Müchterner^eitung
' Erscheint Mittwoch und Samstag. — Preis mit „Kreisblatt" vierteljährlich 1 Mk. — Anzeigen kosten die kleine Zeile oder deren Raum 10 Pfg.
M 76.
Samstag, den 22. September 1906.
57. Jahrgang.
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Die im 57. Jahrgang erscheinende Schlüchterner Zeitung mit amtlichem Kreisblatt ist mithin die älteste und verbreitendste Zeitung im Kreise Schlüchtern und weit noch über denselben hinaus und finden Inserate in derselben wirksame Verbreitung.
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Zu recht zahlreichen Bestellungen auf das mit dem 1. Okt. 1906 beginnende neue Vierteljahr ladet freundlichst ein
die Expedition der „Schlüchterner Zeitung".
Deutsches Deich.
— Das „Dresdener Jonrnal" meldet: Seine Majestät der Kaiser hat an den König von Sachsen folgendes, aus Liegnitz den, 13. September, datiertes Handschreiben gerichtet: „Durchlauchtigster, großmäch- tigster Fürst, freundlich lieber Setter und Bruder! Am Schluß der diesjährigen, vor mir abgehaltenen Herbst- Übungen, denen Eure Majestät mit so lebhaftem Interesse beigewohnt haben, ist es mir ein tief empfundens Bedürfnis, Eurer Majestät mit meinem herzlichsten Dank hierfür zugleich die hohe Befriedigung über die vortreffliche Haltung und den ausgezeichneten Zustand auszusprechen, in dem ich sowohl bei der Parade wie auch im Laufe der Manöver die königlich sächsischen Truppen, welche im Verbände des 6. Armeekorps und der Kavalleriedivision B an den Uebungen teilgenommen, gefunden habe. Mit der Versicherung der vollkommensten Hochachtung, und wahren Freundschaft verbleibe ich Eurer Majestät freundwilliger Vetter und Bruder Wilhelm R."
— Königin Wilhelmine von Holland trifft in der kommenden Woche in Dresden ein, nm sich in die Behandlung des Frauenarztes Geheimrat Dr. Leopold zu begeben. Sie wird das dem Grafen Hohenau gehörende Albrechtsschloß bewohnen.
— In Kamenz hat in Gegenwart des Kaisers und vieler Fürstlichkeiten die feierliche Beisetzung des Prinzregenten Albrecht von Braunschweig stattgefunden. Die Feier begann mit Orgelspiel und dem Chorgesaug: Sei getreu bis in den Tod. Nach Gemeindegesang und Liturgie hielt Oberhofprediger Dryander die Gedenkrede, in der er den verewigten hohen, ritterlichen Herrn als einen der Letzten feierte aus großer Zeit, die uns des Reiches Einigkeit fest schmieden halfen. Er erinnerte dann daran, wie der Prinz Pflicht und Ehre seines fürstlichen Standes stets hochgehalten habe, und gedachte ferner seiner vornehmen schlichten Lauterkeit und Ritterlichkeit seines Wesens sowie der unbe-
An Ketten der KieSe.
Roman von Seta v. Starkenstein 44
„Ich wäre nicht gegangen, auch wenn ich dazu aufge- fordert worden wäre," sprach Wally kurz, und der Ton, in welchem sie diese Versicherung gab, behagte der Tante durchaus nicht; sollte sie sich in dein Mädchen am Ende doch geirrt haben? Sollte dasselbe sich von der weltklugen Frau nicht so automateuhaft modeln lassen, wie es dieser angenehm war? Sie stellte sich diese Frage, war aber eine zu kluge Diplomatin, um durch voreiliges Eingreifen irgend etwas zu verbergen.
Als die Blumen verpackt wurden, welche Frau Root dem Toten mitgeben wollte, trat plötzlich Wally mit einem reizenden, auS Blumen verfertigten Kreuz in das Zimmer der Taute.
„Tante Kouradine," sprach sie, während ihre Augen voll Tränen standen, „möchtest Du wohl diese Blumen mit- nehmen und bitten, daß man sie ihm ins Grab lege?"
„O Wally, welch' reizendes Kreuz! Wo hast Du es bekommen?"
„Ich habe die Blumen gekauft und es selbst aiigefer- tigt."
„LiebesKind, das hätte die geschickteste Blumenmache- rin nicht besser zu stände bringen können, Peal und Richard werden von Deiner zarte» Aufmerksamkeit gewiß sehr gerührt sein."
llm Richards willen war ja uizter heißen Tränen und mit größter Sorgfalt dies Kreuz augefertigt worden. „Bitte, man möge dasselbe i» dar Grab legen," sprach das Mädchen, indem es dabei dachte, daß vielleicht Ri- chards Hände es sein würden, die dem Bruder diesen letzten LiebeSgrußbote».
Als Frau Root auf dem Schlosse antam, führte man sie tu Gräfin PealS Zimmer, wo die Witwe, in tiefste Trauer gekleidet, allein saß.
Nachdem sie der Freundin erzählt, wie alles gekom- men, nachdem sie heiße Tränen geweint und sich in war-
dingten Hingabe und des Gehorsams gegen König und Vaterland. So habe er gelebt als ein rechter evangelischer Fürst nach dem Bibelwort: Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen. Die Einsegnung vollzog der braunschweigische Hofpredigec Büchmann, der Kamenzer Geistliche v. Tresckow sprach Gebet und Segen. Gleichzeitig d. silierte die Leichenparade, und der Trauersalut wurde abgegeben. Mit Gesang und Orgelspiel schloß die Feier.
— Dem „Berl Lokalanz." zufolge legte ein alter Zuchthäusler in Grafing bei München einen großen Brand an, dem die Großbrauerei von Wild u. Schlederer teilweise und die Kunstmühle von Altinger zum Opfer fielen.
— Der Taifun, der „große „Wind", wie das Wort aus dem Chinesischen übersetzt heißt, hat wieder einmal in Hongkong, diesem Zentrum der Taifune, furchtbare Verheerungen angerichtel. Am Dienstag morgen um 10 Uhr begann er, sein Zerstörungswerk. Der Taifun hielt zwei Stunden an und alle Geschäfte in der Stadt schloffen. Welchen Schaden der Taifun unter den zahllosen Hausbooten der Chinesen anrichtete, darüber wird man wohl erst später hören. Man befürchtet, daß der Verlust an Menschenleben sehr groß sein wird. Vorläufig ist eine einigermaßen sichere Ichätzung unmöglich. Die Zahl der gesunkenen Tender und Leichter ist groß. Die Mehrzahl der an der Wasserfront befindlichen hölzernen Landungsbrücken wurde zerstört. — Die neuesten vorliegenden Telegramme besagen : Die letzten Nachrichten aus Hongkong stellen fest, daß 1000 Menschen im Taifun umgekommen sind; 12 Schiffe sind gesunken, 24 gestrandet. Von den Fahrzeugen der Eirgeborenen ist die Hälfte gesunken. Die Verladungen sind wegen Mangels an Leichterschiffen ins Stocken geraten.
— In Karlsruhe haben die Festlichkeiten zur goldenen Hochzeit des bodischen Großherzogspaares begonnen. Das Großherzogliche Paar traf, von Mainau kommend, in Karlsruhe ein und wurde auf dem Bahn- men Lobsprüchen über Richard ergangen, welcher ihr in den schweren Tagen mit der Treue eines Bruders zur Seite gestanden, packte Frau Root die Blumen aus, welche sie mttgcbracht, und gerade in diesem Augenblick trat der Oberst ein.
Er sah müde und abgespannt, vielleicht auch noch etwas bleicher aus wie sonst, aber er war nicht der Mann, um seine Empfindnngen zur Schau zu tragen, und so verriet sich denn i» seinem Wesen nicht das, was er litt.
„Blumen?" sprach er, nachdem er Frau Root begrüßt. „Das ist freundlich von Ihnen, und welch' wunderhüb- sches Kreuz!*
„Es kommt von Wally, sie hat eS selbst gemacht und sprach die Bitte aus, man möge es dem Toten inS Grab legen."
„Das liebe Kind, wie gütig und zart gedacht von ihr!" sprach die Gräfin
Richard aber entgegnete nichts; war er zu gerührt? Oder ließ ihn die Aufmerksamkeit kalt? Frau Root fühlte sich unfähig, es zu beurteilen; er hatte sich tief über d-e Blumen hinabgeneigt, und als er das Haupt wieder ein- porrichtete, trugen seine Züge den undurchdringlichen Ausdruck, welcher denselben sonst eigen war.
„Ist das Kreuz nicht wunderhübsch, Richard?" fragte seine Schwägerin bewegt.
„ES ist tadellos; ich will eS unserem armen Friedrich selbst in den Sarg legen." Er nahm das Kreuz und verließ das Zimmer.
Als er in die Kapelle trat, in welcher man die Leiche aufgebahrt hatte, brach schon das Halbbunkel herein.
Die Diener, welche bei dem Sarge Wache standen, traten zurück, alsRichard DesmoudS hohe Gestalt ihnen nahte. Er beugte sich nieder und legte die Blumen, welche er in den Händen trug, dem Bruder in den Sarg; was dabei in seiner Seele vorgiug, niemand konnte es ahnen. Nach- dem er eine Weile mit verhülltem Antlitz neben dem Sarg gekniet, erhob er sich langsam und verließ die Kapelle. ..
Hofe festlich empfangen. Dann erfolgte der feierliche Einzug in bk reich geschmückte Stadt.
— Im schlösse Hummelshain ist der 80. Geburtstag des Herzogs Ernst von Sachsen-Altenburg infolge des Todes des Prinzen Albrecht von Preußen, des Schwiegersohnes des Herzogs, in Anwesenheit zahlreicher Fürstlichkeiten in aller Stille begangen worden. Die Feier wurde durch einen Festgottesdienst eingeleitet, dem der Herzog und die fürstlichen Gäste beiwohnten. Hierail schloß sich die Gratulationscour. Die Glückwünsche des Staatsministeriums überbrachte Staatsminister v. Borris. Glückwunschtelegramme waren in überaus großer Anzahl erngelaufen. Prinz Ernst begab sich im Laufe des Tages nach der prächtig geschmückten Residenzstadt Altenburg, um in Vertretung des Herzogs den dort veranstalteten Festlichkeiten beizuwohnen.
— Das neuerrichtete Oberlandesgericht in Düsseldorf ist durch den Justizininister Dr. Beseler feierlich eröffnet worden. Dieser führte mit einer kurzen Ansprache, die er mit einem Hoch auf den Kaiser schloß, die Beamten in ihre Aemter ein und sprach die Erwartung aus, daß das Oberlandesgericht Düsseldorf sich würdig den andern Oberlandesgerichten an die Seite stellen werde. Oberlandesgerichtspräsident Hart- mann und Oberstaatsanwalt Wilhelm erwiderten. Im Anschluß an die Eröffnung fand in dem Rittersaale der städtischen Tonhalle ein Festmahl statt, an dem u. a. der Finanzminister, der Justizminister sowie die Spitzen der Behörden steilnahmen.
— In Stuttgart ist der Deutsche Naturforscherund Aerztetag zusammengetrete». Die Beteiligung ist eine außerordentlich starke. Der Kongreß erhielt ein besonders feierliches Gepräge durch die Anwesenheit des Königs Wilhelm II. von Württemberg.
— Die polnischen Schulvorstandsmitglieder, die gegen den deutschen Religionsunterricht auftraten, sind von der Königlichen Regierung zu Posen ihres Amtes enthoben worden. Das betreffende amtliche Schreiben lautet: „Wir sehen uns veranlaßt, Sie hiermit von
Am nächsten Tage nach der Beerdigung kehrte Frau Root nach der Stadt zurück und erzählte ihrer mit ae- spanntet Aufmerksamkeit lauschenden Nichte alles, was sich zugetragen. „Ich war noch nie bei einer so traurigen Zeremonie und bin wirklich ganz ergriffen davon," sprach die Weltdame, indem sie sich init dem Taschentuch über die trockenen Augen fuhr.
„Peal war tief ergriffen und Deine Gabe, liebe Wally hat sie sehr gerührt. Oberst Desmond sagte anfangs gar nichts über dieselbe; als seine Schwägerin aber fragte ob er die Blumen nicht schön finde, entgegnete er, sie seien tadellos, nahm sie zur Hand und verlies mit denselben das Zimmer. Er muß sie wohl in die Kapelle getragen haben,doch waren bei der Beerdigung eine solche Unmenge von Blumen vorhanden, daß ich nicht weiß, wohin er die Deinigen gelegt."
Wally schwieg. Sie glaubte, ihr Herz müsse vor inne- rer Bewegung still stehen, denn sie fühlte instinktiv, daß Richard Desmond die Blumen in den Sarg legen mußte und dabei ihrer freundlich gedacht habe. Würde er nicht anders urteilen, wenn er von der Antwort erfuhr welche sie Howard Gilman hatte zu teil werden lassen?
„Ich weiß nicht, was Peal tun wird, sie sagte nur, eS werde ihr nicht möglich sein, lauge auf dem Schlöffe zu verweilen," berichtete Frau Root weiter. „Richard wird jedenfalls einige Zeit dort bleiben müssen, um alles zu ordnen, Peal scheint gänzlich von ihm abzuhängen; für unS ist die Saison natürlich auch vorzeitig abgeschlossen und wir können in einer Woche unsere Reise nach Italien an- treten, denn wir sind mit der Familie viel zu sehr bcfreun- det, als daß wir daran denken könnten, in der ersten Zeit ihrer tiefen Trauer in Gesellschaft zu gehen."
„Ach, eS ist auch viel angenehmer, wenn wir eS aufge- ben und anstatt dessen nach Italien fahren," wandte Wally rasch ein.
„ES wird Dir gut tun, Kind, und wir wollen eS jedenfalls auSführem" 138,18