Einzelbild herunterladen
 

SchlüchteMrAitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

M 9.

Amtliches.

J.-Nr. 221 K.-A. Diejenigen Landgemeinden, welche genötigt sind, im Rechnungsjahre 1906 die Einkommensteuer mit mehr als 100% zu den Ge­meinde-Umlagen heranzuziehen, wollen vorschriftsmäßige Beschlüsse hierüber fassen und mir bis spätestens zum 1. März d. Js. einreichen.

Schlächtern, den 23. Januar 1906.

Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses:

Graf zu Solms.

Deutsches Reich.

Die Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers begann mit dem großen Wecken im Schloßhof, dem der Kaiser vom Fenster aus zuhörte. Danach wurde von der Kuppel des Schlosses ein Choral ge­blasen. Der Kaiser nahm hierauf die Glückwünsche der kaiserlichen Familie, der Damen und Herren vom Hofe, der fürstlichen Gäste entgegen. Hierauf fand in der Schloß-Kapelle Gottesdienst statt, dem der Kron­prinz, die Fürstlichkeiten, das diplomatische Korps, der Bundesrat, die Generalität usw. beiwohnten. Die Predigt hielt Oberhofprediger D. Dryander. Nach dem Gottesdienst fand die Defiliercour im Weißen Saale statt.

Im Reichstage wurde am Dienstag zunächst die von den Polen eingebrachte Interpellation betreffend die Beichte polnischer Soldaten vom Kriegsminister v. Einem dahin beantwortet, daß die betreffende Verfügung des Generalkommandos des 1. Armeekorps von polni­scher Seite fälschlich in dem Sinne aufgefaßt worden sei, daß ein religiöser Zwang beabsichtigt werde. N^.ch einer allgemeinen Order habe der Militärpfarrer im Einverständnis mit dem Kommando die Zahl der Soldaten, die in polnischer Sprache beichten möchten, zu ermitteln, damit im Bedarfsfälle ein der polnischen Sprache mächtiger Geistlicher herangezogen werden könne. Dann wurde der Entwurf aber den Versicher­ungsvertrag weiter beraten, der nach längerer Debatte, in die Staatssekretär Dr. Nieberding wiederholt eingriff, einer besonderen Kommission überwiesen wurde. Schließ­lich wurde mit der Beratung des Gesetzentwurfs einer neuen Maß- und Gewichtsordnung begonnen. Am Mittwoch stand der Diäten-Antrag des Zentrums in dritter Lesung zur Beratung, der mit großer Mehrheit gegen die Stimmen der Rechten angenommen wurde. Hierauf wurde der Toleranz-Antrag des Zentrums beraten, für den auch Dr. David (Soz) eintrat,

Mittwoch, den 31. Januar 1906.

während er von den Rednern der andern Parteien bekämpft wurde. Am Donnerstag wurden in dritter Lesung zwei kleinere Zollgesetze erledigt und dann die erste Lesung der Novelle zur Maß- und Gfwjchts- ordnung fortgesetzt, deren Bestimmungen in de lgu nur geringen Einwendungen begegnete. entwurf wurde einer besonderen Kommission Dasselbe geschah mit der Vorlage betr. das^s ,, recht an Werken der bildenden Künste und ber%" graphie, die, vom Staatssekretär Posadvw-" r eingehenv begründet, allgemein als ein Fortschritt begrüßt wurde.

Am Freitag wurde zunächst die Novc' > zur Ge­werbeordnung in erster Lesung beraten. In der aus« gedehnten Debatte traten die Abgg. Malkewitz (kons.), Euler (Z.), Schmidt (natl.), Raab (Antis.), Gamp (Rp.) und Erzberger (Z.) für die Einführung des Be­fähigungsnachweises im Baugewerbe ein, gegen die sich Staatssekretär Graf Posadowsky erklärte. Die Abgg Frohme (Soz.) und Hoffmeister (frs. Vg) bekämpften die Vorlage, die schließlich einer besonderen Kommission überwiesen wurde. Hierauf wurde die erste Beratung der Novelle zum Unterstützungswohnsitz begonnen. Abg. Mommsen (frs. Vp.) erklärte sich gegen die Vorlage, welche Staatssekretär Graf Posadowsky mit dem Hin­weise auf die Leutenot und die zunehmende Verödung des platten Landes begründete. Nach einigen Be­merkungen des Abg. Bärwinkel (nat.) wurde die Weiter- beratung auf Montag vertagt.

Das preußische Herrenhaus nahn am Diens­tage seine Verhandlungen wieder auf und beschäftigte sich in der Hauptsache mit dem Gesetzentwürfe über die Anlegung von Sparkassenbeständen in Inhaber- papieren. Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben wies darauf hin, daß eine vermehrte Anlegung der Spar- kassenbestände in Jnhaberpapieren für ungünstige Zeiten notwendig fei; die Hälfte der in Jnhaberpapieren an- zulegenden Beträge sollten in Reichs- und Staatsan­leihen angelegt werden. Nach kurzer Debatte ging bi: Vorlage, die vom Geh. Kommerzienrat v. Mendelssohn- Bartholdy und Reichsbankpräsidenten Dr. Koch befür- wartet wurde, an eine besondere Kommission. Am Mittwoch wurden die Lotterieverträge sowie die Vorlage über die Befähigung zum höhern Verwaltungsdienste in der Kommissionsfasfung angenommen, ebenso die Resolution des Oberbürgermeisters Fuß (Kiel) und des Oberlandesgerichtspräsidenten Hamm, die auch eine Vorlage über die Vorbereitung zum höhern Justizdienste fördert. Am Donnerstag wurde über die Jnter«

57. Jahrgang.

Pellation des Grafen Finck von Finckenstein-Schönberg und Genossen betr. die Bekämpfung der Sozialdemo- kratie verhandelt. Fürst Bülow als preußischer Minister­präsident erklärte, bis jetzt halte die Regierung eine 6 Mehrung ihrer Befugnisse nicht für nötig, von v a gesetzlichen Befugnissen, aber werde sie entschlossen

-rauch machen. Ferner mahnte der Fürst zur

usiV9^ "ller bürgerlichen Parteien gegen die revo- märe Sozialdemokratie als den gemeinsamen Feind, nächste Sitzung wird voraussichtlich erst im März slattfinden.

Das preußische Abgeordnetenhaus begann am Dienstage die zweite Etatsberatung und zwar beim Etat der landwirtschaftlichen Verwaltung. In der Debatte nahm die Fleischnotfrage den größten Raum ein. Minister v. Podbielski erklärte, die heute vor­handenen Schwierigkeiten seien durch die anormalen Jahre 1904 und 1905 hervorgerufen worden. Die letzte Zeit habe uns mit Flammenschrift gezeigt, daß wir uns nicht auf daS Ausland verlassen, sondern auf eigene Füße stellen sollten. Er habe den festen Willen, für die Fleischversorgung des Vaterlandes bemüht zu sein, aber fordern müsse er, daß die Landwirtschaft vor den für sie so verhängnisvollen Tierseuchen geschützt werde, nur dann könne sie uns mit Fleisch versorgen. Am Mittwoch wurde die Beratung fortgesetzt. Die Abgg. Engelmann (natl.), Dasbach (Z.) und Dr. Dahlen (Z.) verlangten eine schärfere Kontrolle beim Wein, worauf sich der Minister bereit erklärte, diese Wünsche durch Anstellung besoldeter Beamten zu unter­stützen. Eine längere Debatte entspann sich bei dem KapitelLandwirtschaftliche Lehranstalten", deren Nützlichkeit von allen Seiten anerkannt wurde, und für deren Vermehrung von der Regierung die Be­willigung größerer Mittel verlangt wurde, wogegen der Minister vor einem zu raschen Vorgehen bei der Vermehrung der Landwirtschaftsschulen warnte, die sich nach den vorhandenen Lehrkräften richten müsse.

Die Ernennung des Legationsrats v. Tschirschky und Bögendorff zum Staatssekretär des Amtes unter Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Rat mit dem PrädikatExzellenz" ist nunmehr amtlich bekannt gemacht worden. Der neue Staatssekretär ist zugleich mit Stellvertretung des Reichskanzlers im Bereiche des Auswärtigen betraut worden.____________

Ausland.

Unerwartet ist der fast 88jährige König Christian IX. von Dänemark gestern dahingeschieden.

Aewegtes Keßen.

Roman von Max von Weißenthurn. 25

Bedenken," fügte sie mit halbem Lächeln hinzu, die vielleicht au» dem Umftanbe hervorgehen, daß ich ja einst jenen Kreisen nicht fremd gewesen bin, in die wir da» Kind schicken sollen, welche» unseren beiden Herzen nahesteht. Lassen Sie miß das Für und Wider überlegen. Soll man der Fürstin die Geschichte des armen Kindes offenbaren; soll man sie ihr verschweigen?"

Hochwürdige Mutter fügen,die Geschichte des ar« nie» Kindes", waS wissen wir eigentlich von demselben, nichts, oder so gut wie nichts."

Sie haben recht, aber doch gerade genug, um davon überzeugt sein zu können, daß nicht alles klipp und klar vor uns liegt, wie bei den übrigen der unserer Obhut an. vertrauten putgen Menschenpflanze». Ich erinnere nach noch, als sei eS gestern gewesen, an jene Nacht, in wel­cher ein unheimlicher Sturm sauste, in welcher Heller Feuer- schein am Himmel emporstieg, erinnere mich, wie wir, selbst in unseren stillen Klostermauern, das Vorbeirassel» der Feuerspritzen, da» eilige Hin- und Verlaufen einer er­schreckten Menge vernahmen. Sie entsinne». sich gewiß ebenso gut, wie ich, aller Einzelheiten, Schwester Alsonsa, denn wir haben ja damals schon gemeinsam gearbeitet, um durch die Heranbildung der Jugend, zur Ehre Gottes unser Schärslein beizutragen, für das Glück der Einzel­ne» und der Gesamtheit. Wissen Sie noch, wie wir durch die LaienschwestcrAngela erfahren haben, daß es imHnh- ucrstalle", jenem umfangreichen alten Gebäude in der Hir- schengaste, brenne, iueldjeß damals noch gestanden, wenn auch schon recht morsch und wurmstichig und waB die rechtearme Leute Herberge" gewesen ist. Wir waren, als wir die Kunde vernahmen, alle von Mitleid tief be- wegt, aber WaB konnten wir hinter unseren Klostermaueru tun, um dem Elende abznhelfen, daS zweifelsohne durch jenen fürchterlichen Brand gar viele heimgesucht hatte. Gott aber ist barmherzig gewesen Er, in seiner Allmacht,

L^^'LEM8Ee»WML«^ OMIITHI' MIWSTO'.tMMCTMESaBBWWI

die für und für gepriesen sei, hat uns die Möglichkeit ge­boten, auch unser Schärfleiu beizutragen, um menschliche» Elend zu linder». Wissen Sie noch, wie laut und gellend gleich einem Hilfeschrei, etwa um einUhr nachts, die Glocke " an der Klosterpforte erklang und gleich darauf die Laien- schwester Angela in der Kapelle erschien, in welcher wir nn» alle zum Gebet versammelt hatten? Erinnern Sie sich noch, wie wir beide, Sie und ich, ihr gefolgt sind und sie uns draußen int Kreuzgang, der zur Eingangspforte führt, erzählte, daß ein armes Weib nur notdürftig ge- kleidet an der Tür geklingelt, ein Kind hereingereicht und bei Gott und allen Heiligen gefleht hatte, man möge sich des armen Wesens erbarmen, dessen Angehörige beim Brand intHühnerstalle" den Tod gefunden? Ehe die Schtvester Pförtnerin so recht zur Besinnung gekommen, was sie denn eigentlich tun solle, hatte die Frau ihr da» Kind in die Arme gelegt, war sie mit der Bemerkung, daß sie zur Brandstätte zurück müsse, davongeeilt und unsere gute, alte, schwerhörige Auguste, die kaum die Hälfte von dem verstanden, was die Unglückliche ihr in höchster Auf­regung gesagt, stand mit dem etwa einjährigen Kinde in den Armen da und war froh, als Schwester Angela, welche sie eben im Nachtdienste ablösen sollte, daherkam und vor allem den Vorschlag machte, mich von dem Geschehenen verständigen zu wollen. Mein Gott, wie lange ist das her und mir ist eS, als sei eS gestern gewesen!"

Ja, ja, ich erinnere mich an alles noch so genau!" stimmte Schwester Alsonsa bei.So ratlos wir im ersten Augenblick auch waren, denn es gehört doch nicht zu den Obliegenheiten unseres Berufes, so kleine Kinder aufzu- nehmen, dünkte es Ihnen, hochwürdige Mutter, in Ihrem wahrhaft frommen Sinne doch »out ersten Augenblick an, ein Gebot der Menschlichkeit, das arme hilflose Weseu nicht erbarmungslos hinauszustoßen in die kalte, frembe Welt, in der eS vielleicht untergehen, vielleicht bem Verderben preisgegeben sein mochte."

Mirs wir für Smi* auch getan, und wir taten ihr alle gleich viel, wir sind ihr alle liebevolle Mütter gewesen,

war wir also auch für sie getan, sie hat e» un« reich ge­lohnt, hat unsere Herzen im Sturme zu erobern gewußt. Wissen Sie noch, wie wir unseren guten Pater Andrea» baten, sich um die Angehörigen de» Kinder zu erkundigen, damit wir doch wüßten, ob wir ein Recht hätten, die Klein« zu behalten. E» ist im Grunde genommen blutwenig ge­wesen, war er in Erfahrung brächte, wir haben keine Papiere, keinen Taufschein, nicht» auftreiben können. Pa­ter Andrea» hörte nur, daß sie baß Kostkind eine» Ehe­paares Namens Sternau gewesen sei, welche» bei dem furchtbaren Brande, der auf unerklärliche Weise in der Nacht auSgebrochen, den Tod gefunden habe. @4 war ein Flickschneider mit seiner Frau, der daS Kind bei sich ge­habt, ob aber die Leute selbst nicht wußten, wem ei ur­sprünglich angehörte, oder ob sie nur den Nachbar«» nicht sagen wollten, da» wußten jene, die den Brand über­lebten, nicht anzugeben. Der einzige, welcher vielleicht in der Lage gewesen wäre, näheres mitzuteilen, war der Sohn jenes Ehepaare», ein junger Bursche Namen» Emil $ter» nau; der aber war mehrere Monate vor dem Tode sei­ner Eltern in die Fremde gezogen und man hat nie wie­der von ihm gehört."

Ein Polizeiwachmann, die Mutter eine» Postbe­amten und eine Wäscherin, welche ebenfall» in dem Hühnerstalle" gewohnt und bei dem Brand« mit dem Leben davongekommen sind, sie alle sagten au», daß bie Kleine von ihren PflegeelternLori" genannt worden sei; da aber alle Nachforschungen zu keinem Resultate füh­rten und sich auch kein Taufschein fand, welcher darauf hingewiesen hätte, daß die Kleine in den Verband der heiligen Kirche aufgenommen worden, wir aber doch eine kleine Heidin nicht in unserer Mitte heranwachsen lassen konnten, bot sich Pater Andreas an, sie für alle Fälle zu taufen, nannten wir sie Eleonore, und fügte ich, als Fa- miliennamen, da sie ja eine» solchen, dem bürgerlichen Ge­setzbuchs entsprechend bedarf, den Namen Trouve hinzu. Ich weife nicht, wozu ich Ihnen all' da» erzähle, Schwe­ster Alsonsa, Sie wissen es ja ebenso gut wie ich. 131,18