben erhaltene Trauernachricht, sende ich dem hohen Kardinalkollegium den Ausdruck meiner aufrichtigen Anteilnahme an den, schwerem Verlust, welchen die römisch-katholische Kirche durch den Heinigang des Papstes Leo XIII. erlitten hat, Ich werde dem erhabenen Greise, der mir ein persönlicher Freund war und dessen so außerordentliche Gaben des Herz ns und des Geistes ich noch bei meiner letzten Anwesenheit in Rom, erst vor wenigen Wochen, erneut bewundern mußte, ein treues Andenken bewahren. Wilhelm I. V."
— Hilfe für die durch Hochwasser in Schlesien Geschädigten. Betreffs Unterstützung bedürftiger Familien traf der Vaterländische „Frauenverein", entsprechend den Erfahrungen bei früheren Neberschwem- mungen, Vorsorge. Die Tätigkeit ist gemäß der Anordnung der Kaiserin alsbald nach den ersten Ereignissen organisiert worden. Geldspenden werden entweder an den Hauptvorstand des Vaterländischen Frauenvereins in Berlin, Unter den Linden 72, oder an den Provinzialverband in Breslau erbeten.
— Reichstagsabgeordnete Rösicke-Dessau ist am Montag Abend gestorben.
— Die Anarchisten in Chicago scheinen ihre verbrecherischen Pläne zur Anstiftung von Attentaten auf europäische Staatsoberhäupter wieder aufgenommen zu haben, nachdem seit der Ermordung des Präsidenten Mc. Kinley nichts von der lichtscheuen Tätigkeit jener ^aMniels ii. Ülafönihuni.
Roman von O. König Liebthal.
(Fortsetzung.)
Als der Justizrat diese in Händen hatte, empfahl er sich. Das Spiel war aus; — Machow und der Freiherr von Hardenfels hatten es verloren.
III.
Durch den großen, stillen Hardeufelser Laubwald kam an einem herrlichen Junitage, auf einsamen schmalen Waldwege ein junger Mann daher. Hin und wieder blieb er stehen und blickte wie traumverloren nach Schloß Waldenburg hinüber, und ein wehmütiger Ausdruck verdunkelte den Blick der glänzenden Augen.
Es war Kurt von Hardenfels, der seit mehreren Stunden unterwegs war. Es war heute sehr heiß und öfters wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Er ging weiter den Pfad entlang; bald lichtete sich der Wald und vor ihin lag eine große üppige Wiese, noch zu Hardenfels gehörig.
Kurt blieb überrascht stehen. Soeben hatte er eine menschliche Stimme gehört, und als er sich nach rechts wandte, sah er nicht weit von sich entfernt, ein junges Mädchen im weißen Kleide, daß in der Hand einen Strauß der schönsten Wiesenblumen hielt. Noch hatte die Dame Kurt von Hardenfels nicht bemerkt, denn sie war mit dem Ordnen der Blunien beschäftigt und sang dabei ein Liedlein, dessen Worte allerdings Kurt nicht perstehen konnte,
Gesellschaften mehr verlautet hat. Jetzt sind die Vorbereitungen zu einem Anschlag auf den Deutschen Kaiser durch die Wachsamkeit der Polizei in Chicago entdeckt worden. Der „Berl. Lok -Anz." erhielt folgendes Telegramm: Der Polizeipräsident in Chicago bestätigt, daß er die Nachricht von einem Anarchistenkomplott gegen den Deutschen Kaiser nach Berlin gekabelt habe. Die näheren Details sollen erst nach Beendigung der Untersuchung veröffentlicht werden.
— Kardinal Fürstbischof Kopp ist am Dienstag Abend von Breslau nach Rom abgereist.
— Die „Nordd. Allg. Ztg." widmet dem verstorbenen Papste einen überaus warm gehaltenen Nachruf. In demselben heißt es: „Beim Antritt seines Pontifikates ging Leo XIII. der Ruf voran, daß er bestrebt sein werde, ein Friedenspapst zu sein und diesen Ruf hat er dem Deutschen Reiche gegenüber in richtiger Erkenntnis der wahren Interessen sowohl der Kirche wie der Staatsgewalt gerechtfertigt. Unter seiner tätigen Mitwirkung gelang es, den Kulturkampf beizulegen und einen modus vivendi mit der katholischen Kirche zu finden, der sich bis heute bewährt hat. Schon vor 18 Jahren übertrug ihm das Vertrauen der deutschen Regierung das Amt eines Schiedsrichters im Karolinenstreit mit Spanien. Wenn heute unter regem Anteil der katholischen Bevölkerung an dem Ausbau des deutschen Reiches weiter gearbeitet werden kann, so ist dies nicht zuin wenigsten der staats- männischen Einsicht Leo XIII. zu danken, der auch nach Beilegung des Kulturkampfes wiederholt und noch in feinem letzten Lebensjahre ein offenes Verständnis für die staatlichen Bedürfnisse Deutschlands gezeigt hat. Unter den vielen Päpsten, die mit der deutschen Geschichte eine Rolle gespielt haben, wird Leo XIII. eine der sympathischsten Erscheinungen bleiben.
Ausland.
— Die Leiche des Papstes wurde mit den üblichen Zeremonien nach der Peterskirche getragen. Die Leiche wurde auf dem Katafalk inmitten der Kirche gehoben, wonach die Leiche in der Sakramentshalle aufgebahrt wurde. An den Feierlichkeiten nahm auch das" diplomatische Korps teil. Alle katholischen Vereine und Kardinäle trugen brennende Kerzen. Der Platz vor der Kirche wurde militärisch besetzt. Kardinal Oreglio, der sehr leidend aussah, erklärte, er hoffe, der Papst werde recht bald gewählt werden, das Interregnum laste schwer auf seinen Schultern. Daraus will man schließen, daß dessen Wahl zum Papst unmöglich setz da sein Poutificat aller Wahrscheinlichkeit nach nur von kurzer Dauer sein werde.
— Das englische Königspaar hat Montag Nachmittag seine Reise nach Irland angetreten und gedenkt sich dort etwa 10 Tage aufzuhallen.
Kurt wagte sich nicht zu rühren; er wollte dä^ liebliche Mädchen, das er mit verwunderten Blicken betrachtete, nicht erschrecken. Die Dame ging langsam weiter und ohne es zu merken, näherte sie sich immer mehr dein jungen Freiherr».
Endlich blickte das Mädchen auf, und als es Kurt gewahrte, schoß eine Purpurwelle durch das reizende Gesicht und der schon geordnete Blumenstrauß fiel auf die Erde nieder.
Kurt von Hardenfels sprang hurtig hinzu, nahm den Strauß von der Erde und überreichte ihn der jungen Dame mit einer tiefen Verbeugung.
Sie hatte sich von ihrem Schrecken erholt; schüchtern sah sie den Herrn an mit lieblicher Stimme sagte sie: „Ich danke Ihnen, mein Herr."
„Ich bitte um Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, wenn ich sie durch mein Erscheinen erschreckt habe. Ich glaubte hier niemanden zu treffen und wollte über diese Wiese nach dem Grenzwege, der sich dort entlang zieht, um nach Hardenfels zu gelangen."
„So gehört diese Wiese nicht mehr $u Waldenburg?" fragte die junge Dame erstaunt, Kurt ansehend.
„Nein," entgegnete dieser, „sie gehört meinem Vater, den Freiherrn von Hardenfels. Wenn ich recht rate, mein Fräulein, so sind Sie die Tochier des neuen Besitzers von Waldenburg."
„Sie haben recht vermutet, Herr Freiherr," bejahte sie lächelnd, „wir sind also Nachbarskinder, und — müssen sich immer hübsch vertragen," setzte sie schalt«
st — Die Züricher Erziehungsdirektion beantragte, auf der am 4. August in Luzern zusammentretenden Konferenz der kantonalen Erziehungsbirek.oren, anläßlich einer Revision des Fabrikgesetzes bei den Bundesbehörden das gänzliche Verbot der Fabrikarbeit schulpflichtiger Kinder unter 14 Jahren anzuregen.
- Der österreichisch-ungarische und der russische Konsul in Uesküb sind von Konstantinopel zur Untersuchung der angeblichen türkischen Ausschreitungen in Gostiver und Umgebung (Wilajet Monastier) abgereist.
— Die „Morning Post" hat von einem Korrespondenten, der die Zustände in Marokko genau zu kennen behauptet, Mitteilungen erhalten, aus denen hervorgeht, daß die Aussichten des Sultans sich sehr gebessert haben. Der Prätendent soll sich, nachdem Tesa vom maurischen Kriegsminister erobert wurde, an einem Orte aufhalten, der vier Stunden von Ujda liegt. Sein' Gefolge ist nur klein, und er versucht, über die algerische Grenze zu entkommen. Der Sultan soll 3000 Mann in Ujada stehen haben, und weitere Truppen sind auf dem Wege dorthin. Man glaubt nicht, daß Buhamara weitere Schwierigkeiten machen wird, und hofft, ihn zu fangen.
— Den letzten aus Tetuan eingetroffenen Meldungen zufolae, haben die Sultanstruppen einen großen Sieg über den Prätendenten davongetragen; zahlreiche Rebellen gerieten in Gefangenschaft. Vierzig abgeschlagene Köpfe wurden nach Tetuan gesandt.
Das 10. deutsche Turnfest in Nürnberg nahm am 19. Juli seinen Anfang. Schon am Sonnabend herrschte reger turnerischer Trieb. Das Wetturnen in volkstümlichen Uebungen (Dreikampf) begann morgens 6 Uhr, bestehend aus Hochspringen, Kugelstoßen 10 Kilogramm Gewicht) und Schnellauf auf 150 m. Gleichfalls begann auch das Turnen der Kreise mit Pflichtstabübungen, Massenvorführungen, allgemeines Riegenturnen und Musterriege an Geräten, die sämtlich ein schönes Bild jugendlicher Kraft lieferten. Auf das Kommando „Kleider ab" entledigten sich die Turner ihres Rockes und der Weste und alle erschienen in weiß. Dieser Wechsel machte einen imponierenden Eindruck. Die Deckung und Richtung der Reihen war vorzüglich, auch die Uecungen, die zuin ersten Male von solchen Massen ausgesührt wurden, wurden exakt wiedergegeben. Abends um halb 8 Uhr rückten die Turner erst ab. Die Vorführung hat alle Zuschauer hochbefriedigt und hat gezeigt, was Einigkeit, Zuchr und Uebung zu erreichen vermag. Abends fanden in der Festhalle die Ausführungen der Hannover am Reck statt.
Nürnbergs Bevölkerung war am Sonntag annähernd verdoppelt. Recht schwierig schien der Transport der gewaltigen Menschenmassen und die Be- Herbergung der Turner sich zu gestalten. Aber Nürn- Haft hinzu. „Das schöne Wetter lockre michJnsFreie. Ich kam auf diese Wiese und pflückte diese Blumen hier, die ich so sehr liebe. Nun aber müssen Sie Ihr Eigentum zurückerhalten, denn diese Blumen 'gehören Ihnen. Unbewußt betrat ich fremdes Gebiet und beraubte es. Verzeihen Sie mir."
„Ich täte Unrecht, Ihnen diesen Strauß zu nehmen, gnädiges Fräulein. Behalten sie ihn und nehmen sich hin und wieder auch der anderen Blümlein an, die noch stehen und auf die Ehre warten, von solcher reizenden Hand gepflückt zu werden."
„Ich danke Ihnen für Ihre gütige Erlaubnis," entgegnete sie. „Aber nun muß ich nach Hause eilen, ich bin schon seit einer Stunde fort und Papa und Mama wissen nicht, wo ich bin. Vielleicht sehen Sie uns in dieser Woche in Hardenfels, Papa sprach schon davon."
„Ich darf Sie jetzt unmöglich allein gehen lassen, mein gnädiges Fräulein," sagte Kurt von Hardenfels, der ein Gewitter am Horizont aufsteigen sah. „Sie müssen mir nun schon gestatten, Sie nach Waldenburg zu begleiten; ein Gewitter ist im Anzüge und vor einer halben Stunde können Sie Waldenburg nicht erreichen." „Sie sind sebr liebenswürdig, Herr Freiherr," entgegnete sie ängstlich, „ich muß nun schon Ihre Begleitung erbitten, denn ich fürchte mich bei einem Gewitter," und wirklich nahm sie den angebotenen Arm des Freiherrn.
(.Fortsetzung folgt.)