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Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

3£ 41.

Mittwoch, den 23. Mai 1906.

57. Jahrgang.

Amtliches.

I'Nr. 1277 II K.-A. Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher werden an die Erledigung meiner Berfügnung vom 5. d. Mts. J.-Nr 1277 K.-A. Kreisblatt Nr. 20 betreffend Namhaftmachung derjenigen Personen, welche mindestens 25 Jahre un­unterbrochen bei einer Herrschaft in einem Arbeits­oder Dienstverhältnis stehen, erinnert.

Schlächtern, den 17. Mai 1906.

Der com. Landrat: V a l e n t i n e r.

Himmelfahrt.

O schöner Tag der Himmelfahrt,

Du holder Lenzgefährte, Nun nahst in deiner sanften Art Du der geschmückten Erde. Dir weiht ihr seelenvollstes Lied Die Nachtigall, die süße;

Die Rpse, die am Hage glüht, Bringt dir die schönsten Grüße.

Den Wolken nah' die Lerche singt

Die jubelhellsten Weisen Das duftet rings und blüht und klingt, Dich, Lieblicher, zu preisen.

Und wo in namenlosem Leid Ein Herz will ganz vergehen, Da bist zu lindern du bereit, Zeigst ihm die lichtern Höhen.

Was träumest du, o Menschenkind, Was soll dein düstres Bangen? Entschlag der Fesseln dich geschwind Beim klaren Morgenprangen! Sieh, Lustgeschmetter, Balsamduft Dringt allwärts dir entgegen; So klar, so heiter ist die Luft, Als träuft' sie lauter Segen.

So weit das trunk'ne Auge reicht, Ein hohes Glückbekunden!

Die Brust fühlt sich so frei, so leicht, Als sei ihr Druck geschwunden. Denn himmelwärts, nur himmelswärts! Das ist die Losung heute; Sie labt das arme Menschenherz In seinem tiefsten Leide.

Heinz Silvanus.

Himmelfahrt,

Das schöne, lichte Himmelfahrtsfest bringt uns der zu Ende gehende Mai als seine schönste Gabe. Folgt auch dem Himmelfahrtsfeste bald Pfingsten, das froheste Fest des Jahres, das seinen Vorgänger Himmelfahrt zu erdrücken droht, so wollen wir uns doch auch dieses Festes von Herzen freuen. Derselbe Schmuck in Feld und Flur, der uns das Pfingstfest zu einem so an- ziehenden und reizvollen macht, umkränzt auch den Himmelfahrtstag, der neben seiner religiösen Bedeutung zu einem echten Naturfeste geworden ist. Tausende von Bäumen und Stränchern stehen im bunten Schmucke ihres Blütenkleides, Myriaden von kleinen Blutenkelchen füllen sich über Nacht mit kristallenem Tau, durstigen Käfern ersehnte Labung bereitend, honigtrunken flattern Schmetterlinge und Bienen von Blume zu Blume, aromatischer Hauch entströmt dem jungen, lebensfrohen Grün und erfüllt die lichtdurchflutete Luft.

Die Welt wird schöner mit jedem Tag;

Man weiß nicht, was noch werden mag, Das Blühen will nicht enden.

Es blüht das fernste, tiefste Tal:

Nun, armes Herz, vergiß die Qual,

Nun muß sich alles, alles wenden!

Das Himmelfahrtsfest bietet aber in seiner tiefen Bedeutung als Erinnerungstag an das Scheiden Christi von der Erde nnd an sein Aufsteigen zu den lichten Höhen auch eine ernste Mahnung für jeden einzelnen, sich loszumachen von allem, was ihn wie mit Ketten und Zangen im Staube gefesselt hält, und dem zu- zustreben, was schön und wahr, was hehr und heilig ist. Der Himmelfahrtstag liegt uns auch menschlich so nahe als Gedenktag an eins der schönsten Ereignisse in der Geschichte unserer christlichen Kirche; die Freude' füllt das Herz darüber, das der gekreuzigte Gottessohn nun als der erscheint, der er ist, als der Heiland, der von nun an thront an der Seite des ewigen Gottes.

Wer an Himmelfahrt hinauswandert durch Feld und Wald, wer die schwellende Natur beobachtet und auf sich einwirken läßt, und wer der leise mahnenden Stimme seines Innern Gehör schenkt, für den schwindet der Zweifel darüber, daß etwas in uns lebt, das mit dem Tode nicht aufhört. Obgleich die Welt um uns und der sichtbare Himmel über uns der Inbegriff von herrlichen Wundern ist, deren Wirkungen wir täglich erfahren, ist gar mancher mit der Erklärung rasch fertig und sagt:Das ist die Natur." Sobald aber vom Himmel im sittlichen Sinne, der sittlichen Welt­ordnung die Rede ist, wollen viele nichts davon wissen, |

weil man ihnen diesen Himmel nicht zeigen kann, als könnten sie die in der Natur wirkenden Kräfte zeigen. Und doch sind die Wirkungen hier ebenso wahrzunehmen wie bei den unsichtbaren Kräften der Natur und des physischen Himmels.

Wie die Pflanzen vom Himmel mit seinem be­lebenden Sonnenschein ihr Leben, ihre Schönheit und ihre Fruchtbildung erhalten und sich deshalb immer ahnungsvoll zum Himmel und seinem Lichte emporrecken, so fühlt sich auch der Mensch mit seinem sittlichen Leben nach oben gezogen und angeregt, die Seele dem Lichte der Wahrheit zu öffnen wie die Blumen dem Lichte der Sonne. Und wie die Pflanzen und alle Kreatur verderben, wenn man sie dem Himmelslicht und der Himmelslust entzieht, so verdirbt auch der Mensch, wenn er sein Herz dem Lichte verschließt und sich einwühlt in die Erde mit ihrem Mammon. Wie die Pflanze im dunkeln Raume wohl üppig ins Kraut wächst, aber keine Blüten von Farbenpracht und Dust und keine Früchte trägt, so kann auch der Mensch, der sich dem ewigen Lichte verschlossen hat, wohl ins Fleisch des Reichtums und der Ueppigkeit wachsen, aber es fehlt ihm doch die innere Gesundheit, welche Blüten und Früchte treibt, die den Menschen erst zum Menschen machen : echte Sittlichkeit, aufopfernde Liebe, friedvolle, reine Heiterkeit des Gemütes, edles Auf- und Vorwärts­streben nach den Ideale«, die von oben leuchten und der Seele erst, wie das Sonnenlicht der Blume, Duft und Farbenpracht verleihen. So möge denn auch in diesem Jahre der Himmelfahrtstag allen ein Tag geistiger, innerer Erhebung nnd leiblicher Erholung sein! Das ist unser Festgruß.

Deutsches Reich.

Der Kaiser hörte am Sonntag die Vorträge des Chefs des Zivilkabinetts, der Staatssekretärs des Reichsmarineamts und des Chefs des Militärkabinetts in dessen Gegenwart der Vorsteher der Geheimen Kanzlei, Major v. Weinheim, die neue Rangliste über­reichte. Zur Frühstückstafel war Admiral v. Hollmann geladen.

Der Reichstag nahm am Dienstag vergangener Woche die Diätenvorlage in dritter Lesung, also definitiv unter Einfügung einer Bestimmung, welche die Ratenzahlungen anders regelt, in der Kommissions­fassung an. Ein Antrag Gröber (Z.), die Strafe für das Fehlen auf 25 Mark festzusetzen, wurde abgelehnt, so daß es bei 20 Mark bleibt, während die Regierung 30 Mark forderte. Hierauf wurde das sogenannte Mantelgesetz zu den Steuervorlagen in zweiter Lesung

N-w-gts- Keve«.

Roman von Max von Weißenthurn. 76

Damit die» möglich werde, wollte sie ihm sagen, daß jene ihr Kind wirklich für tot gehalten, daß sie, die Mut­ter, e» gewesen, welche der verhaßten Schwiegertochter da» Kind entrissen und jene, dies ahnend, ihrerseits das Bild der Mutter im Herzen de» Sohnes nicht habe verun- glimpfen wollen und deshalb das Märchen von der Krank­heit erzählte, welche da» Kind hinweggerafft, während sie hatte annehmen muffen, e» sei zu Grunde gegangen, weil die Mutter ihre» Gatten e» ihr geraubt und die zarte Men­schenpflanze dann ohne der Liebe jenes Wesens, welches ihm da» Leben geschenkt, zu Grunde gegangen sei.

Mit der Festigkeit, welche in der Natur der alten Frau lag, sagte sich die Fürstin, daß, nachdem sie diesen Ent­schluß einmal gefaßt, auch jedes weitere Zögern unnütz sei und sie denselben sobald und so glaubwürdig als nur irgend möglich zur Ausführung bringen müsse. Wie es ihr gelingen solle, Eleonore von der Sachlage in Kennt­nis zu setzen, darüber zerbrach sie sich zunächst noch nicht den Kopf. Der Moment, dessen glaubte sie überzeugt sein zu müssen, würde ihr schon die richtigen Worte einge- ven. Vorerst galt eS, sich zur Reise nach Wien zu rüsten, was für die alte Frau, welche seit vielen Jahren ihr Heil» nicht verlassen, ein ereignisvolles Unternehmen war.

Mit Ungeduld harrte sie der Wiederkehr Walters,welche diesmal eine offizielle sei» sollte, bei der er nicht mehr der Vermittlung deS Direktors bedurfte und sich unter sei­nem wahren Namen amnelde» ließ.

Den jungen Mann berührte es äußerst wohltätig, als er, die Vorhalle deS Schlosses betretend, Koffer und Ki­sten in derselben stehen sah, welche darauf hinwiesen, daß die Abreise der Fürstin, wie er eS zwar gehofft, aber kaum zu glauben gewagt hatte, eine beschlossene Tatsache sei.

Ale er in den altertümlich eingerichteten Salon trat, empfing ihn Eleonore Trouve, welche ihm die Mitteilung

machte, daß Ihre Durchlaucht sie hierhergesandt, um ihn nach dem Zimmer zu führen, in welchem, wie das junge Mädchen mit einem anmutigen Lächeln hinzufügte, nur diejenigen Einlaß erhalten, die Ihrer Durchlaucht wirklich nahestehen.

An der Schwelle verließ Eleonore den jungen Mann, indem sie ihn mit einer einladenden Bewegung auffor- derte, das Gemach zu betreten und seinen Namen mit lau­ter Stimme nannte.

Die Fürstin, sein Herankommen hörend, bot ihm die Hand und sprach, nachdem sich die Tür hinter Eleonore geschlossen:Seit Sie zuletzt bei mir gewesen, bin ich zur Klarheit dessen gekommen, was ich zu tun habe. Mein Weg ist mir genau vorgezeichnet und Sie mögen die Be­ruhigung mit sich nehmen, daß dem Fürsten nicht nur da» Kind wiedergegeben wird, sondern auch, daß daS Anden- kenjener Frau nicht getrübt werden soll, welche zwar schwer gefehlt hat, der ich aber um ihrer Kinder willen verzeihe." Ein Lächeln verklärte dix sonst so strengen Züge der al­ten Dame und verlieh denselben etwas unendlich Anzie­hendes.Wir reisen morgen," fügte sie hinzu,Eleonore weiß noch von gar nichts. Es ist noch Zeit genug, ihr das mitzuteilen, was sie zu wissen braucht, unmittelbar bevor sie deS Glückes teilhaftig wird, den Vater zu umarmen. Ich unterschätze keinen Augenblick die Tatsache, daß Sie fürchterlich gelitten haben müssen, junger Mann, bevor Sie den Entschluß gefaßt haben, den Weg zu mir zu finden. Dieser Entschluß an sich liefert den Beweis, daß Sie ein großes, edles Herz besitzen, das Lohn und Anerkennung verdient. Nicht allein die Rücksicht für meinen Sohn wird mich veranlasse», das Vergehen Ihrer Mutter zu ver­schweigen, sondern auch jene Rücksicht, welche Sie verdie­nen, schließt mir den Mund. Seien Sie überzeugt, daß es mir trotz jahrelanger Trennung von meinem Sohne, jetzt, wo der feste Wille zur Versöhnung erstanden ist, auch gelingen wird, dieselbe zu erreichen Dem leidenden Kinde gegenüber ist kein Opfer für die Mutter zu groß und ich werde mich nicht nur so weit demütigen, um seine Ver­

zeihung zu erbitten, weil ich zuviel Härte gegen ihn und die Auserwühlte seines Herzens an den Tag legte, son­dern werde auch, um ihm seine Illusionen zu wahren, eine Schuldauf mich nehmen, die ich nicht begangen."

Sie sind groß, Fürstin; man schilderte Sie mir al» unversöhnlich in Ihrem Haß, ich sehe aber, daß die Saat der Liebe denselben zu Unterdrücken vermag, daß Ihr Den­ken und Fühlen jenes einer wahrhaft vornehmen Natur ist."

Halten Sie mich nicht für bester al» ich bin," entgeg- nete die Fürstin tief bewegt.Vielleicht würde ich mich nicht selbst so weit überwunden haben, verzeihen zu können, wenn Sie mir nicht geschildert haben würden, wie tief unglücklich mein Kind ist, wenn ich »icht »ebstbei die Emp­findung hätte, daß jetzt, wo er jene verloren, die mich aus seinem Herzen verdrängt, es mir allein gelingen kann, ihn dem Leben und dem Glücke wieder zuzuführen und ich mir ihn dadurch zurückerobere. Mag man mir sagen, was man will, die Mutterliebe ist doch die stärkste aller Empfindungen im Menschenherzen und sie dringt früher oder später durch, selbst wenn sie, durch Vorteil und Haß überwuchert, sich in den verborgensten Winkel unseres Ichs zurückgezogen hat. Selbst an Ihrer Mutter haben wir einen Beweis der Richtigkeit dieser meiner Behaup­tung, denn die Mutterliebe ist eS gewesen, welche die Reue in ihrer Seele erweckte und den Wunsch in ihr wachrief, begangenes Unrecht zu sühnen. Nun aber gehen Sie, ich muß Ruhe und Kräfte sammeln. Wir reifen morgen mit dem Frühzug und steigen im Hotel ab, denn ich habe meine Wohnung in: Palais seit vielen Jahren nicht betreten und scheue mich davor, sie jetzt zu beziehen. Leben Sie wohl und, so Gott will, aus Wiedersehen im Hause Ihre» Stief­vaters!"

Walter ging. Ihm war ein Alp von der Seele genom­men, er fühlte, daß das Schicksal Eleonore» den besten Händen anvertraut und auch des Fürsten Zukunft gesichert sei. Seine Mission war erfüllt.

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