Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
96.
Amtliches.
J.-Nr. 3307 K.-A. Die Herren Bürgermeister der Stadt- und Landgemeinden werden ersucht innerhalb 5 Tagen zu berichten, welche Beträge für verkauftes Gemeindeobst im Jahre 1903 erzielt worden sind.
Schlüchtern, den 28. November 1903.
Der Königliche Landrat: Roth.
J.-Nr. 3306 K.-A Die Standesamtsregister und Formulare zu Registerauszügen pro 1904 sind seitens der Herren Standesbeamten innerhalb 8 Tagen im Bureau des Kreisausschusses in Empfang zu nehmen.
Schlüchtern, den 30. 97oöem6er 1903.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses: Roth.
Deutsches Reich.
— Sr. Maj. der Kaiser hat den Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Moritz Schmidt zum Wirklichen Geh. Rat mit dem Prädikat „Exzellenz" ernannt. Die „Nat.-Ztg." bemerkt hierzu: „Diese hohe Auszeichnung darf als ein weiterer Beweis für die gelungene Operation bei unserem Kaiser und für die fortschreitende Besserung in seinem Befinden angesehen werden. Das letzte Bulletin und diese Auszeichnung sind wohl geeignet, alle ungünstigen Gerüchte zu widerlegen, die in den letzten Tagen über die Gesundheit unseres Kaisers verbreitet wurden. Nach besonderen Informationen liegt in der Tat kein Grund zu irgend welchen Besorgnissen vor. Wir wissen von Patienten des Geh Rats Moritz Schmidt, die er auch an Kehlkopfpolypen operiert hat, daß er in solchen Fällen regelmäßig eine drei- bis vierwöchige Schonung aufzuerlegen pflegt. Es ist deshalb nur natürlich, daß er dieselbe Vorsicht auch beim Kaiser obwalten läßt."
— Trotz des rauhen und stürmischen Schnee- Regenwetters hat der Kaiser die täglichen Spaziergänge, die ihm gut bekommen, beibehalten. Das Befinden des Monarchen läßt nichts zu wünschen übrig, nur im Gebrauch der Sprache wird noch etwas Vorsicht beobachtet. Ob der Kaiser den Reichstag persönlich am Donnerstag mittag 12 Uhr eröffnet, ist noch nicht bestimmt entschieden.
— Zum Todestage Krupps hat der Kaiser an die Witwe des Verstorbenen ein Schreiben in herzlichen Worten gerichtet und gleichzeitg einen Kranz am Grabe niederlegen lassen. Kränze haben ferner gesandt Prinz-Regent Luitpold von Bayern und die Groß- Herzöge von Baden und Hessen.
— Dem Vorsitzenden des preußischen Landes-Krieger- Verbandes, General der Infanterie z. D. v. Spitz, ist folgende Danksagung aus dem Zivilkabinett des Kaisers zugegangen: „Eurer Exzellenz beehre ich mich in Erwiderung des gefälligen Schreibens vom 13. d. M. ganz ergebenst mitzuteilen, daß ich nicht unterlassen habe, die an Seine Majestät den Kaiser und
®a$ Geheimnis des Schleiers.
Roman von H. v. Benitzki, aus dem Ungarischen von C. Langsch Nachdruck verboten
Er stürzte Glas um Glas hinunter, und war wie umgewandelt. Seine Blicke und Stimme war kühn und zudringlich, und plötzlich umarmte er mich und küßte mich mehrere Mal vor der ganzen Versammlung.
Tiefe Stille herrschte nach diesem Auftritt. Ueber- all erblickt man erschrockene Gesichter; ein Gemurmel der Mißbilligung machte sich rundum hörbar, alle Augen waren auf uns und besonders auf meinen Vater gerichtet, welcher in Bergamo hoch geachtet und angesehen war. Dieser saß totenbleich vor Wut, doch faßte er sich, stand auf und rief mit lauter Stimme durch den Saal: „Meine Herren und Damen, damit Sie das Benehmen des Grafen meiner Tochter gegenüber nicht falsch deuten, stelle ich sie Ihnen als die Braut desselben vor. Heut morgen hielt er um ihre Hand an."
Freudige Bewegung herrschte nach dieser Erklärung unter den Anwesenden, alle eilten auf mich zu, um mich zu beglückwünschen. Moritzens Freunde erbleichten, er selbst aber schloß mich in die Arme. Er war fast unzurechnungsfähig und brach im nächsten Augenblick in ein wahnsinniges Freudengeschrei aus, warf Gläser und Teller an die Wände und Boden, bis ihn seine Freunde ergriffen und schleunigst flach Aause brachten.
Mittwoch, den 2. Dezember 1903.
König gerichtete Adresse des Vorstandes des preußischen Landes-Krieger-Verbandes Allerhöchsten Orts in Vorlage zu bringen. Seine Majestät geruhten die teilnahmsvolle Kundgebung und die freundliche Wünsche für Allerhöchstihre bald zu erhoffende völlige Genesung gern entgegenzunehmen und lassen Eurer Exzellenz und den Mitgliedern des Vorstandes des preußischen Landes-Krieger-Verbandes bestens danken.
gez. von Lucanus.
— Der neue Postetat enthält nach der „D. Ver- kehrsz." eine Erhöhung des Anfangsgehaltes der Landbriefträger von 700 auf 800 Mk.
— Ueber die Postkonferenz in Berlin, zu welcher der Staatssekretär des Reichspostamts Vertreter der Handels- und Jndustriekreise eingeladen hatte, weiß der „Br. Gen.-Anz." zu berichten: Die Postverwaltung plant die Aufstellung besonderer Briefkästen für Spätlingsbriefe, die kurze Zeit vor Abgang der wichtigsten Züge geleert werden. Die Spätlingsbriefe müssen um 10 Pfg. höher als nach dem gewöhnlichen Portosatz frankiert sein. — Zur Erleichterung der Aushändigung von Postanweisungen, Wert- und Einschreibsendungen an Reisende sollen Postausweiskarten eingeführt werden, die die Photographie usw. des Besitzers enthalten.
— Die geschiedene Großherzogin von Hessen demeu- tiert energisch die Nachricht des „Posener Tagebl.", Prinzessin Elisabeth sei einer Vergiftung durch Strych- nin zum Opfer gefallen.
— Die Leichenfeier für den in Rom plötzlich verstorbenen Bischof v. Anzer fand am Freitag in der Kirche des dortigen deutschen Friedhofes statt. Die Leiche wird einbalsamiert und die Präkordien kommen nach Tsingtau.
— Zum Bischof von Mainz wurde Domkapitular Dr. Georg Kirstein gewählt, welcher auch die Wahl annahm. Domkapitular Georg Kirstein ist am 2. Juli 1858 in Mainz geboren. 1880 erhielt er die Priesterweihe. Nachdem er an verschiedenen Orten als Kaplan gewirkt hatte wurde er 1891 zum Pfarrer von Gau-Algersl eim ernannt; dann wurde er zum Dekan erhoben. Ende 1902 wurde er durch Bischof Brück zum Domkapitular ernannt und siedelte damit nach Mainz über, wo er vor zirka zwei Monaten Regens des dortigen Priesterseminars wurde. Seine Karriere ist eine außerordentlich rasche gewesen.
— Der bekannte Antisemitenführer Wilhelm Picken- bach, der l auch von 1890 bis 1893 dem Reichstage angehörte und Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung war, ist gestorben. Namentlich in der antisemitischen Bewegung in den achtziger Jahren trat Pickenbach stark hervor.
— Am Montag Vormittag 10 Uhr trat in Berlin der Kolonialrat unter dem Vorsitz des Kolanialdirektors Stübel zusammen.
Auch wir verließen das Gasthaus. Weinend kam ich daheim an. Eine traurige Zukunft eröffnete sich mir; alle die süßen Hoffnungen, die Träume und Ideale, welche das Herz eines 16jährigen Mädchen erfüllen, zerfielen in Nichts. Meines Vaters Verzweiflung und Zorn waren unbeschreiblich. „Wenn diese Heirat nicht zu Stande kommt ist Dein Ruf dahin und Deine Zukunft vernichtet. Sollte Gerendy den Versuch machen zurückzutreten, so töte ich ihn. Mag mit wir geschehen, was da will, meine Rache entgeht er nicht." „Aber ich liebe ihn nicht," sagte ich weinend.
„Das kommt neben Deiner Ehrenrettung nicht in Betracht," entgegnete mein Vater streng.
„Vielleicht liebt er mich auch nicht und wird mich hassen, wenn man ihn zur Ehe zwingt, fuhr ich fort. Was für ein Leben würde dies sein; Fern von hier, im fremden Lande seiner wahnsinnigen Wut preisge- geben. Wenn er Wein trinkt, wird er zum wilden Tier. O Vater, welch' schreckliche Zukunft!"
Verzweifelt verbrachte ich die gleicht. Am nächsten Morgen, ganz in der Frühe, erschien ein Freund Gerendys. „Moritz liegt noch besinnungslos", sagte er. „Er kann nicht heiraten, denn wenn er mehr als gewöhnlich trinkt, ist er zu allem fähig, zu Streit und Mord bereit, und wir Freunde waren schon Zeugen schrecklicher Taten in seiner Trunkenheit."
»Ist er pft in derartigem Zustande," fragte mein
54. Jahrgang.
Ausland.
— Wie der „Franks. Ztg." aus St. Gallen gemeldet wird, beschloß die Ortsbürgergemeinde St. Gallen versuchsweise die Lebens- und Altersversicherung für sämtliche 4* emeindebürger einzuführen.
— Wie kein anderes Land, des europäischen Kontinents ist Frankreich mit indirekten Steuern gesegnet, trotzdem winken ihm noch neue Steuern. Die Armeeinspektion, welche den Gesetzentwurf über die zweijährige Dienstzeit nahezu durchberaten hat, fügte, der „Frkf. Ztg." zufolge, eine Militärtaxe für alle Dienstuntauglichen ein, welche nicht Krüppel sind, sowie eine Junggesellensteuer für Landwehrleute, die ledig geblieben sind.
— Beruhigende Nachrichten aus Deutsch-Südwestafrika. In Kapstadt ist die Meldung eingetroffen, wonach die Hottentottenhäuptlinge Hendrik, Witbovi, Beersiba und Bethani in Keetmannshoop die Ankunft des deutschen Gouverneurs Oberst Leutwcin erwarten, um die ganze Angelegenheit zu regeln. Man erwartet, daß eine befriedigende Regelung erfolgen werde.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchtern, 1. Dezember 1903.
—* Wir stehen nunmehr im Christmonat und in der Zeit vor weihnachtlicher Stimmung. Mit raschen Schritten kommt das schönste aller Feste uns von Tag zu Tag näher, und Alt und Jung sehen ihm in froher Stimmung und mit Ungeduld entgegen. Die Kaufleute blicken mit Stolz auf ihre reichlich vermehrten Warenbestände, von denen die Auslagen in den Schaufenstern des Schönen, Herrlichen und Nützlichen viel versprechen. Die Familienväter zählen die Häupter ihrer Lieben u. entwerfe? im Geheimen einen Kostenanschlag über die bevorstehende Bescheerung. lind unsere lieben Kleinen? Nun sie wiegen sich in den buntesten Träumen Vorn Christkinde und vom freigebigen Weihnachtsmanne; die helle Freude leuchtet ihnen aus den Augen, wenn des nahenden Christfestes erwähnt wird. Wir wünschen Jedem, daß seine Weihnachtshoffnungen sich reichlich erfüllen möchten. Zu diesem Wunsche gehört aber .auch bezüglich der Weihnachtseinkäufe ein erneuter Appell an den Lokalpatriotismus. Schenket diesem Appell volle Beachtung, Euch zur Ehre und unsern geschäftstreibenden Mitbürgern zur Freude. Jedenfalls stehen uns noch diejenigen, die mit uns gemeinsam die Lasten der Kommune tragen, ein ganz Teil näher als jene, die in pomphaften Reklamen zum Kaufen verleiten. Folgt den Annoncen unserer heimatlichen Geschäfte, prüft das Angepriesene und Ihr werdet nicht zu bereuen haben, unserer Anregung gefolgt zu sein. Wir haben in unserer Stadt in den meisten Branchen Geschäfte, deren Einrichtungen ohne Ueberhebung großstädtisch genannt werden dürfen. Auch Die Bezugsquellen und damit auch die Preise für die Waren
Vater, welchen der Gedanke, einem solchen Menschen sein einziges Kind zu übergeben, schmerzte.
„Aeußerst selten; seine Verwandten und Freunden bewachen ihn, doch wenn es geschieht, sind die Folgen unberechenbar."
„Ich werde mit ihm selbst sprechen," entgegnete mein Vater. „Meiner Tochter Ehre ist vernichtet, wenn er sie nicht zu seiner Gattin macht. Die ganze Stadt sprach gestern von dem Vorfall und würde ihn für einen Skandal halten, wenn die Heirat ihn nicht zudeckte."
Am Nachmittag fanden sich die Freunde und Bekannten aus Bergamo ein, um zu gratuliren und Glück zu wünschen. Alle wollten bei dieser Gelegenheit meinem Vater ihre Achtung und Liebe bezeugen und ein Zeichen ihrer Verehrung geben. Ich empfing trotz meiner Seelenpciu lächelnd die Gaste. Der Bräutigam aber lag unterdes; vom Wein berauscht im Bett und ahnte nicht das Geringste, was vorgegangen war und die ganze Stadt in Aufregung! hielt. Es war spät abends."
Ein so milder, mondheller Abend wie der heutige, fi^r Sabine fort, indem sie sich von der langen Erzählung müde mit halbgeschlossenen Augen zurücklehnte.
Sigmund wäre ihr am liebsten zu Füßen gefallen. Er liebte sie schon, ehe er sie achtete, jetzt bemitleidete er sie noch. Der Schein des Mondes wob einen Strahlenkranz um ihre dunkln Locken, die Signinnds