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M 66.
Amtliches.
J.-Nr. 1346 St. Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises wollen mir umgehend diePersonenverzeichnisse (Gemeindesteuerlisten) für 1903 zur Nachprüfung vorlegen.
Schlüchtern, den 15. August 1903.
Der Vorsitzende
der Einkommensteuer-Veranlagungs-Kommission:
___________Roth._____________________
J.-Nr. 2215 K.-A. Dem bei dem Gastwirt und Metzger Friedrich Roßbach in Dienst stehenden Dienstknecht Kaspar Klapp zu Steinau ist für langjährige treue Dienstzeit eine Prämie von 10 Mk. aus Kreis» Mitteln bewilligt worden.
Schlüchtern, den 10. August 1903.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Roth.
Die Vorschrift der Bundesratsverordnung über di^ Beschäftigung von Gehülfen und Lehrlingen in Gast- und Schankwirtschaften vom 23. Januar 1902 (R. G. Bl. S. 33) Ziffer 4 Absatz 1 und 2, nach welcher den Angestellten eine Listündige Ruhezeit zu gewähren ist, wird vielfach so aufgefaßt, als seien die Angestellten während dieser Ruhezeiten auch an solche Anordnungen nicht mehr gebunden, die der Prinzipal für die in seine Hausgemeinschaft aufgenommenen Gehülfen und Lehrlinge im Interesse der Hausordnung, insbesondere über das rechtzeitige Nachhausekommen am Abend der freien Tage, getroffen hat. Die Folge davon ist, daß die Angestellten an diesen Tagen vielfach einen Lebenswandel führen, der sie zur Arbeit am folgenden Tage unfähig macht und schließlich ihre Entlassung nach sich ziehen muß. Der hierdurch veranlaßte häufige Stellenwechsel hat für beide TUle große Unzuträglichkeiten im Gefolge.
Diese Auffassung ist eine irrige; die in Rede stehende Bundesratsverordnung regelt nur die gewerbliche Beschäftigung oer Angestellten und es besteht demnach auch nach Ziffer 4 nur die Verpflichtung, die Angestellten während der 24stündigen Ruhezeiten nicht zu gewerblicher Arbeit heranzuziehen; die Befugnis des Prinzipals, für die seiner Hausgenossenschaft angehörenden Angestellten die im Interesse der Hausordnung erforderlichen Anordnungen zu treffen, wird daher nicht berührt, nur darf den Angestellten nicht, entgegen den Absichten der Verordnung der Genuß der freien Tage dadurch unmöglich gemacht werden.
Die Ortspolizeibehörden wollen Beteiligte hierauf besonders ausmerksam machen.
Schlüchtern, den 11. August 1903.
Der Königliche Landrat: i. V. Nolde.
Wegentek u. UTÄiIüürflT
Roman von O. König Liebthal.
(Fortsetzung.)
Noch einmal versuchten die Pferde, ihren tollen Lauf wieder zu beginnen, allein Kurts kräftiger Arm hinderte sie daran.
„Dank, tausend Dank," stammelte der Kutscher, von dem Wagen springend. Es war Friedrich, der einst Kurt von Hardenfels nach Hause gefahren hatte, an jenem Abend, als dieser zum ersten Male in Walden- burg war.
Noch zitternd vor Aufregung deutete dieser stumm nach dem Wagenschlag. Kurt riß diesen auf und regungslos sah er eine Dame im Wagen liegen. Er hob sie auf — es war Lucie Raven.
„O Gott!" entrang es sich von seinen Lippen. Mit geschlossenen Augen lag sie da, wie eine friedlich Schlummernde. Langsam hob sich ihre Brust und senkte sich wieder und Kurt merkte, daß noch Leben in ihr war. Mit dankerfülltem Blick schaute er gen Himmel.
„schnell, Friedrich, fahren Sie nach hardenfels, jede Minute ist kostbar für dies Leben!" rief er dem Kutscher zu.
„Es geht nicht, Herr," gab dieser zurück, „ein Rad am Wagen ist gebrochen."
Kurt besann sich nicht lange. Behutsam hob er die noch immer Ohnmächtige aus dem Wagen und!
Mittwoch, den 19. August 1903.
Deutsches Reich.
— Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin sind am 17. August früh 74ä mit dem aus 9 Wagen bestehenden kaiserlichen Hofzug auf den mit Blumen und Guirlanden reich geschmückten Bahnhof Wilhelmshöhe eingetroffen. 3m Gefolge des Kaisers befinden sich Oberhofmarschall Graf Eulenburg, Generaladjutant von Plessen, die Flügeladjutgnten von Schmettow und von Friedeburg, die Chefs des Militär- und Zivil- kabinettS, Hofmarschall nun Zedlitz-Trützschler, als Vertreter des Auswärtigen Amtes Gesandter von Tschirschky und Bögendorsf, Oberstallmeister Graf Wedel und Stabsarzt Dr. Niedner. Im Gefolge der Kaiserin befinden sich Kammerherr v. d. Knesebeck, Palastdame Gräfin Keller und Hofdame Gräfin Rantzau.
Zum Empfange waren auch die beiden jüngsten Kinder des Kaiserpaares, Prinz Joachim und Prinzessin Viktoria Luise am Bahnhof anwesend. Die Begrüßung von Eltern und Kindern war eine überaus herzliche. Sowohl derKaiser und dieKaiserin umarmten diePrinzessin und den Prinzen. Die Abfahrt nach dem Schloß erfolgte von der durch einen Baldachin nach der Straße zu verlängerten Kaiserlichen Empfangshalle aus. Eine nach taufenden zählende Menge bildete Spalier und begrüßte die allerhöchsten Herrschaften, welche mit freundlichem Lächeln nach allen Seiten dankten, durch begeisterte Zurufe. Der Kaiser, welcher Generals-Uniform und graue Pelerine, und die Kaiserin, die ein graues Reise- kleid trug, fuhren im ersten Wagen. Zwischen ihnen saß die Prinzessin, gegenüber Prinz Joachim. Beide Majestäten hatten ein recht frisches Aussehen. In etwa 20 Equipagen folgte die Begleitung ihrer Majestäten. Sofort nach dem Eintreffen der Majestäten im Schloß wurde die Kaiserstandarte gehißt.
Dem Vernehmen nach treffen am 18. August Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz, Seine Königliche Hoheit Prinz Eitel Friedrich und der Herzog von Sachsen - Koburg - Gotha aus Wilhelmshöhe ein.
— Se. Maj. der Kaiser begiebt sich am 24. August zur Truppenschau nach Mainz.
— Das Kaiserpaar sagte für den 9. September einen Besuch der Stadt Halle zu. Geplant ist eine Besichtigung des Kaiserdenkmals, der Moritzburgruine und der Fränkischen Stiftungen.
— Der „ Reichsanzeiger" veröffentlicht folgendes Handschreiben Sr. Majestät des Kaisers vom 14. Aug. an den Kriegsminister v. Goßler: Ich habe aus Ihrem Schreiben vom 1. August ersehen, daß Ihr Gesundheitszustand Ihnen ein weiteres Verbleiben im Dienst nicht gestattet. Ich kann mich hiernach dem Ansuchen um Verabschiedung nicht entziehen und stelle Sie daher, inbem ich Sie in meiner anderweiten Ordre lief so schnell er konnte, nach Hardensels, sie aus seinen Armen tragend. Im Fremdenzimmer, das für Gäste stets in Ordnung gehalten wurde, legte er die Ohnmächtige sanft auf das Bett. Die Freiin hatte Kurt durch den Park eilen sehen und trat auch bald ins Zimmer.
„Was ist geschehen, Kurt?" fragte sie erregt. „Wer ist das Mädchen?"
„Lucie Raven, Mama," erwiderte Kurt tonlos, „später will ich Dir alles erzählen; bleibe hier, ich werde Wasser bringen lassen. Ich will schnell zum Doktor senden, während ich selbst sofort nach Walden- burg reite, ehe der Kutscher Herrn Raven unnötige Angst bereitet."
„Sei ohne Sorge, Kürt, ich bleibe bei ihr."--
Kurt bestieg bald darauf das Pferd und ritt nach Waldenburg, während der Inspektor den Doktor aus der nahen Stadt holte.
Im Rasendem Galopp sprengte Kurt von Hardensels durch das Dorf, ohne die Grüße der gerade auf der Dorfstraße weilenden Männer und Frauen zu erwidern. Verwundert blieben sie stehen; so hatten sie den jungen Freiherrn noch nie reiten sehen.
„Was mag denn los sein?"" fragte einer den andern, aber niemand vermochte Auskunft zu geben. Schon langst war der Reiter ihren Blicken entschwunden und noch immer standen sie beisammen. Das hätte der alte Freiherr sehen sollen! Wie ein Blitz wäre er dazwischen gefahren und jeder hätte versucht, so
__________________54. Jahrgang.
vom heutigen Tage von dem Amte als Staats- und Kriegsminister enthoben habe, mit der gesetzlichen Pension zur Disposition. Gleichzeitig spreche ich Ihnen meinen königlichen Dank und meine warme Anerkennung für die Verdienste aus, welche Sie durch Ihre langjährige Zugehörigkeit zum Kriegsministerium, insonderheit in Ihrer siebenjährigen Tätigkeit in Ihrer bisherigen schweren und verantwortungsvollen Stellung sich erworben haben. Ich wünsche dies noch besonders dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß ich Ihnen meinen Verdienstorden der preußischen Krone, dessen Jnsignien beifolgen, verleihe. Um auch Ihre Zugehörigkeit zur Armee dauernd zu erhalten stelle ich Sie ä la suite des dritten Garderegiments zu Fuß und verleihe Ihnen hiermit wieder die Uniform desjenigen Regiments, welches Sie mit Auszeichnung geführt haben. Möge es Ihnen vergönnt sein, noch lange Jahre diese Ehrenstelle zu bekleiden.
Der neue Kriegsminister Generalleutnant v. ©mein genannt v. Rothmaler steht im 51. Lebensjahre. Er trat 1870 als Fähnrich in das zweite Hannoversche Ulanenregiment ein und machte den deutsch-sranzösischen Krieg mit. 1895 wurde er Generalstabschef des VII. Armeekorps. 1898 trat er als Abteilungschef ins Kriegsministerium ein, und seit 1900 war er Direktor des allgemeinen Kriegsdepartements.
— Se. Maj. der Kaiser sandte der „Frankfurter Oderzeitung" zufolge an den Sohn des verstorbenen Reichsiagspräsidenten V. Levetzow folgendes Telegramm: Neues Palais, 13. August. Die Nachricht von dem Hinscheiden Ihres Vaters hat mich schmerzlich berührt. Ich spreche Ihnen zu dem schweren Verlust mein wärmstes Beileid aus. Der Verewigte, ein echter Mürker, beseelt von Gottesfurcht, Königstreue und Vaterlandsliel», erwarb sich in allen ihm in KriegS- und Friedenszeiten anvertrauten verantwortungsvollen Aemtern hervorragende Verdienste und wirkte in reichstem Sinne. An seiner Bahre betrauere ich mit dem gesamten Vaterlande den Verlust eines der getreuesten Männer, den: ein dankbares, ehrenvolles Gedenken alle Zeiten gesichert ist. — Ihre Maj. die Kaiserin telegraphierte: Neues Palais, 13. August. Sehr betrübt über das Hinscheiden Ihres von mir hochgeschätzten Vaters sende ich Ihnen den Ausdruck meiner innigen Teilnahme an dem schweren Verlust. Mit den Seinigen Werben in dem weiten Wirkungskreise, den sein Leben ausfüllte, alle um ihn trauern, die mit ihm in Berührung kamen und mit ihin in gemeinsamer Arbeit standen. Sein Andenken bleibt gesegnet, wie sein Wirken war. Gottes Trost möge den Hinterbliebenen nahe sein.
— In unserer Reichshauptstadt, wo man sich bisher mit einem Gemeindeeinkommensteuerzuschlag von 100 Prozent beholfen hat, droht jetzt eine Erhöhung dieses Zuschlags, da der Abschluß der Stadthauptkasse schnell wie möglich aus seinen Augenzuverschwindem
Als Kurt mit Herrn Raven zurückkehrte, war der Doktor schon mit der Kranken beschäftigt.
„Aengstigen Sie sich nicht, Herr Raven," tröstete ihn der Arzt, als Raven ins Zimmer trat. „Eine ernste Gefahr für das Leben Ihrer Tochter ist nicht vorhanden."
Erleichtert atmete Raven auf; stumm verbeugte er sich vor der Freiin und trat dann geräuschlos an das Bett seiner Tochter, die eben die Augen öffnete.
„Wo bin ich?" flüsterte sie kaum hörbar.
„Fürchte nichts, mein, Kind, ich bin bei Dir," beruhigte er sie und strich liebkosend die bleichen Wangen seines Kindes. Lucie Raven lag im heftigen Fieber.
»An eine Ueberführung der Kranken nach Waldenburg ist nicht zu denken," sagte der Arzt, sich an Herrn Raven wendend. „Die gnädigste Freiin hat sich erboten, Ihre Tochter selbst zu pflegen."
„Sie sind sehr gütig, gnädige Frau," sprach Raven zu der Freiin, „doch kann ich unmöglich das Opfer— —"
„Still, Herr Raven," warf der Doktor dazwischen, „überlassen Sie getrost die Pflege der gnädigen Freiin; eine bessere Pflegerin für Ihr Kind giebt es nicht, Ihre Tochter ist in guten Händen."
Dankbar drückte Herr Raven die Hände der Freiin. „So muß ich ja nun schon Ihr gütiges Anerbieten acceptieren, gnädige Frau." Und beruhigt ritt Herr Raven nach Waldenburg zurück.
(Fortsetzung folgt.)