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WichtemerZtilung

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg,

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Samstag, den 2. Juni 1906.

57. Jahrgang.

Pfingsten.

Hörst du im Hag der Nachtigallen

So schmelzend-weichen, süßen Lang?

Der Lerche Lied im blauen Aether, Der Glockenstimmen ehern Klang ? Liehst du die Pracht auf Flur und Matten, Von tausend Blumen weit und breit? So jauchz', o Herz, in all der Wonne: Willkommen sel'ge Pfingstenzeit!

Ja, Pfingsten ist's durch Gottes Gnade, Der Sorgen Tage, sie sind aus, Drum maiengrüne Birkenzweige, Sie pflanzt vor Hütte heut und Haus Und laßt, befreit von allem Leide, Just mit der Sonne geldnem Schein, Den Geist der Wahrheit und der Gnade Hellflutend in die Herzen ein.

Wer da verzagt -- voll frohen Mutes, Mit neuem Hoffen und Vertraun Mag er getrost der Zukunft Bahnen Frohahnend nun entgegenfchaun.

Dann in des Pfingstfest's Bann und Zauber Gin neues Wunder wird geschehn! Fernab von Zwietracht, Neid und Hader Wird er die Wege Gottes gehn.

Gin Streiter kühn für alles Gute Wie einst der Jünger kleine Lchar, Bringt er im Dienst der Menschenliebe Sein ganzes Sein dem Meister dar. Und gleichsam wie mit Flammenzungen In neuen Sprachen weit und breit preist dann sein Mund zu Gottes Ghre Die gnadenreiche Psingstenzeit!

Pfingsten.

Pfingsten! Jubelnd durchschallt es die Welt. Die Quellen rauschen, die Blumen duften, die Vögel schmettern es zum blauen Himmel empor: Pfingsten! Was wir so lange hoffend ersehnten, es ist da. Die Sonne leuchtet herab auf blühende Gefilde, sie öffnet die Kelche der Blumen und die Herzen der Menschen, die freudigen Sinnes hinausziehen in die herrliche Natur, sich zu laben an all dem Schönen, das des Schöpfers Hand in reicher Fülle ausgestreut hat über die jung­fräuliche Erde, die, geschmückt mit tausend Reizen, prangt wie eine herrliche Braut. Die Wälder und Felder sind angetan mit smaragdenem Grün, mit iaMiMWBMmaiwBM^l^Ma«»ta^^

§n Ketten der Kieöe.

Roman von Seta v. Starkenstein. 1 (Nachdruck nicht gestattet.)

^,Ja, ich will Dich heiraten," sprach Wally träumerisch, aber diese Worte dünkten ihr seltsam, riefen in ihr die Empfindung hervor, als verstünde sie deren Tragweite noch nicht so recht. Allerdings pochte daS kleine Herz un­ruhig, aber eS gebrach demselben an jener leidenschaftli­chen Seligkeit, die zur Sache gehören mußte, wenn die Romane, welche sie gelesen, richtige Leitfäden auf der Bahn des Lebens sein sollten.

Und als Manfred Lister sie in seine Arme schloß und küßte, da empfand sie gar keine besonders neue, nie gekannte Regung, sondern nur ein befremdliches Erstaunen. Jeden- falls war es ihr nicht zu Mute, als sei sie im Paradiese, wie sie es bei den Heldinnen der Romane, die ihr zu Hän- den gekommen, stets gelesen hatte. Vielleicht kannten die Menschen im wirklichen Leben solche Ekstase nicht und daS ruhige gemächliche Behagen, welches sie empfand, war unter den obwaltenden Umständen die naturgemäß rich­tige Stimmung. ES ließ sich aber die Tatsache nicht wohl in Abrede stellen, daß eS ihr einige Enttäuschung berei- tete, zu entdecken, daß die Wirklichkeit des Lebens um so vieles weniger romantisch sei, als die Phantasie es dar- stellte.

Ich habe Dich mein ganzes Leben lang geliebt," flit- sterte Manfred zärtlich,das heißt, wenigstens so lange ich Dich kenne, und da ich Dich zum erstenmal gesehen, warst Du ein kleines Mädchen in der Kittelschürze und ich ein großer Schuljunge."

Ja," stimmte Wally träumerisch bei,es ist im Grunde genommen noch nicht gar so lange her, wie ?"

Nur neun Jahre, Liebchen, Du zählst ja jetzt erst sieb- zehn Frühlinge, sehr jung, um sich zu verloben," meinte Manfred ernsthaft, er, der selbst kaum mehr denn ein Knabe war und das Kollegium erst seit kürzester Zeit verlassen hatte.

Blumenkränzen schmücken sich die Höhen, und Blumen I duften in der Täler Schoß. Ueberall, in den Büschen, über den Fluren musizieren und singen die Bewohner der Lüfte, süß aber flötet im dämmerigen Gezweig die Nachtigall der Liebe sehnsuchtsvolles Lied. Und in den Jubel der Natur klingt von nah und fern hehr und feierlich der Glocken Pfingstgeläut. Orgelton und frommer Sang verschmelzen mit dem Liede der Vögel, daß es harmonisch dahinschwebt wie eine einzige Melodie:

Schmückt das Fest mit Maien, Lasset Blumen streuen, Zündet Opfer an!

Zur Zeit der ersten Pfingsten wurde der Geist Gottes ausgegossen über die Jüngerschar, und Jahr für Jahr ergießt sich seitdem der Pfingsten heiliger Geist über die Welt. Und die Völker der Erde ver­stehen seine Sprache; denn es ist die Sprache der Liebe, die nichts will als das Gute, das Glück und den Frieden, der vom Himmel stammt. Sie redet zu uns sanft und mahnend, glücklich zu machen alle die­jenigen, die das Glück ersehnen. Wer aber das Glück empfing, den drängt es, auch andere zu beglücken. So will das Pfingstfest kommen nicht allein in die Welt draußen, sondern auch in die Welt, die wir im Busen tragen, damit es Frühling werde in den Herzen, wie es Frühling geworden ist in der Natur. Wie die Blume sich öffnet in dem Strahle der Sonne, so soll sich auch unsere Seele erschließen dem hohen Himmels­licht, und in unser Herz soll eindringen des Pfingst- festes Segen, daß er darin wohne für alle Zeit.

Ja, Pfingsten ist gekommen und umwebt die Seele des Volkes mit den goldenen Fäden seiner Poesie. Ihrer holden Macht ergeben wir uns freiwillig, be­wußt und unbewußt. Wohl wird ihr leises, süßes Klingen übertönt von des Alltags tosendem Geräusch. Wohl dröhnen die Hämmer und rollen die Räder, und in dem Hasten und Jagen nach Gewinn und Genuß geht oft die Blütezeit unbemerkt vorüber. Wohl brausen die Stürme der Leidenschaft und suchen nieder­zuwerfen, was steht, und zu vernichten, was lebt. Aber sie werden das im verborgenen neu erblühende Leben fördern, statt töten, sie werden die Wurzeln des Baumes kräftigen, daß er blühe und Früchte trage, und aus der Zeit der Irrungen und Kämpfe geht neu geschaffen die alte Welt hervor. Wohl ist die Macht der bösen Geister der Zwietracht, der Verfolgung, des Haffes noch nicht gebrochen, aber die Wetterstürme, unter denen die Wälder zittern, verkünden den Lenz, und der finstern Nacht folgt das Erwachen, der große Feiertag.

IWM IM ................................

Verlobt. . o, Manfred," flüsterte Wally fast erschreckt, D, Manfred, ist das nicht ganz seltsam?"

Du wirst Dich schon daran gewöhnen, Kind," meinte der Jüngling mit liebevoller Ueberlegenheit,Du bist ja kaum mehr denn ein Kind, meine Wally!"

Ja, so ist es," flüsterte sie naiv, aber sie hatte dabei ein unklares Bewußtsein, daß ihre Worte nur einen Teil der Wahrheit auSdrückten und daß sie nur den ersten Teil des Satzes beantwortete, welchen ihr Verlobter ausge­sprochen, nicht auch den letzten.

Das Mädchen mochte Manfred sehr, ja sehr gerne lei­den; es hatte niemals einen Bruder besessen, und Man­fred füllte die Stelle desselben aus; vielleicht dünkte ihr gerade deshalb die Erklärung, welche er heute abgege­ben, so natürlich, vielleicht hatte gerade deshalb ihr diese so gar keinen aufregenden, außergewöhnlichen Eindruck gemacht.

Sie standen zusammen an einem Zaun, welcher den Garten, der zu der Besitzung des Onkels gehörte, bei wel- chem Wally Gerhard lebte, von der Straße trennte. Bäume und Pflanzen standen in voller Blüte; es war ein präch­tiger, wolkenloser Junitag, an welchem das schlanke, zier­liche Mädchen mit den großen, dunkelgrauen Augen und dem prächtigen Gclocke kastanienbraunen Haares, das im Sonnenschein goldig schimmerte, während es auf ihre wohl­geformten Schultern niederfiel, mit dem Jugendfreunde beisammen stand.

Es schlummerten Empfindungen in der Seele des Mäd­chens, von denen es bis nun selbst noch keine Ahnung hatte; eS lag nicht in Wallys Natur, auf die Dauer mit jener Liebe sich zufrieden zu geben, welche sie Manfred Lister bieten konnte. Er war ein schlank gewachsener, hübscher, junger Mensch, der seinerseits schwerlich so leicht erraten würde, welcher Leidenschaftlichkeit Wallys Herz fähig sein würde, wenn es nur erst einmal zu voller EmpfindungS- kraft erwachte.

Bis jetzt aber schlummerte der Herzschlag echter Weib- lichkeit noch in der Seele deS KindeS, das holdselig und

Darum wollen wir von uns werfen alles, was die Seele belastet, was sie hindert am Fluge in die Höhe. Wir wollen hinwegtun, was uns bekümmert und das Leben verbittert. In Liebe wollen wir des Nächsten gedenken und bereit sein zum Guten, zur Versöhnung, zu Frieden. Wenn wir eingedenk werden, daß wir auch wieder lernen, uns als Brüder zu lieben. Dann wird der Geist der Pfingsten unter uns wohnen, dann wird die Fehde unter den Menschen ein Ende haben, der Völkerfriede gekommen sein. Dann prangt die Erde in ungeahnter Blütenpracht und durch die ganze Welt hallt es wie Vogelfang und Glockenklang: Pfingsten, das Fest der Freude, der Liebe, des Friedens, Pfingsten ist da!"

Deutsches Reich.

Der Kaiser hat den beiden ältesten Söhnen des Sultans das Großkreuz des Roten Adlerordens verliehen.

Der Kaiser nahm am Dienstag vormittag die Parade der Potsdamer Garnison ab. Bei der Parade war auch der frühere Präsident Roca anwesend. An dem nachfolgenden Frühstück bei den Majestäten nahm Präsident Roca ebenfalls teil.

Nach der Besichtigung der zweiten Gardebrigade in Döberitz kehrte der Kaiser mit der Kaiserin, die der ganzen Uebung beigewohnt hatte, im Automobil nach Berlin zurück. Abends war der Kaiser mit den Offi­zieren im Charlottenburger Schloßpark vereinigt, wo ein Gedenkstein enthüllt wnrde.

Ein Prachtalbum für das Kronprinzenpaar hat der deutsche Botschafter in Washington Speck v. Stern­burg nach Berlin gesandt. Das Album ist eine Liebes­gabe der Newyorker Deutschen zur Erinnerung an die Hochzeit des Kronprinzen ; es enthält alle amerikanischen Meldungen über die Hochzeit.

Der Reichstag hielt am vergangenen Sonnabend drei Sitzungen ab. Der Handelsvertrag mit Schweden wurde definitiv angenommen. Dagegen wurde nach einer zum Teil sehr stürmischen Debatte die Errichtung von 4 farbigen Kompagnien für Ostafrika, die Ent­schädigung für die Farmer in Südwestafrika und die Fortführung der Bahn Lüderitzbucht-Kubub bis Keet- manshoop abgelehnt; es wurden nur 500 000 Mark zur Ansiedelung von Mitgliedern der Schutztruppe be­willigt. Endlich wurde auch die Errichtung eines selbständigen Reichskolonialamts mit einem Staats­sekretär an der Spitze in dritter Lesung abgelehnt. Am Montag wurde nach längerer Debatte ein Zent­rumsantrag mit 117 gegen 64 Stimmen bei 91 Stimmen- enthaltungen angenommen, demzufolge in den Etat des Auswärtigen Amtes die Kolonial-Abteilung mit einem

wild zugleich war, welches Vögel, Blumen, Bäume, kur- zum alles Schöne liebte, kein anderes Leben kannte, als jenes in Wald und Flur, kaum irgend andere Genossen hatte, als den Oheim, Manfred Lister, einen weitschich­tigen Verwandten ihrer Mutter. Sie ahnte ihre eigene Schönheit nicht, die kleine Wally, sie lechzte nicht nach Reich­tum, obschon sie arm war und kannte nur zuweilen ein leiseS, unbestimmtes Sehnen nach einer größeren, mächti­geren Welt, was sie nicht hinderte, in ihrem kleinen Kreise und auf der einfach enBesitzung ihresOheimS glücklich zu sein.

Ich bin begierig, was der Onkel sagen wird," sprach Manfred nach einer Weile, indem er nach Wallys kleiner Hand faßte.

Er wird sich nicht freuen," meinte das Mädchen nach­denklich,er dürfte finden, daß wir zu jung sind . . und . . und wir sind eS auch, Manfred."

Zu jung?" wandle er eifrig ein.Ich bin zweiund- zwanzig Jahre und ..."

Und zu arm wird er uns auch finden," fuhr Wally fort, indem sie nicht ihren Verlobten, sondern das GraS zu seinen Füßen anstarrte.

Lister schwieg und biß sich auf die Lippen.Ich bin allerdings nicht reich, "sprach er nach einer Weile in ganz- lich verändertem Tone,aber in einigen Monaten habe ich eine Stelle im Auswärtigen Amte und im Vereine mit dem kleinen Vermögen, welches meine Mutter mir hinterlassen, macht das dann doch eine Jahreseinnahme von zweihundertundfünfzig Pfund Sterling auS!"

Kann man mit solchem Einkommen in London le­ben?" forschte daS Mädchen, welches nur sehr beschränkte Begriffe von einer Existenz in der Riesenstadt hatte.

Das will ich meinen. Besser als auf dem Lande!" rief Manfred mit kühner Ueberzeugungsstärke.Nebstbei ist ja diese Summe selbstverständlich nur für den Anfang. In einigen Jahren," eS lag eine rührende Unbestimmtheit in dem Begriffeeinigen",werde ich in meiner Stellung allein mir vierhundert Pfund verdienen! Dann aber find wir verhältnismäßig reich!" 128,18