geutsches Reich.
— Die Nordtaudfahrt des Kaisers wird am 3. Juli angetrelen. Sie wird nach dem „Berl. Tagbl." länger dauern und weiter nach deui Norden ansg.dehnt werden, als es in den letzten Jahren geschah. Als nördlichster Hafen ist Hammerfest ausersehen. Der Kaiser trifft erst um den 15. August in Kiel wieder ein.
—' Das Befinden des Reichskanzlers hat sich stetig gebessert. Ein günstiges Zeichen ist es, daß Professor Dr. v. Renvers Norderney verlassen hat.
— Die Württembergische Abgeordnetenkammer nahm einstimmig einen von Abgeordneten aller Parteien gestellten Antrag an, für die von dem württembergischen Kriegerbund zu Gunsten von Veteranen und deren Hinterbliebenen verunstalteteSammlung einen einmaligen Staatsbeitrag von 30000 Mark zu gewähren.
— Die neuen Vorschriften über die Ausbildung und Prüfung für den Staatsdienst im Baufach vom 1. April 1906 treten vom 1. Oktober 1906 ab an die Stelle der Prüfungsvorschrifleu vom 1. Juli 1900. Letztere bleiben jedoch für die Regierungsbauführer in Kraft, die auf Grund der bei einem der technischen Prüfungsämter in Aachen, Berlin oder Hannover abgelegten ersten Haupiprüfung zur Ausbildung und Ablegung der zweiten Haupiprüsung zugelassen sind. Die erfolgten Aenderungen tragen den Bestimmungen über die Ersetzung der Vorprüfung und der ersten Haupt- prüfung für den Staatsdienst im Baufache durch die Diplomprüfung Rechnung.
— Die Hauptstelle deutscher Arbeitgeberverbände hat eine Verbindung der bei ihren Mitgliedern bestehenden Arbeitsnachweise in die Wege geleitet. Sie versendet an diese Mitglieder monatliche Nachrichten. Diese Nachrichten enthalten eine Schilderung des Arbeits- marktes nach den Berichten der Mitglieder und den sonstigen Veröffentlichungen, sie bringen ferner die monatlichen Statistiken der Nachweise und eine Uebersicht der der Hauptstelle mitgeteilten Ausstände.
— Vom Ministerium des Innern sind genaue Erhebungen über die Verteilung des Grundbesitzes zwischen Deutschen und Polen angeordnet worden. Die Gemeindevorsteher haben den Auftrag erhalten, in den Grnndsteuermulterollen bei jenem Grundbesitzer anzu- geben, ob er Deutscher oder Pole ist. Auf Grund dieser Angaben steilen die Katasterämter dann fest, wieviel Grundbesitz in jeder Gemeinde u. s. w auf Deutsche und wieviel auf Palen entfällt.
— Die Amtsblätter der Königlichen Eisenbahn- direktionen enthalten die offizielle Mitteilung an die beteiligten Dienststellen, daß die Erhebung der Fahr-
Ausland.
— Nach einem Telegramm des Kaiserlichen Gouvernements von Deutsch Ostafrika sind neue Unruhen in der Landschaft Jraku ausgebrochen. Ein treuer Häuptling wurde verjagt und der Meru-Ansiedler Uffert von 500 bis 1000 Aufständischen aufgehalten und bedroht. Der StationSchef rückte am 5. Juni von Moschi ab mit zwei Europäern, 40 Askari, 1 Maschinengewehr und 103 Massen Es wurden konzentrisch vorgeschoben: Abteilungen von Mpwapwa aus über Jrangi, von Kilimatinde über Mkalama sowie die in Tabora stationierte 5. Kompagnie,
— In der Sitzung des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten der ungarischen Delegation hielt der Minister des Aeußeren Gras Goluchowki jüngst das Expose. Er äußerte sich dabei über das Verhältnis Oesterreichs zu Deutschland und dem Dreibünde folgendermaßen : „Im Zeichen einer vertrauensvollen Uebereinstimmung bewegen sich ebenso wie je zuvor unsere Beziehungen zumDeutschen Reiche. Fest und unerschiillert, bilden sie den Angelpunkt jenes politischen Systems, welches sich bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert bewährt und dessen Fortbestand _ nicht allein in unserem gegenseitigen Interesse liegt, sondern auch
karteufteuer am 1. August d. I. beginnt. Von diesem Tage an wird also für jeden zur Ausgabe kommenden Jahrausweis erster, zweiter und dritter Wagenklasse, dessen Preis 60 Pfg. und mehr beträgt, die Steuer ii ich den bekannten, vom Reichstage beschlossenen uns vom Bundesrat genehmigten Sätzen erhoben. Die Steuer wird in den tarifmäßigen Fahrpreis eingerechnet, ’o d >ß auf den Fahrkarten Fahrpreis und Steuer in einem Betrage erscheinen.
— Ueber das Fachschulwesen in Preußen macht das Ministerialblatt der Handels- und Gewerbeverwaltung folgende Mitteilungen: Im Winterhalbjahr 1905/6 sind die Maschinenbauschulen und ähnliche Fachschulen für Metallindustrie Preußens von 3132 Zchülern besucht gewesen, die Baugewerkschulen von 5285 Schülern. In den Handwerker-, Kunstgewerbe-und ähnlichen Fach« schulen wurden 16 200 Schüler, und zwar 307 7 in der Tages und 12 213 in der Abend- und Sonntagsschule unterrichtet. Der Besuch der Textilfachschulen stellte sich auf 1734, wovon 1446 auf die höheren Schulen entfielen. Von den letzteren waren 602 Tages- und 814 Abend- und Sonntagsschüler. Im Fortbildungs-, Jnnungs und Vereinsschulwesen wurden in gewerblichen Schulen 226 574, in kaufmännischen Schulen 34 389 männliche und 2545 weibliche Schüler unterrichtet
für den ganzen europäischen Kontinent eine eminente Friedensbürgschaft darstellt."
— Der König Eduard von England hat dem deutschenglischen Freundschaftskomitee in London den Wunsch zu erkennen gegeben, die deutschen Pressevertreter, die demnächst England besuchen werden, zum Frühstück in Windsor-Castle zu empfangen.
— Der norwegische Staatsrat nahm folgende im Storthing einzubringende Gesetzentwürfe an, durch welche die Verfassung geändert werden soll: einen Gesetzentwurf betreffend das Recht zur Siorthingsauf lösung, einen andern, betreffend Abschaffung der Herbst session des Storthing, und einen dritten, betreffend die Wählbarkeit der gegenwärtigen Mitglieder des Staats• rats. König Haakon übertrug die Führung der Regierungsgeschäfte während seiner Abwesenheit aus Anlaß der Krönung an die Regierung. Ferner ermächtigte der König das Ministerium, in seinem Namen das gegenwärtige Storthing aufzulösen.
— In der russischen Reichsduma kam es wieder zu einer heftigen Kundgebung gegen die Regierung Ein Antrag, dein Zaren Dank abzustatten für die dem Volke erwiesene Gnade, wurde mit Zischen beantwortet.
Lokales und Provinzielles.
Schlüchteru, 15. Juni 1906.
- * Herr Joh. Fahrein Landwirt hier hat eine Gans die bis heute das 84 Ei legte. Im vorigen Jahre legte dieselbe 65 Stück Eier, wenn das so weiter geht, wird sie nächstes Jahr das Hundert voll machen Gewiß sehr anzuerkenne».
—* Heute Morgen 7,12 Uhr wurden die Einwohner hiesiger Stadt durch die Alarmglocke in Schrecken gesetzt. Es war in dein Neubau des Herrn Senilsten W. Rollmann in der Grabenstraße ein Brand ausgebrochen, wurde aber durch eingreifen tüchtiger Kräfte auf seinem Herd beschränkt Die Entstehungsursache ist noch unbekannt-
—* Ausgerechnet 15 Millionen Mark gehen alljährlich verloren, wenn alle die Umhüllungen der Chokoladen weggeworfen werden, welche die europäische Chokoladen-Jndustrie verarbeitet. Das Staniol ist reines Zinn, ein sehr teueres Metall. Aus diesem Grunde finden sich in den Chokoladetafeln in letzter Zeit kleine Zettel, welche zum Sammeln der Um- Umhüllungen auffordern,. die in besonderen Sammel- fiellen angenommen und der Industrie wieder zugeführt werden sollen — Flaschenkapseln dagegen sind stark bleihaltig und daher nur von geringem Wert. Das Zinn hat in der letzten Zeit eine ungeheure Preis-
In Kette« der Kieve.
Roman von Seta v. Starkenstein. 8
„Ich sollte die Tugend ererbt haben," meinte da» junge Mädchen lächelnd.
„Wieso, sind Sie ein Söldatenkind?" fragte der Offizier mit einer Emphase, die einem koketteren Mädchen, als Wally es war, zweifelsohne geschmeichelt haben würde.
„Ja," entgegnete sie errötend mit einem gewissen Gesicht des Stolzes, „ich bin die Tochter des Majors Gerhard."
„Gerhard . . Ludwig Gerhard?"
„Ja, haben Sie ihn gekannt ?" fragte das Mädchen rasch.
„Nicht persönlich, aber fast jeder Soldat kennt und ehrt seinen Namen. Wie sollten Sie sich dann fürchten können, zu Frau Jermingham zu gehen? Sie haben ein Anrecht auf sie, auf jeden Soldaten, auf jede Soldatenfrau."
„Wird die Dame aber wohl gleich Ihnen denken?"
„Gewiß." emgegnete der Offizier, indem er die Zügel seines Pferdes amug; „wir haben jetzt nahezu die Stadt erreicht und die Wohnung des Generats befindet sich ganz nahe von hier." Er hob Wally zur Erde, stieg dann selbst ab und bog rasch mit ihr in die Hochstraße ein.
„Meine Leute werden zwar sehr besorgt sein," meinte Wally ängstlich, „aber das läßt sich nun eben nicht ändern," fügte sie mit einem Seufzer hinzu.
„Ich werde eine Ordonnanz mit einer Botschaft hin- senden, wenn Sie m r die Adresse geben wollen "
„In diesem Sturm, o nein, nein, nimmermehr, da» kann ich nicht zugeben."
Er lachte. „Soldaten pflegen in der Regel nicht aus Marzipan oder Butter gemacht zu sein," meinte er lächelnd.
„Ja, ich weiß, jedenfalls kann man aber doch warten, vielleicht läßt der Sturm nach, und dann kann ich selbst nach Hause zurückkehren."
„Wenn Sie es mir gestatten wollen, tverde ich Sie nach Hause fahren."
„Ich könnte nicht so kühn sein, da» zu verlangen "
„Kühn? Wenn von Kühnheit überhaupt dabei die Rede sein kann, so ist dieselbe jedenfalls nur auf meiner Seite."
DaS Mädchen errötete. Ein gewisses Etwas verriet ihr, daß sie ihrem Begleiter nicht unsympathisch war und es freute sie dies, ohne daß sie selbst gewußt hatte, weshalb.
„Sie sind schon zu gütig mit mir gewesen," sprach sie einfach, „aber es scheint, daß Sie gewohnt sind, in allen Dingen Ihren Willen durchzusetzen und so danke ich Jh- neu denn vielmals für Ihre Freundlichkeit."
„Ich danke Ihnen, Fräulein Gerhard, hier sind wir an Ort und Stelle »»gelangt."
Er war in eine Seitenstraße getreten und hielt nun vor einem großen Ziegelbaue.
Wally blickte ängstlich zu der Fensterreihe empor, während ihr Begleiter die Glocke zog.
Wenige Sekunden darauf öffnete ein Diener die Tür. Der Mann blickte die beiden verwundert an „Kapitän DeSmond!" rief er dann überrascht.
Der Kapitän zog Wally mit mi; in die Vorhalle und sagte zu dem Diener: „Rufen Sie rasch Frau von Jer- mingham herbei; diese junge Dame bedarf sofort ihres Beistandes; ich kann nicht in den Salon treten . . S e sind halb erfroren," sagte er barauf, indem er sich liebevoll zu Wally niederbeugte, während der Diener sich entfernte, um den erhaltenen Auftrag zu vollführen.
„9leüt," entgegnete sie, „gar nicht."
„Nun, das ist recht . .ah, da kommt schon unsere gütige Freundin."
Wally trat schüchtern zur Seite, während eine ältliche Dame mit höchst sympathischem, jedoch im Moment äußerst besorgtem Gesicht, die Treppe herabkam
Kapitän Desmond sagte lächelnd: „Gnädige Frau, ich habe Ihnen eine vom Sturme durchnäßte Elfe gebracht, die ich Ihnen gerne übergeben möchte."
„Mein lieber Richard," sprach sie, indem sie ihre Augen mit sichtlicher Bewunderung auf Wally ruhen ließ „was ist geschehen? ArmeS Kind, Sie müssen ja bis ani die Haut durchnäßt sein, kommen Sie nu^jofort mit mir."
„Ich fand das Fräulein auf oer Straße, etwa zwei Meilen von hier entfernt, dem furchtbarsten Sturme preis gegeben," erzählte Kapitän Desmond; „natürlich nahm ich sie mit mir und wußte, daß ich recht tue, wenn i ! Ihnen meine junge Schutzbefohlene übergebe; ich rei nun direkt nach der Kaserne, um meine äußere Erschec- ! nung menschenwürdig umzuwandeln."
„Natürlich haben Sie recht daran getan, die Sien . Herzubringen," sprach die Frau des Generals mit freund lichem Lächeln, „es freut mich sehr, daß Sie nicht eine Augenblick an meiner Bereitwilligkeit zweifelten und nun gehen Sie, bamit Sie rasch wieder in unsere Mitte gelangen können."
„O bitte, nehmen Sie Ihren Mantel," bat Wally,,, wird Ihnen doch etwas Schutz bieten."
„Gestalten Sie mir, Ihnen beim Abnehmen behilflich zu fein," sprach er, indem er ihr den Mantel von der Schu: ter löste
Sie blickte ihm mit inniger Dankbarkeit in die Auge und er fühlte sich so froh, wie er es wohl noch nie im L: ben gewesen. Eine Sekunde lang hielt er ihre Hand i der seinigen, indem er ihre warmen Dankesworte ablehnte dann hüllte er sich in seinen Mantel und trat mir ben: Versprechen, bald wieder zu tommen, hinaus in den strömenden Regen.
Ein Gewittersturm hatte hier eutfcheidend in zwei Le bensschicksale eingegriffen; wie ganz anders mürbe stu Wally Gerhards Zukunft gestaltet haben, wenn der Z : ■ fall ihr nicht an jenem Tage Richard Desmond in den Wc geführt
*
Kapitän DeSmond hatte Frau Jermingham nur voll, i Gerechtigkeit widerfahren lassen, wenn er bdp ptete, ü. | sei in ihrem Element, sobald es gelte, für jemand So ; zu tragen _ 128,18
Nachdem sie ihre Zofe herbeigerufen, führte sie Wally ■ in ein großes, behagt cheS Schlafzimmer, in welchem das | Mädchen sich der nassen Kleider entledigen mußte.