SchWernerZeitung
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Deutsches Reich.
— Aus Anlaß des Zustandekommens der Reichsfinanzreform hat der Kaiser ein sehr schmeichelhaftes Handschreiben an den Reichskanzlers Fürsten Bülow gerichtet, welches mit folgenden Sätzen schließt: „Von ganzem Herzen beglückwünsche ich Sie zu diesem Er» folge, durch welchen Sie sich von neuem den Dank Ihres Kaisers und Königs wie des Vaterlandes erworben haben. Zugleich benutze ich die Gelegenheit, Ihnen, mein lieber Fürst, meine innige Freude darüber aus- zusprechen, daß Ihre durch das Uebermaß der Arbeit angegriffene Gesundheit durch Gottes Gnade vollständig wiederhergestellt ist und ich mich der zuversichtigen Hoffnung hingeben kann, daß Ihre ausgezeichneten Dienste mir noch recht lange erhalten bleiben zum Segen für das deutsche Volk und Vaterland."
— Der Reichstag erledigte am vergangenen Sonnabend die dritte Beratung der Reichsfinanzreform Die Vorlage über die Aenderung des Frachturkundenstempels wurde nach kurzer Debatte angenommen. Gegen die Personenfahrkartensteuer erhob sich heftiger Widerspruch von der Linken und den Antisemiten. Finanzminister Frhr. v. Rheinbaben verteidigte energisch den bayerischen Verkehrsminister Dr. v. Burkhardt gegen die Angriffe des Abg. v. Vollmar (Soz.). Nach Annahme eines Antrages Eickhoff (frs. Vp.), Schülerfahrkarten steuerfrei zu lassen, wurde die Vorlage angenommen. Sehr schnell wurden die Automobil- und Tantiemensteuer erledigt, und die Erbschaftssteuer wurde mit einem Antrag Beumer (natl.), mildtätige Stiftungen der Staffelung nicht zu unterwerfen, gleichfalls angenommen. Nachdem auch das Mantelgesetz angenommen, ist die Reichsfinanzreform erledigt. Schließlich wurde poch die Flottengesetznovelle (sechs Auslandskreuzer) ohne Erörterung angenommen. — Am Montag wurde zunächst der Handelsvertrag mit Schweden in erster Lesung beraten. Vom Zentrum und von der Rechten wurden Einwände gegen den Vertrag erhoben und Kommissionsberatung beantragt, welche beschlossen wurde. Sodann wurde das Offizierspensionsgesetz durchweg nach den Kommissionsbeschlüssen in zweiter Lesung gegen die Stimmen der Sozialdemokraten angenoumen.
— Das preußische Abgeordnetenhaus beriet am Montag das Kappschaftsgesetz in dritter Lesung. Das Zentrum Halle seine Einträge aus der zweiten Lesung auf obligatorische Einführung des geheimen Wahlrechts und die Wählbarkeit der Invaliden zu Knappschafts- wiederholt. Die Vertreter der nationalliberalen, der konservativen und der freikonservativen Partei traten für die Beschlüffe zweiter Lesung ein. Handelsminister Dr. Delbrück erklärte am Schluß der allgemeinen Be-
Alervegtes Keven.
Roman von Max vvn Weißenthurn. 77
Im Palais Lichtenfels herrschte jene lautlose Stille, welche dasselbe nach dem Tode der Fürstin kennzeichnete.
Schrill und laut erscholl eines Abends die Hausglocke und es rief dieser Klang ein gewisses Befremden hervor.
Man fragte sich verwundert, wer zu so ungewohnter Stunde in das Haus Einlaß begehre, welches sonst kanm je ein fremder Fuß betrat, und Jakob, das alte, ehrwür- dige Faktotum des Hauses, ging selbst, um die Tür zu öffnen.
Eine tief verschleierte, gebeugte Frauengestalt, geführt Don einem schlanken,jungenMädchen, trat über die Schwelle und blieb einen Augenblick tief aufatmend in der hell erleuchteten Borhalle stehen.
„Ist der Fürst zu Hause?" fragte sie dann mit leise vibrierender Stimme.
Beim Klänge derselben starrte der alte Jakob sie an, als sehe er plötzlich ein Gespenst.
Er fand kein Wort der Entgegnung und die Dame mußte ihre Frage wiederholen, bevor er fast verschüchtert stammelte: „Ja, er ist immer zu Hause, aber . . ."
„Er empfängt keine Besuche, wollen Sie sagen. DaS tut nichts. Weisen Sie mir den Weg nach dem Zimmer, in welchem er sich aufhält, oder richtiger gesagt, weisen Sie ihn der jungen Dame, die mich führt? denn ich . . bin ja blind." Sie schlug bei diesen Worten den Schleier zurück.
Ausschluchzend faßte der alte Mann nach den ebenfalls zitternden Händen der Dame, die sich merklich Gewalt antat, um ihre Erregung zu bemeister».
„Euer Durchlaucht," sprach der im Dienste des Hauses ergraute Jakob, indem er die Hände der Fürstin mit Küsten bedeckte, „nun, nun wird alles wieder gut, nun
Samstag, den 26. Mai 1906.
KmBMMMBBBi^HHH sprechung, die Regierung sehe das Gesetz als ein gutes an, das viele Verbesserungen für die Arbeiter bringe. Das Kompromiß, welches das Zustandekommen des Gesetzes ermögliche, sei eine erfreuliche Tatsache. Der Minister gab der Hoffnung Ausdruck, daß ein derartiges Zusammenarbeiten zwischen Mehrheit und Regierung noch recht oft stattfinden möge. Die Abstimmung über die Hauptstreitpunkte der Vorlage und die Anrräge des Zentrums wurden auf Antrag des Abg. Dr. Porsch (Z.) auf Dienstag vertagt. Im übrigen wurden die Beschlüsse zweiter Lesung aufrecht erhalten. Der Rest der Sitzung wurde mit der Erledigung von Petitionen ausgefüllt.
Ausland.
— Der Aufstand in Deutsch-Ostafrika beschränkt sich auf ein immer kleineres Gebiet. Nach einem Telegramm des dortigen Gouvernements ist die Unterwerfung der gebirgigen Landschaften Ukinga und Upangawa am nordöstlichen Gestade des Nyassa-Sees beendet, nachdem die Expedition des Majors Johannes den Eingeborenen in verschiedenen Kämpfen einen Verlust von 400 Toten, 600 Gefangenen und zahlreichem Vieh beigebracht hatte. Das Detachement Johannes hatte demnächst sich weiter nach Osten gewendet und seine Tätigkeit nach dem Süden von Mahenge verlegt, um im Verein mit den dortigen Truppen einen konzentrischen Angriff gegen die Landschaft Mgende zu unternehmen. Der Sultan Schabrumn macht den Versuch, von Songea über die portugiesische Grenze zu entkommen. Gegenmaßregeln sind getroffen worden.
— Die niederländische Regierung im Haag brächte einen Gesetzentwurf ein, welcher die Zustimmung der Kammer zu einem Protokoll fordert, welches die russische Regierung in der Absicht, den auf der ersten Friedenskonferenz nicht vertretenen Mächten die Teilnahme an der zweiten Konferenz zu erleichtern, sofort nach Eröffnung der zweiten Konferenz von den Bevöllmächtigtcn der Signatarmächte der Konvention von 1899 unterzeichnen lassen will. Das Protokoll soll festsetzen, daß die auf der ersten Konferenz nicht vertretenen,, aber zur zweiten eingeladenen Mächte als Konvention zur friedlichen Schlichtung internationaler Streitigkeiten beigetreten gelten sollen von dem Augenblick an, wo sie diesen Beitritt der niederländischen Regierung mitteilen.
— Die offizielle Eröffnung des Simplontunnels hat in Anwesenheit des Königs Viktor Emanuel von Italien und des schweizerischen Bundespräsidenten Forrer statt- gesunden. In Brig hieß Bundespräsident Forrer den! König als das sympathische Oberhaupt des befreundeten | Nachbarstaates im Namen des ganzen Schweizervolkes
Fürstin sauft ab. „Ich bedarf meiner ganzen Kraft. Führen Sie mich zu meinem Sohn."
Lautlos schritten die drei Personen über die teppich- belegte Treppe, durch den Korridor, welcher nach dem Zimmer führte, das der Fürst nun zumeist inne zu haben pflegte.
Lautlos öffnete Jakob die Türe und die Fürstin am Arme Eleonores trat ein.
Mit verschränkten Armen, düster vor sich hinstarrend, saß Fürst Otto in einem Schaukelstuhl, bewegte denselben aber nicht. Nach dem Ausdrücke seiner Züge zu urteilen, waren es trübe, traurige Gedanken, welchen er nachhing und die ihn der Wirklichkeit so vollständig entrissen, daß er nicht beachtete, was um ihn vorging und er das Oeff- nen der etwas seitwärts gelegenen Türe nicht hörte, die nahenden Schritte nicht vernahm.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter und eine Stimme, welche er lange, lange Jahre hindurch nicht vernommen, welche aber in seinem Herzen und in seiner Erinnerung nie zu leben ausgehört hatte, sprach leise: „Otto, Deine Mutter kommt zu Dir als Bittende, Reumütige! Harte Worte waren eS, die zwischen uns gefallen sind, als mir einander zuletzt gesehen. Ich war im Unrecht, ich habe langer Zeit bedurft, um es einzusehen, aber die Liebe zu Dir hat trotz aller äußeren Härte nie aufgehört zu leben und diese Liebe hat mich nun hierhergebracht, nun, wo Du einsam und verkästen bist. Verzeihe mir, daß ich gefehlt, verzeihe mir auch jenes Unrecht, welches Du noch gar nicht kennst, verzeihe mir um Deines Kindes willen."
Die alte Fran, welche von Eleonore gestützt an den Fürsten herangekommen war, trachtete tastend mit der Hand von der Schulter ihres Sohnes herabgleitend, des- jeu Rechte in die schlanken Finger des Mädchens zu legen.
Fürst Otto war bei dem ersten Worte, welches seine Mutter gesprochen, jählings zusammengefahren. Ein Zu!- I E...» k..uXtla( sotun dln^AÜ sllw Jalrfisalaf loAta KA hn* iottt»
57. Jahrgang.
>MWW8MWMZWI^WWWMWWWWMMW8WM. auf dem schweizerischen Boden willkommen und sprach die Hoffnung aus, daß die für alle Zeiten gebaute Simplonbahn, dieses große, gemeinsame Werk, auch der Freundschaft zwischen den beiden Nationen eisernen Bestand verleihen möge. In seiner Erwiderung dankte der König zunächst für den ihm bereiteten herzlichen Empfang, gab der großen Sympathie Ausdruck, die er für das arbeitsame Schweizervolk empfinde, und zollte den Schöpfern des Simplontunnels seine hohe Anerkennung. Der König begrüßte sodann die Simplon» bahn als eine Garantie der unzerstörbaren herzlichen Freundschaft der beiden Nationen und schloß mit einem Hoch auf den Bundespräsidenten, den Bundesrat und das Schweizervolk. Nach einer Besichtigung über die zum Ehrendienst aufgebotenen schweizerischen Truppen erfolgte die Abfahrt des Königs nach Domodoffola, wo der schweizerische Bundesrat auf italienischem Boden durch den König empfangen wurde.
— Das neue portugiesische Ministerium ist nunmehr gebildet und hat folgende Zusammensetzung: Franco Vorsitz und Inneres, Jose Novaes Justiz, Schröter Finanzen, Vasconcellos Porto Krieg, OrneUas Marine, Luis Magalhaes Aeußeres, Reymao Oeffent- liche Arbeiten. Die Fortschrittler haben kein Ministerportefeuille oder andere politische Stellungen erhalten, werden aber das Kabinett unterstützen.
— Wie verlautet, erhielt der Präsident der russischen Reichsduma die amtliche Mitteilung, daß der Empfang der Abordnung zur Ueberreichung der Adresse in Peterhof nicht stattfinden könne, da derartige Beschlüffe dem Kaiser dnrch den lHofminister zu übermitteln seien. Eine gleiche Mitteilung sei dem Präsidenten des Reichs- rats zugegangen. _______ Lokales und Provinzielles.
Schlächtern, 25. Mai 1906.
—* Unsere Hoffnungen auf gut Wetter zu Himmelfahrt haben sich glänzend erfüllt. Es war ein ideal schöner Festtag, den wir verleben konnten und so war denn auch „alle Welt" auf den Beinen, die herrliche Gottesnatur in ihrem schönsten Schmucke zu bewundern und einige Stunden der Erholung zu genießen. Einzel- und Familienspaziergänge, Maffeuausflüge und Vereinspartien, Konzerte uud gesellige Vergnügen beherrschten die Umgebung und das Innere unserer Stadt, und Schusters Rappen, wie Stahlroß, Auto, Vehikel und die Bahn wurden in den Dienst des Himmelfahrtstages gestellt. Nun kanns getrosten Mutes aufs Pfingstfest zugehen, das seine Schatten ja schon längst vorans- wirft und das, dem schönen Verlauf von Himmelfahrt entsprechend, alter Erfahrung nach von ebenso herrlichem Wetter begünstigt sein dürfte.
befremdet auf und sprach, einen Schritt zurücktretend „Mutter, wie glücklich hätten mich Deine Worte der Liebe und Verzeihung vor kurzer Zeit noch machen können, damals als sie noch lebte, die mir alles galt und die Du mit an Dein Herz hättest ziehen müssen, um den Sohn wieder zu erlangen. Jetzt. . jetzt ist eS zu allem zu spät."
„Rein, daS ist es nicht. Ich kann ihr allerdings nicht mehr sagen, daß ich ihr verzeihe, aber ich habe, wa» ich an ihr gefehlt, an ihrem Kinde gut gemacht, an ihrem und an Deinem Kinde! Dieses ist es, daS ich Dir jetzt, in der Stunde, in welcher Du alles verloren zu haben glaubst, zuführe und um dieses Kindes willen, das der Segen meines Alters geworden, laß alles vergeben, vergeben und begraben sein, was einen Mißklang bilden könnte in der Harmonie, die uns beglückend vereinen soll. Forsch«, frage, klügle nicht viel. Demütige Deine Mutter nicht im Staube vor Dir. Ich habe der Frau, die ich gehaßt, ihr Äinb weggenommen, weil ich sie für unfähig hielt, dasselbe so zu erziehen, wie Deine Tochter erzogen werden sollte. Ich habe ihr einen Schwur abgerungen, da» Geheimnis zu wahren und Dich in dem Glauben zu lasten, da» Kind sei tot, ihr aber dagegen versprochen, wenn eS erwachsen und nach meinem Sinne gebildet sei, da» Mädchen Euch beiden zuzuführen, geseiht gegen Einflüsse seiner Mutter, der ich nicht vertraute. Weltabgeschieden, wie ich gelebt, habe ich erst vor kurzem von dem Tode jener Frau er- fahren, der ich in manchem unrecht getan haben mag. Ich beklage es, daß ich nicht mehr Dir und ihr, der Dahin- geschiedenen, Euer Kind zurückgeben kann. Ich fe^e ein, daß ich gefehlt, daß ich zu schroff, zu hart gewesen, aber ich irrte auS Liebe, und wer viel geliebt, dem soll auch viel vergeben werden. Verzeih' mir meine Schuld."
In grenzenloser Erschütterung hatte der Fürst feiner Mutter gelauscht. Er ahnte nicht die Größe des Opfer», welches sie ihm brächte, ahnte nicht, daß sie aus Mutter- lioks Pin*» i'o^ffmTh Aitf ftrÜ unÜm hip it» H»K fspAAttn^rt um