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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mt. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 79.

Samstag, den 3. Oktober 1903.

54. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Se. Majestät der Kaiser hat durch ein Tele­gramm aus Rominten den Tiergartendirektor Geitner ersucht, dafür Sorge zu tragen, daß durch den Tribünenbau für die Enthüllung des Wagnerdenkmals keine Bäume des Tiergartens beschädigt würden.

Das Denkmal Kaiser Wilhelms I., welches kürzlich im Beisein Sr. Majestät Kaiser Wilhelms II. in Danzig enthüllt wurde, ist 9 Meter hoch und kostet mit den Nebenarbeiten etwa 130000 Mark. Die Gründ: ngsarbeiten auf dem alten Festungsgraben haben der Stadt gegen 40000 Mk. gekostet. Schöpfer des Denkmals ist Bildhauer Boermel in Berlin. Der Kaiser sitzt hoch zu Roß mit Mantel und Helm. Der Künstler hat den Reiter so dargestellt, ols ob er aus dem dahinterstehenden hohen Tor hinausreite. Auf dem dreistufigen Unterbau ruht der Sockel, der mit polierten Granitplatten verkleidet ist, in denen vier sinnbildliche Darstellungen eingesllgt sind. Nach Westen (Vorderseite) steht am Sockel zu lesen:Kaiser Wilhelm dem Großen die dankbare Provinz Westpreußen 1903." Darüber schwebt die Kaiserkrone. Auf den Stufen dieser Seite steht das eherne Standbild der Borussia mit Gürtel und fliegendem Mantel. Die Nordseite des Sockels (nach der Ostsee) zeigt zwei Panzerschiffe auf der sturmgepeitschten See mit einem Frauenkopf darüber; die beiden Panzer entstammen einer eigen­händigen Zeichnung des Kaisers. Auf der oberen Seite des Unterbaues erhebt Agir sein triefendes Haupt. Die Südseite wird durch ein Bild des Lebens auf und neben dem Weichselstrom geziert. Auf dem jenseitigen Ufer grüßt die Marienburg, am diesseitigen d>r Segen der Ernte. Da steht eine bärtige Schnittergestal. -mit der Sense, eine junge Bäuerin hantiert mit einer Harke, ein Mädchen bindet Garben. Unterhalb der Darstellung wird der Kopf eines Mannes sichtbar.

DerB. L.-A." hatte gemeldet, der päpstliche Ge- heimkämmerer Dr. Wilpert sei von Rom nach Berlin mit einem Handschreiben des Papstes an Kaiser Wilhelni gereift; die Reise habe politische Bedeutung. Zu dieser Reise erklärt dieGermania," ihr sei nichts davon bekannt, der Prälat überbringe dem Kaiser lediglich ein Prachtwerk über die römischen Kata­komben.

Der Reichstag soll erst zum 1. Dezember ein- berufen werden. Die Militärvorlage und die Handels­verträge werden hauptsächlich den Reichstag beschäftigen. Die Militärvorlage wird eine Erhöhung der Friedens­präsenzstärke von gegenwärtig 600 600 auf 615 000 Mann fordern. Es ist eine Verstärkung von einzelnen Grenzregimentern in Ostpreußen und Lothringen um 3 Bataillone vorgesehen. Die weitere Aufstellung von 4 Maschinengewehrabteilungen ist ebenfalls geplant. Die Kavallerie wird höchst wahrscheinlich keine Ver- ^üföcnf^MfiW Roman von O. König Liebthal.

(Schluß.)

Wie kam es denn," fragte die Freiin später als sie mit Raven allein war,daß Herr von Loschwitz den Verbrecher festnahm, ehe dieser die schreckliche Tat ausführen konnte? Das müssen Sie mir noch sagen, ehe Sie heute gehen, dann weiß ich Wohl alles alles."

Ich weiß nicht, gnädige Frau," entgegnete Raven willig,ob Ihnen Kurt schon »ungeteilt hat, daß Herr von Loschwitz sich gestern mit meiner Schwägerin ver­lobt hat," Und als die Freiin nickte, fuhr er fort: -.Als Kurt gestern Abend spät von Waldenburg ge­ritten war, begaben sich Lucie und meine Schwägerin bald zur Ruhe, während wir, Loschwitz und ich, noch einige Minuten in Parke spazieren gehen wollten, da er, wie er mir sagte, vor Freuden doch noch nicht hätte schlafen können. Es war nicht zu dunkel und die Luft angenehm mild. Wir gingen einem in der Nähe des Schlosses liegenden Pavillon zu, um uns dort zu setzen Kaum hatten wir jedoch Platz genommen, als Loschwitz plötzlich sein Gespräch abbrach und starr nach dem Schlosse hinüber schaute.Was hast Du?" fragte ich ihn.Mir war, als ob sich dort etwas bewegte," anNvorNue er mit tiefer Stimme und zeigte mit der Hand noch der betreffenden Richtung, wo er die Bewegung wahrgenommen hatte, und noch ehe ich rtwas erwidern sonnte, war er schon verschwunden.

Mehrung erfahren, erwogen ist nur eine Verstärkung des Meldereiterwesens um 67 Eskadrons Jäger zu Pferde. Bei der Artillerie dürfte die Persoualver- mehrung nur unwesentlich sein und sich auf die Ver­stärkung der Fußartillerie in einigen Grenzfesten be­schränken. Schließlich sollen noch einige Telegraphen­bataillone um je eine Kompagnie verstärkt werden.

Wie in Bern amtlich bekannt gegeben wird, werden die Handelsvertragsverhandlungen der Schweiz mit dem Deutschen Reiche am 9. Oktober beginnen. Der schweizerischeBundesrat bezeichnet alsBevollmächtigte den schweizerischen Gesandten in Berlin Dr. Roth und die Nationalräte Künzli und Frey. Die Verhandlungen finden in Berlin statt.

Die Firma Krupp in Essen (Rnhr) hat nach derTgl. Rdsch." von der Schweiz den Auftrag er­halten, 288 Rohrrücklaufkanonen zu liefern. Als Lieferzeit sind drei Jahre bestimmt.

Ausland.

Kaiser Nikolaus ist von Darmstadt am 29. September um 6 Uhr nachmittags nach Wien ab­gereist und wird am 4. Oktober in Darmstadt zurück­erwartet.

DasWien. Fremdenblatt" bespricht die An­kunft des Zaren und weist darauf hin, daß die öffent­liche Meinung in Oestereich-Ungarn das Einvernehmen mit Rußland hoch einschätze. Die enge Annäherung bewährte sich in allen Phasen der mazedonischen Be­wegung, wodurch der Beweis erbracht werde, daß sie aus der Erkenntnis der beiderseitigen Interessen hervor­gegangen ist. Beide Reiche streben nicht nachGebiets- geiuinn, sondern nach ruhiger Fortentwickelung der einheimischen Bevölkerung in den gegenseitigen Grenzen. Die Friedensliebe beider Herrscher treffe zusammen, wie die politischen Interessen beider Länder. Daraus ergebe sich die Konsequenz, daß man die Gestaltung der Schicksale der Balkanhalbinsel nicht unberechenbaren, leidenschaftlichen Bewegungen überlassen dürfe, welche dort entstehen. Kaiser Nikolaus, so schließt der Artikel, ist ein Friedenskaiser und befindet sich damit inUeber- einftimmung mit unseren Monarchen und den Völkern Oesterreich-Ungarns. Dank dieser Uebereinstimmung wird sich die gegenwärtige schwere Situation überwinden lassen und allmähliche Besserung der Zustände in den türkischen Provinzen eintreten.

In dem Prozeß gegen die Nischer Offiziere, die an dein Komplott wider die serbischen Königs­mörder beteiligt waren, ist das Urteil gefall: worden. Entgegen der allgemeinen Erwartung wurden alle An­geklagten bestraft, und zwar meist mit hohen Freiheits­strafen. Die Rädelsführer Hauptleute Novakowitsch und Lazarewitsch erhielten 2 Jahre Kerker nebst Ver­lust der Offiziercharge, Oberleutnant Todorowitsch acht Monate, der ehemalige Leibarzt König Alexanders Auch ich konnte, da der Mond einen Augenblick nicht von den dunklen Wolken verdeckt war, eine Gestalt sehen, die sich vorsichtig an dem Schlosse entlang schlich. Mehrere Male blieb die Gestalt stehen, um zu horchen, und ging dann weiter, als alles sicher schien. Loschwitz hatte sich inzwischen furchtlos bis auf etwa vierzig Schritt dem Manne genähert und verbarg sich hinter einem Strauch, um von hier aus zu spähen. Der Mann der sich immer im Schatten des Schlosses hielt, machte bald Halt; vorsichtig legte er die kleine Leiter, die er mit sich führte, an die Wand und kletterte hinauf. Loschwitz konnte von seinem Versteck aus alles gut beobachten und hielt nun den Augenblick des Ergreisens für gekommen. Eben war der Schurke im Bcgriffe, das nur angelehnt gewesene Fenster behutsam zurück- zustoßen, als Loschwitz schon die Leiter erreicht hatte und diese nun mit kurzem Ruck umriß.

Mit einem Fluchwort fiel der Schurke zur Erde nieder. Auch ich war jetzt zur 'Stelle und uns beiden gelang es nun, den erwischten Verbrecher zu fesseln.

Dies ging alles so schnell.und lautlos zu, daß weder Lucie, noch meine Schwägerin, die in demselben Zimmer schlief, etwas davon merkten.

Da wir bei dem nun unschädlich gemachte:! Manne einen scharfgeschliffenen Dolch fanden, war es für uns nicht mehr zweifelhaft, was er vor hatte. Ich schickte sofort noch nach der Stadt zur Polizei, die dann bald auch erschien und den Gefangenen mitnahm. Dort gab er an, im Aufträge des Freiherrn gehandelt zu

Velieschkowitsch einen Monat, ebenso Rittmeister Leontkiewitsch. Die übrigen 22 Angeklagten erhielten Kerkerstrafen von vier, acht und zwölf Monaten. Alle haben Berufung eingelegt.

Der bulgarische Ministerpräsident Petrow em= pfing eine Abordnung der mazedonischen Kolonie Sofias, welche ihn fragte, welche Haltung die bul­garische Regierung einnehmen werde gegenüber der mazedonischen Frage und wie die Regierung chen Fall eines Angriffskrieges gegen die Türkei ins Auge fasse. Der Ministerpräsident erwiderte, keiner anderen Re­gierung lägen die Interessen der Mazedonier und Adrianopolitaner mehr am Herzen als der jetzigen. Der Gesichtspunkt der Regierung, welche immer die Freundschaft der Türkei und vollständige Ueberein- stimmung in allen Streitfragen nachgesacht habe, sei durch die jüngsten Ereignisse nicht geändert. Die. Re­gierung verfolge die Ereignisse mit dem Interesse, die he zulassen, und vernachlässige niemals das Recht noch die Pflicht, ihren Landsleuten zu nützen, besonders in einem tatsächlich so ernsten Augenblick, so daß sie in den Interessen der Brüder in Mazedonien und Adria­nopel ihr eigenstes Interesse sehen werde, ohne indeß die vitalen Interessen Bulgariens aufs Spiel zu setzen.

Thales und Provinzielles.

Schlüchtern, 2. Oktober 1903.

* Der heutigen Auflage unserer Zeitung liegt der Winterfahrplan 1903/04 bei, worauf wir unsere werten Leser besonders aufmerksam machen.

* Wir machen unsere verehrten Leser daraus aufmerksam, daß die erste Rate der Kirchensteuer in .der Zeit vom 1.8. Oktober d. Js. entrichtet werden -muß.

* Ernannt wurde der Hilfsförster Knorz zu Oberzell in der Oberförsterei Oberzell zum Förster unter Uebertragung der Försterstelle Schemmern, Ober- försterei Stölzingen, vom 1. Oktober d. I. ab.

* Im Monat Oktober sind jagdbar männliches Rot- und Damwild, weibliches Rot- und Damwild und Wildkälber, Rehböcke, weibliches Rehwild (vom 15. Oktober ab), Dachse, Auer-, Birk- und Fasanen­hähne, wilde Enten und Schwäne, Trappen, Schnepfen, Rebhühner, Fasanenhennen, Haselwild, Wachteln, Lerchen, Hasen und alle Drosselarten.

- * Falsche Fünfmarkscheine, die täuschend nach­gemacht sind und nur eine etwas hellere Färbung wie die echten haben, sind gegenwärtig im Umlauf. Die Schraffierung auf der Rückseite der echten Scheine ist bei diesen falschen Scheinen durch kleingeschnittene Menschenhaare täuschend nachgemacht, und zwar derart, daß man die Fälschung nur unter Zuhilfenahme eines feinen Messerchens feststellen kann. Der Druck des Strafandrohungs-Vermerkes ist auch nicht so klar ge­raten wie bei den echten. haben, was man natürlich nicht glauben konnte. Erst als das Schriftstück, von der Hand des Freiherrn ge­schrieben, vorgelegt wurde, konnten die Herren nicht mehr an den Angaben des Gefangenen zweifeln. Sie erschienen deshalb hier in Hardenfels, um auch den Freiherrn zu verhaften. Was weiter geschah, gnädige Frau, wissen Sie bereits und nicht genug können wir Gott danken, daß er durch Loschwitz den Freiherrn vor einem Mord bewahrte. Leider beging dieser nun eine zweite Sünde, indem er sich selbst das Leben nahm. So rettete diesmal Loschwitz mir die Tochter, wie ehedem Kurt es tat, und diesem wieder die Braut. Gotteswege sind wunderbar. Ihnen, gnädige Frau, legte er eine Last auf, aber er wird Ihnen auch die Kraft schenken, sie zu überwinden."

O Gott!" schluchzte die Freiin,noch immer kann ich es nicht glauben. Dieser Mann muß so ein Ende nehmen!"

Am dritten Tage wurde der Freiherr Lothar von Hardenfels still und ohne Glanz in der Familiengruft der Hardenfelser beigesetzt. Nur die Waldenburger Herrschaften waren erschienen. Loschwitz war tief be­wegt. Wie hatte er ihn damals Verlassen und wie fand er ihn jetzt wieder! Dort unten lag er nun, der stolze Freiherr, an der Seite seiner Ahnen, der erste feines Geschlechts, der ein Ende mit Schrecken genommen hatte.

Mu dem Tode des alten Freiherrn von Harden­fels war Ruhe und Frieden in Hardenfels eingekehrt.