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MüchtemerZeitun g

Erscheint Mittwoch und Samstag. Preis mitKreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.

Mittwoch, den 12. September 1906.

57. Jahrgang.

Amtliches.

Bekanntmachung

Die Rekruten und Freiwilligen, welche in diesem Herbste zurEinstellung gelangen,können ihre Gestellungs­befehle zum Eintritt vom 12. September ab bei den Bürgermeisterämtern gegen Abgabe des Rekrutenur­laubspasses bezw. Annahmescheins in Empfang nehmen.

^Königliches Bezirkstommando Hanau.

Deutsches Reich.

Der Kaiser wurde bei seiner Ankunft in Breslau vom Oberbürgermeister Dr. Bender mit einer Ansprache begrüßt, in der er auf die schlesische Treue gegen das Hohenzollernhaus hinwies und sodann dem Kaiser dankte für die Errichtung der Technischen Hochschule in Breslau sowie für die gewaltigen Arbeiten,durch die eben jetzt das Wildwasser unserer Bäche und Flüsse gezähmt werden soll". Zum Schluß feierte der Ober­bürgermeister den Kaiser als den Hort des Friedens. Der Kaiser dankte in herzlichen Worten für den glänzen­den Empfang und die Versicherung unerschütterlicher Treue und fuhr fort:Daß die Breslauer stets an unserem Hause fest und treu gehalten haben, das weiß ich. Aber ich bin hocherfreut, es von Ihnen wiederum zu hören, zumal wir jetzt an der Schwelle einer Hundertjahrfeier stehen voll schmerzlicher Erinnerungen. Aber wir dürfen auch daran gedenken, was an Tatkraft auf Schlesiens Boden entsprossen ist, und wie oft Schlesiens Söhne für ihren König gefochten haben. Von hier aus ist der Aufruf ergangen, der das ganze Vaterland zu gemeinsamer Erhebung und neuem Wirken führte." Zum Schluß gab er dem Wunsche Ausdruck, daß die Technische Hochschule der Stadt und der Provinz zu reichstem Segen gereichen und daß sie führende und treibende Geister für das Land und die Industrie hervorbringen möge. Bei dem Paradediener brächte der Kaiser einen Trinkspruch auf das Wohl des 6. Armeekorps nnd seiner Regimenter aus, in dem er seiner hohen Zufriedenheit mit dem Ausfall der Parade Ausdruck gab.

Der Schwarze Adlerorden ist vom Kaiser aus Anlaß seines Besuches in Schlesien dem Kardinal- Fürstbischof Dr. Kopp, dem Oberprpräsidenten von Schlesien Grasen Zedlitz-Trützschler und dem Herzog von Ratibor verliehen worden.

Die Generaldirektion der Reichsländischen Eisen­bahnen veröffentlicht an der Eisenbahnwertstätte in Bischheim eine Bekanntmachung, wonach die Ziele des Verbandes der Eisenbahner Deutschlands'" sowie des süddeutschen Eisenbahnverbandes" als ordnungsfeindlich

An Ketten der Kieöe.

Roman von Seta v. Starkenstein. 41

Sie verbarg das Antlitz in den Händen und brach in einen Trünenstrom aus.Wie so ganz anders mürbe Richard geschrieben haben," flüsterte sie leise vor sich hin. Doch ach, er hätte gar nicht geschrieben, er märe ge­kommen und hätte geworben mit Worten, gegen die es keinen Widerstand gibt. Pah, ich bin eine Närrin, so zu träumen; übrigens sehe ich ein, daß ich nicht ganz korrekt vorgegaugen, um mein eigenes Geheimnis zu wahren, mag ich in Howards Herzen Hoffnungen erweckt haben, welche zu erfüllen niemals in meiner Macht liegt, und die Menschen, die nicht wissen, loie alles so gekommen, wer­den mich eine Kokette nennen. Wenn die Tante mich nur dorthin zurücksenden wollte, woher ich gekommen, denn ich kann Howard Gilman nicht heiraten und menn es gelten sollte, meiner Seele Seligkeit dadurch zu erreiche». Ja, ich mist ihm sofort schreiben, aber ich muß trachten, ihn nicht zu verletzen, ach, ich habe unrecht gehabt, sehr unrecht!"

Sir setzte sich au ihren Schreibtisch und nach kurzem Besinnen flog ihre Feder rastlos dahin.Lieber Herr Gil- man!" schrieb sie.Ihr Brief wurde mir heute über- grben und ich beeile mich, Ihnen so rasch als möglich Antwort zu geben, denn es bedarf tatsächlich keiner Ber- zögerung. Ließe ich mir mehr Zeit »um Nachdenken, so mürbe ich vielleicht das, was ich zu sagen habe, in bessere Worte kleiden können, aber der Sinn bliebe doch immer der gleiche. Jch^ weiß, daß Sie mir eine große Ehre er- lvelsen, indem «sie um mich werben, aber es ist dies eine Ehre, welche ich nicht verdiene; Sie müssen mir folglich auch verzeihen wenn ich mm, unfähig fühle, Ihre Hand anzuttehiuen Ich kann nicht leugnen, daß ich, wenn auch unabsichtlich, Ihnen vielleicht Ursache gegeben habe, eine andere Antwort zu erwarten; bitte Sie aber, mir zu glau- W wenn ich Ihnen versichere, daß ich niemals ernstliche Absichten bei Ihnen gemutmaßt habe."

.Sie behaupten," so schrieb sie in dem Briefe weiter,

anzusehen seien. Die Teilnahme an dem einen oder anderen Verbände sowie die Unterstützung ihrer Be­strebungen sei mit der Beschäftigung im Dienste der Reichseisenbahnen unvereinbar und werde die Auflösung des Dienst-, bezw. Arbeitsverhältnisses zur Folge haben. Der süddeutsche Arbeiterverband zählt in Bischheim 900 Mitglieder. Es wäre sehr zu wünschen, daß sämtliche Verwaltungen der süddeutschen Eisenbahnen diesem Beispiele folgten.

Im altehrwürdigen Nürnberg tagt der 7. deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag, der mit einer Begrüßungsansprache des Obermeisters Plate-Hannover eröffnet wurde. Nach Erstattung des Geschäftsberichts wurden verschiedene Anträge erledigt. Dann wurde eine Resolution der Handwerkskammer Berlin ange­nommen, welche in Sachen der verwandten Handwerke eine möglichst weite Fassung des Begriffes der Ver­wandtschaft wünscht. Schließlich wurde beschlossen, deu Gesetzentwurf betr. den Wechselprotest, initzuverhandeln, ebenso den Befähigungsnachweis für das Baugewerbe und die Frage der Schaffung von Unterstützungskassen für selbständige Handwerker. Geheimrat von Spielhagen aus dem Reichamt des Innern teilte mit, daß dem Reichstage alsbald eine Vorlage zugehen werde, die den Befähigungsuachweis für alle Gewerbe fordere. Als Tagungsort für den nächsten Handwerks- und Gewerbekammertag wurde Straßburg gewählt. Am Denkmal des größten deutschen Handwerkers, Hans Sachs, wurde ein Kranz niedergelegt.

Ausland.

Im Haag ist der Internationale Tuberkulose- Kongreß im Beisein des Prinzen Heinrich der Nieder­lande unter dem Vorsitze von Professor Fränkel aus Berlin eröffnet worden.

In Brüssel ist der Krongreß der Internationalen Vereinigung für die Erforschung der Pole unter dem Vorsitze des Staatsministers Beernaert und in An­wesenheit zahlreicher ausländischer Delegierten zusammen­getreten.

Der Ausstand der böhmischen Bergarbeiter in den Kohlenbecken von Brüx und Dux scheint sich weiter auszubreiten. 33 Personen wurden wegen Ruhestörungen und Angriffs auf arbeitswillige Bergleute verhaftet.

Betreffs der Unterschleife in der englischen Kolonialarmee hat das englische Ministerium unlängst bekannt gemacht, die eingeleitete Untersuchung habe zur Bestrafung der Schuldigen und zu Vorbeugungsmaß­regeln für die Zukunft geführt, und damit ist die Sache für das englische Volk erledigt. Bei uns werden Zweifel gegen den Ernst der eingeleiteten Untersuchungen

daßmeine Taute Ihre Werbung begünstige, wenn ich auch gerne bereit bin, ihr in allem den Willen zu tun, so ist mir das doch in diesem Punkte ganz unmöglich; ich weiß, daß Sie nach besten Kräften bestrebt sein würden, mich glücklich zu machen, aber ich liebe Sie nicht, und ohne diese Empfindung könnten mich alle Schätze deS Erdballs nicht befriedigen. Es liegt wahrlich nicht in meiner Ab­sicht, mit Ihnen zu spielen, und Sie mögen mir glauben, wenn ich Sie versichere, daß diese Worte aus der Tiefe meines übervollen Herzens komme», daß aber auch keine Macht der Erde mich dazu bemegen könnte, Ihre Frau zu werden. Ich muß Ihren mich ehrenden Antrag zurück- meifen, jetzt unb für immer, und bin nicht eitel genug, anznnehmen, daß Ihnen dadurch dauernder Schmerz be­reitet werden könne. Ihre aufrichtige Wally von Gerhard."

Im ersten Augenblicke wollte da» junge Mädchen die- seS Schreiben absenden, ohne die Tante davon auch nur benachrichtigt zu haben. Dann aber dünkte ihr dies doch zu unliebenswürdig unb sie beschloß, wenn möglich, mit dein Absende» desselben zu warten, bis Frau Root zu- rückkehre. Doch es wurde Abend und noch immer kam jene nicht; da sandte denn Wally einen Diener mit bem Briefe ab. Derselbe konnte sich kaum einige hundert Schritte ent- ferpt haben, als Frau RovtS Wagen vor bem Hause hielt. Das Mädchen eilte derselbe» entgegen, sah aber sofort, daß irgend etmn8 geschehe» sein müsse, denn die Tante mar ganz verstört.

LiebeS Kind, ich komme spät; man hat mich bei Wil- sons etwas länger aufgehalten, als ich dachte, ich wollte dann noch einen Besuch bei GilmanS machen und hörte dort, daß Peal und Richard Desmond plötzlich abgereist seien, weil Friedrich an einer heftigen Lungenentzündung heftig daniederliege."

O, Tante Konradme, wie entsetzlich!"

Er wird vielleicht genesen, ist er ja doch noch jung »nd hat eine kräftige Konstitution. Howard Gilnum hat mir gesagt, er habe Dir heute geschrieben."

geäußert, noch bevor diese zu Ergebnissen geführt haben. Ein Vergleich der nationalen Gepflogenheiten in Deutschland und England bei der Behandlung der­artiger Angelegenheiten durch die öffentliche, Meinung fällt nicht gerage zugunsten Deutschlands aus.

Nach einer Meldung aus Madrid ist der Berg­arbeiterausstand in Bilbao beendet. Die dortigen Bergarbeiter haben beschlossen, die Arbeit wieder auf« zunehmen; eine Abordnung der Arbeiter ist entsandt worden, um dem König an Bord der JachtGiralda" eine Adresse zu überreichen, in der die Ursachen des Ausstandes dargelegt werden.

Wieder ist ein Attentat auf einen russischen General verübt worden. Als der Kommandant der 2. Brigade der 4. Division, General Tjumentkow, in Warschau seine Wohnung verließ und eine Droschke besteigen wollte, feuerte ein unbekannter Mann auf der Gasse knieend fünf Revolverschüsse gegen ihn ab. Drei Kugeln trafen den General, welcher stark blutend zusammenbrach. Dem Täter gelang es, zu fliehen. Die Wunden des Generals sind schwer, doch scheinen sie nicht tödlich zu sein. Bei einer Haussuchung im Lehrerseminar zu Tschita wurden Waffen und verbotene Schriften vorgefunden. Der Direktor und fünf Zöglinge des Seminars wurden verhaftet.

Aus Lahore wird über eine Hungersnot in Indien gemeldet. In der Provinz Behar ist eine Ueberschwemmung eingetreten. Die Jndigoernle ist verdorben; ebenso ist die Ernte der Nahrungsmittel- gewächse vernichtet. Zahlreiche Ortschaften sind fort« geschwemmt. Auf den Feldern steht das Wasser etwa 9 Fuß hoch und bildet eine meilenweite Wasserfläche. Die obdachlosen Bauern haben sich auf die höher liegen­den Landstraßen geflüchtet, in die das Wasser Lücken gerissen hat, und auf denen die Brücken fortgespült sind. Die Hunger leidende Bevölkerung plündert die wenigen übriggebliebenen höher gelegeneil Weizenfelder, auf denen das Getreide noch nicht reif ist, ohne ein Verbot der Landpolizei zu beachten.

Lokales und Provinzielles.

Schlüchtern, 11. Sept. 1906.

* Nach dem Entwürfe zur Fahrordnung vom 1. Oktober ab verschwindet wieder aus mehreren Per- sonenzügen auf der Strecke Frankfurt-Bebra die erste Wagenklasse, sodaß 10 Personenzüge nur 2. bis 4. und 7 Züge nur mit 3. und 4. Klasse verkehren. Dasselbe gilt für die umgekehrte Richtung Bebra-Frank- furt. Die Main-Weserbahn Frankfurt-Cassel erhält 13 Personenzüge ohne l. Klasse, während auf der Strecke Caffel-Frankfuri sogar einige Züge mehr ohne

Wally errötete.Ja, er . . ach, kümmere Dich nicht jetzt darum, Tante."

Ich muß mich aber darum kümmern. Du hast ihm doch noch nicht geantwortet?"

Ja, ich habe geantwortet, er bat mich nicht zu zö­gern und ich hielt den Brief so lange auf, als ich sonnte weil ich ihn Dir noch zeigen wollte, ich habe ihn erst vor^ hin fortgesendet."

In diesen: Augenblick wurde laut an der Hausglocke geläutet.

Komm her, Kind, was hast Du ihm gesagt?"

Ehe Wally antworten konnte, trat ein Diener ein und überbrachte ein Telegramm.

Frau Root riß es auf und erbleichte.

Allbarmherziger Gott, Friedrich DeSmond ist tot ." stammelte sie bewegt.

Wally riß ihr das Blatt aus der Hand und laS:,Mein Bruder starb heute um acht Uhr abends an akuter Lun­genentzündung. Brief folgt. Peal außer sich, aber physisch

-Friedrich DeSmond tot, er kann nicht wahr sein," flüsterte Wally mit heiserer Stimme.

Frau Root aber sprach beinahe feierlich:Es ist nur ruwahr . ." Nach einer Pause süßte sie, mehr zu sich selbst als zu Wally sprechend, hinzu:Und Richard DeSmond ist der Majoratsherr."

Unb Richard DeSmond ist der MajoratSherr." Wally hörte wohl diese Worte, aber sie faßte deren Sinn nicht a»f, sie starrte vor sich hin unb brütete darüber nach, wie schmerzlich Richard den Verlust seines Bruders empfin­de» werde. Der Schlag taut so plötzlich, so vollkommen unerwartet, ein Mann in der Vollkraft seiner Jahre war gefährlich erkrankt und wenige Stunden darauf auch schon tot gewesen.

Wally war jung unb der Jugend ist jeder plötzliche Tod doppelt schreckhaft. Nur die Erfahrung kann nach und nach an derlei Katastrophen gewöhnen. 128,18