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SchlüchtemerZeitung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

_____ Samstag, den 12. Mai 1906. 57. Jahrgang.

Deutsches Reich.

Ueber die nächsten Reisedispositionen des Kaisers ist nunmehr das folgende Program ausgestellt: Der Kaiser hat am Mittwoch vormittag Donaueschingen verlassen und sich mittelst Sonderzuges zunächst nach Karlsruhe begeben zu einem Besuch des Großherzog- paares von Baden. Die Ankunft in der badischen Residenz erfolgte Mittwoch 1 Uhr mittags und gegen Abend die Weiterreise nach Straßburg. Die Kaiserin und die Prinzessin Viktoria Lnise begleiteten diesmal den Kaiser nicht nach Straßburg. Die Abreise des Kaisers von Straßburg erfolgt am 15. Von hier be- gibt sich der Kaiser nach Mainz zur Teilnahme an den Händelaufführnngen der dortigen Liedertafel. Am 18. fährt der Kaiser nach Homburg v. d. H. und am selben Tage in Begleitung der Kaiserin und der Prinzessin nach Wilhelmshöhe.

Der Kronprinz hat am vergangenen Sonntag sein 24. Lebensjahr vollendet und den ersten Geburts­tag als junger Ehegatte gefeiert. Für den kommenden Monat sieht er, wie vor längerer Zeit amtlich mit­geteilt wurde, Vaterfreuden entgegen. Die Frau Kronprinzessin befindet sich bei ausgezeichnetester Gesund­heit, geht jeden Morgen eine Stunde lang spazieren, und am Nachmittage ebenso lange, meistens von ihrem Gemahl begleitet.

Die Königin Wilhelmina von Holland sieht zum Herbst einem freudigen Ereignis entgegen. Da die Königin in ihren Hoffnungen wiederholt in schmerz­lichster Weise enttäuscht worden ist, so wird mit der offiziellen Bekanntgabe des zu erwartenden Ereignisses noch gezögert. Die Königin vermeidet aber jetzt schon, bei ihrem Besuche in Amsterdam, alle Strapazen, läßi alle Feierlichkeiten abkürzen, setzt sich bei Empfängern und Audienzen sofort und vermeide: das Treppensteigen, obwohl sie ganz frisch und gesund aussieht.

Der Reichstag setzte am vergangenen Sonnabend die zweite Beratung der Zigarettensteuer-Vorlage fort. § 3 (Banderolensteuer) und § 5 (Verpackungszwang) wurden angenommen. Zu 8 7 betr. Vorschriften über die Anmeldung des Betriebes und der Betriebsräume befürwortete Abg. vom Elm (Soz.) den bereits in der Kommission abgelehnten, aber für das Plenum wieder eingebrachten Antrag seiner Partei, die Heimarbeit in der Zigarettenindustrie gänzlich zu verbieten. Dieser Antrag gehört, wie Schatzsekretär Frhr. v. Stengel sehr zutreffend bemerkte, gar nicht in ein Steuergesetz, das doch keine Novelle zur Gewerbeordnung ist, und assiPsaragEffig^^ aafca^aaiaEzaragg^^

Bewegtes KeSen.

Roman von Max von Weißenthurn. 72 Energisch und tatkräftig wie er aber war, sagte er sich schließlich, das; es das beste sei, der Situation mu­tig ins Auge zu blicken, daß er nichts Klügeres tun könne, als für einige Zeit nach Eger zu fahren, von dort aus das Terrain zu sondieren unb den Versuch zu wagen, an der Fürstin eine Verbündete zu finden, deren er bedurfte, um die Mission würdig zu erfüllen, welche die Mutter, die schwer gefehlt und schließlich doch durch die Reue ge­sühnt worden war, ihm auferlegte.

Während seines zufälligen Aufenthaltes auf dem Gute eines Stndiengenvssen. welches aiiJolvwitz grenzte, hatte der junge Mann häufig Gelegenheit gehabt, Eleonore Trouve zu sehen.

Das Mädchen hatte vom ersten Augenblick an in sei- nen Augen einen so bestrickenden Zauber besessen, daß er wiederholt die Gelegenheit suchte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und alles darum gegeben hätte, ihr vor­gestellt zu werden und einen möglichst vorteilhaften Ein­druck auf sie zu machen.

Als sich ihm nach und »ach, zuerst durch die Enthüllun- gen Sternaus, dann durch die Nachforschungen, welche er selbst aiigestellt, die Ueberzeugung aufdrängte, daß Eleo­nore Trouve seine Schwester sei, hatte ihm dies eine fast schmerzliche Enttäuschung bereitet, aber zum Glück für beide Teile vielleicht, war ihm diese Erkenntnis zu einer Zeit geworden, wo er den Gefühlen, welche in seinem Herzen zu feinten begannen, noch Einhalt zu gebieten ver­mochte, wo er sich sagte, es sei immerhin ein Glück, ein Mädchen, für welches man so viel Sympathie empfinden könne, wie jene, welche Eleonore ihm eiuflößte, zur Schwe­ster zu haben, wenn sie ihm schon nicht mehr sein konnte und durfte.

In Eger aiigelangt,.verwendete derGrafeinige Tage, um sich über die täglichen Gewohnheiten der Einwohner von Zolpivitz möglichst genau zu orientieren. So erfuhr

wurde nach einer lebhaften Auseinandersetzung zwischen den Abgg. Erzberger (Z.) und v. Elm (Soz.) und Molkenbuhr (Soz.) abgelehnt. Am vergangen Montag wurde die zweite Lesung des Zigarettensteuer-Gesetzes erledigt bis auf die namentliche Abstimmung über § 2 (Steuersätze), die für Dienstag angesetzt ist. Nachdem noch die Resolution der Kommission betr. Schutzbe­stimmungen für Heimarbeiter der Zigarettenindustrie auf Grund der Gewerbeordnung angenommen worden war, begann man die zweite Lesung der Novelle zum Reichsstempelgesetz. Auf die von freisinniger Seite beantragte Zurückverweisung an die Kommission erwiderte Staatssekretär Frhr. v. Stengel, daß dies ein Scheitern der Finanzreform für dieses Jahr herbeiführen würde. Es handele sich nicht um eine Verkehrsabgabe, sondern um einen Stempel. Gegen die Stimmen der Frei­sinnigen und Sozialdemokraten wurden der Antrag auf Zurückverweisung an die Kommission abgelehnt und die Beschlüsse der Kommission angenommen.

Das preußische Abgeordnetenhaus nahm am vergangenen Sonnabend den Antrag Schiffer auf Ab­änderung der Verfassungsbestimmungen über das Unterrichtswesen in zweiter und dritter Beratung in der von der Kommission redaktionell geänderten Fassung mit erdrückender Mehrheit an. Artikel 26 erhält folgende Fassung:Das Schul- und Unterrichtswesen ist durch ein Gesetz zu regeln. Bis zur anderweiten gesetzlichen Regelung verbleibt es bei dem geltenden Recht." In der Debatte über den Antrag sprachen die Fraktionen mit Ausnahme der Polen, die den An­trag ablehnten, sich für die Kommissionsfassung aus. Der Rest der Sitzung wurde mit der Fortsetzung der Beratung der Sekundärbahnvorlage ausgefüllt. In der Debatte wurden wieder ausschließlich lokale Wünsche vorgebracht. Am Montag wurde die Vorlage 'Hließlich der Budgetkommission überwiesen. Dann folgten Kommissionsberichte über Jntiativanträge. Der Antrag des Abg. v. Schenckendorff (natl.) auf Förder­ung des Handfertigkeitsunterrichts wurde der Regierung zur Berücksichtigung, ein Antrag des Abg. Brütt (frkons.) auf Einstellung von Mitteln in den nächst­jährigen Etat zur Reorganisations des landwirtschaft­lichen Instituts der Universität Kiel der Regierung zur Erwägung überwiesen. Zu dem Anträge Eickhoff (frf. Vg) auf Gewährung von pensionsfähigen Zulagen für die Direktion der sechsklassigen höheren Lehranstalten wurde der Antrag der Budgetkonimission auf Über­weisung an die Regierung zur Berücksichtigung ange­nommen. Der Rest der Sitzung wurde mit der Erledigung von Petitionen ausgefüllt.

er benn, daß die Fürstin mit ihrer Gesellschaftsdame fast jeden Nachmittag eine größere Spazierfahrt unternahm, daß lüemanb in der Umgebung der Blinden es bisher ge­wagt habe, ihr Mitteilung zu machen, daß die Gemahlin ihres Sohnes gestorben fei. Alle Welt wußte, daß diese den Bruch zwischen Mutter und Sohn hervorgerufen, daß derselbe aber auch ein so leidenschaftlicher und heftiger gewesen sei, daß der Name des Fürsten seit Jahren in Gegenwart seiner Mutter nicht genannt werden durfte.

Wer bürgte dafür, daß die im Laufe der Zeiten ge­schwächte Konstitution der Fürstin, ohne Schaden zu neh- tuen, eine Kunde erfahren könne, die immerhin geeignet war, Wandlungen im Gefolge zu haben; wer nahm die Verantwortung auf sich, wenn aus einer Gemütsaffektion eine Krankheit der alten Dame erwuchs?

Die Tage vergingen, ohne daß Walter seinem Ziele nähergekommen wäre und es beängstigte ihn dies umso- mehr, als er sich sagte, daß Zeitversäumnis auch dem Für- sten schaden könne. Längeres Zögern frommte zu nichts. Da aber Walter überzeugt war, daß, wenn er der Für­stin sein Anliegen um eine Unterredung brieflich vortrage, oder, wenn er ihr daS alles schrieb, was er ihr zu sagen habe, nur Eleonore diejenige sein würde, welche dieses Schreiben zur Hand bekam, um eS der Fürstin vorzutra- gen, beschloß er, den Zufall zu seinem Verbündeten zu machen und so lange im Parke von Jolowitz, welcher dem Publikum zugänglich war, uinherzustreifen, bis es ihm gelinge, die Fürstin zu treffen und sie mit dem, was sie wissen mußte, gewissermaßen zu überfallen.

Tagehindurch warenseineBemühungen erfolglos. Ent­weder, er sah die Damen gar nicht, oder sah sie nur ver­eint und er hatte sich fest vorgenommen, das, was er der Füxstin zu sagen habe, nicht in Gegenwart SleonoreS auS- zusprechen.

Von der Befürchtung ausgehend, daß, wenn er plötz­lich einen Moment des Alleinseins mit der alten Dame benützend, diese ««spreche, eS fast wie ein Uebersall auS-

Ausland.

Der französische Ministerrat beschäftigte sich mit der Ausstandsbewegung, welche in beständiger Abnahme begriffen ist. Kriegsminister Etienne teilte mit, daß die für den 1. Mai nach Paris berufenen Truppen wieder nach ihren Garnisonen abgegangen seien. Der Minister des Aeußeren Bourgeois teilte mit, daß der deutsche Botschafter Fürst Radolin ihm 246 000 Franks für die Opfer des Grubenunglücks von Cvurriöres habe überweisen lassen. Er habe darauf den Fürsten gebeten, den großherzigen Gebern den Ausdruck der Dankbarkeit der französischen Regierung und der von der Katastrophe betroffenen Bevölkerung zu übermitteln.

In Paris wurde ein Attentat auf einen fran­zösischen General verübt. Ein Unbekannter überfiel den greifen General Caffarel in der Rue Amelit und versetzte ihm einen Dolchstich. Caffarel wurde erheblich verletzt und ließ sich nach dem Hospital bringen. Der Täter entkam. Der General war während der Präsi­dentschaft Grövys Vizechef des französischen General­stabes, mußte aber dann seine Demission geben, weil er in den Wilsonskandal verwickelt war.

Ein Erlaß des russischen Zaren verfügt, nach einer Meldung derPetersb. Telegr,-Agentur", die Aufhebung des Ministerkomitees, dessen Befugnisse teils auf den Ministerrat, teils auf den Reichsrat über­gehen. Ein zweiter Erlaß des Kaisers beauftragt den Staatssekretär Frisch mit der Eröffnung der ersten Sitzung des Reichsduma gemäß den Bestimmungen des Wahlgesetzes.

DaS englische Ultimatum an die Pforte läuft, wie jetzt amtlich bestätigt wird, in zehn Tagen ab. Die Blätter berichten ferner die telegraphische Meldung aus Mylta, daß die gesamte Mittelmeerflotte plötzlich Be­fehl erhalten habe, mit unbekanntem Bestimmungsort in See ju g»he«. Vier Kreuzer und eine Flottille von Torpedobootszerftörern sind bereits nach dem Piräus abgegangen.

Der Rücktritt des russischen Ministerpräsidenten Grafen Witte ist bereits amtlich bekannt gemacht worden. Der PetersburgerRegierungsbote" meldet die auf sein Gesuch erfolgte Enthebung des Grafen Witte vom Posten des Präsidenten des Ministerrates unter Belassung seines Sitzes im Reichsrate und unter Belassung seiner Würde eines Staatssekretärs sowie unter Verleihnng des Alexander-Newsky-Ordens mit Brillanten. DerRegierungsbote" meldet ferner die Enthebung Durnowos vom Posten des Ministers des Innern unter Ernennung zum Staatssekretär und

sehen könne, der mehr schade als nütze, beschloß er end­lich, die Hilfe des Güterdirektors anzurufen, damit die­ser ihn gewissermaßen als Gewährsmann dessen, daß er nichts Böses im Schilde habe, der Fürstin zuführe.

Nach einigem Hinundherreden gelang eS ihm endlich, den Direktor zu bewegen, in diesem Sinne für ihn einzu- treten und mit klopfendem Herzen schritt er an dessen Seite in den Nachmittagsstunden eines schönen Sonntag- auf die Laube zu, in welcher sich die Fürstin aufzuhalten pflegte.

Die beiden Herren hatten sich vorher überzeugt, daß Eleonore die Erlaubnis von ihrer Herrin erhalten habe, sich zurückzuziehen, da sie sich heftiger Kopfschmerzen we­gen, niederlegen wolle.

Der Direktor stellte programmmäßig Herrn Walter vor, der Ihrer Durchlaucht einige wichtige Angelegenheiten vor- zutragen habe und bat um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen, da, so viel er wisse, bat, was Herr Walter zu besprechen habe nur für die Frau Fürstin allein be­stimmt sei.

Walter hatte sich kein regelrechte» Programm darüber gemacht, wie er eigentlich vorgehen wolle.

Nur so viel stand fest, daß er im ersten Augenblick den Namen des Fürsten ganz aus dem Spiele zu lassen habe, daß vielmehr es Eleonore sein müsse, um deren willen er das Interesse der hohen Frau wachzurufen gedenke.

Verzeihung, gnädigste Fürstin," sprach er mit tiefer, melodischer Stimme, der man aber trotz aller Mühe, welche er sich gab, die innere Erregung anmerkte.Verzeihung, gnädigste Fürstin, daß ich es wage, mich in einer ernsten und heiklen Angelegenheit an Euer Durchlaucht zu wen­den, aber ich will das Gute, und von diesem Gefühle ge­tragen, finde ich auch den Mut, mich an eine Frau zu wenden, welche, wie weit und breit bekannt ist, sich stet- bereit findet, da hilfreiche Hand zu leisten, wo Hilfe not tut, sei e» nun durch pekuniären Beistand, sei eS durch klugen Rat." 131,18