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Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
J& 13. Mittwoch, den 15. Februar 1905. 56. Jahrgang.
Amtliches.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses hat mit einer bewährten größeren Baumschule ein Abkommen getroffen, wonach die Kreisbaumschule in der Lage ist, erstklassige Obstbäumchen zu folgende» Preisen ab- zugeben:
Obst-Hochstämme L Auswahl: Aepfel 1.10 Mark
Birnen 1,30 „
Kirschen 1,10 „
Zwetschen 1,10 „
Reineklauden 1,10 „
Bestellungen, unter Angabe der gewünschten Sorte, sind möglichst umgehend zu machen. (Kreisausschußbureau.
Schlächtern, den 13. Februar 1905.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses.
Deutsches Reich.
— Am 12. Februar abends gegen 7 Uhr ist Se. Majestät der Kaiser in Liebenberg (Mark) eingetroffen.
— Dem Reichstage lag am Dienstag die Interpellation des Abg. Trimborn (Z.) vor, betreffs Beschränkung der Arbeitszeit für Arbeiter über 16 Jahre auf 10 Stunden täglich. Nach eingehender Begründung des Interpellanten, der den Maximalarbeitstag für Frauen und Männer zu erreichen hoffte, legte Staatssekretär Graf Pasodowsky sein Bedenken dar, die zum größten Teil von den verbündeten Regierungen geteilt würden. — Am Mittwoch wurde die Beratung über den Toleranzantrag fortgesetzt. Der Abg. Gröber (Z.) suchte darzulegen, daß der Anträg sich weder gegen den Protestantismus noch weder gegen die Oberhoheit des Staates richte, sondern lediglich gegen den staatlichen „Büreaukratismus". Erschloß mit scharfen A:: griffen auf Mecklenburg und Sachsen. — Am Donnerstag fand die erste Beratung der sieben neuen Handelsverträge statt. Der Abg. Herold (Z) sprach sich im allgemeinen über die Vorzüge der neuen Verträge aus und beantragte nach einigen Bemängelungen Verweisung an eine Kommission von 28 Mitgliedern. Graf Kanitz (k.) forderte dringend eine Revision unserer Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten und der Abg. Sieg (natl.), der sehr landwirtschaftsfreundlich sprach, stieß bei der Freisinnigen Vereinigung heftig an, als er die Abg. Gotheim und Barth an ihre Stellung zum Zolltarif erinnerte. Der Abg. Kämpf (frs. Vp.) fürchtete von der Schädigung der Industrie eine Minderung der Löhne und einen Menschenexport. — Bei der Fort
Der Kotteriekönig.
Roman von F. Wüstefeld. 30
Ein bitteres Lächeln kräuselte seine Lippen. „Ich bekomme täglich Berichte über den Stand meiner Geschäfte und sende Anweisungen hinüber."
„Und steht dort etwas nicht gut?" fragte sie nun doch erschrocken.
„Wenn daS der Fall wäre, dann würden wir sofort die Heimreise antreten; nein, es ist alles in Ordnung!" antwortete er.
„Nun, dann wüßte ich nicht, weshalb ich Grillen fangen sollte, und weshalb Du welche fängst."
Er beugte sich zu ihr nieder und flüsterte ihr inS Ohr: »Ich fürchte, daß uns hier Gefahr droht."
Sie blickte betroffen zu ihm auf, sagte dann aber lachend: „Ach, Torheit, was könnte uns geschehen?"
„Man könnte die Vergangenheit entdecken. Ich habe ein Vorgefühl, daß dies geschehen wird."
„Das hast Du immer, und es ist noch nie der Fall gewesen," sagte sie mit denFingern schnippend, „und wenn es geschehe, so hätten wir immer noch Zeit, ReißauS zu nehmen."
„Mia! Mia!" warnte er mit aufgehobenem Finger. »Laß uns reisen!"
„Nein! Wir haben hier so gute Gesellschaft."
„Eben deswegen. Diese Leute würden außer sich geraten. Wärest Du, wie ich eS wünschte, in bescheideneren Kreisen geblieben."
„Etwa bei Schoberte?" fragte sie verächtlich.
„Ja, bei Schobert» und anderen Familien auS dem vürgerstande. ES ist nicht recht, daß Du die Leute, die uns mit so großer Freundlichkeit ausgenommen haben, der- gesialt vernachlässigt und auch Angela verhindert hast, mit Konradine zu verkehren."
Mrs. Farlow warf hochmütig den Kopf in den Nacken. „Sie passen nicht zu uns, nicht zu dem Verkehr, den wir ^rer haben. Konradine, daS Gänschen, hätte ja zu uns
„Du hast sie hochmütig behandelt, wenn sie es tat, die natürliche Folge war, daß sie fortblieb."
„Die Leute sind nun natürlich sehr giftig gegen uns, das kann ich mir denken," lachte sie.
„Es wäre viel klüger, wenn wir uns keine Feinde machten; Du irrst indes, wenn Du glaubst, Schoberts fühlten sich gekränkt. Er ist, wenn ich in Geschäften zu ihm komme, stets so freundlich und liebenswürdig, wie bei unserem ersten Zusammentreffen und seine Frau ist die Liebenswürdigkeit selbst."
„Also woran sollte eS fehlen! Ich dachte übrigens, wir würden eine Verlobungsanzeige von ihr und dem .. dem Doktor, wie heißt der Zeitungsschreiber doch? erhalten."
„Dem Doktor Linderer," sagte Mr. Farlow. „Ein liebenswürdiger, tüchtiger Mann, dennoch zweifle ich, daß etwas daraus wird, ich glaube, Schobert will höher mit ihr hinaus. Er dachte an einen adligen Offizier.
„Für das kleine, blonde Mädchen? Sie reicht Angela nicht das Wasser."
„Sie ist eine reiche Erbin, ihr Herkommen ist tadellos. Ich kann Angela nicht so viel geben, wie sie besitzt und..."
Sie unterbrach ihn. „Komme doch nicht wieder auf die alten abgetanen Geschichten zurück. Angela ist unsere Nichte, sie ist reich und hat die Wahl unter Prinzen und
Grafen."
„Es hat aber noch keiner von diesen um sie angehal- ten!" fiel Mr. Farlow ein.
„Weil sie keinen dazu kommen läßt!" rief seine Frau. „Die Sache muß aber nun zu Ende kommen, sie muß sich entscheiden. Ich verlasse die Residenz nicht eher, als bis sie verlobt ist, und feierte am liebsten erst hier noch ihre
Farlow zuckte die Achseln. „Mit einem Prinzen meinst Du?" ,,
„Lag e» nicht auch in Deiner Absicht, Dir von hier einen Schwiegerneffen zu holen?" fragte sie höhnisch.
setzung der Beratung am Freitag erkannte der Abg. Gamp (Rp.) die für die Landwirtschhaft errungenen Vorteile voll an, wenn er auch die Herabsetzung der Futterzölle tadelte. Der Abg. Gotheim (frs. Vereinig.) wiederholte die Argumente, die er bereits in der Zeit des Zolltarifkampfes genugsam vorgebracht hatte. Graf Pasodowsky und Ministerialdirektor Wermuth entgeg- neten ihm sachlich und erfolgreich, ließen sich aber auf die Allgemeinheiten, die der Vorredner vorgebracht hatte nur wenig ein.
— Das preußische Abgeordnetenhaus setzte am Dienstag die zweite Beratung der wasserwirtschaftlichen Vorlage fort. Nachdem der Abg. Dr. v. Woyna (frk.) die Wünsche der Provinz Hannover auf Angliederung verschiedener Stichkanäle an den Hauptkanal gefordert und der Abg. Fürbringer (nat-lib.) über die Wasser- straßen im Westen der Monarchie gesprochen hatte, wurde über die Paragraphen 1 und 2 abgestimmt, die in allen ihren Einzelheiten mit großer Mehrheit ausgenommen wurden, während der Antrag Wallbrechl eine Ablehnung erfuhr. Es wurden mithin der Rhein- Weser-, Rhein—Herne Kanal, die Strecke Bevergern — Weser, Bückeburg-Hannover, die Lippe-Kanalisierung und der Titel „Verbesserung der Landeskultnr" angenommen, ebenso der Großschiffahrtsweg Berlin—Stettin, die Wasserstraße zwischen Oder und Weichsel sowie die Schisfahrts der Warthe von der Mündung der Netze bis Posen und die Kanalisierung der Oder. — Bei der dritten Beratung am Mittwoch legten die einzelnen Parteien nochmals ihren Standpunkt zur Vorlage dar. Nach Schluß der allgemeinen Besprechung wurden zunächst die §§ 1-20 debaltelos angenommen, sodann erfolgte Abstimmung und zwar namentliche, über das Gesetz im ganzen, das endgültig mit 244 Stimmen gegen 146'Stimmen angenommen wurde. Die Verkündigung des Resultats wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. — Am Donnerstag wurde die zweite Beratung des Etats der Handels- und Gewerbeverwaltung begonnen. Der Abg. Fehlisch (k.) brächte Wünsche vor über die Verstaatlichung der Berliner Baugewerkschulen, den Befähigungs-Ausweis der Bauhandwerker und das Einschreiten gegen schwindelhafte Bauspekula- lationen. Minister Möller erwiderte über diese Verstaatlichung schwebten Verhandlungen, die Frage des Befähigungsnachweises werde ernstlich erwogen und der Bauspekulationen sei ein Gesetzentwurf in Aussicht genommen. — Am Freitag wurde die Beratung fortgesetzt. Es wurden verschiedene Wünsche vorgebracht, Besserstellung der See- und Emslotsen, Vermehrung
der Gewerbebeamten, Verbesserung der Arbeiterschutz' maßregeln u. a. Bereitwilligst ging die Regierung auf diese Wünsche ein und gab befriedigende Auskünfte.
— Im Ruhrgebiet hat die Deligiertenkonferenz beschlossen, den Streik zu beenden und die Arbeit wieder aufzunehmen. Leider aber hat der Beschluß nicht bei allen Ausständigen Anklang gefunden und eine große Anzahl will weiter streiken. Auch ist es an verschiedenen Stellen zu Zusammenstößen zwischen Arbeitswilligen und Streikenden gekommen. Die Lage ist immer noch ernst.
— Die unterschiedliche Behandlung der Realgymnasien und Oberrealschulen bezüglich der Berechtigungen in den einzelnen Bundesstaaten ist schon wiederholt Gegenstand der Erörterung in den Einzel-Landtagen gewesen und bildete einen berechtigten Anlaß zu Klagen. Man will nun den hier bestehenden Ungleichheiten ein Ende machen und eine einheitliche Regelung des Berechtigungswesens der Realgymnasien und Oberrealschulen für alle Bundesstaaten herbeiführen. Zu diesem Zwecke wird demnächst, wie verlautet, in Berlin eine Konferenz von Schulmännern zusammenlreten. die von allen Bundesstaaten beschickt werden wird.
Ausland.
— Die deutsche Gesandtschaft nach Abessynien ist am 15. Januar in Harrar und am 27. Januar in Lagarhart eingetroffen. Sämtliche Teilnehmer der Gesandtschaft sind wohlauf. Zur Beruhigung der Angehörigen der Soldaten vom Regiment der Gardedu korps, die sich mit auf der Reise befinden, hat das Regiment die Verpflichtung übernommen, denselben von diesem Telegramm Mittheilung zu machen.
— Auf dem ostasiatischen Kriegsschauplatze hört das'Geplänkel zwischen einzelnen Abteilungen der sich auf so geringe Entfernungen gegenüberstehenden feindlichen Heere nicht auf. Wer dabei Angreifer, wer der Angegriffene ist, wer Sieger 'ober Besiegter, ist nach den sich widersprechenden Meldungen der verschiedenen Hauptquartiere nicht bestimmt zu erkennen, wohl auch bedeutungslos. Nach einer Meldung aus Petersburg ist die Stellung Kuropatkins schwer erschüttert. Auch soll sein Gesundheitszustand viel zu wünschen übrig lassen. Großfürst Nikolai Nikolajewitsch soll in nächster Zeit nach dem Kriegsschauplatze abreisen. Mit ihm wird Prinz Friedrich Leopold von Preußen die Reise antreten.
— Die Unruhen in Rußland beginnen wieder auf- zuleben, nachdem eine Zeitlang wieder Ordnung einzu-
„Ja. Aber keinen Prinzen oder Grafen und überhaupt keinen Offizier.
„Doch vielleicht den Hauptmann Düskow?"
„Ich wiederhole Dir, überhaupt keinen Offizier. DüS- kow würde mir sehr gut passen, wenn er die Uniform ausziehen und mit nach Chicago kommen wollte."
„Das tut er nicht!" erklärte MrS. Farlow sehr bestimmt.
„Dann kann aus der Sache nichts werden, ein Offizier ist mir zu riskant."
Angelas Eintritt machte der Unterhaltung ein Ende.
Sie hatte mit Onkel und Tante den Gottesdienst besucht, war aber nicht mit ihnen ins Hotel zurückgekehrt, sondern hatte gebeten, die Bahnhofstraße ein paarmal auf- und abgehen und sich das bunte Treiben ansehen zu dürfen. Zögernd und bedenklich war sie ihr erteilt worden.
Jetzt kehrte sie zurück und schien einen Hauch von der frischen herben Frühlingsluft mit ins Zimmer zu bringen. Ihre Wangen waren gerötet, die dunklen Augen blitzten wie Edelsteine über ihrem ganzen Wesen schien es wie die Verklärung eines großen Glückes zu liegen und gleich- zeitig gab sich darin ein Bangen und Zagen kund.
Wer Angela kurz nach ihrer Ankunft gesehen und ihre damalige Erscheinung mit der heutigen verglichen hätte, der hätte den Eindruck gewinnen müssen, als habe sie sich innerhalb der verflossenen Monate verjüngt. Die bleichen Wangen hatten Farbe, die müden Augen Leben bekom- men, an die Stelle der matten langsamen Bewegungen waren frische, kräftige getreten; die schweren, kostbaren Kleider hatten leichteren und einfacheren Platz gemacht. Sie trug heute ein lichtes Frühlingskleid und sah darin und mit dem weißen Hut mit bunten Blumen auf dem Kopfe sehr lieblich aus.
Vor den Augen der Tante fand sie aber doch keine Gnade. „Nun, hast Du Deinen Spaziergang unter Kreti und Pleti beendet?" sagte diese spitz. „Siehst freilich in dem hellen Fähnchen auch mehr wie ein Dienstmädchen als wie eine Lady aus." 116,18