SchliHternerMung
Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 70.
Samstag, den 1. September 1906.
57. Jahrgang.
--SS Sedan. -E»
Und wieder ist er da, der Tag, Der anno siebzig mit wuchtigem Schlag Der Feinde Heer vernichtet.
Drum heute alle Mann an Bord!
Im Westen, Osten, Süd und Nord
Die Flammenzeichen errichtet!
Denn ein Gefühl schwellt jede Brust: Die dankesfrohe Siegeslust, Und eine stolze Kunde:
„Aus eigner Kraft im Feuertauf'
Ging herrlich uns die Einheit auf!"
Sie fliegt von Mund zu Munde. —
O Tag von Sedan, hehrer Tag Daß Gott dich gnädig segnen mag Bis zu den letzten Dingen!
Und du, mein Volk, halt festen Stand,
Von Stamm zu Stamm laß dich das Band Der Brudertreu' umschlingen!
Die junge Eiche bricht kein Sturm, Wie auch der giftige rote Wurin Sie wütend mag bedrohen.
Heut' denke deiner Toten treu
Und laß zu ihrer Ehr' aufs neu' Die Flammenzeichen lohen!
Der Sedantag.
Wieder begehen wir den Sedantag. Wohl fehlt es heute nicht an Stimmen, welche die Ansicht vertreten, die Sedanfeier habe sich überlebt, die Teilnahme dafür sei gesunken. Selbstverständlich ist es, daß jetzt, nach mehr als einem Menschenalter, eine Erinnerungsfeier an den größten deutschen Sieg seit Jahrhunderte < in ruhigeren Formen vor sich geht und das Gepränge früherer Zeiten an diesem Tage sich verringert hat. Aber auch ohne lautes festliches Getümmel ist der Sedantag doch ein Tag gemeinsamer patriotischer Erhebung geblieben.
Sechsunddreißig Jahre sind es, seitdem auf blutgetränktem Boden errungene deutsche Einigkeit dem großen deutschen Vaterlande gehört, die das Deutsche Reich blühend und mächtig gemacht und als gewaltiges Bollwerk des Friedens für Europa hingestellt hat. Aber gerade diese Jahre haben uns gezeigt, was wir dem Sedantage zu verdanken haben, wir, die wir bis wenige Jahre vor diesem Jahre ein buntes Häuflein waren ohne Kopf und ohne Führung, an dem jeder seine Schelmenlust ausließ. Und gerade vom Nachbar im Westen haben wir manches erdulden müssen, was
auf dem Herzen brannte. Denn er, der im Tuillerien- palaste an der Seine thronte, war der Mächtige, auf dessen Wort die Völker lauschten, und wir waren ein buntes, krauses Völklein ohne Plan und Ziel. Dem allen hat der Sedantag ein Ende bereitet.
Mit dankerfülltem Herzen feiert daher jeder Patriot das Erinnerungsfest an die große nationale Tat vom 2. September 1870, mit innigem Danke gegen Gott, daß er das heiße Sehnen unserer Nation nach Einheit endlich erfüllt und die Helden gesandt hat, die das Riesenwerk der deutschen Einheit mit dem Schwerte vollbrachten, mit weihevollen Dankgefühlen aber auch gegen die Helden selbst, die für die deutsche Einheit kämpften und bluteten, und mit hoffnungsfreudiger Zuversicht, daß das im Wettersturm der Schlachten gegründete Deutsche Reich, wie bisher, so auch in Zukunft seine Mission erfüllen, den deutschen Stämmen ein Schutz und Schirm, den befreundeten Nationen ein treuer Freund in guten und bösen Tagen sein werde. In diesem Sinne ist es nicht nur das Recht, sondern auch die heilige Pflicht des deutschen Volkes, am 2. September seinen großen nationalen Ehrentag zu begehen; denn nicht Ehrgeiz und prunkendes Triumphgeschrei sind es, die am Sedantage in Alldeutschlands Gauen zum Ausdruck kommen, sondern es ist ein Dankfest und eine Erinnerungsfeier edler, berechtigter Art über nationale Großtaten und Errungenschaften für das ganze deutsche Volk. Kein Streit der Parteien, wie ihn ja das politische Leben naturgemäß mit sich bringen muß, keine bitteren Erfahrungen, die vorübergehend jedes Volk machen muß, und keine Gefahren, die uns in Zukunft drohen können, dürfen uns die Freude an dem nationalen Gedenktage und das unerschütterliche Vertrauen auf das in seinen Fürsten und Stämmen, in Kaiser und Weich geeinigte deutsche Vaterland vergällen; denn den Sedantag begehen wir nicht nur als Tag des Dankes und der stolzen Erinnerung, sondern auch zur Aufmunterung und Mahnung für die Heranwachsende junge Generation, die dereinst berufen ist, die Trägerin der Größe und Macht -des deutschen Vaterlandes zu sein.
Deshalb ist es auch gut, daß der Sedantag zum Tage einer patriotischen Schulfeier geworden ist. Denn mehr wie je tut es gerade jetzt, wo die vater- landsfeindliche Sozialdemokratie immer eifriger bestrebt ist, unter der Jugend den giftigen Samen der Vater- landslosigkeit auszustreuen, not, der Heranwachsenden Jugend, die ohnehin auf der Straße und leider oft genug im Elternhause wenig des Erfreulichen zu hören bekommt, ein Bild aus jener großen Zeit zu entrollen, von jenem ewig denkwürdigen 2. September 1870 zu
I erzählen, an dem sich wildfremde Menschen jauchzend in die Arme fielen, Kinder mit Fahnen und frohen Liedern durch die Straßen zogen, die Vorleser der Extrablätter umstanden und dann heimstürmten, um die Nachricht von dem gewaltigen Siege bei Sedan zu bringen.
So soll denn auch am diesjährigen Sedantage unser aller Brust der eine heiße Wunsch erfüllen, daß es, wie bisher, so auch weiterhin gelingen möge, das vor 36 Jahren mit blutigen Opfern Errungene zu erhalten gegen alle Fährlichkeiten von außen und auszubauen im Innern zur Zufriedenheit und zum Glücke aller, über denen das schwarz-weiß-rote Banner weht. In diesem Sinne und Wunsche vereinigen sich heute Deutschlands Söhne in dem Rufe: Hoch Kaiser und Reich!
Prinjentaufe in Potsdam.
Zur Taufe des am 2. Juli geborenen Prinzensohnes des Kronprinzenpaares versammelte sich die kaiserliche Familie am Mittwoch gegen 6 Uhr im Treffezimmer des Palais mit den höchsten Gästen, unter denen die Kronprinzessin von Griechenland Prinz Christian zu Schleswig-Holstein, Großfürst Wladimir von Rußland, Erzherzog Joseph von Oesterreich und der Herzog von Genua sich befanden. In den Nebensälen versammelten sich die Hofchargen, die Prinzen und Prinzessinnen, die Botschafter, das diplomatische Korps, der Reichskanzler, die Minister und Staatssekretäre, die Generalität, die Admiralität, die Präsidien der Parlamente u.s.w., zum Teil mit ihren Damen. In der Jaspisgallerie war die Taufkapelle in der Glitte des Saales, auf der Schmalseite, war ein purpurner Badachin angebracht, unter dem der Altar stand. Bor dem Altar standen aus dem Ehepakten lisch die Taufgeräte. Am Altare hatte die Geistlichkeit Aufstellung genommen. Nachdem der Kaiser den Befehl znm Beginn der Taufhandlung gegeben hatte, begaben sich die Herrschaften in feierlichem Zuge nach der Taufkapelle. Voraus schritten Pagen, Hofkourriere, Hofchargen, sowie die Fürstlichkeiten. Der Kronprinz führte die Kaiserin, der Kaiser die Groß- herzogin von Mecklenburg-Schwerin, Anastasia. An die Fürstlichkeiten schloffen sich die Adjutanten an.
Nachdem die Herrschaften an dem Altar Aufstellung genommen hatten, wurde der Täufling von der Ober- hofmeisterin, Freifrau v. Thiele-Winkler, bis znr Türe der Taufkapelle gebracht, wo er der Prinzessin Viktoria Luise übergeben würd, die, während die Posten präsentierten und der Domchor sang, mit demselben vor den Altar trat. Hierauf hielt Oberhofprediger D. Dryander die Ansprache. Bei Beginn der Taufhandlung über-
In Ketten der Kieöe.
Roman von Seta v. Starkeustein. 38
So langte man im Theater an und begab sich nach der Loge. Kaum hatten die Damen Platz genommen, so richteten sich auch schon eine Anzahl von Gläsern auf das schöne Mädchen. Ob man sie anstarrte oder nicht, war Wally höchst gleichgültig; sie wußte und empfand nur, daß Richard Desmond in ihrer Nähe weile. Sie fühlte sich glücklich und dabei doch namenlos elend. Sie wußte, daß Desmond, wenn er sie wirklich für das berechnende Ding hielt, welches sie in den Augen der Welt war, sie ver- achten mußte, daß er in ihr enttäuscht war, in ihr, die sich anscheinend auch gegen ihn so undankbar und häßlich benahm; nur mit ihm zu sein, machte sie glücklich und doch fühlte sie, daß sie ihre Empfindungen um jeden Preis ver- bergen müsse.
„Es kam mir vor, als habe ich Howard Gilman soeben gefehlt," meinte GräfinPealnach dem Schlüsse deS ersten
Richard sah, daß Wally merklich zusammenzuckte, trotzdem entgegnete sie ruhig: „Herr Gilman wollte ja heute in die deutsche Oper gehen."
„Vielleicht tat er eS aber nicht, weil er wußte, daß er Sie nicht dort finden werde," lachte Gräfin Peal.
Das Mädchen zuckte errötend die Achseln und Des- Mond kam immer Niehr darüber ins klare, daß sie Howard Gilman unmöglich lieben könne. Warum in aller Welt opferte sie sich dann aber, um ihn zu heiraten?
DaS Emporgehen deS Vorhanges schnitt PealS Ge- > spräche ab und gab sowohl dem Oberst als auch Wally ' einen erwünschte» Vorwand, schweigen zu können.
Richard beachtete kaum, was auf der Bühne vorging; seine Augen ruhten unverwandt auf Wally. In den Hin- tz tergrund der Loge zurückgelehnt, sah xr jede Veränderung, > welche mit ihren Zügen vorging Einmal hätte er diese 1 holde Mädchenblume für sich gewinnen können jetzt aber, I j»ht war eS zu spät, nein, selbst wenn « heute unge
zählte Reichtümer sein Eigen nennen konnte, jetzt sollte nichts mehr ihn veranlassen, dieselben dieser «berechnenden Schönheit zu Füßen zu legen.
Der Vorhang ging abermals nieder und Wally wandte sich an Force, um irgend eine Bemerkung über das Stück zu machen.
Dieser war eben im Begriff, zu antworten, als er plötzlich erschrocken innehielt und, sich zu Desmond zurückbiegend, leise flüsterte: „Richard, sieh nur, was ist das?"
Desmond beugte sich vor und sah auf die Bühue.
Wally, welche die geflüsterten Worte recht gut vernommen hatte, folgte der Richtung seiner Blicke und sah eine Feuergarbe hinter dem niedergefallenen Vorhang hervor- brechen.
Im gleichen Augenblicke bemerkten auch viele andere die Gefahr, und der Ruf: „Feuer! Feuer!" ging lärmend durch das gefüllte Haus.
Gräfin Peal hatte sich mit einem lauten Schrei erhoben.
Force aber hielt sie am Arme fest. „Setzen Sie sich nieder, Gräfin," sprach er im gebietenden Tone, „eS ist keinerlei Gefahr vorhanden."
Wally hatte sich nicht geregt, obzwar sie bleich gewor- den, wie sie sah, daß die Leute aufsprangen, als sie hörte, wie alle den Ruf „Feuer!" wiederholten. ?
„Es wird ja eine reine Panik entstehen," flüsterte sie leise.
Richard DeSmond beugte sich zu ihr nieder und legte seine Hand auf sie nieder. „Wally, Sie fürchten sich doch nicht?" fragte er in warmem Herzenstone.
Das Mädchen erbebte, so hatte er nicht zu ihr geredet seit der beseligende» Zeit, in welcher sie ihn zuerst kennen gelernt. Sie wagte nicht, zu ihm einporzublicken. Ja, sie hatte im ersten Augenblick nicht einmal die Kraft, ihm zu antworten, und selbst als sie es tat, klang ihre Stimme noch einigermaßen unsicher: „O nein, nicht im geringsten."
Sie sollte sich fürchten, wenn er sich an ihrer Seite
befand, wenn er ihre Hand in der seinigen hielt? Sie hätte sich nimmer gefürchtet, auch wenn die Flammen von allen Seiten über sie hereingebrochen wären.
In seiner Stimme lag jetzt die ganze nachsichtige Zärtlichkeit von einst. In der Stunde der Gefahr war sie in seinen Augen wieder das Kind geworden, welche» er aus Sturm und Unwetter gerettet, das die Arme um seinen Nacken geschlungen, dessen reines Herz keine Schuld und Verstellung gekannt.
„Sie sind ein mutige» Kind, ein echte» Soldatenkind," flüsterte er ihr liebevoll zu. Wenn er in diesem Moment dem wilden Impulse seines Herzens gefolgt, so würde er die Worte ausgesprochen haben, welche auf seinen Lippen schwebten. Doch der Mannesstolz warnte ihn, die» zu tun. Im Grunde genommen war eS nur ein Spinngewebe, welche» zwischen ihr und ihm bestand, aber beiden schien e« ein Steinwall zu sein.
Nach Verlauf weniger Minuten war die Gefahr besei- tigt. Viele von jenen, welche bereits dem Ausgangs zugeeilt waren, kehrten nun beschämt wieder auf ihre Plätze zurück und andere, die gestanden, setzten sich nieder.
„Eine unnötige Panik," sprach Force, dem e» nichtwe- nig Mühe gekostet hatte, Gräfin Peal zur Ruhe zu ermähnen, „Bei Gott, Fräulein Gerhard, Sie sind mutig, das muß man Ihnen lassen."
Richard Desmond hatte die Hand de» Mädchen» wieder freigegeben, sobald man sah, daß keine Gefahr mehr vorhanden sei.
Lachend wendete sich Wally jetzt an Force: „Weshalb finden Sie mich mutig, ich hatte mich ja gar nicht gefürchtet."
„Ich fürchtete mich ganz entsetzlich," rief die Gräfin, „ich begreife gar nicht, wie Sie so ruhig zu sein vermögen ; Sie machten sich ja allem Anscheine nach gar nicht» daraus."
„Sie ist ein Soldatenkind Peal, und fürchtet da» Feuer nicht" 128,18