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Samstag, den 28. November 1903.
54. Jahrgang.
Jeder-
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Deutsches Deich.
— Die Operationswunde an der linken Stimm- lippe Sr. Majestät des Kaisers ist seit dem 19. ds. Ms. vernarbt. Se. Majestät der Kaiser und König bedürfen noch. einige Zeit der Stimmschonung, bis die Narbe hinreichende Festigkeit gewonnen hat. Aller- Höchstderselbe braucht jetzt eine Massagekur des Kehl- kopfes, verbunden mit Stimmübungen. Voraussichtlich wird innerhalb einiger Wochen die Stimme wieder gebrauchsfähig werden. v. Leuthold, Schmidt, Dr. Jlberg.
— Der Reichstag ist durch eine kaiserliche Verordnung vom 23. d. M. zu Donnerstags den 3. Dezember einberufen worden. Das ist einige Tage früher als man letzthin annahm. In Regierungskreisen scheint man jetzt doch darauf zu rechnen, daß die Verhandlungen über die Verlängerung des Zollprovisoriums mit England doch mehr Zeit in Anspruch nehmen könnten, als man bisher gemeint hatte. In der Tat ist der dritte Dezember der allerspäteste Termin für den Zusammentritt des Reichstages, wenn außer dem unbedingt notwendigen Zollprovisorium noch der Etat in erster Lesung erledigt und an die Budgetkommission über- wiesen werden soll. Von dem Befinden des Kaisers und dem Wunsche der persönlichen Eröffnung des Reichstages durch den Monarchen ist der Einberufungs« termin, wie erst unlängst versichert wurde, niemals abhängig gemacht worden. Wie schon wiederholt, wird die Thronrede wahrscheinlich auch diesmal vom Reichskanzler vorgelesen werden.
Die Einberusungsordre lautet:
„Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen rc., verordnen auf Grund des Artikels 12 der Verfassung im Namen des Reiches was folgt: Der Reichstag wird berufen, am 3. Dezember d. Js. in Berlin zusammenzutreten, und beauftragen den Reichskanzler mit den zu diesem Zweck nötigen Vorbereitungen.
Urkundlich unter Unserer Höchsteigenhändigen Unterschrift und beigedrucktem Kaiserlichen Jusiegel.
Gegeben: Neues Palais, 23. Novbr. 1903. Wilhelm.
Graf von Bülow."
— Der Lloyddampfer „König Albert," mit dem Prinzen Adalbert, dem dritten Sohne des Kaisers an Bord, wird dieser Tage in Hongkong erwartet. Von
Da$ GehennnZs des Schleiers.
Roman von H. v. Benitzki, aus dem Ungarischen von C. Langsch Nachdruck verboten
Dahin, wo alle Berechnung in nichts vergeht, Wo her Verstand und die menschliche Kraft aushört und Äes in einem Gefühl, einem Sehnen, einem Wunsche zusammenfließt.
XIV.
Großes Gedränge herrschte auf dem Perron des Pester Bahnhofs. Der nach Italien gehende Zug sollte in Wenigen Minuten abfahren. Vor einem der Waggons schritt eine vornehm aussehende Dame auf und nieder, unruhige Blicke nach der geöffneten Tür des Wartesaales werfend, augenscheinlich erwartete sie jemandem mit Ungeduld.
Es hatte schon zum zweiten Male geläutet; die Reisenden suchten ihre Plätze auf, nur Gräfin Sabine — denn sie war es — blieb noch aus dem Perron zurück.
Der sie begleitende Kammerdiener konnte nicht begreifen, warum seine Herrin nicht entsteige, da doch das Zeichen zur Abfahrt sofort ertönen mußte.
Endlich winkte die Gräfin einem sich nähernden Herrn mit der Hand und beide stiegen ins Koupee.
»Ich habe mich schon über Ihr Ausbleiben beunruhigt", sagte Sabine noch unter dem Eindruck des Wartens unwillkürlich. Wäre sie weniger erregt ge-
dort begiebt sich der Prinz an Bord des Kriegsschiffes „Hertha."
— Eine Warnung vor dem Studium der Elektrotechnik veröffentlicht ein älterer Elektro-Jngenieur in der „Köln. Ztg." Er verweist auf den Rückschlag im Jahre 1900, der von allen Industrien die Elektrotechnik wohl am härtesten traf, ferner auf die Verschmelzung der größten deutschen Elektrizitätsgesellschaften wodurch ein ganzes Heer von Ingenieuren brotlos wurde. Nichtsdestoweniger erfolgen immer noch neue Nachschübe von der Hochschule. Wie diese jungen Leute in den nächsten Jahren unterkommen wollen, bei der schon großen Zahl älterer, erfahrener Ingenieure ohne feste Anstellung muß als ein Rätsel betrachtet werden. Eine flüchtige Berechnung des Verfassers lehrt ihn, daß der Bedarf an Kräften in der Elektro- Jndustrie, selbst wenn die angebrochenen besseren Zeiten fortdauern sollten, anf alietmiiwM;e!i£ 5 Jahre aus dem vorhandenen Bestände gedeckt ist. Es ergeht daher an alle jungen Studierenden die Warnung, nicht unbesonnen die Elektrotechnik zum Gegenstand ihrer Studien zu machen.
— Saatenstand in Preußen von Mitte November. Wenn 1 sehr gut, 2 gut, 3 Mittel: Winterweizen 2,5, Winterspelz 2,2, Winterroggen 2,4, junger Klee 2,4, Luzerne 2,7. Die entsprechenden Ziffern des Vorjahres waren 2,8, 2,2, 2,9, 2,4, 2,4 die entsprechenden Ziffern des Vormonats 2,6, 2,1, 2,5, 2,3, 2,5. In den Bemerkungen der „Etat. Korr." über den Saaten- standsbericht heißt es: Nach einigen kühlen Tagen zu Anfang des Berichtsmonats sei in den meisten Landesteilen mildes, zuweilen auch feuchtes, vorherrschend aber schönes Herbstwetter eingetreten, das den Fortgang der Arbeiten zur Winterbestellung begünstigte. Der Stand der jungen Saaten sei dank der bisher so günstigen Witterung fast überall zufriedenstellend. Wäre nicht ein großer Teil des Weizens noch einzu- säen, dessen Entwickelung jetzt, wo der Winter vor der Tür sei, nicht mehr vorausgesagt werden könne, so müßte, abgesehen von der stellenweise drohenden Vernichtung durch Mäuse und Schnecken, die gesamte Einwinterung als durchaus günstig bezeichnet werden. Von den Roggensaaten werde berichtet, daß die früh bestellten bereits teilweise zu kräftig bestockt und zu lang und Saß sie ferner in manchen Gegenden gelbspitzig geworden feien, angeblich infolge der Trocknis nach dem Aufgehen, indessen meinen andere Vertrauens männer, daß die gelben Spitzen durch Insektenfraß verursacht seien. Ueber den Stand des jungen Klees seien die Nachrichten meist zufriedenstellend.
— Die Verhandlungen über den deutsch-russischen Handelsvertrag, die gegenwärtig in Berlin geführt werden, dürften nach einer Mitteilung des russischen Handels-Telegraphenbureaus aus Petersburg voraussichtlich bereits Ende dieser Woche zum vorläufigen
wesen, hätte sie dies nie gesagt.
„Gestern waren Sie ja noch entschieden dagegen, daß ich Sie begleite."
„Und heute fehlten Sie mir doch."
Der junge Mann antwortete mit einem Warnten Blick, der Sabine erröten machte.
„Wissen Sie", sagte sie, um ihre vorigen Worte abzuschwächen, „daß die Gewohnheit im Menschen das Mächtigste ist?"
„Dahin zählen Sie auch wohl meine täglichen Besuche. Sie gestatten mir ja nur mitzufahren, um Ihren Arzt nicht wechseln zu müssen." .
„Vielleicht ist dies der Grund, vielleicht nicht", sagte nachdenklich die Gräfin. „Sie bringen mir durch Ihre Begleitung ein großes Opfers indem Sie Ihre Praxis und das, was Sie lieben, verlassen."
„Ich verlasse die Praxis, um zu begleiten, was ich liebe", entgegnete Sigmund begeistert, dann schwieg er, ob seiner Kühnheit erschrocken, still. — Sabine lächelte, nicht ermutigend, aber auch nicht tadelnd, und doch konnte sie durch dieses nichtssagende Lächeln das Blut ihres Begleiters in Wallung bringen.
Der Zug brauste mit Windesschnelle Weiter. Ebnen und Wälder, Felder, Berge und wellenförmige Gegenden flogen an den Reisenden vorüber. Der wogende Plattensee, dann Steiermarks Fichtenwälder wechselten mit alten befestigten Burgen und Klöstern ab, die Liebesgeschichten voll Tränen und Liedern aus alten längst verschollnen Zeiten erzählten
Abschluß gelangen. Gegenüber diesen „allzu optimistisch gehaltenen" Mitteilungen erfährt die „Nationalztg.", daß der Stand der Verhandlungen als gut bezeichnet werden dürfe.
— Das von dem Kaiserlich Statistischen Amt herausgegebene „Reichs-Arbeitsbl." schreibt über den Arbeitsmarkt im Monat Oktober: „Die Lage des Arbeitsmarktes hat sich im Monat Oktober im wesentlichen auf der Höhe des Monats September halten können, wenn auch in einigen Branchen ein Rückgang der Beschäftigung eintrat und in einzelnen Gewerben sich bereits das Nahen der winterlichen Jahreszeit geltend machte. Insbesondere wirkte das milde Wetter im Oktober günstig auf die Bautätigkeit ein. Der Kohlenbergbau war ebenso Wie in den Vormonaten sehr gut beschäftigt, die Metall- und Maschinenindustrie war, abgesehen von der Roheisengewinnnng, in der ein Nachlassen der Beschäftigung sich geltend machte, im allgemeinen genügend mit Austrä gen versehen, und die Textilindustrie hatte, von einzelnen Branchen abgesehen, durchweg zufriedenstellend zu tun. Ebenso lagen günstige Verhältnisse in der chemischen und elektrischen Industrie vor, während eine Anzahl weiterer Industrien bereits durch das beginnende Weihnachtsgeschäft eine Anregung erhielt. Eine Erschwerung bedeutete das milde Wetter vor allem für die Konfektionsindustrie, da sich hier der Winterbedarf der Konsumenten verzögerte. Waren auch in einzelnen Berufen (Bäcker, Kellner, Bildhauer, Konfektionsarbeiter) im Oktober ungünstige Verhältnisse vorhanden, so darf doch das Gesamtbild des deutschen Arbeitsmarktes im Oktober in Anbetracht der vorgerückten Jahreszeit als verhältnismäßig befriedigend wohl bezeichnet werden, wenn es auch nicht mehr so günfti^var wie im Monat September. Die an die Berichterstattung des „Reichs-Arbeitsblattes" ange» schlossenen Kassen zeigen für Oktober eine Zunahme des Beschäftigungsgrades um 25954 gegenüber einer Zunahme von 28474 im September. Die Vermittel- ungs-Ergebnisse der Arbeitsnachweise gingen im Oktbr. im Vergleich zum Vormonat zurück.
Ausland.
— Bischof Anzer, der tags zuvor noch vom Papst in Audienz empfangen wurde, ist am Dienstag nachmittag 5 Uhr an einem Gehirnschlag in Rom plötzlich gestorben.
— Das italienische Königspaar ist von seiner Londoner Reise wohlbehalten nach Italien zurückgekehrt. Von unterwegs hatte es dem König Eduard nochmals seinen Dank für die herzlichen Kundgebungen und den warmen Empfang ausgesprochen.
— Der Acre-Streit zwischen Brasilien und Bolivien ist nunmehr durch eimn Vertrag geschli hw, nach welchem Brasilien das Land bis zum 11. Breitengrade
„Ich war weit von hier", begann sie mit istrer sanften wohltönenden Stimme. „Meine immer rege Phantasie führt mich oft bis an die Grenzen des Mog- lichm. Die Vergangenheit und Zukunft verschmilzt vor meiner Seele, aber die Bitterkeit hat nicht mehr die alte Macht über mich". Zögernd, wie noch träumend, sagte sie diese Worte, welchen Sigmund mit heißem Interesse lauschte.
„Ich war am Comersee", fuhr Sabine fort, „alles war so bekannt; aus allen Gräsern, Bäumen und Blumen erschienen mir Erinnerungen zuzuwinken. Ich bin in Bergamo geboren, von Wo Wir oft Ausflüge an den Comersee machten. Mein Vater, der Sternkundiger war, lehrte mich frühzeitig die Himmelskörper kennen. Ich erzählte Ihnen wohl niemals davon?"
„Doch, einmal erwähnten sie flüchtig, daß Ihr Vater Astronom War, und Sie in Bergamo geboren wurden."
„Haben Sie schon einmal etwas von meiner Vergangenheit gehört?"
„Sehr wenig."
„Würde Sie meine Geschichte interessieren?"
„Sie zu erfahren ist längst meine größte Sehnsucht, doch wagte ich nicht darum zu bitten.“
„Nun mage ich selbst Ihnen das Anerbieten und weiß doch nicht, warum. Ich will mein Herz durch diese Erzählung erleichtern. Ich begann diese Reise mit sehr finstern Gedanken."